{"id":49542,"date":"2017-01-23T14:56:31","date_gmt":"2017-01-23T13:56:31","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=49542"},"modified":"2017-01-23T14:56:31","modified_gmt":"2017-01-23T13:56:31","slug":"in-meinem-fremden-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=49542","title":{"rendered":"In meinem fremden Land"},"content":{"rendered":"<p>Nach den Impressionen aus einem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/22\/havel-hunde-katzen-tulpen-garz-erzaehlt\/\">idyllischen Ex-DDR-D\u00f6rfchen<\/a> geht es weiter mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/19\/hans-fallada\/\">Hans Fallada,<\/a> n\u00e4mlich mit der Neuauflage seines Gef\u00e4ngnistagebuch von 1944 und das ist wahrhaft ein &#8220;wahnsinniges&#8221; St\u00fcck Zeitgeschichte.<\/p>\n<p>Im besten Sinn des Wortes, denn da schie\u00dft einer im August 1944 im Alkoholdelirium auf seine Frau und wird eines \u00fcbergenauen Richters wegen, in ein Gef\u00e4ngnis f\u00fcr geisteskranke Kriminelle eingewiesen und dort schreibt er f\u00fcr oder gegen sein Leben.<\/p>\n<p>So genau l\u00e4\u00dft sich wohl nicht definieren, denn was macht der einseits angepasste Schriftsteller und Gutsherr Rudolf Dietzen, der andererseits ein f\u00fcr die Nazi unerw\u00fcnschter Schriftsteller geworden ist, der aber wahrscheinlich doch sehr gut an den Unterhaltungsromanen, die er in dieser Zeit geschrieben hat, verdiente.<\/p>\n<p>Hier sind vielleicht auch Vergleiche mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/18\/vergessener-superstar\/\">Rudolf Brunngraber <\/a>angebracht, von dem man auch nicht so go genau wei\u00df, ob er jetzt ein Nazi war oder nicht.<\/p>\n<p>Fallada schreibt zwar fast unleserlich und auf den Kopf gestellt, so da\u00df, die st\u00e4ndig hereinkommenden W\u00e4chter, es nicht gleich erkennen und an Geschichten f\u00fcr Kinder, glauben, seine Erinnerungen und Erlebnisse an diese grauenhafte Diktatur.<\/p>\n<p>Dazwischen gibt es immer eingeschoben Berichte von Leuten, die von den Nazis hingerichtet wurden, weil sie beispielsweise einen Koffer oder eine Druckereipresse versteckten und ein Fall f\u00fcr die Euthanasieprogramme w\u00e4re der Alkoholiker, Nervenkranke und Morphinist h\u00f6chstwahrscheinlich auch gewesen.<\/p>\n<p>Sei es wie es sei, Hans Fallada hatte ein sehr ungew\u00f6hnliches Leben und war wahrscheinlich auch ein sehr widerspr\u00fcchlicher Charakter. Das kann man schon an seinen Pubert\u00e4tskrisen sehen und ist sowohl bei &#8220;Wikipedia&#8221;, als auch in der vor kurzem erschienenen Biographie von Peter Walther nachzulesen.<\/p>\n<p>Im Netz findet man auch, da\u00df es bei dem bei der bei &#8220;Aufbau&#8221; am 19. J\u00e4nner erschienenen Auflage, schon eine <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/meinem-fremden-Land-Gef%C3%A4ngnistagebuch-1944\/dp\/3351028008\">Ausgabe von 2009<\/a> gibt, eigentlich findet man im Netz derzeit fast nur Informationen \u00fcber sie und in dem von Jenny Williams und Sabine Lange herausgegebenen Buch, steht auf Seite 287: &#8220;Hans Falladas bisher unver\u00f6ffentlichtes Gef\u00e4ngnistagebuch aus dem Herbst 1944 wird als Teil des &#8220;Trinkermanuskripts&#8221; in der Akademie der K\u00fcnste, Berlin, aufbewahrt.&#8221;<\/p>\n<p>Das stimmt, w\u00fcrde ich sagen, insofern nicht, da\u00df die 2009 Ausgabe ein ganz anderes <a href=\"https:\/\/www.weltbild.de\/artikel\/buch\/in-meinem-fremden-land_22306479-1\">Cover <\/a>hat, also w\u00e4re ein gr\u00f6\u00dferer Hinweis, als der im Impressum, da\u00df die Erstausbage 2009 bei Aufbau erschien, wenigstens f\u00fcr mich sehr hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Ansonsten finde ich das Buch vor allem als Psychologin sehr interessant.<\/p>\n<p>Denn das, was da von der Entstehungsgeschichte berichtet wird, klingt so unglaublich, da\u00df man es auf den ersten Blick f\u00fcr erfunden halten k\u00f6nnte und in dem sehr ausf\u00fchrlichenNachbemerkungen, ist auch mehrmals zu lesen, da\u00df Fallada, seine Tagebuchnotizen\u00a0 sehr romanhaft mit Schilderungen, Bildern und Szenen angelegt hat.<\/p>\n<p>Er hat sie auch sehr schnell geschrieben, im wesentlichen im September 1944, denn im Dezember wurde er wieder entlassen. Und dazwischen gibt es auch, die Kindergeschichten und das Buch &#8220;Der Trinker&#8221; und an seinem nichantisemitischen antisemitischen Roman hat er auch gearbeitet.<\/p>\n<p>Sehr viel Zeit zu \u00fcberarbeiten hatte er im Gef\u00e4ngnis wohl nicht, sp\u00e4ter, vor der Herausgabe hat er das dann\u00a0 getan und einiges ver\u00e4ndert und in den Anmerkungen kann man auch sehr genau nachlesen, wo Fallada sich irrte und, wo etwas nicht stimmt.<\/p>\n<p>Einiges war mir schon aus der Biographie von Peter Walther bekannt und es beginnt, wie man auch in den Anmerkungen sehr plastisch nachlesen kann, im J\u00e4nner 1933 in der Weinstube Schlichter in Berlin. Da sa\u00df Fallada mit Ernst Rowohlt,\u00a0 seiner Suse und dessen Frau und Ernst Rowohlt, der ber\u00fchmte Verleger pflegte sein Publikum auch zu unterhalten, in dem er sich ein Sektglas servieren lie\u00df und dieses dann zum Erstaunen der Zuschauer gen\u00fc\u00dflich zerbi\u00df. Jetzt wird er aber durch den Kellner unterbrochen, der den G\u00e4sten aufgeregt verk\u00fcndet &#8220;Der Reichstag brennt!<\/p>\n<p>So hat das tausendj\u00e4hrige Reich in Deutschland\u00a0 angefangen, in \u00d6sterreich passierte das erst f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter und Fallada plaudert weiter, da\u00df Ernst Rowohlts dritte Gattin, sein drittes Reich, steht irgendwo sp\u00e4ter, dem kleinen T\u00f6chterlein immer sch\u00f6n, das &#8220;Heil Hitler-Gr\u00fc\u00dfen&#8221; beibrachte, was derVerleger, der Fallada immer V\u00e4terchen nannte, insofern sabotierte, in dem er der Kleinen &#8220;Rotfront- Ein Arschist blond!&#8221;, zu skandieren beibrachte,\u00a0 was h\u00f6chstwahrscheinlich auch nicht so ungef\u00e4hrlich war.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter mit dem Bericht von dem H\u00e4uschen in dem Fallada mit Frau und dem \u00e4ltesten Sohn, die Zwillinge wurden gerade erwartet, wohnte, das einem ehemaligen Fabrikanten geh\u00f6rte und sehr verschuldet war. Fallada wollte es ihm abkaufen, der wandte sich aber an die Nazis, die Fallada in Schutzhaft nehmen lie\u00dfen, ihn, wie er meinte, gerne auf der Flucht erscho\u00dfen h\u00e4tten, dann h\u00e4tte der Vermieter aber auch nichts davon gehabt, der ihn, als er von Fallada gek\u00fcndigt wurde, mit der SA erpresste, soda\u00df er ihm weiterhin die Miete zahlen mu\u00dfte und auch seine M\u00f6bel einbehalten wurden.<\/p>\n<p>Gerettet aus dieser Misere hat Fallada Peter Suhrkamp, der in den Kriegswirren, die Furcht von Bertram Fischer ausn\u00fctzte und dessen Verlag \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Ja, die Verlage haben gewechselt, Ernst Rowohlt mu\u00dfte emigrieren. Der Verlag geh\u00f6rte pl\u00f6tzlich jemanden anderen und Fallada zog sich mit seiner Familie nach Carwitz, das in dem Buch Mahlendorf genannt wurde, zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ganz so schlecht ist es ihm dort aber nicht gegangen oder doch, wollte er doch ein Drehbuch seines &#8220;Eisernen Gustavs&#8221;, er hat ja im Krieg Unterhaltunsromane geschrieben, f\u00fcr Emil Jannings schreiben, hat das auch getan, Goeblels oder auch Minister Rosenberg haben das aber verhindert und so wurde Fallada zum unerw\u00fcnschten Schriftsteller und mit den B\u00fcrgermeistern und Lehrern, die es in dem D\u00f6rfchen Carwitz gab, gab es auch Probleme, denn die waren bald aufrechte und aktive Nazis, die die Dorfbewohner und nat\u00fcrlich auch Fallada erb\u00e4rmlich schikanierten.<\/p>\n<p>Es kamen, je l\u00e4nger de Krieg wehrte, auch immer wieder Einberufungen, Fallada mu\u00dfte zu den Musterungen und dort sagte man ihm, wie einmal <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/15\/die-abenteuer-des-braven-sodaten-schwejk\/\">dem braven Soldaten Schwejk<\/a>, da\u00df eine Schizophrenie, Epilespisie, wie \u00fcberhaupt jedes Nervenleiden egal sein, man darf in diesem Fall zwar keine Kinder kriegen, f\u00fcrs Vaterland sterben aber schon.<\/p>\n<p>Ein ehemaliger Hausarzt rettet ihn und schreibt ihn endg\u00fcltig kriegsuntauglich und am Schlu\u00df, dazwischen gibt es immer wieder Einsch\u00fcbe und Rechtfertigungen, wieso Fallada nicht emigrierte und, da\u00df das, was er da mache eigentlich wahnwitzig und gef\u00e4hrlich sei, eine Vision, da\u00df er sich mit seiner Familie im Keller seines Hauses gem\u00fctlich macht, w\u00e4hrend oben zuerst die Ratten herumlaufen und der Krieg dann irgenwann einmal doch beendet ist.<\/p>\n<p>In Wahrheit bekam Fallada im Oktober oder so Ausgang, so schmuggelte er das Manuskript hinaus, schrieb dann offenbar bis zu seiner Entlassung an dem Antisemitischen Roman weiter, der nie erschienen ist und ich kann die Aufzeichnungen jeden, der \u00fcber diese Zeit des Zwanzigstenjahrhunderts etwas erfahren will, sehr empfehlen und die Biographie nat\u00fcrlich auch.<\/p>\n<p>Es ist auch ein kleiner Folder beiglegt, der auf die Biographie hinweist, ein paar Fotos zeigt, die dort enthalten sind, au\u00dferdem sind da auch die aktuellen Romanausgaben, die &#8220;Aufbau&#8221; ja nach und nach unzensuriert wieder neuauflegt, enthalten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/06\/28\/jeder-stirbt-fuer-sich-allein\/\">&#8220;Jeder stirbt f\u00fcr sich allein&#8221;<\/a> habe ich schon gelesen, den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/02\/wer-einmal-aus-dem-blechnapf-frist\/\">&#8220;Blechnapf&#8221;<\/a> und den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/30\/kleiner-mann-was-nun\/\">&#8220;Kleinen Mann&#8221;<\/a>, in \u00e4lteren Ausgaben, &#8220;Wolf unter W\u00f6lfen&#8221; wartet in meinen Regalen, &#8220;Ein Mann will nach oben, Der Trinker&#8221; und &#8220;Der Alpdruck&#8221; m\u00fcssen noch zu mir kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den Impressionen aus einem idyllischen Ex-DDR-D\u00f6rfchen geht es weiter mit Hans Fallada, n\u00e4mlich mit der Neuauflage seines Gef\u00e4ngnistagebuch von 1944 und das ist wahrhaft ein &#8220;wahnsinniges&#8221; St\u00fcck Zeitgeschichte. 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