{"id":49761,"date":"2017-02-12T00:30:38","date_gmt":"2017-02-11T23:30:38","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=49761"},"modified":"2017-02-12T00:30:38","modified_gmt":"2017-02-11T23:30:38","slug":"das-hochhaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=49761","title":{"rendered":"Das Hochhaus"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas ganze Altes von der Leseliste, ein Buch, das ich in einem der offenen B\u00fccherschr\u00e4nke gefunden habe. Und da reagiere ich vorwiegend nach Namen, die sch\u00f6nen Cover tuens mir auch manchmal an.<\/p>\n<p>Aber den Namen Drewitz kannte ich, glaube ich, aus der Zeit als es noch, die sozialistische Zeitschrift &#8220;Die Frau&#8221; gegeben hat, die meine Mutter abonniert hatte, vielleicht auch aus der &#8220;Emma&#8221; oder der &#8220;Stimme der Frau&#8221;, die ich eine Zeittlang gelesen habe, beziehungsweise der Alfred sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren oder so lange es sie gab, f\u00fcr die Anna abonniert hatte.<\/p>\n<p>Keine Ahnung, der Name hat sich mir eingepr\u00e4gt und jetzt habe ich nat\u00fcrlich nachgegooglet, da\u00df Ingeborg Drewitz, die 1923 in Berlin geboren wurde und\u00a0 1986 dort gestorben ist, eine gesellschaftpolitische, sozialkritische Autorin war, die einige Romane und Sachb\u00fccher geschrieben hat und bis vor ihrem Tod, auch Jurorin beim &#8220;Bachmannpreis&#8221; war.<\/p>\n<p>Es gibt auch einen nach ihr benannten Preis oder Preise.<\/p>\n<p>Heute scheint sie aber ziemlich vergessen und ihre B\u00fccher h\u00f6chstwahrscheinlich nur mehr antiquarisch erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Am Buchr\u00fccken steht fettgedruckt &#8220;Menschen und Gef\u00fchle in Beton&#8230;.&#8221; und unter der Inhaltsangabe &#8220;Ein Roman aus der Unwirtlichkeit unserer St\u00e4dte.&#8221;<\/p>\n<p>Das Buch ist 1975 erschienen und spielt 1974 in einem Hochhaus in Berlin. Die Handlung zieht sich eine Woche von Freitag bis Donnerstag hin und da wird jeden Tag eine Beschreibung voranggestellt.<\/p>\n<p>&#8220;Freitag&#8221; beispielsweise &#8220;Freitagnacht ist die erste Nacht der Woche. Freitagnacht werden Kinder gemacht. Freitagnacht wird viel Alkohol getrunken. Denn Freitagnacht f\u00fchlt sich der Mensch als Mensch.&#8221;<\/p>\n<p>Dann gehen wir hinein in das Haus und lernen seine Bewohner kennen, die recht unterschiedlicher sozialer Herkunft sind, was ich beispielsweise nicht so realistisch finde.<\/p>\n<p>Da zieht jedenfallls in den sechzehnten Stock aus Kassel, ein Direktor mit seiner Frau und seiner Tochter Susanne ein und r\u00fcstet sich zur Willkommensparty, wo er die anderen Direktoren samt Gattinen seiner Firma einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Susanne hat mittlerweile die Bekanntschaft des gleichaltrigen oder vielleicht dreizehnj\u00e4hrigen Peters gemacht, sie beobachtet aus dem Fenster, wie er von zwei Jungen, Jockel und Kalli am Bein verletzt wird.<\/p>\n<p>Die wohnen auch in dem Haus, Jockel ist schon f\u00fcnfzehn und hat seine Mutter verloren, jetzt lebt er mit dem Vater, einem Fernsehautor, beziehungsweise rei\u00dft er, nachdem er Peter ein Bein gestellt hat, aus, kommt eine Nacht nicht heim, raucht einen Joint, bevor er vom Hausmeister, der stark berlinert nach Hause gebracht wird.<\/p>\n<p>Kalli ist der Sohn eines Omnibusfahrers, Schoff\u00f6r steht in dem Buch, aber das ist der, der im Mercedes den Herrn Direktor Montag fr\u00fch abholt und in die Firma bringt, w\u00e4hrend Jockels Vater einen BMW f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Kalle hat einige Geschwister und wenn, die Eltern ein bi\u00dfchen Sex haben wollen, schicken sie die Kinder nach drau\u00dfen zum Spielen. Viele Kinder und eine schon wieder schwangere Frau hat auch der Herr Pastor, der ebenfalls in dem Haus wohnt.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch zwei \u00e4ltere Damen und, um wieder zu Peter zur\u00fcckzukommen, sein Vater, ein Maler, hat sich politisch bet\u00e4tigt und sitzt jetzt im Gef\u00e4ngnis. Dar\u00fcber wird getruschelt, die Mutter Mitte Drei\u00dfig ist Verlk\u00e4uferin in einer Stoffabteilung und besucht den Vater jeden Sonntag in Tegel.<\/p>\n<p>Bis Montag zieht sich die Handlung dahin und wir lernen die einzelnen Charak\u00e4re kennen, die Kinder freunden sich untereinander an, Susanne und Peter tun das, Jockels Vater macht ein gro\u00dfes Essen f\u00fcr den wiederheimgekommenen Sohn und verschafft ihm eine kleine Rolle im Fernsehen.<\/p>\n<p>Susannes Mutter nimmt\u00a0 Reitstunden und kleidet sich und die Tochter auch in standesgem\u00e4\u00dfe Breeches ein und Peters Mutter geht Montagabend pl\u00f6tzlich aus dem Haus und alleine in ein Tanzlokal.<\/p>\n<p>Sie f\u00e4hrt dann im Taxi heim, wird von einem, mit dem sie einige Male tanzte, im Auto verfolgt und am Dienstag steht der dann im Flur und fragt bei den Postk\u00e4sten, eine der alten Damen nach einer Frau Aussehens.<\/p>\n<p>Die antwortet aus Angst nicht, in einem wirklichen Hochhaus werden sich auch nicht alle Mieter kennen und mir w\u00fcrde nicht auffallen, wenn ein Fremder pl\u00f6tzlich am Montag bei den Postk\u00e4sten steht.<\/p>\n<p>Der findet jedenfalls die Mutter, als sie von der Arbeit nach Hause kommt und f\u00e4hrt mit ihr weg und nun nimmt die Handlung einen rassanten Schwung und es passiert wohl das, was Ingeborg Drewitz damit thematisieren wollte.<\/p>\n<p>Die Mutter kommt jedenfalls nicht mehr zur\u00fcck und der Sohn ruft am Dienstag aus der Schule in dem Kaufhaus an, die Kollegin meinte zwar, die Mutter w\u00e4re krank, meldet sich, was mir auch ein wenig unrealistisch erscheint, gleich bei der F\u00fcrsorge und, die erscheint dann auch und klopft oder l\u00e4utet.<\/p>\n<p>Es macht ihr aber niemand auf, denn Peter hat sich vor Schreck in der Wohnung verbarrikatiert. Ob das realistisch ist wei\u00df ich nicht so genau. Er hat jedenfalls Angst, da\u00df die M\u00f6bel geklaut werden w\u00fcrden, wenn ihn die F\u00fcrsorgerinnen in ein Heim bringen.<\/p>\n<p>Die F\u00fcrsorgerin fragt beim Hausmeister nach und der geht auch hinauf und klingelt, \u00fcberlegt, ob er den Kleinen nicht nach untern oder von dort was zum Essen hinaufbringen soll?<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen haben auch der Pastor, die alte Dame, inzwischen steht das Verschwinden der Mutter schon in der Zeitung, ruft bei der Pfarre an, wo die Sekret\u00e4rin zur selbst\u00e4ndigen N\u00e4chstenliebe r\u00e4t und Kallis Vater.<\/p>\n<p>Sie kommen aber nicht dazu, den Kleinen in ihre Wohnungen mitzunehmen und ihren \u00fcberlasteten schwangeren Frauen einen Tischgast zuzumuten, denn der macht nicht auf und der Pastor wei\u00df auch schon weiter, da\u00df das die F\u00fcrsorge nicht zulassen wird, weil sie mit ihm ja nicht verwandt sind.<\/p>\n<p>Am Donnerstag oder so hat die F\u00fcrsorge, dann die Wohnung aufgebrochen und Peter mit einer Rotenkreuzschwester ab- beziehungsweise in ein Heim gef\u00fchrt und das Leben geht in dem Hochhaus weiter, beziehungsweise macht Susanne ihren Eltern Schwierigkeiten, als sie sich zu Essen weigert, wird aber von ihnen gleich belehrt, da\u00df es eben soziale Unterschiede geben mu\u00df und am Schlu\u00df des Buches gibt es noch zwei kurze Zeitungsnotizen, die eine da\u00df eine etwas Drei\u00dfigh\u00e4hrige Frau erw\u00fcrgt am Ufergeb\u00fcsch aufgefunden wurde und dann noch eine von einem Autounfall und einen ausgebrannten Wagen, wo man r\u00e4tseln kann, ob das der des M\u00f6rders der Mutter ist: &#8220;Bisher fehlt die Best\u00e4tigung des Unfalls der DDR-Beh\u00f6rden&#8221; steht noch darunter, was uns daran erinnert, in welcher Zeit das Buch geschrieben wurde. Die V\u00e4ter, die darin vorkommen, sowie der Hausmeister m\u00fcssen sich ja auch noch die Frage gefallen lassen, was sie vor 1945 gemacht haben und der Hausmeister ist, wie man liest, auch Blockwart gewesen.<\/p>\n<p>Und mir hat sich beim Lesen die Frage gestellt, was man in einem solchen Fall wohl wirklich richtig macht?<\/p>\n<p>Was macht ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger, dessen Mutter am Abend nicht nach Hause kommt? Geht er zur Polizei, zu den Nachbarn, am n\u00e4chsten Tag zur Lehrerin oder in die Direktion?<\/p>\n<p>Und die Nachbarn, Kallis Eltern, vielleicht auch, die von Susanne, obwohl sie den Jungen noch gar nicht kannte, der Pfarrer, der Hausmeister sollen sich vorl\u00e4ufig, um ihn nat\u00fcrlich k\u00fcmmern, wenn er anl\u00e4utet und sagt &#8220;Die Mama ist nicht da?&#8221;<\/p>\n<p>Aber dann wird sich vermutlich tats\u00e4chlich das Jugendamt einschaltetn und nach Verwandten fragen und wenn, die Mutter unauffindbar ist, ihn wahrscheinlich auch in ein Heim bringen.<\/p>\n<p>Ein spannendes Buch, wo sich das meiste, abgesehen von den politischen Geschehen, das inzwischen anders ist, vielleicht auch heute noch so abspielen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde nur bezweifeln, da\u00df sich Hartz IV Empf\u00e4nger oder Alleinerzieherinnen wirklich unter einem Dach mit einem Pastor und einem Betriebsdirektor, der vom Chauffeur abgeholt wird, befindet, auch wenn es nat\u00fcrlich Dachetagen gibt, die viel teurer und viel gr\u00f6\u00dfer sind und Ingeborg Drewitz d\u00fcrfte es wohl auch vorwiegend, um die soziologischen Aspekten bei ihrem Roman gegangen sein, wie man an der &#8220;ben\u00fctzen Literatur&#8221;, die auf den letzten Seiten angegeben ist, sehen kann, besteht die\u00a0 haupts\u00e4chlich aus B\u00fcchern \u00fcber &#8220;Die wohnliche Stadt&#8221;, &#8220;St\u00e4dtbauliche Utopien&#8221; und andere &#8220;Wohnbaub\u00fccher. Literatur von Konfrad Lorenz und Alexander Mitscherlich ist aber auch angegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas ganze Altes von der Leseliste, ein Buch, das ich in einem der offenen B\u00fccherschr\u00e4nke gefunden habe. Und da reagiere ich vorwiegend nach Namen, die sch\u00f6nen Cover tuens mir auch manchmal an. 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