{"id":49855,"date":"2017-02-18T00:45:02","date_gmt":"2017-02-17T23:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=49855"},"modified":"2017-02-18T00:45:02","modified_gmt":"2017-02-17T23:45:02","slug":"eine-kurze-chronik-des-allmaehlichenverschwindens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=49855","title":{"rendered":"Eine kurze Chronik des allm\u00e4hlichen Verschwindens"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung auf die mich <a href=\"https:\/\/www.wagenbach.de\/buecher\/titel\/1083-eine-kurze-chronik-des-allmaehlichen-verschwindens.html\">&#8220;Wagenbach&#8221; <\/a>aufmerksam machte, das jetzt im sogenannten &#8220;Eidechsenmonat&#8221; steht und mir kurz darauf das Debut der 1988 geborenen Juliana Kalnay, die in Hamburg\u00a0 geboren wurde, in Hildesheim studierte und auch in Malaga lebte, schickte und das seltsamerweise eine Fortf\u00fchrung des Oldies <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/12\/das-hochhaus\/\">&#8220;Das Hochhaus&#8221;<\/a> sein k\u00f6nnte, das ich vor kurzem gelesen habe oder auch nicht.<\/p>\n<p>Ingeborg Drewitz hat in ihrem in den Siebzigerjahren geschriebenen, sozialkritischen Roman, auf die Isolation und Einsamkeit in Hochh\u00e4user hinweisen wollen, Juliana Kalnay tut das, glaube ich, auch, allerdings auf eine surrealistische Art. Irgendwo steht, glaube ich, etwas von magischen Realismus oder man k\u00f6nnte daran denken und ich bin jetzt gespannt, ob ich das Buch vielleicht auf der Nominiertenliste des n\u00e4chsten<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/09\/deutscher-buchpreis\/\"> dBp<\/a> oder <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/27\/durchgelesen\/\">Debutpreises<\/a> finde.<\/p>\n<p>Originell finde ich es allemal, vielleicht \u00e4hnlich, wie das Buch der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/12\/04\/das-unglueck-anderer-leute\/\">Nele Pollatschek <\/a>vom Vorjahr, das allerdings auf den letzten Seiten durch seine geh\u00e4uften Todesf\u00e4lle, die dann pl\u00f6tzlich auftraten, entglitt.<\/p>\n<p>Hier bleibt, glaube ich, der neue originelle, frische Ton, obwohl, das schreibe ich jetzt auch gleich dazu, das Buch wahrscheinlich nicht leicht zu lesen ist und es ist auch optisch kreativ gestaltet, besteht es doch aus Dialogen, fast leeren Seiten oder solchen, wo im unteren Drittel ein paar Zeilen stehen.<\/p>\n<p>Es gibt immer wieder \u00dcberschriften wie &#8220;Die Kinder im Haus&#8221;, &#8220;3. Stock, links: Bl\u00fctezeit&#8221;, beispielsweise und dann gibt es eine Ich-Erz\u00e4hlerin, die ebenfalls durch die W\u00e4nde sehen kann und alles, was im &#8220;Haus Nummer 29&#8221;, passiert, dokumentiert, aufz\u00e4hlt und beschreibt und in dem Haus Nummer 29 passieren viele sehr Ungew\u00f6hnlichkeiten.<\/p>\n<p>Da gibt es zum Beispiel Rita, die \u00e4lteste, die immer schon in diesem Haus lebte, alles wei\u00df, weil sie am Balkon mit einem Spiegel sitzt, dabei strickt und trotzdem alles sehen kann.<\/p>\n<p>Es gibt Maia, die sich immer in L\u00f6chern versteckt und\u00a0 eines Tags verschwindet. Es gibt das Ehepaar Lina und Don und Don verwandelt sich eines Tages in einen Baum, der fortan auf Linas Balkon steht, sie streichelt ihn, schmiegt sich an ihn und kocht Marmelade aus den seinen Fr\u00fcchten. Es gibt auch Besucher, die in das Haus, in diese Wohnung pilgern, um sich den Baum anzusehen.<\/p>\n<p>Es gibt Kinder, die barfu\u00df durch das Haus schleichen, mit dem Feuer spielen, beziehungsweise Schnecken und auch anderes, in Grillpfannen verbrennen und stolz auf die Blasen an ihren Fingern sind.<\/p>\n<p>Es gibt einen Mann, der im Lift wohnt und oben im vierten Stock seine Spiegeleier br\u00e4t, zum Baden geht er zu einem Hausbewohner. Einmal versucht er es in einer anderen Wohnung und sieht dort im Bidet ein seltsamens Lebewesen.<\/p>\n<p>Es gibt eine Schwester, die ihren Bruder im Kasten versteckt und mit Keksen, die in Manteltaschen stecken ern\u00e4hrt. Es gibt eine geheimnisvolle Wohnung, dessen Bewohner immer verschwinden und Kinder, die im Bett liegen und durch L\u00f6cher in der Wand das Geschehen beobachten und eines Tages, als sie ausziehen sollen, aus dem Fenster st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Es gibt Ronda, die mit einem Aqarium im Bett schl\u00e4ft und morgens mit toten Fischen auf ihrem K\u00f6rper aufwacht, die sie dann in Blument\u00f6pfen vergr\u00e4bt, in denen sie Katzenminze anpflanzt.<\/p>\n<p>Es gibt und und und.., eine ganze Reihenfolge sonderbarer Vorf\u00e4lle, die nicht sein k\u00f6nnen und die es auch nicht geben kann, werden in einer poetisch sch\u00f6nen Sprache erz\u00e4hlt. Zusammenh\u00e4nge und Handlung gibt es, glaube ich, keine, also sehr schwer nachzuerz\u00e4hlen oder zu spoilern.<\/p>\n<p>Es gibt aber schon Dinge, die man erz\u00e4hlen kann. So stirbt Rita beispielsweise und kurz danach bricht in dem Haus, in dem schon vorher immer wieder Bewohner verschwunden sind, deshalb auch der Titel, ein Feuer aus und die Ich- Erz\u00e4hlerin erinnert sich viel sp\u00e4ter, als sie schon l\u00e4ngst woanders wohn an diese Ereignisse, beziehungsweise schaut sie sich Fotos zur Erinnerung an.<\/p>\n<p>Ein interessantes Debut einer jungen Autorin, von der ich schon sehr gespannt bin, was ich von ihr noch h\u00f6ren werde, vielleicht wird sie zum Bachmannlesen eingeladen, gewinnt den &#8220;Aspektepreis&#8221;, etcetera und weil ich immer gerne auf vergleichbares verweise, mit dem \u00e4hnlich lautetend Buch von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/12\/26\/chronik-einer-froehlichen-verschwoerung\/\">Richard Schuberth<\/a> ist das Buch nicht zu vergleichen, eher schon mit<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/24\/lied-ueber-die-ggeignete-stelle-fuer-eine-notunterkunft\/\"> Simone Hirths Debut <\/a>obwohl die &#8220;&#8221;Kurze Chronik des allm\u00e4hlichen Verschwindens&#8221;, poetischer ist und gut, als Metapher f\u00fcr die Einsamkeit in den Hochhaussilos, wo man seine Nachbarn nicht kennt und nicht wei\u00df, was in den Neben- Unter- oder Oberwohnungen passiert, zu gebrauchen.<\/p>\n<p>Und da, denke ich, vergraben sich die Leute nicht in L\u00f6chern, braten wahrscheinlich auch keine Schnecken, verwandeln sich nicht in B\u00e4ume oder schauen durch geheimnisvolle L\u00f6cher, mi\u00dfbrauchen vielleicht aber ihre Kinder, schlagen ihre Frauen, ritzen oder schneiden sich und h\u00e4ngen sich auf und wir haben keine Ahnung, bekommen es nicht mit und wollen es vielleicht auch gar nicht wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung auf die mich &#8220;Wagenbach&#8221; aufmerksam machte, das jetzt im sogenannten &#8220;Eidechsenmonat&#8221; steht und mir kurz darauf das Debut der 1988 geborenen Juliana Kalnay, die in Hamburg\u00a0 geboren wurde, in Hildesheim studierte und auch in Malaga &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=49855\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1354,2160,2651,3012,5612,6100],"class_list":["post-49855","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-debut","tag-fruehjahrsneuerscheinung","tag-hochhausroman","tag-juliana-kalnay","tag-surrealismus","tag-wagenbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49855"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49855\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}