{"id":50330,"date":"2017-03-06T00:10:57","date_gmt":"2017-03-05T23:10:57","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=50330"},"modified":"2017-03-06T00:10:57","modified_gmt":"2017-03-05T23:10:57","slug":"der-laerm-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50330","title":{"rendered":"Der L\u00e4rm der Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Als ich mich im vorigen Herbst durch die &#8220;Kiwi-Vorschauen&#8221; bl\u00e4tterte, habe ich <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/der-laerm-der-zeit\/978-3-462-04888-9\/\">Julian Barnes Roman\u00a0 &#8220;Der L\u00e4rm der Zeit&#8221;<\/a> \u00fcbersehen, da ich von\u00a0 dem 1946 geborenen englischen Schriftsteller, glaube ich &#8220;Das Stachelschwein&#8221; gelesen habe und auch noch ein paar anderer seiner B\u00fccher in meinen Regalen habe, aber gar nicht mitbekam, da\u00df es dabei um den Komponisten Dimitri Schostakowitsch geht.<\/p>\n<p>Das hat sich dann sehr bald ge\u00e4ndert, denn die Booktuber wiesen in ihren Februarvorschauen auf das Buch hin, Alfreds Freund Karli hat es ihm empfohlen und ich kann mich erinnern, da\u00df es 2003, als sich Stalins Tod zum f\u00fcnfzigsten Mal j\u00e4hrte, in \u00d61 einen Schwerpunkt gab, der auf die Repressalien hinwies, die der russische Komponist unter dessen Herrschaft ausgesetzt war.<\/p>\n<p>Ein sehr interessantes Buch also, das ich jetzt gelesen habe und es hat mich, glaube ich, auch Julian Barnes n\u00e4her gebracht, denn der K\u00fcnstlerroman, es ist keine Biografie, versteht es, in sehr dichten Bildern einen starken Eindruck von der damaligen Zeit und dem Leben in Moskau oder St. Petersburg in dieser Zeit zu zeichnen.<\/p>\n<p>Aber damals hat es ja Leningrad gehei\u00dfen und da steht 1936 im f\u00fcnften Stock in seinem Wohnhaus Nacht f\u00fcr Nacht mit einem K\u00f6fferchen in der Hand der Kopominst und wartet, da\u00df Stalins Polizisten kommen, um ihn abzuholen. Denn der Diktator hat die Oper verlassen, als dort seine &#8220;Lady Macbeth von\u00a0 Mzensk&#8221; aufgef\u00fchrt wurde und das bedeutet, da\u00df er in Ungnade gefallen ist und das Schlimmste zu erwarten hat.<\/p>\n<p>Und dabei ist der wohl schon damals ber\u00fchmte Komponist kein starker Mann, sondern einer, der von\u00a0 Angst durchbeutelt wird und sich bestenfalls nur in die Ironie retten kann. Wehren kann er sich nicht, weder gegen die M\u00e4chtigen des Arbeiter- und Bauernstaats, noch gegen seine Mutter und auch gegen seine Frau Nita kann er sich nicht recht durchsetzen, sondern hat es nur geschafft, da\u00df er am Gang auf Stalins Schergen warten kann, damit sie und die kleine Tochter in ihrer Ruhe nicht gest\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Es passiert aber nichts. Dimitri Dimitrijewitsch hat Gl\u00fcck gehabt und wieder zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter, 1948 sitzt er im Flugzeug und fliegt gerade von einem Friedenskongre\u00df aus den USA zur\u00fcck, zu dem ihm der Genosse Jossif Wissiarionowitsch pers\u00f6nlich am Telefon beorderte und Dimitri Dimitrijewitsch konnte nat\u00fcrlich nicht ablehnen, obwohl er es versuchte.<\/p>\n<p>Aber nichts half, zu dem Argument, da\u00df er Flugangst h\u00e4tte, wurden ihm Medikamente verordnet, auch ein Frack wurde versprochen und auf die Frage, was er denn antworten soll, wenn man ihn in NewYork fragen w\u00fcrden, waurm seine Musik in der SU nicht gespielt w\u00fcrde, war V\u00e4terchen Stalin auch ganz erstaunt?<\/p>\n<p>So flog er selbstverst\u00e4ndlich, was sollte er sonst auch tun? Bekam in dem Hotel, wo der Kongre\u00df stattfand, die Rede ausgeh\u00e4ndigt, die er halten sollte und auch da half nicht viel, da\u00df er versuchte, sie m\u00f6glichst ironisch vorzutragen. Er brach sogar mittendrin ab und \u00fcberlie\u00df dem Dolmetscher das Weitere. H\u00f6rte entsetzt, was er da sagen sollte und als der damit fertig war, zeigte ein Exil-Russe auf, vom CIA bezahlt, wie Barnes in seinem Nachwort erl\u00e4utet und fragte den Komponisten mehrmals, ob das wirklich seine pers\u00f6nlichke Meinung w\u00e4re?<\/p>\n<p>Was blieb ihm \u00fcber als ja zu sagen und zur\u00fcckzufliegen?<\/p>\n<p>Richtig, er h\u00e4tte auch aus dem Fenster springen und um Asyl ansuchen k\u00f6nnen, aber die Famiie, es gab inzwischen auch einen Sohn, war ja in Leningrad und zu den Mutigsten schien er auch nicht zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich verweise da\u00a0 auf <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/23\/in-meinem-fremden-land\/\">Hans Falladas Gef\u00e4ngnistagebuch<\/a> beziehungweise seine <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/19\/hans-fallada\/\">Biografie<\/a>, die ich k\u00fcrzlich gelesen habe, in denen geschrieben steht, warum Rudolf Dietzen auch nicht ausreiste, sondern versuchte sich durch das Nazi-Regime zu wurschteln.<\/p>\n<p>Dimitri Dimitrijewitsch hat das wohl bez\u00fcglich des Stalinmus getan und wieder\u00a0 Jahre sp\u00e4ter, im dritten &#8220;Im Auto&#8221;, betitelten Teil, sitzt er in diesem und denkt wieder \u00fcber sein Leben nach.<\/p>\n<p>Auf dem ersten Blick ein ber\u00fchmter Mann, den &#8220;Stalinpreis&#8221; hat er sechsmal bekommen, den &#8220;Leninorden&#8221; auch alle zehn Jahre 1946, 1956 und 1966. 1976 wird er schon gestorben sein, hofft wieder der Zyniker in ihm und das sogenannte Tauwetter hat auch begonnen.<\/p>\n<p>Nikita Chruschtschow ist jetzt erster Vorsitzender und alles Leiwand und Paletti, denn man hat die ersten S\u00e4uberungsopfer schon rehabilitiert. Aber nun kommt man wieder zu ihm und zwingt ihm in die Partei eintzutreten, bzw. Vorsitzender des Komponistenverbandes zu werden und wieder Artikel zu unterschreiben, die nicht von ihm stammen und es bleibt ihm wieder keine andere Wahl, als es zu tun.<\/p>\n<p>&#8220;Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen gepr\u00e4gte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt &#8211; ein gro\u00dfartiger K\u00fcnstlerroman, der die Frage\u00a0 der Intergrit\u00e4t stellt und traurige Aktualit\u00e4t\u00a0 genie\u00dft&#8221;, steht im Klappentext und ich denke, da\u00df man, bevor man nun von Anpassung,\u00a0 &#8220;feigen Aschloch&#8221;, Mitl\u00e4ufer, etcetera spricht, was einem ja in den Sinn kommen k\u00f6nnte, nachdenken sollte, wie man selber gehandelt h\u00e4tte, h\u00e4tte man 1936 in Leningrad oder 1942 in Berlin gelebt, beziehungsweise, was man heute tun w\u00fcrde, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/31\/und-was-hat-das-mit-mir-zu-tun\/\">wenn sich diese Frage stellen sollte?<\/a><\/p>\n<p>In &#8220;Wikipedia&#8221; kann man, glaube ich, eine gute Zusammenfassung lesen: &#8220;Er schrieb im Regime von Josef Stalin Hymnen und blieb gleichzeitig auf Distanz zum stalinistischen System, welches ihn drangsalierte und jahrelang in Todesfurch hielt.&#8221; Und &#8220;Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1939 und 1970 nachzuerleben, reicht es aus, die Symphonien von Schostakowotsch zu h\u00f6ren&#8221;, schrieb die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti. Der Celist Mistilaw Rostopowitsch sah im\u00a0 siinfonischen Schaffen Schostakowitschs eine Geheimgeschichte Russlands und Gottfried Blumenstein bezeichnetw sein Werk als &#8220;apokalyptischen Soundtrack unseres Jahrhundert.&#8221;<\/p>\n<p>Den vierten Leninorden hat er sich \u00fcbrigens tats\u00e4chlich erspart, da Dimitri Schostakowitsch\u00a0 1975 in Moskau verstorben ist und ich kann das Buch, das wahrscheinlich ein Higlight der Fr\u00fchjahrsneuerscheinungen darstellt, sowohl, den Musik-, als auch den Literatur-sowie Politikinteressierten sehr empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mich im vorigen Herbst durch die &#8220;Kiwi-Vorschauen&#8221; bl\u00e4tterte, habe ich Julian Barnes Roman\u00a0 &#8220;Der L\u00e4rm der Zeit&#8221; \u00fcbersehen, da ich von\u00a0 dem 1946 geborenen englischen Schriftsteller, glaube ich &#8220;Das Stachelschwein&#8221; gelesen habe und auch noch ein paar anderer &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50330\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1530,3010,3179,3129,5520],"class_list":["post-50330","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-dimitri-schostakowitsch","tag-julian-barnes","tag-kiwi","tag-kuenstlerroman","tag-stalinzeit"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50330\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}