{"id":50630,"date":"2017-03-24T00:24:36","date_gmt":"2017-03-23T23:24:36","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=50630"},"modified":"2017-03-24T00:24:36","modified_gmt":"2017-03-23T23:24:36","slug":"mir-ist-die-zunge-so-schwer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50630","title":{"rendered":"Mir ist die Zunge so schwer"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den jungen Talenten, mit den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/19\/unter-dreisig\/\">&#8220;Unter Drei\u00dfigj\u00e4hrigen&#8221;<\/a> und zu den<a href=\"http:\/\/www.kremayr-scheriau.at\/bucher-e-books\/mir-ist-die-zunge-so-schwer-883\"> achtzehn Kurzgeschichten \u00fcber Menschen, wie im Klappentext steht, &#8220;die Zeit ihres Lebens vers\u00e4umt haben zu sprechen,<\/a>T\u00e4ter, Opfer, Sehns\u00fcchtige und Missverstanden, Einsame und Trauernde&#8221;, der 1990 in O\u00d6 geborenen Lucia Leidenfrost, die seit 2014 in Mannheim lebt und am &#8220;Institut f\u00fcr Deutsche Sprache arbeitet&#8221;.<\/p>\n<p>Einige Preise hat sie schon bekommen und es ist tats\u00e4chlich sehr beeindruckend, wie sich diese junge Frau in die K\u00f6pfe und die Hirne ihrer Gro\u00dfelterngeneration hineindenken kann.<\/p>\n<p>&#8220;Fast h\u00f6rt man die Stimmen ihrer Figuren, so genau trifft sie deren Ton&#8221;, schw\u00e4mt\u00a0 der Klappentext und das stimmt genau, kann ich dazu fl\u00fcstern, obwohl das Verstehen bei der ersten Geschichte &#8220;Erdbeer-Rhabarba null sechs&#8221; gar nicht so einfach ist.<\/p>\n<p>Aber so ist das mit den Demenzen, kann die Psychologin schon mal klugschei\u00dfern und verraten, da\u00df da eine alte Dame offenbar ihren dementen Mann pflegt und mit ihm spricht. Dabei kocht sie Marmelade aus Rhabarba, weil man ja nichts \u00fcberlassen darf, die schlie\u00dflich anbrennt und sie sie spricht auch immer davon, da\u00df sie den Mann nach Hause bringen wird. Nicht ganz so verst\u00e4ndlich f\u00fcr die Lesende, aber wenn ich mich pl\u00f6tzlich in einer Seniorenresidenz befinde und nach Hause will, kann ich vielleicht auch nicht ganz verstehen, wenn mir die freundliche Schwester mittels Validation erkl\u00e4rt, da\u00df ich das schon lange bin.<\/p>\n<p>In &#8220;Gefangenspielen&#8221;, geht es um die Qualen eines alten Apotheker, der im Krieg in der schlimmen Zeit, seine tauben Kinder verstecken mu\u00dfte, damit sie nicht ins Schlo\u00df Hartheim kamen. Ehrenhaft k\u00f6nnte man\u00a0 sagen, aber offenbar war er auch ein Nazi, bei der SS oder sonstwo und hatte mit dem Holzapfel Edi, der sich dem Kriegsdienst verweigern wollte, kein Verst\u00e4ndnis. So jagte er ihn mit seinen Freunden, scho\u00df ihn an und sperrte ihn dann ins Feuerhaus, wo er verbluten mu\u00dfte.\u00a0 Seither hat er\u00a0 Probleme mit seiner Schwester, wenn die in seine Apotheke kommt und ihn vorwurfsvoll ansieht, denn sie hat ihn nicht verraten.<\/p>\n<p>In &#8220;Flug\u00fcbungen&#8221; geht es wieder in ein Spital oder in ein Altersheim, denn der alte Mann, der hier spricht und sich nach seiner Heidi sehnt, die ihm, weil schon gestorben, nur mehr des Nachts besuchen kann, machte die offenbar im Krieg und der ist schon lang vorbei. Die Erinnerungen bleiben aber im Kopf und wenn es jetzt immer weniger Menschen gibt, die sich in ihren Altersheimen noch wirklich daran erinnern k\u00f6nnen, ist es sch\u00f6n, wenn sich junge Leute damit auseinandersetzen und eindruckvoll und einf\u00fchlsam dar\u00fcber schreiben.<\/p>\n<p>Ein bi\u00dfen anders geht es in &#8220;Die vom Bach zu&#8221;. Da hat einer, ein Bauernsohn, eine Selbstm\u00f6rderin, die Vroni aus dem Bach gezogen und sich in sie verliebt. Sie kam, wie das damals so war, in die Irrenanstalt und er wollte sogar Pfleger werden, um ihr nahe zu sein. Der Vater hat es ihm verboten und so hat er geheiratet, sie sp\u00e4ter nur gesehen, wenn sie mit von den Medikamenten aufgeschwemmten Gesicht auf seinen Hof kam und nicht mehr so sch\u00f6n, wie damals war und irgendwann ist sie gestorben und er kann von ihrem Tod in der Zeitung lesen.<\/p>\n<p>&#8220;Friedrich&#8221; ist auch einer, den sie jung, wahrscheinlich von der Schulbank weg, in den Krieg schickten. Einer aus einer gl\u00e4ubigen Familie, dessen Mutter listig den &#8220;Hitler-Gru\u00df&#8221; verweigerte und der ihr Briefe aus dem Feld schreibt und um einen Rosenkrankz bittet. Schlie\u00dflich wird er von den Russen gefangen genommen, mu\u00df ohne es zu verstehen, unterschreiben, da\u00df er ein Nazi ist und wird nach Moskau gebracht, um dort die Stadt wieder aufzubauen, w\u00e4hrend &#8220;Janek&#8221; der Bruder von der B\u00e4ckerin Helena oder Helenka ist, deren Eltern mit den Kindern den Sprung \u00fcber den eisernen Vorhang machten. Die Gro\u00dfeltern blieben zur\u00fcck und die junge Helena sehnt sich nach ihnen und kann die Funktion eines eisernen Vorhangs genauswenig verstehen, wie was ein Lungenkrebs ist, an dessen Folgen der rauchende und Kafka lesende Vater verstarb.<\/p>\n<p>Originell, die Geschichte von dem &#8220;Hans Warum&#8221;, der am Friedhof zwischen dem j\u00fcdischischen Schriftsteller Jakob Wassermann, dem nationalsozialistischen Bruno Brehm und dann noch neben einem Paul Preu\u00df einem Bergsteiger liegt und dann kommen immer wieder die Geschichten von dem Krieg, die die junge Frau zu besch\u00e4ftigen scheinen und die in allen ihren Formen erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Die von dem Mann, der zwischen 1938 &#8220;derisch&#8221; also taub f\u00fcr alle meine bundesdeutschen Lesern, wurde, damit er das was er sah, nicht der Gestapo verraten konnte oder wollte, die vom Desertieren, die ein Gro\u00dfvater seinen Enkeln erz\u00e4hlt oder besonders ber\u00fchrend, die von der kleinen Marianne, die fast verr\u00fcckt wird, weil die Erwachsenen mit ihren Geschichten von den KZ immer verstummen, wenn sie auftaucht und die doch neugierig ist und alles wissen will und sich dann f\u00fcrchtet oder nat\u00fcrlich auch mi\u00dfversteht. Da braucht es dann schon einen jungen Kaplan, Psychotherapeuten hat es damals und am Land, wo die Geschichte spielt, wohl noch nicht gegeben, der die F\u00fc\u00dfe ins Wasser baumeln und das Kind einfach fragen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Um Gewalt gegen Frauen und Kinder und das Beten, wie es am Land in der Nachkriegsgeneration offenbar so \u00fcblich war geht es auch und um das, was die Sprachlosen, ihren Kindern nicht oder schon sagen k\u00f6nnen, so erf\u00e4hrt eine oder eine am Sterbebett des Vaters von der Existenz eines Halbbrunders und eine ebenso sprachlose Mutter will ihren Sohn, der inzwischen im Ausland lebt und zum Abschied &#8220;Bis denne&#8221; sagt und den sie nur ganz gelegentlich in Wien in der Konditrei Adia visa a vis der Oper seinen Mutterkuchen mitgegeben.<\/p>\n<p>Und wieder sehr ber\u00fchrend die letzte Geschichte in denen die Kinder Briefe an die tote Mutter schreiben. Sie sprechen davon von den Honig und den Marmeladegl\u00e4sern, die sie sie ihnen als ordentliche Hausfrau offenbar hinterlassen hat und diie sie jetzt langsam leeressen. Von Bienen ist viel die Rede und von Zeichnungen des Gro\u00dfvaters der offenbar in einem KZ gewesen ist. eines Tages finden die Kinder den Vater erh\u00e4ngt im Bienenhaus, sie geben ihm Honig, Marmelade und die Zeichnungen in den Sarg und winken ihm nach.<\/p>\n<p>Sehr beeindruckend die achtzehn Geschichten in der sich eine sehr junge Frau sprachlich sehr pr\u00e4gnant und mit sehr originellen Ans\u00e4tzen mit den Gewalt- und Kriegserfahrungen ihrer Eltern- und Gro\u00dfelterngeneration auseinandersetzt und sie sowohl stimmig, als auch h\u00f6chst literarisch umsetzen kann.<\/p>\n<p>Bei &#8220;Amazon&#8221; hat ein Leser beklagt, da\u00df die Geschichten so schnell verschwinden und nicht dicht genug sind.<\/p>\n<p>Ich habe sie sehr eindringlich und gar nicht banal, wie ich auch gelesen habe, sondern laut gefunden, obwohl sie vielleicht leise geschrieben sind und wundere mich immer noch, da\u00df eine so junge Frau so viel vom Leben ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern wei\u00df und das dann auch noch literarisch gestalten kann.<\/p>\n<p>Ebenfalls sehr eindringlich und sch\u00f6n ist die graphische Gestaltung des Bandes, der bei mir h\u00e4ngen bleiben wird und den ich vielleicht auch den Kindern und den Enkelkindern empfehlen kann, damit sie besser verstehen k\u00f6nnen, wie es\u00a0 damals war und ich, merke ich, am Schlu\u00df noch an, geh\u00f6re, als eine 1953 in der Gro\u00dfstadt in einen atheistischen Haushalt Geborene, die den Krieg nicht selbst erlebte auch schon der Nachkriegsgeneration an und kann vieles so nachempfinden, obwohl meine Eltern, auch wenn sie keine T\u00e4ter waren, ebenfalls nicht viel davon gesprochen haben.<\/p>\n<p>Aber die Zunge ist den frisch aus dem Wahnsinn, den man nicht wirklich verstehen kann, entkommenen eben schwer, wie auch die Titelgeschichte zu erz\u00e4hlen wei\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den jungen Talenten, mit den &#8220;Unter Drei\u00dfigj\u00e4hrigen&#8221; und zu den achtzehn Kurzgeschichten \u00fcber Menschen, wie im Klappentext steht, &#8220;die Zeit ihres Lebens vers\u00e4umt haben zu sprechen,T\u00e4ter, Opfer, Sehns\u00fcchtige und Missverstanden, Einsame und Trauernde&#8221;, der 1990 in &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50630\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,19],"tags":[26,1837,3279,3744,4137],"class_list":["post-50630","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-veranstaltungen","tag-neuerscheinung","tag-erzaehlungen","tag-kremayrscheriau","tag-lucia-leidenfrost","tag-nachkriegsgeneration"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50630"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50630\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50630"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}