{"id":50732,"date":"2017-04-01T21:10:01","date_gmt":"2017-04-01T19:10:01","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=50732"},"modified":"2017-04-01T21:10:01","modified_gmt":"2017-04-01T19:10:01","slug":"lieben-muss-man-unfrisiert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50732","title":{"rendered":"Lieben muss man unfrisiert"},"content":{"rendered":"<p>Vor\u00a0 vierzig Jahren hat die in Wien geborene und in der DDR gestorbene Maxie Wander ihren Interviewband &#8220;Guten Morgen, du Sch\u00f6ne geschrieben&#8221;, der pr\u00e4gend f\u00fcr den Feminismus war und sehr viel vom Leben der Durchschnittsfrau, ihren Gef\u00fchlen und Verletzlichkeiten in die \u00d6ffentlichkeit brachte.<\/p>\n<p>Ein Buch, das ich wahrscheinlich im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/05\/24\/vierzig-jahre-matura-vierzig-jahre-schreiben\/\">&#8220;Arbeitskreis schreibender Frauen&#8221;<\/a> kennenlernte und gelesen habe und das heute wahrscheinlich ziemlich vergessen ist.<\/p>\n<p>Die 1989 geborene Nadine Kegele, die ich, glaube ich, beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/04\/linke-worter\/\">&#8220;Linken Wort&#8221; <\/a>kennenlernte und die inzwischen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/07\/07\/letztes-bachmannpreiskolloquium\/\">Karriere <\/a>machte hat in ihrem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/12\/18\/bei-schlechtwetter-bleiben-eidechsen-zu-hause\/\">dritten<\/a> bei <a href=\"http:\/\/www.kremayr-scheriau.at\/bucher-e-books\/lieben-muss-man-unfrisiert-879\">&#8220;Kremayr&amp; Scheriau&#8221;<\/a> erschienen Buch daran gedacht und genau, wie Maxie Wander, ab 2015 Interviewes mit Frauen \u00fcber ihr Leben ihre Verletzlichkeit und die Gewalt, die sie erlebten, gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&#8220;Lieben muss man unfrisiert&#8221; hei\u00dft der Band, ein Zitat einer der Frauen, wie Nadine Kegele in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/03\/27\/von-der-leipziger-messe\/\">Leipzig<\/a> im &#8220;\u00d6sterreich-Cafe&#8221; Roman Kollmer, der sie\u00a0 interviewete, erkl\u00e4rte und der, die Gewalt, die Frauen auch heute noch erleben, gar nicht glauben konnte und es ist sicherlich sehr spannend, sich durch die Ver\u00e4nderungen zu lesen, die es inzwischen gegeben hat oder auch nicht, denn vor fast zwei Jahren hat es ja einen Aufschrei gegeben, als <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/30\/frauenpower-beim-bachmannpreis\/\">Ronja von R\u00f6nne &#8220;Der Feminismus kotzt mich an!<\/a>&#8221; oder so polemisierte.<\/p>\n<p>Was ist davon geblieben und wie emanzipiert ist die Frau heute in den neoliberalen Zeiten und war es vielleicht in der DDR doch ein bi\u00dfchen anders k\u00f6nnte man so meinen oder fragen?<\/p>\n<p>Also &#8220;Lieben muss man unfrisiert &#8211; Protokolle nach Tonband&#8221;, wie gleich unter dem Titel steht und vorher gibt es noch ein fiktives Interview, das Nadine Kegele mit der 1977 gestorbenen Elfriede Brunner f\u00fchrte, wo sie versucht Vergleiche zwischen ihr und sich zu ziehen. Beide haben, glaube ich, kein Abitur beziehungsweise Matura, beide waren Sekret\u00e4rinnen, beide haben Karriere gemacht und beide haben Frauen interviewt, beziehungsweise sich f\u00fcr das Leben der Frau und ihre Emanzipation sehr eingesetzt.<\/p>\n<p>Nadine Kegele hat das in Leipzig Roman Kollmer gegen\u00fcber sehr engagiert getan und hat auch einige Stellen in ihrem Interview umgeschrieben.<\/p>\n<p>Aus der Frau einen Mann gemacht, um zu zeigen, wie absurd das klingt, wenn dem pl\u00f6tzlich, die Gyn\u00e4kologin Oliver auf den Po klopft.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, wenn eine so engagierte Frau wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/05\/marlene-streeruwitz-im-doppelpack\/\">Marlene Streeruwitz<\/a> das Vorwort geschrieben hat und dann geht gleich los mit den achtzehn Interviews, da hat sich Nadine Kegele, glaube ich, an die Vorlage gehalten und\u00a0 auch versucht beim Alter der Interviewpartnerinnen genau zu sein.<\/p>\n<p>Die erste Frau ist\u00a0 &#8220;Michaela, 48, Reinigungsfachkraft&#8221;, die aus Serbien kommt und wahrscheinlich so frech und rotzig, wie auch Maxie Wanders Interviepartnerinnen, von ihrem Leben als Putzfrau erz\u00e4hlt und davon, da\u00df den Frauen, das Putzen wahrscheinlich n\u00e4her, als den M\u00e4nnern ist und sie es mit der Sauberkeit genauer, als sie nehmen.<\/p>\n<p>&#8220;Fanny, 92, Konturistin&#8221;, ist Nadine Kegeles Nachbarin, von der sie auch in Leipzig erz\u00e4hlte. Mir der hat sie, glaube ich, ihre Interviews begonnen und die alte Dame hat zu sprechen angefangen, als sie das Mikrophon gesehen hat und drei Stunden sp\u00e4ter oder so damit aufgeh\u00f6rt und dazwischen mu\u00dfte sie ihrer Interviewerin noch erkl\u00e4ren, was DDT ist, weil man dieses Spritzmittel heute offenbar nicht mehr kennt.<\/p>\n<p>Und in allen Interviews geht es um die Weiblichkeit, die Verletzlichkeit der Frau, die Aufkl\u00e4rung, das sich wehren oder unterdr\u00fcckt werden, etcetera.<\/p>\n<p>Die Filmemacherin Ona, kommt aus Polen, lebte und arbeitete offenbar viel in Spanien und ist die, die ihre Erlebnisse beim Gyn\u00e4kologen erz\u00e4hlt, beziehungsweise die im Bus, wenn man pl\u00f6tzlich eine Hand auf die Schenkel gelegt bekommt und sich nicht wehren kann. Sie hatte aber einen aufgekl\u00e4rten Vater, der der Mutter immer Blumen zum Frauentag schenkte und ihr welche als sie die erste Regel bekam und sie war auch die erste in ihrer Klasse die einen BH trug.<\/p>\n<p>&#8220;Ich kenne Catwalk, Cat Lady kenne ich nicht&#8221;, sagt &#8220;Ingrid, 60, Architektin, die, obwohl in einer b\u00fcrgerlichen Familie aufgewachsen, wo schon die Mutter studieren durfte, \u00e4hnliche Erfahrunge, wie ich hat. Jedenfalls erw\u00e4hnt sie oft <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/06\/johanna-dohnal-platz-und-lange-nacht-fur-wsd\/\">Johanna Dohnal, mit ihrem Frauenstaatssekretariat,<\/a> die sp\u00e4ter die erste Frauenministerin wurde, erw\u00e4hnt die Skulpturen am &#8220;Vorw\u00e4rts-Haus&#8221; und am ehemaligen &#8220;Staffa-Geb\u00e4ude&#8221; auf der\u00a0 Mariahilferstra\u00dfe und\u00a0 die Architektin Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky mit ihrer Frankfurter-K\u00fcche, als ihr gro\u00dfes Vorbild, deretwegen, sie zur Architektin wurde.<\/p>\n<p>Rosa und Greta scheinen aus Berlin zu kommen und &#8220;Rosas, 27, Autorin&#8221; Ansichten \u00fcber das Schreiben sind besonders interessant.<\/p>\n<p>Eine so junge Frau und schon Autorin, die gelegentlich vom Staat f\u00fcr ihre Arbeit finanziert wird, aber keine Garantien auf F\u00f6rderung hat, sich vorher aber von Praktikum zum Praktikum weiterhantelte, was wohl auch nicht aussichtsreicher war.<\/p>\n<p>Nur bekommen nicht alle Autoren F\u00f6rderungen, manche m\u00fcssen sich mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/03\/01\/gegenwartliteratur-im-centrope\/#comments\">Hobbyautorstatus <\/a>herumstreiten und &#8220;Autorin&#8221; sagt Rosa &#8220;ist ein Beruf, der nicht als Beruf anerkannt ist. Eines der Probleme beim Schreiben ist, dass die Leute denken, das k\u00f6nne jeder, sie k\u00f6nnten das ebenfalls, Aufs\u00e4tze in der Schule h\u00e4tten sie ja auch geschrieben.&#8221;<\/p>\n<p>Das ist ein Argument, das ich auch schon \u00f6fter h\u00f6rte und bei dem ich bekannterweise anderer Ansicht bin, denn ich denke ja, ein jeder, der es will, soll es tun und tue es ja auch, aber interessant, da\u00df eine so junge Frau schon so selbstbewu\u00dft ist und sich in den Ringkampf des Literaturbetriebs hineinwirft, der ja, wie ich glaube, mindestens so hart wie vor vierzig Jahren, vielleicht sogar in Zeiten des Prekariats noch h\u00e4rter ist.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n die Geschichte von der Lesung von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/18\/ein-buechner-preistraeger-in-der-alten-schmiede\/\">Wilhelm Genazino<\/a> auf der sie\u00a0 einmal war. Nachher stand sie neben ihm am Getr\u00e4nkebuffet und griff gleichzeitig mit ihm nach einem Glas. Er sagte &#8220;Prost!&#8221;, sie auch, als sich das dann wiederholte ist sie von der Veranstaltung davongelaufen.<\/p>\n<p>Und &#8220;Greta, 42, Bibliothekarin&#8221; ist eine Frau neben der Mauer aufgewachsen, die sie sp\u00e4ter auch vermi\u00dfte, weil ihr ein Teil ihrer Lebensrealit\u00e4t entschwand,\u00a0 mit einer Vielzahl von Problemen, in Zeiten aufgewachsen, wo die Frauenemanzipation zumindestens in Liedern selbstverst\u00e4ndlich war und das G\u00e4rtnerkind ganz selbstverst\u00e4ndlich neben dem Arztkind auf der Schulbank sa\u00df. Die Ungleichheiten sind ihr dann erst sp\u00e4ter aufgefallen, haben sie eingeschr\u00e4nkt und gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das Elternhaus war nicht gut, so da\u00df sie \u00c4ngst, Depressionen und auch ein \u00dcbergewicht entwickelte, da\u00df sie dann insbesondere auf Flugzeugsitzen einschr\u00e4nkte und weil alle auf sie schauen, diskriminierten.<\/p>\n<p>&#8220;Hillary, 16 und Barbara, 17, Sch\u00fclerinnen&#8221;, sind Nadine Kegeles j\u00fcngste Gespr\u00e4chspartnerinnen, scheinen aus Ghana, beziehungsweise aus Serbien zu kommen und plaudern locker \u00fcber Snapchat und die M\u00fche einer Mutterschaft vor sich hin.<\/p>\n<p>Die Scheidungsanw\u00e4ltin &#8220;Ruth, 45&#8221; scheine ich zu kenne oder gibt es eine andere mit diesen Namen, die sehr ber\u00fchmt in der Wiener Szene ist. Sie hat von Robert zwei Kinder, sich dann geoutet und ist von ihrer Freundin Adriana inzwischen wieder getrennt. Die Kinder gleich und mit gleichen Rechten zu erziehen hat sie versucht und sie schildert aus ihrer Praxis auch die Schwierigkeiten und Unterschiede beim Scheidungsrecht.<\/p>\n<p>Dann kommt die Transfrau &#8220;Helen, 45, Informatikerin&#8221;, die sich als als &#8220;femmesexuell&#8221; bezeichnet und &#8220;Ist okay, wie du bist!&#8221;, als ihr Motto nimmt.<\/p>\n<p>Das &#8220;Kind aus dem K\u00e4fig&#8221; &#8211; &#8220;Nehir, 28, juristische Mitarbeiterin, ist T\u00fcrkin und sowohl in einer Hausmeisterwohnung, als auch auf dem Fu\u00dfballplatz im Park aufgewachsen, obwohl sie als M\u00e4dchen nicht Fu\u00dfball spielen durfte und sie sich trotzdem zur Feministin entwickelt hat.<\/p>\n<p>Und die &#8220;Prinzessin mit Cape&#8221; &#8211; &#8220;Esther, 49, T\u00e4nzerin&#8221;, ist besonders vielseitig, n\u00e4mlich Spastikerin und auch eine Zeitlang als &#8220;Drag\u00a0 King&#8221; unterwegs und ebenfalls sehr k\u00e4mpferisch und selbstbewu\u00dft, so f\u00fchrt sie Nadine Kegele auch in die &#8220;Behindertensprache&#8221; ein und erkl\u00e4rt ihr, was ein &#8220;Rehabler&#8221;,\u00a0 ein &#8220;Geher&#8221; und ein &#8220;Roller&#8221; ist.<\/p>\n<p>&#8220;Nora, 35, Sozialarbeiterin&#8221; hat ein Kind mit Klumpfu\u00df und die Wohnungslosenhilfe gearbeitet.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch eine Lesbierin, eine Transenfrau und eine mit Fluchterfahrungen und und&#8230;.<\/p>\n<p>Nadine Kegele hat &#8220;Nach dem Vorbild von Maxie Wanders Kultbuch&#8221;, wie auf dem Buchr\u00fccken steht, &#8220;Literarische Portrait voll Weisheit und Witz&#8221; geschaffen, die das gesamte Spektrum der Frauenwelt umfassen, weil man, wie Maxie Wander einmal sagte &#8220;\u00dcber alles reden k\u00f6nnen mu\u00df&#8221;, deshalb &#8220;Ich sage es hier auf Tonbald,damit alle mich h\u00f6ren k\u00f6nnen&#8221;, ist das Zitat, das gro\u00dfauf den roten Seiten vorn und hinten steht und das Buch sozusagen umfassen.<\/p>\n<p>Ein bi\u00dfchen schwierig war f\u00fcr mich noch, da\u00df ich nicht immer zuordnen konnte, ob es sich jetzt um eine deutsche oder \u00f6sterreichische Gespr\u00e4chspartnerin handelte, wenn von &#8220;Abitur&#8221;, &#8220;Kita&#8221;, gesprochen und geschrieben wurde.<\/p>\n<p>Aber eigentlich ist das auch eigtal, denn das Frauenleben ist ja l\u00e4nder\u00fcbergreifen und es ist auch sicher interessant Nadine Kegels Portraits der Zeitausendf\u00fcnfzehnerjahre mit den vierzig Jahre vorher entstandenen zu vergleichen und etwaige gesellschaftspolitische Unterschiede zu analysieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor\u00a0 vierzig Jahren hat die in Wien geborene und in der DDR gestorbene Maxie Wander ihren Interviewband &#8220;Guten Morgen, du Sch\u00f6ne geschrieben&#8221;, der pr\u00e4gend f\u00fcr den Feminismus war und sehr viel vom Leben der Durchschnittsfrau, ihren Gef\u00fchlen und Verletzlichkeiten in &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=50732\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[3277,3937,4152,4667],"class_list":["post-50732","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-kremayr-scheriau","tag-maxie-wander","tag-nadine-kegele","tag-protokolle-nach-tonband"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50732","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50732"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50732\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50732"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50732"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50732"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}