{"id":51025,"date":"2017-04-12T00:48:08","date_gmt":"2017-04-11T22:48:08","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51025"},"modified":"2017-04-12T00:48:08","modified_gmt":"2017-04-11T22:48:08","slug":"chiru","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51025","title":{"rendered":"Chiru"},"content":{"rendered":"<p>Der &#8220;Wagenbach-Verlag&#8221; ist unter anderem ein Spezialist in italienischer Literatur. Da habe ich mir vor Jahren im Abverkauf bei der Buchlandung auf der Mariahilferstra\u00dfe, eine Reihe ein Euro B\u00fcchlein gekauft und noch nicht sehr viel davon gelesen.<\/p>\n<p>Der Alfred hat mir einmal einen<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/10\/19\/mein-italien\/\"> Spezialband geschenkt <\/a>und seit einem halben Jahr bekomme ich auch vom Verlag\u00a0 <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/12\/22\/kryptozaen\/\">B\u00fccher<\/a> angeboten, habe da ein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/18\/eine-kurze-chronik-des-allmaehlichenverschwindens\/\">sehr interessantes Debut <\/a>entdeckt und jetzt auch etwas Italienisches gelesen.<\/p>\n<p>Den neuen Roman der 1972 geborenen Sardin Michela Murgia und ich f\u00fchlte mich in die Zeiten eines Alberto Moravia versetzt, von dem ich ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/23\/die-gleichgultigen\/\">auch <\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/05\/17\/eheliche-liebe\/\">einiges<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/26\/der-konformist\/\"> gelesen<\/a> habe und kann nur staunend feststellen, da\u00df die italienische Literatur offenbar etwas Besonderes ist, wo es knarscht und knistert voll geheimnisvoller Erotik, auch wenn die Autorin eine f\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrige Frau ist und in dem Buch Handies, SMS und blaue Fingern\u00e4gel vorkommen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck tun sie es, denn sonst w\u00fcrde ich mich im Rom eines Alberto Moravia w\u00e4hnen oder in Sizilien oder bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/02\/erica-und-ihre-geschwister\/\">&#8220;Erica und ihren Geschwistern&#8221;<\/a> und es ist ein Buch mit vielen Fragezeichen.<\/p>\n<p>Noch nie habe ich in eines soviele Fragezeichen hineingemacht, wie in diesen, wo es um die Beziehung einer achtunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Schauspielerin zu ihrem achtzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fcler geht.<\/p>\n<p>Die, die jetzt wissend nicken und &#8220;Aha!&#8221;, sagen, kann ich belehren, sie wissen nichts, denn darum geht es nicht.<\/p>\n<p>&#8220;Um was geht es dann?&#8221;, wird man nun fragen.<\/p>\n<p>Um das Knistern und die Spannung, die geheime Erotik, die heutzugtage vielleicht gar nicht so n\u00f6tig w\u00e4re und auch, um das viele andere, was man nicht braucht oder doch. Doch natt\u00fcrlich und das ist so wichtig, da\u00df man daf\u00fcr Lehrer braucht und die Schauspielerinnen sich Sch\u00fcler halten.<\/p>\n<p>Denn Chiru, der Achtzehnj\u00e4hrige ist Musikstudent, wozu braucht er also eine Schauspielerin als Lehrerin? F\u00fcr den Sprechunterricht?<\/p>\n<p>Nein, denn dieses Sch\u00fcler-Lehrertum, von dem ich nicht sicher bin, ob es das tats\u00e4\u00f6chlich in Italien gibt oder gab, ist eine Art Mentorentum oder auch nicht wirklich.<\/p>\n<p>Eleonora soll Chiru in das Leben und in die Gesellschaft einf\u00fchren. Und sie hat im Laufe ihres achtunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Lebens schon einige solcher Sch\u00fcler gehabt, drei um genau zu sein und sie waren alle j\u00fcnger als Chiru. Deshalb ist ihr Ex-Geliebter Fabrizio auch besorgt und r\u00e4t ihr davon ab, ihn anzunehmen, als sie ihm davon erz\u00e4hlt. Auch das ist etwas was ich nicht verstanden habe, was ist das Risiko daran?<\/p>\n<p>Eleonora, die Ich-Erz\u00e4hlerin ist jedenfalls eine scharfsinnige Frau, die schon als achtj\u00e4hrige, das Ungl\u00fcck dieser Welt erkannte und es gibt ein paar sehr eindrucksvolle Szenen in den Buch, in eben diesen Moravia-Ton, w\u00fcrde ich meinen, die das belegen.<\/p>\n<p>So hat Eleonra mit acht ihre Unschuld verloren, als sie mit Papa und Mama und dem \u00e4lteren Bruder in dem D\u00f6rfchen, wo sie gro\u00df wurde, auf ein Fest ging und dort nicht den Eiswagen bekam, den sie sich w\u00fcnschte, w\u00e4hrend der Bruder selbstverst\u00e4ndlich, die Spritzpistole bekam.<\/p>\n<p>Warum der Vater, das verwehrte habe ich auch nicht verstanden und auch nicht die Bedeutung darum herum.<\/p>\n<p>Eleonora hat sich das Spielzeug aber offenbar selber gekauft, denn es steht jetzt in der Wohnung der erwachsenen Frau und es gibt noch so eine beeindruckende Sezne.<\/p>\n<p>Das ist Eleonora schon \u00fcber zwanzig, tr\u00e4gt ein schwarzes Kost\u00fcm und geht vorsprechen. Nachher wird sie von dem Regisseur zu einem Sushi-Essen eingeladen. Sie hat aber noch nie mit St\u00e4bchen gegessen, kann es nicht, ist ungeschickt dabei, der Fisch f\u00e4llt auf den Tisch oder auf den Boden und die Peinlichkeit beginnt.<\/p>\n<p>Zwei wirklich sehr eindrucksvoll geschilderte Szene, obwohl mir die Bedeutung darum herum, wohl etwas zu pathetisch war. Denn nat\u00fcrlich mu\u00df man in Sardienien erst mit St\u00e4bchen umgehen lernen, wenn man zu Hause mit Spaghetti aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Eleonora entscheidet sich jedenfalls ihren Sch\u00fclker anzunehmen und geht mit ihm in ein Stoffgesch\u00e4ft, um ihn die unterschiedlichen Satmsorten anfassen zu lassen. Sie geht mit ihm auch auf Parties und dann geht sie auf eine Tournee nach Stockholm, Prag und noch wo anders hin.<\/p>\n<p>Da soll er eigentlich mitkommen, aber in Stockholm beginnt sie ein Verh\u00e4ltnis mit dem dortigen Operndirektor Martin de Lorraine. Der war schon auf der Party in Italien und Chriu, der nicht wu\u00dfte, da\u00df er ein Operndirektor war, war unh\u00f6flich zu ihm.<\/p>\n<p>Jetzt will der Eleonoras &#8220;Patensohn&#8221; zum Vorspielen einladen, sie wehrt aber ab und als sie Chiru in Florenz dann doch trifft, bittet er sie darum und sie nennt das\u00a0 genauso &#8220;ungeh\u00f6rig&#8221;, wie ihr damals der Vater den Wunsch nach dem Spielzeug versagte.<\/p>\n<p>Es gibt dann noch eine Schlu\u00dfszene, wo Eleonora mit dem Direktor in einem Restaurant i\u00dft und Chiro dort mit einen anderen Direktor trifft und den beiden auch das Essen bezahlt und als Martin Eleonora fragt, ob das ihr Patensohn war, sch\u00fcttelt sie den Kopf und verleugnet ihn.<\/p>\n<p>Es tut mir leid, das war mir wohl zu viel bedeutungsschwangere und zu geheimnisvolle Erotik, beziehungweise eine solche, die ich in Zeiten, wie diesen eigentlich f\u00fcr unn\u00f6tig und schon \u00fcberwunden halte.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren habe ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/01\/17\/die-romerin\/\">Alberto Moravias &#8220;Romerin&#8221;<\/a> gelesen, die mir eigentlich ganz gut gefallen hat. Denn sie spielt ja in einer vergangenen Zeit, wo die armen M\u00e4dchen vielleicht wirklich nicht anders konnten, als sich und ihren K\u00f6rper zu verkaufen.<\/p>\n<p>Vor einem Jahr habe ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/06\/15\/mimikry\/\">&#8220;Mimikri-das Spiel des Lesens&#8221;<\/a> gelesen und da sollte der Roman\u00a0 erraten, beziehungsweise umgeschrieben werden und ich war erstaunt, als der Autor oder Gastgeber ihn sehr kitschig nannte.<\/p>\n<p>&#8220;Nein!&#8221;, habe ich gedacht.<\/p>\n<p>&#8220;Das war eben damals so!&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt lese ich einen Roman von einer f\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrigen Frau, die sich genauso in geheimnisvollen Andeutungen \u00fcbt und lese am Buchr\u00fccken, da\u00df das den Kritiker gefallen hat und sie den Roman auch sehr loben.<\/p>\n<p>Ich denke, die Zeit der erotischen Spielchen ist oder sollte vorbei sein und habe vor einigen Jahren auch einen\u00a0 <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/24\/die-einsamkeit-der-primzahlen\/\">italienischen Roman<\/a> gelesen, der einer anderen Tradition entstammte, womit ich mir leichter tat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8220;Wagenbach-Verlag&#8221; ist unter anderem ein Spezialist in italienischer Literatur. 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