{"id":51443,"date":"2017-05-08T11:03:08","date_gmt":"2017-05-08T09:03:08","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51443"},"modified":"2017-05-08T11:03:08","modified_gmt":"2017-05-08T09:03:08","slug":"die-stipendiatin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51443","title":{"rendered":"Die Stipendiatin"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein st\u00fcrmischer Tag, der Himmel leicht bedeckt, Wolken waren zu sehen, so als w\u00fcrde es jederzeit zu regnen beginnen. Keine gute Aussichtslage, um die Fenster iherer kleinen Wohnung zu putzen. Die Hauswirtschaftslehrerein, des Institutes f\u00fcr h\u00f6here Frauenberufe, das sie einmal, es war schon l\u00e4nger her, besucht hatte, w\u00fcrde es ihr wohl energisch davon abraten.<\/p>\n<p>Frau Professor H\u00f6delmoser war aber nicht anwesend und h\u00f6chstwahrscheinlich schon l\u00e4ngst in Pension, wenn vielleicht nicht sogar gestorben und sie f\u00fcr sich selbst verantwortlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie und ihre Fenster und Hauswirtschaft war nicht ihr Hauptberuf. Nicht der Brotberuf, sondern nur ihr Hobby oder nennen wir es besser, Notwendigkeit ihre Wohnung in Schu\u00df zu halten. Aufzur\u00e4umen, kochen und heute hatte\u00a0 sie sich vorgenommen, die Fenster zu putzen, obwohl das Wetter nicht das beste war.<\/p>\n<p>Aber sei es, wie es war. Sie hatte es sich vorgenomme oder sagen wir, sie hatte es in ihrem Kalender eingetragen und da sie es gewohnt war, ihre Aufgaben diesbez\u00fcglich kontinuierlich abzuarbeiten, um solcherart ihren Tagesplan zu erf\u00fcllen, schaute sie nur noch einmal pr\u00fcfend durch die Terrassent\u00fcr auf den kleinen Garten.<\/p>\n<p>Dann ging sie auf das Klo, wo der rote Plastikk\u00fcbel aufbwahrt wurde, trug ihn in die K\u00fcche und drehte das Warmwasser auf. Ein paar der \u00e4lteren Geschirrt\u00fccher aus dem daf\u00fcr vorgesehenen K\u00fcchenregal nehmen. Ein Wasserschw\u00e4mmchen vorbereiten und dann den vollgef\u00fcllten Plastikk\u00fcbel zum K\u00fcchenfester tragen.<\/p>\n<p>Damit wollte sie beginnen. Dann die Terrassent\u00fcr, die sich im Wohnzimmer befand. Dann gab es noch das Schlafzimmer, das auf die kleine Stra\u00dfe auf der gegen\u00fcberliegenden Seite hinausf\u00fchrte und das war interessant. Darauf freute sie sich besonders, bei ihrer Haushaltsarbeit, war sie doch nur im Nebenberuf Hausfrau, im Hauptberuf aber Schriftstellerin oder Autorin.<\/p>\n<p>Freie \u00dcbersetzerin konnte man ihre Brotberufst\u00e4tigkeit auch nennen und solcherart hatte sie, um ein Stipendium angesucht, um das sogenannte &#8220;Joseph Roth-Stipendium&#8221;, das f\u00fcr die literarische \u00dcbersetzungsarbeiten vorgesehen war und ein diesbez\u00fcgliches Symposium hatte sie gestern und vorgestern im hiesgen Literaturhaus auch besucht. Deshalb war trotz des ungeeigneten Wetters nur heute Zeit f\u00fcr ihre Hausarbeit und zweitens war es interessant, beim monotonen Fensterputzen, das sie schon in der Haushaltungssschule nicht besonders leiden hatte k\u00f6nne, auf die kleine Stra\u00dfe hinauszusehen und das vor ihr liegende Alltagsleben zu beobachten.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Schriftstellerin oder freiberufliche Autorin war das, wie sie in diversen Schreibseminaren geh\u00f6rt und erfahren hatte, ganz besonders interessant. Hobbyautorin wollte sie sich nicht nennen. Fand sie doch diese Bezeichnung f\u00fcr nicht besonders stimmig, obwohl, wenn sie sich nicht irrte, der Typ in dem rotbraun gestreiften Wollpullover mit dem ber\u00fchmten drei oder war es schon ein F\u00fcnftagebart, dem sie gestern am Buffettisch gegen\u00fcbgestand, daf\u00fcr gehalten hatte.<\/p>\n<p>Ein wenig ver\u00e4chtlich hatte er sie gemustert oder war das nur ihr pers\u00f6nlicher hypersensibler und \u00fcbertriebener Eindruck, da sie sich von ihm ein wenig abgelehnt und nicht f\u00fcr voll genommen, gef\u00fchlt hatte?<\/p>\n<p>Mag sein, sie wu\u00dfte das nicht so genau und hatte sich nun auch entschlossen, die nicht so sehr geliebte Hausarbeit zur Steigerung der Motivation\u00a0 mit dem Schlafzimmer fenster zu beginnen. Dann gab es noch das sich nebenan befindende kleine Arbeitszimmer, das auch auf die Stra\u00dfe hinausf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Damit w\u00fcrde sie weitermachen und sich erst danach dem K\u00fcchenfester und der Terrassent\u00fcre widmen, dachte sie voll gewollter Euphorie, schnappte Plastikk\u00fcbel, Wettex-Schw\u00e4mmchen, sowie die drei Geschirrt\u00fccher und stellte den K\u00fcbel auf das kleine Tischchen ab, das sich unter dem Schlafzimmerfenster befand. Dieses aufgemacht, auf einen kleinen Schemel gestiegen und hinausgeschaut.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen war es ruhig. Nur bei der Gerageneinfahrt des gegen\u00fcberliegenden Hauses, in dem sich eine Notariatskanzlei befand, stand eine Dreiergruppe, zwei M\u00e4nner und eine Frau, die sich gestikulierend miteinander unterhielten und dicht vor ihrem nun ge\u00f6ffneten Fenster ging eine \u00e4ltere Dame\u00a0 mit einem Dackel vor\u00fcber, die skeptisch zu ihr hoch und in ihr Zimmer schielte.<\/p>\n<p>Aufgeatmet oder aufgeseufzt und dann entschlossen das Wettex-Schw\u00e4mmchen in das inzwischen schaumangereicherte Wasser getaucht. Auf den Schemel gestiegen, mit der ungeliebten Hausarbeit beginnen und dabei mit ihren Gedanken weitermachen und solcherart sich daran zu erinnern, was der Typ mit dem rotbraungestreiften Pullover gestern zu ihr sagte, der sie offenbar f\u00fcr eine Hobbyautorin gehalten und dabei den wunden Punkt getroffen hatte.<\/p>\n<p>Denn sie war zusammengezuckt, hatte abwehrend ihr Rotweinglas erhoben und versucht sehr energisch mit emp\u00f6rter Stimme: &#8220;Ach, nein, Sie irren sich, ich bin eine Stipendiatin und habe sogar schon Joseph Roth \u00fcbersetzt!&#8221;, zu antworten.<\/p>\n<p>Was, wie sie leider merken mu\u00dfte, bei ihm nicht sehr viel Eindruck machte, denn er hatte mit der wei\u00dfen Plastikgabel nur in seinen Teller auf dem sich einige Jourgeb\u00e4cksemmerln, zwei Schnitzelst\u00fcckchen und ein paar gebackene Champignons und Emmentalerscheiben, die es am Fingerfoodbuffet gegeben hatte, herumgeschoben. Dann hatte er auf und sie angesehen, sowie gefragt, ob sie seine Schnitzelst\u00fccke wolle, was bei ihr zu weiterer Abwehr gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Nein, danke, die m\u00fcssen Sie schon selber essen! Sie k\u00f6nnen sie ja, wenn Sie es hier nicht schafen, zum morgigen Fr\u00fchst\u00fcck verzehren!&#8221;, gekontert, was ihm wieder emp\u00f6rt zu haben schien. Denn er hatte sein Herumstochern unterbrochen, die Plastikgabel hochgehalten und skeptisch in ihre Richtung geschaut.<\/p>\n<p>&#8220;Ach, wirklich, Sie sind Stipendiatin, ich h\u00e4tte Sie f\u00fcr eine Hobbyautorin gehalten?&#8221;, hatte er gesagt, was sie jetzt noch\u00a0 so emp\u00f6rte, da\u00df sie tief mit ihrem Schw\u00e4mmchen in das warme Schaumwasser tauchte und damit energisch \u00fcber die Schlafzimmerfensterscheibe fuhr.<\/p>\n<p>&#8220;Flei\u00dfig, flei\u00dfig, passen Sie nur auf, da\u00df es nicht zu regnen beginnt!&#8221;, h\u00f6rte sie die Stimme des n\u00e4chsten vor\u00fcberschlendernden Passanten zu ihr sagen, was wieder an ihrer Kompentenz und ihrem Selbstbewu\u00dftsein nagte und sie noch einmal enegisch den Kopf sch\u00fctteln lie\u00df.<\/p>\n<p>Jetzt fuhr sie energisch mit dem Schw\u00e4mmchen \u00fcber die Fensterscheibe. Gestern hatte sie in ihrer Handtasche gekramt und dem Dreitagebarttypen ihre letzte Publikation entgegengehalten, das zu ihrem Bedauern noch nicht \u00fcbersetzt war. Weder auf Ukrainisch, Polnisch oder sogar in das jetzt ungeliebte Russisch, hatte sich bis jetzt ein literarischer \u00dcbersetzer gefunden, der ihre Sommererz\u00e4hlung in seine Landessprache \u00fcbertragen wollte. Das hatte nur einmal ein bosnischer Stipendiat mit einem ihrer fr\u00fcheren B\u00fccher versuchen wollen und dann darauf vergessen oder war das daf\u00fcr eingereichte Stipendium nicht zutandegekommen?<\/p>\n<p>Sie wu\u00dfte es nicht, hatte aber gestern, den ungl\u00e4ubigen Typen energisch ihr Buch entgegengestreckt und ihm erkl\u00e4rt, da\u00df das ihre letzte Ver\u00f6ffentlichung w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#8220;Wollen Sie sich sie ansehen!&#8221;, hatte sie etwas provokant gefragt. Er hatte aber nur abwehrend den Kopf gesch\u00fcttelt und noch einmal mit aller Skepsis &#8220;Ach, wirklich?&#8221; gesagt.<\/p>\n<p>Dann hatte er mit einer weiteren Bewegung das Buch von sich gewiesen und mit erhobener Plastikgabel vor ihrem Gesicht herumgewackelt, was die neben ihr stehende \u00dcbersetzerkollegin, die, wenn sie sich nicht irrte, aus dem sch\u00f6nen Tschechien kam, zu der irnonischen Bermerkung veranla\u00dfte, da\u00df das eine sehr chacharakteristische\u00a0 Handbewegung w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#8220;Richtig!&#8221;, hatte sie ver\u00e4rgert gekontert. Das Buch wieder in ihre Tasche gesteckt und sich den Gem\u00fcsest\u00e4bchen auf ihrem Teller gewidmet.<\/p>\n<p>&#8220;Sehr richtig, daran kann man die angewandte Psychologie studieren! Literatur interessiert den Herren offenbar nicht! Sind Sie auch ein Autor oder kommen Sie nur wegen des Buffets hier!&#8221;, hatte sie provokant in dem Versuch ihn zu \u00e4rgern gefragt und in ihrem Rest\u00e4rger, der vielleicht noch von gestern vorhanden war, war es ihr gelungen, die Fesnterscheibe trocken zu wischen und zu regnen hatte es auch noch nicht angefangen.<\/p>\n<p>&#8220;Geschaft, geschafft!&#8221;, dachte sie befriedigt, machte das Fenster wieder zu, schnappte K\u00fcbel und Geschirrt\u00fccher und begab sich damit nebenan in das kleine Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch der Computer stand und auch die Arbeit lag, mit der sie, um das Stipendium angesucht hatte, von dem zwar noch nicht ganz klar war, ob sie es bekommen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Hobbyautorin hielt sie sich aber trotzdem nicht und auch nicht f\u00fcr eine solche \u00dcbersetzerin, hatte sie doch sogar ein schon ein paar bisher unbekannte Arbeiten von Joseph Roth ins Englische \u00fcbersetzt und drei B\u00fccher waren von ihr auch erschinen, so da\u00df sie gr\u00f6\u00dfere Hoffnung hegte, das Stipendium zu bekommen. Die hatte ihr eigentlich auch Frau Professer Wirr-Lechner, die das Symposium geleitet hatte,\u00a0 gemacht, w\u00e4hrend der Typ im rotbraunen Pullover gestern noch immer skeptisch schaute, dann mit der Gabel in seine Schnitzelst\u00fccke fuhr,\u00a0 sein Weinglas hob und sich in weiterer Folge der tschechischen Kollegin zuwandte und von ihr wissen wollte, was sie schon \u00fcbersetzt hatte und, wie ihr das Symposium gefallen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Sie wandte sich jetzt mit voller Inbrunst ihrem Arbeitszimmerfenst zu und bemerkte mit Befriedigung, da\u00df die Dreierpersonengruppe, die vorhin in der Garageneinfahrt gestanden\u00a0 hatte, inzwischen verschwunden war. Vielleicht hatte sie sich in die Notariatspraxis begeben, vielleicht in ihre Wohnungen oder ins n\u00e4chste Wirts- oder Cafehaus gegangen. Sie w\u00fc\u00dfte es nicht. Es hatte sie auch nichts anzugehen, obwohl, sowohl f\u00fcr Hobby-, als auch f\u00fcr die sogenannten professionellen Autoren, die kleinen Alltagsbeobachten, wie sie auch von der Frau Professor geh\u00f6rt hatte, sehr wichtig waren.<\/p>\n<p>&#8220;Untersch\u00e4tzen Sie die nicht, liebe Kollegen und haben Sie, das kann ich nur wirklich raten-&#8220;, hatte sie gesagt, &#8220;-immer einen Bleistift und ein Notizbuch bei sich, um sich diese Beobachtungen aufzuschreiben und vielleicht sp\u00e4ter f\u00fcr eine Erz\u00e4hlung oder ein Gedicht verwenden zu k\u00f6nnen!&#8221;<\/p>\n<p>Ein guter Rat, nat\u00fcrlich klar und gar nichts dagegen einzuwenden und auf ihrem Arbeitszimmerschreibtisch, befand sich auch ein Notizzettelblock und eine ehemalige Kaffeepulverdose mit Bleistiften und Kugelschreibern. Sie hatte aber trotzdem keine Zeit daf\u00fcr, mu\u00dfte sie doch ihre Hausarbeit beenden. Das Fenster fertig putzen, bevor es zu regnen begann, hatte sie sich vorgenommen und da, wie sie sehen konnte, schon die ersten Tropfen vom Himmel fielen, blieb ihr auch nicht mehr sehr viel Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein st\u00fcrmischer Tag, der Himmel leicht bedeckt, Wolken waren zu sehen, so als w\u00fcrde es jederzeit zu regnen beginnen. Keine gute Aussichtslage, um die Fenster iherer kleinen Wohnung zu putzen. 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