{"id":51478,"date":"2017-05-02T23:59:55","date_gmt":"2017-05-02T21:59:55","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51478"},"modified":"2017-05-02T23:59:55","modified_gmt":"2017-05-02T21:59:55","slug":"schreibgruppe-sucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51478","title":{"rendered":"Schreibgruppe: Sucht"},"content":{"rendered":"<p>Annika B\u00fchnemann gibt schon seit einiger Zeit Tips, beziehungsweise Anregungen f\u00fcr ihre im Juni geplante Challenge &#8220;Zehn Geschichten in drei\u00dfig Tagen&#8221; zu verfassen.<\/p>\n<p>Eine davon lautet: &#8220;Beschreibe eine Szene, in der ein Abh\u00e4ngiger seiner Sucht nicht nachgehen kann. Achte auf Emotionen + Gef\u00fchle&#8221; und das hat mir sehr gefallen, umsomehr da ich mit manchen Anregungen, beispielsweise mit der &#8220;Wie es w\u00e4re wenn ein Kaninchen, die Weltherrschaft \u00fcbernehme?&#8221;, nicht so viel anfangen kann, obwohl es etwas \u00c4hnliches h\u00f6chstwahrscheinlich schon gibt.<\/p>\n<p>Und da ich ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/27\/schreibcamplaene\/\">letzten Dienstag mit dem &#8220;Fr\u00fchst\u00fcck&#8221;<\/a> fertig geworden bin und eigentlich noch nicht so schnell mit meiner n\u00e4chsten Depressionsgeschichte anfangen will, habe ich mir ja sozusagen zwei Monate f\u00fcr Studien und Recherche vorgenommen und da auch schon die erste Challenge-.Geschichte: &#8220;Schreibe eine enthusiastische Szene \u00fcber Hausarbeit&#8221; geschrieben, wenn die auch erst n\u00e4chste Woche, wenn wir schon auf der Bodensee-Radfahrt sein werden, erscheint.<\/p>\n<p>Es gibt da auch noch eine dritte Schreibanregung mit einem Bild mit einem Bus und der Aufforderungen. &#8220;Lass uns abhauben&#8221;- Emils Augen gl\u00e4nzten. &#8220;Einfach wegfahren und das Leben genie\u00dfen!&#8221;<\/p>\n<p>Und gestern am ersten Mai habe ich mir auch schon ein paar Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie es mit meiner Geschichte gehen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Da sehe ich ja immer eine Frau in der Pizzeria an der Stra\u00dfenecke sitzen, wenn ich von der &#8220;Alten Schmiede&#8221; nach Hause gehe und da habe ich mir gedacht, da\u00df sie Mathilde Schmidt hei\u00dfen k\u00f6nnte, ihr dann eine Tochter namens Lily, die in New York lebt, angedichtet und gedacht, da\u00df die Tochter wollen k\u00f6nnte, da\u00df sie zum Begr\u00e4bnis ihrer Tante, beziehungsweise Schwester Natalie gehen soll und dort trifft sie deren Ex-Mann und Lilys Vater Moritz Lichtenegger wieder und dem habe ich eigentlich die Sucht anh\u00e4ngen wollen.<\/p>\n<p>Dann habe ich mich aber entschlossen, Mathilde Schmidt, 65, die einmal Verlagssekret\u00e4rin war und die ihr Achterl immer in der Pizzeria Venezia trinkt, eine solche, beziehungsweise eine Lungenentz\u00fcndung zu verpassen und mir das, als Thema f\u00fcr die heutige <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/06\/westbahn-spontan\/\">Schreibgruppe<\/a> gew\u00fcnscht, die sehr klein gewesen ist, nur die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/10\/geburtstagsfeiern-mit-ruth\/\">Ruth <\/a>und Peter Czak waren da, es ist aber trotzdem ein sehr intensives Schreiberlebnis geworden, das ich hier als erste oder zweite Challenge-Geschichte vorstellen will:<\/p>\n<p>&#8220;Sie hatte von einem Glas Rotwein getr\u00e4umt, von einem herrlichen Valpolicella aus der Toscana, den ihr Guiseppe, der Kellner im &#8220;Venezia&#8221; extra empfohlen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben\u00a0 heute ein spezielles Tr\u00f6pferl, Signora!&#8221;, hatte er gefl\u00fcstert, die Flasche hochgehalten, an der wei\u00dfen Serviette mit der er vorschriftsm\u00e4\u00dfig ihren Hals umschlungen hatte, gewischt und ihr die rote Fl\u00fc\u00dfigkeit in das Glas geschenkt.<\/p>\n<p>&#8220;Buon Appetito, Signora!&#8221;, hatte er\u00a0 noch gew\u00fcnscht, die Speisekarte zugeschlagen, um, die von ihr gew\u00fcnschte Pizzastange mit Prosciutto und Mozarella in der K\u00fcche in Auftrag zu geben und sie hatte nach dem Glas gegriffen &#8220;Grazie, Guiseppe!&#8221;, ebenfalls gefl\u00fcstert, dann den guten Saft getrunken und getrunken&#8230;.<\/p>\n<p>Und danach aufgewacht mit einem kr\u00e4chzenden Hals und einem brennenden Gef\u00fchl im Kopf und als sie sich an die Stirne griff, war die na\u00df vor Schwei\u00df und der excellente Valpolicella war verschwunden und nie dagegwesen. Auf dem Nachtk\u00e4stchen neben ihrem Bett stand nur auf dem St\u00f6vchen, der russische Tee mit Hong und Zitrone, den ihr die Frau von der Volkshilfe, die derzeit jeden Morgen und jeden Abend zwanzig Minuten nach ihr schaute, vorsorglich hingestellt und sie daran erinnert hatte, da\u00df sie davon trinken k\u00f6nne, bis sie morgen um halb neun wieder kommen w\u00fcrde, um neuen Tee zu kochen und ihr das Fr\u00fchst\u00fcck zu bereiten.<\/p>\n<p>&#8220;Damit Sie etwas zum Erfrischen haben, Frau Schmidt!&#8221;, hatte sie ebenfalls f\u00fcrsorglich gesagt. Dann hatte sie ihre Jacke und ihre Tasche genommen und war gegangen. Hatte sie mit ihrem Fieber, der Lungenentz\u00fcndung und dem kr\u00e4chzenden Hals zur\u00fcckgelassen und sie hatte auf die Uhr geschaut und\u00a0 wehm\u00fctig gedacht, da\u00df das die Zeit war, wo sie jeden Abend in die Pizzeria Venezia, die sich in ihrem Wohnhaus befand, hinunterzugehen pflegte, um sich bei ihrem Lieblingskellner Guisellpe, der, wie sie vermutete, in Wahrheit Mehmet hie\u00df und kurdischer T\u00fcrke war, ein Glas Valpolicella und dazu einen Insalata mista oder eine Prosciutto Mozarella- Pizzastange zu bestellen.<\/p>\n<p>Wie sie das seit fast drei\u00dfig Jahren tat, seit es die Pizzeria an der Ecke ihres Hauses gab. Am Abend ging sie hinunter, setzte sich in das Lokal, um eine Kleinigkeit zu essen und ein Glas Rotwein zu trinken oder auch zwei.<\/p>\n<p>Jeden Abend, seit fast drei\u00dfig Jahren. Nur heute ging das nicht. Gestern und vorgestern war sie auch nicht dort gewesen, denn da plagte sie eine hinterlistige Lungeentz\u00fcndung, die ihr ihr Hausarzt Dr. Wolfgruber diagnostiziert hatte. Antibiotica und Penecelin verordnete und ihr die Frau von der Volshilfe schickte, die ihr ihr Bett machte, Tee kochte, die verordneten Medikamente verabreichte und sehr freundlich war.<\/p>\n<p>Sie servierte ihr Kamillentee oder russischen mit Zitrone, aber keinen Rotwein. Daf\u00fcr hatte sie kein Verst\u00e4ndnis und schien, wie sie aussah auch eineAntialkoholikerin zu sein, die nur den Kopf sch\u00fctteln w\u00fcrde, wenn sie von ihren Gel\u00fcsten w\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Von ihren geheimen Gel\u00fcsten und den Schwei\u00dfperlen, die sich jetzt auf ihrer Stirn gesammelt hatten. Denn jetzt war es schon drei oder sogar schon f\u00fcnf Tage her, da\u00df sie bei Guiseppe in der Pizzeria Venezia gewesen war, wie sie das schon seit fast drei\u00dfig Jahren regelm\u00e4\u00dfig jeden Abend tat. Ob sie ihm abging und er sie vermi\u00dfte? Aber vielleicht hatte Dr. Wolfgruber, der seine Praxis auf der anderen Stra\u00dfenseite hatte, ihm Bescheid gegeben oder die Frau von der Volkshilfe hatte ihn informiert, da\u00df sie an einer Lungenentz\u00fcndung litt und\u00a0 die n\u00e4chsten Tage oder vielleicht Wochen ausfallen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8220;No problema!&#8221;, w\u00fcrde der wohl mit einem strahlenden L\u00e4cheln seiner wei\u00dfen Z\u00e4hne antworten.<\/p>\n<p>&#8220;No problema, Signora!&#8221; und ihr alles Gute w\u00fcnschen. Aber gut war es nicht, wie sie merkte, als sie nach nach ihrer Stirne griff und dann mit einer verzweifelten Bewegung zu dem St\u00f6vchen, dessen Kerze l\u00e4ngst aufgegangen war und die Tonkanne bef\u00fchlte, in dem sich der von der Frau von der Volkshilfe angepriesene hei\u00dfe Tee mit Zitronensaft und Honig befinden sollte, der ihr so gar nicht schmeckte.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht tat er das, wenn man von einem wunderbaren Tr\u00f6pfchen, einem Valpolicella aus der Toscana getr\u00e4umt hatte oder war es ein Chianti, den ihr Guiseppe angepriesen hatte und sie mu\u00dfte in ihrem Bett und in ihrem Fieber ausharren,\u00a0 konnte nicht hinuntergehen und sich von ihm das edle Tr\u00f6pchen servieren lassen.<\/p>\n<p>Brachte es nicht zusammen, ihre Kr\u00e4fte reichten dazu nicht aus. Auch wenn sie sich nicht genieren w\u00fcrde, im Nachthemd, die drei Stockwerke bis zur Pizzeria Venezia hinunterzusteigen. Als Stammg\u00e4stin die sie ja seit fast drei\u00dfig Jahren war, konnte sie sich das sicher leisten. Sie konnte aber nicht. Ihre Kr\u00e4fte reichten nicht dazu aus.<\/p>\n<p>Das hatte sie schon gestern ausprobiert und war nicht weitgekommen. Sie konnte nicht einmal in das Vorzimmer zu ihrem Festnetzanschlu\u00df hinauswanken, um Guiseppe anzurufen und sich von ihm das edle Tr\u00f6pferl heraufbringen lassen. Konnte und schaffte es nicht, obwohl ihre Sucht mit allen Sinnen danach lechzte.<\/p>\n<p>Denn jetzt war es, wie sie auf ihrer Uhr ersah, schon weit nach Mitternacht. Die Pizzeria Venezia w\u00fcrde geschlossen sein und Guiseppe-Mehmet nach Hause in die Gemeindewohnung im f\u00fcnfzehnten Bezirk, wo er mit seinen Eltern und seinen Schwestern lebte, gegangen sein und sie mu\u00dfte im Trockenen bleiben. Konnte sich nur den Schwei\u00df von der Stirne wischen, der sicher von ihren Entzugserscheinungen und nicht von der Lungenentz\u00fcndung herkam.<\/p>\n<p>Sich sich mit einem kalten abgestandnenen Zitronentee begn\u00fcgen, der ihr, wie sie sicher war, nicht schmecken w\u00fcrde. Mu\u00dfte ausharren und w\u00fcrde bis die Frau von der Volkshilfe morgen, um halb neun wieder kam, dachte sie verzweifelt und ihre Stiirn war na\u00df vor Schwei\u00df und ihre H\u00e4nde zitterten, als sie jetzt doch nach der Teekanne griff, um sich von den Zitronentee in die bereitstehende Tasse einzuschenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annika B\u00fchnemann gibt schon seit einiger Zeit Tips, beziehungsweise Anregungen f\u00fcr ihre im Juni geplante Challenge &#8220;Zehn Geschichten in drei\u00dfig Tagen&#8221; zu verfassen. Eine davon lautet: &#8220;Beschreibe eine Szene, in der ein Abh\u00e4ngiger seiner Sucht nicht nachgehen kann. 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