{"id":51518,"date":"2017-05-05T00:26:43","date_gmt":"2017-05-04T22:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51518"},"modified":"2017-05-05T00:26:43","modified_gmt":"2017-05-04T22:26:43","slug":"eine-gefuerchtete-begegnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51518","title":{"rendered":"Eine unerwartete Aufforderung"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Bitte sehr, Signora, Signore!&#8221;, sagte Guiseppe, drehte, wie nur er es zu tun verstand, an seiner wei\u00dfen Serviette und stellte die beiden Rotweingl\u00e4ser vor sie ab.<\/p>\n<p>Vor sie und Moritz Lichternstern, der den Kellner freundlich anl\u00e4chelte, sich bei ihm bedankte, dann sein Glas erhob und ihr zuprostete.<\/p>\n<p>&#8220;Auf uns, la\u00df es dir schmecken, Mathilde!&#8221;, sagte er und l\u00e4chelte sie so an, wie er es vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren in Berlin getan hatte. Vor drei\u00dfig Jahren und neun Monaten, um genau zu sein, in den R\u00e4umen des Starverlags, wo er nach Abschlu\u00df seines Literaturstudiums gerade eingetreten war und sie auch erst seit ein paar Monaten, als Sekret\u00e4rin t\u00e4tig gewesen war.<\/p>\n<p>&#8220;Wohl bekomms!&#8221;<\/p>\n<p>So waren sie einander damals auch in den kleinen Buschenschenken an der Spree gegen\u00fcbergesessen, hatten sich angel\u00e4chelt, einander zugeprostet, den Wein genossen und sie, die mit ihren fast drei\u00dfig Jahren ja kein wirklich junges M\u00e4dchen mehr gewesen war, hatte sich in ihn verliebt und war damals wahrscheinlich genauso rot geworden, wie es ihr jetzt passierte.<\/p>\n<p>Der Unterschied war nur, da\u00df sie damals wahrscheinlich wei\u00df getragen hatte oder fr\u00f6hliche Farben. Ein leichtes Kleid mit Blumenmuster, w\u00e4hrend sie heute schwarz gekleidet waren. Sie in einem Kost\u00fcm, er im korrekten schwarzen Anzug, der trauernde Witwer und die traurige Schwester, obwohl beides\u00a0 nicht stimmte und zumindestens was sie betraf, erstunken und erlogen war.<\/p>\n<p>Sie trauerte nicht um Natalie, die vor zwei Wochen einem Krebsleiden erlegen war. Gar nicht und keine Spur. Nicht die Bohne und hatte allen Grund dazu. Die Schwester war ihr piepegal, auch wenn sie, wie sie auf dem Partzettel gelesen hatte, ihrem schweren Leiden tapfer erlegen war, k\u00fcmerte sie das nicht und sie s\u00e4\u00dfe jetzt nicht hier in einem schwarzen Kost\u00fcm, das sie zuletzt beim Begr\u00e4bnis ihrer Mutter getragen hatte, h\u00e4tte Lilly sie nicht so gedr\u00e4ngt und regelrecht unter Druck gesetzt, doch zu dem Begr\u00e4bnis zu gehen.<\/p>\n<p>&#8220;Bitte Mama!&#8221;, hatte sie gesagt und ihre Stimme hatte vers\u00f6hnend geklungen.<\/p>\n<p>&#8220;Tu es mir mir zu liebe, ich wei\u00df, da\u00df du dich mit Tante Natalie nicht verstanden hast! Sie ist aber deine Zwillingsschwester und soll man nicht vergeben und verzeihen?&#8221;, hatte das T\u00f6chterlein gefl\u00f6tet und sie hatte nachgegeben, das Kost\u00fcm aus dem Kasten geholt und war mit zitternden Knien und sehr gegen ihren Willen auf den Zentralfriedhof gefahren. Denn sie wollte nicht vergeben und verzeihen. W\u00fcrde das nie tun und hatte solcher Art der begnadenten Psychoanalytikerin keine Rose in den Sarg geworfen. Sie hatte ihr auch keinen Kranz bestellt, sondern war nur Lily wegen, die nach T\u00f6chterart vergeben und vers\u00f6hnen wollte und noch keine Ahnung hatte, da\u00df das vergebliche M\u00fche war und nie und niemals geschehen w\u00fcrde, auf den Friedhof gefahren.<\/p>\n<p>Da\u00df sie hier Moritz treffen w\u00fcrde, den sie drei\u00dfig Jahre nicht gesehen hatte, hatte sie da noch nicht gewu\u00dft, obwohl sie es sich denken h\u00e4tte k\u00f6nnen oder eigentlich auch nicht, war er doch, wie sie einmal geh\u00f6rt hatte, von Natalie l\u00e4ngst geschieden und er trug, wie sie sehen konnte, auch keinen Ring an seinem Finger seiner sch\u00f6nen Hand.<\/p>\n<p>&#8220;Gr\u00fc\u00df dich, Mathilde!&#8221;, hatte er gesagt, sich \u00fcber ihre Hand gebeugt und, wie ein Charmeur einen leichten Ku\u00df darauf gedr\u00fcckt. Dann war er nicht von ihrer Seite gewichen, nebenan waren sie in der ersten Reihe in der Aufbahrungshalle gesessen, denn die ber\u00fchmte Psychoanalytikerin und begnadete Frau, wie sie sich ihre Schwester immer vorgestellt hatte, war offenbar doch nicht so beliebt gewesen, da sie und Moritz die einzigen Trauerg\u00e4ste waren.<\/p>\n<p>Das stimmte wohl nicht so ganz und war erlogen, rief sie sich jetzt selbst zur Ordnung zur\u00fcck. Das war nat\u00fcrlich nicht der Grund. In Berlin trauerten wahrscheinlich, die ehemaligen Patientien, aber Natalie hatte darauf bestanden, in Wien im Grab der Eltern bestatten zu werden und da sie schon drei\u00dfig Jahre in Berlin lebte und dort ihre Praxis hatte, waren ihre Freunde eben dort und der Weg von Berlin nach Wien war lang. Nur Moritz hatte ihn genommen, obwohl er von Natalie geschieden war und Lily, ihre Nichte lebte in\u00a0 New York, war dort Kuratorin am \u00f6sterreichischen Kulturinstitut und konnte auch nicht kommen. Deshalb hatte sie sie \u00fcberredet hinzugehen. Hatte regelrecht\u00a0 darum gebettelt. Und sie hatte nachgegeben und war Moritz in der Aufbahrungshalle in die Arme glaufen. War w\u00e4hrend der Trauerworte des Pfarrers neben ihm gesessen, hatte mit ihm dem Sarg gefolgt und, als sie sich anschlie\u00dfend verabschieden wollte, war er auch an ihrer Seite geblieben, hatte sie angesehen und gefragt, ob sie nicht ihr Wiedersehen feiern wollten?<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben uns lange nicht gesehen, Mathilde!&#8221;, hatte er gesagt und dazu gef\u00fcgt,&#8221;Ich habe dich nicht vergessen und oft an dich gedacht!&#8221; und dann von ihr wissen wollen, wie es ihr ginge.<\/p>\n<p>&#8220;Geht es dir gut, Mathilde?&#8221;, hatte er gefragt. Sie hatte genickt und gelogen und dann noch einmal genickt, als er sie fragte, ob sie nicht ein Glas Wein trinken wollte und dann noch einmal gelogen und war mit ihm mit der Stra\u00dfenbahn in die Pizzeria Venezia, ihrem Stammlokal, wo sie nun schon fast drei\u00dfig Jahren jeden Abend ihr Gl\u00e4schen trank, gefahren, wo sie Guiseppe, der in Wahrheit Mehmet hie\u00df und t\u00fcrkischer Kurde und kein Italiener war, anstarrte, denn in den Jahren, wo er hier bediente, war es noch nie vorgekommen, da\u00df sie Begleitung in das Lokal gekommen war. Da war sie immer allein gewesen und er hatte sie wohl f\u00fcr eine einsame alte Frau gehalten. Lie\u00df sich seine Verwundertung aber nicht ansehen, sondern hatte sie sofort angel\u00e4chelt und &#8220;Ist das Ihr Gatte, Signora?&#8221;, gefragt.<\/p>\n<p>Er hatte das wohl selbst nicht geglaubt, dennn dann h\u00e4tte er ihn wohl kennen m\u00fc\u00dfen und sie hatte auch energisch den Kopf gesch\u00fcttelt &#8220;Der Gatte meiner Schwester!&#8221;, geantwortet und auf ihr schwarzes Kost\u00fcm und seinen dunklen Anzug gezeigt.<\/p>\n<p>&#8220;Beim Begr\u00e4bnis haben wir uns getroffen!&#8221;, hatte sie noch hinzugef\u00fcgt und Guiseppe hatte einsichtsvoll\u00a0 genickt. War dann verschwunden, um zehn Minuten sp\u00e4ter mit den beiden Achterln Valpolilcella wiederzukehren, mit denen sie nun anstei\u00dfen und Moritz schaute sie lang und tief und eigentlich unversch\u00e4mt an, wie sie dachte. Aber ehe sie ihm das sagen konnte, hatte er sein Glas zur\u00fcckgestellt, in seine Anzugstasche gegriffen und von dort ein Foto herausgeholt, das er ihr unter die Nase hielt und auf dem sie verbl\u00fcfft, einen orangen Kleinbus erkannte, der auf einer staubigen Stra\u00dfe entlangfuhr.<\/p>\n<p>&#8220;Das ist mein Freund und little helper, mit ihm bin ich von Berlin hergefahren, Mathilde, um Natalie die letzte Ehre zu erweisen, wie das so sch\u00f6n hei\u00dft. Aber um ehrlich zu sein, auch dich zu treffen! Denn du wei\u00dft ja sicher, da\u00df meine kurze Ehe ein Irrtum war und ich l\u00e4ngst bereute, dich damals verlassen zu haben! Aber du wei\u00dft vielleicht auch, Fehler kann man wiedergutmachen, soll es auch, wenn man schon \u00fcber siebzig ist und von seinem Verlag, f\u00fcr den man\u00a0 noch ein paar jahre t\u00e4tig sein wollte, in Pension geschickt wurde. Ein paar Jahre habe ich noch Zeit,\u00a0 ihn zu ver\u00e4ndern! Deshalb habe ich mich gefreut, dich heute zu treffen! Wenn ich ich ehrlich bin, habe ich darauf gewartet! Bin eigentlich mehr wegen dir, als wegen Natalie nach Wien gefahren und jetzt sind meine W\u00fcnsche in Erf\u00fcllung gegangen, ich sehe dich seit drei\u00dfig Jahren wieder&#8221;, sagte er und wollte wohl noch etwas dazusetzen, wurde aber von Guiseppe unterbrochen, der mit den Speisekarten auf sie zugekommen war, sie vor sie hinlegte und sich erkundigte ob sie etwas essen wollten?<\/p>\n<p>&#8220;Sp\u00e4ter vielleicht!&#8221;, antwortete Moritz, schlug die Karte auf und steckte das Foto in seine Jackentasche zur\u00fcck. Dann hob er noch einmal sein Glas und sah sie an.<\/p>\n<p>&#8220;Nach meiner Pension habe ich mir vorgenommen eine Weltreise zu machen! Mit dem Bus wollte ich durch Europa zu fahren. Aber wie soll ich das allein, als einsamer Mann? Das w\u00e4re wohl nicht ganz das Richtige!&#8221;, sagte er, brach ab, griff er noch einmal in die Tasche, holte das Foto erneut heraus und legte es vor sie auf die Speisekarte, die sie gerade aufgeschlagen hatte, um sich einen Insalata Mista zu bestellten, schaute sie tief an und sagte, sie glaubte nicht richtig zu h\u00f6ren und ihn falsch zu verstehen &#8220;Lass uns abhauen! Einfach wegfahren und das Leben genie\u00dfen, Mathilde!&#8221;<\/p>\n<p>Seine Augen gl\u00e4nzten dabei, als er ihre Hand ber\u00fchrte. Sie wurde aber, wie sie bef\u00fcrchtete, rot, machte eine abwehrende Bewegung und sch\u00fcttelte auch, wie sie sich sp\u00e4ter zu erinnern glaubte, den Kopf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Bitte sehr, Signora, Signore!&#8221;, sagte Guiseppe, drehte, wie nur er es zu tun verstand, an seiner wei\u00dfen Serviette und stellte die beiden Rotweingl\u00e4ser vor sie ab. 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