{"id":51531,"date":"2017-05-18T00:15:56","date_gmt":"2017-05-17T22:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51531"},"modified":"2017-05-18T00:15:56","modified_gmt":"2017-05-17T22:15:56","slug":"das-geheimnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51531","title":{"rendered":"Das Geheimnis"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Verdammt,\u00a0 verdammt!&#8221;, murmelte Lily und starrte tr\u00fcbsinnig vor sich hin.<\/p>\n<p>&#8220;Was hast du Darling? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?&#8221;, erkundigte sich Philip, der ihr Lebensabschnittspartner seit genau zweieinhalben Jahren war und schaute sie besorgt an.<\/p>\n<p>&#8220;Du schaust so grimmig drein! Gibt es Probleme mit dem Chef und deinem Institut? Aha, ich sehe, du hast einen Brief vor dir liegen! Post aus\u00a0 Bloody old Europe bekommen? Ist es die Mama, die sich meldet und sich sorgt, ob sich das T\u00f6chterlein in dem so gef\u00e4hrlichen Manhatten auch warm genug anzieht, wenn es auf die Stra\u00dfe geht?<\/p>\n<p>&#8220;Nein!&#8221;, antwortete Lily Schmidt, blickte auf ihre Uhr und stellte erleichtert fest, da\u00df es knapp vor elf war, Zeit f\u00fcr Phil in die Redaktion zu gehen und sie f\u00fcr den Rest des Tages allein zu lassen, was gut war, denn sie wollte, konnte ihm nicht sagen, was in dem Brief stand, den sie von Tante Natalie aus dem sch\u00f6nen Berlin erhalten hatte. Konnte es noch nicht und mu\u00dfte es vielleicht trotzdem bald tun, denn Phil der, freiberuflicher Reporter bei der New York Times war, hatte einen scharfen Blick und Tante Natalies Absenderstempel schon erkannt.<\/p>\n<p>&#8220;Dr. Natalie Lichtenstern-Schmidt, Psychoanalytikerin!&#8221;, stand darauf zu lesen und Phil nickte befriedigt vor sich hin.<\/p>\n<p>&#8220;Alles klar, der Brief kommt von der Tante! Was will die Gute denn von dir? La\u00df, wenn ich raten darf, sie nicht zu viel in deiner Seele herumklempern, das tut nie gut!&#8221;,wollte er wissen, dann wandte er den Blick von dem Briefkuvert ab und sah sie noch einmal besorgt an.<\/p>\n<p>&#8220;Ist alles in Ordnung? Kann ich dich alleine lassen? Du wei\u00dft, ich mu\u00df in die Redaktion, um elf Uhr drei\u00dfig ist Sitzung und wenn ich da nicht p\u00fcnktlich bin- Aber ich verspreche, ich rufe so bald wie m\u00f6glich an, um mich zu erkundigen, was das Tantchen von dir wollte und rate dir, wie du ihren Psychoanalytikerkrallen entkommen kannst!&#8221;, sagte er in seiner zuversichtlichen Art,\u00a0 griff dann nach dem Handy, den Kopfh\u00f6rern und seinen Rucksack und dr\u00fcckte ihr einen leichten Ku\u00df auf die Stirn.<\/p>\n<p>&#8220;Klar!&#8221;, antwortete Lily und bem\u00fchte sich ein zuversichtliches L\u00e4cheln auf ihre Lippen zu bringen.<\/p>\n<p>&#8220;Klar, kannst du das, keine Sorge, ich mu\u00df den Brief erst lesen!&#8221;, behauptete sie. Presste diesen fester an sich, dann winkte sie ihm nach und wartete, bis er die T\u00fcr zu dem Loft, das sie in einer ehemaligen Fabrik bewohnten, geschlossen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Klar kannst du das!&#8221;, hatte sie behauptet und damit gelogen. Denn nichts war in Ordnung, ganz und gar nicht. Denn der Brief, den die Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter ihr aus Berlin gesendet hatte, war das absolut nicht gewesen und hatte sie so durcheinandergebracht, da\u00df ihre H\u00e4nde zimmterten und sie unwillk\u00fcrlich zum K\u00fcchenkasten ging, um sich ein Glas Whisky einzugie\u00dfen, denn sie brauchte jetzt etwas Starkes zur Aufmunterung und Beruhigung. Ein Gl\u00e4schen Whisky on the Rocks, das Phil von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen hatte, wenn schon kein Rotwein im Hause war, den die Mutter, wie sie wu\u00dfte, so gern am Abend trank, wenn sie sich\u00a0 in der einsamen Position, in der sie sich befand, abend f\u00fcr abend in die Pizzerie, die es in ihrem Wohnhaus gab, begab, um sich dort von einem jungen Kellner oder auch vom Chef des Hauses ein Glas Chianti servieren zu lassen. Das war eigentlich etwas, was beunruhigen und Anla\u00df zur Sorge geben k\u00f6nnte. Die Einsamkeit der Mutter, die wie sie f\u00fcrchtete, in Wien ganz alleine war, weil sich ihre Tochter nach Abschlu\u00df ihres Studiums\u00a0 nach New York gefl\u00fcchtet hatte und ihre Zwillingsschwester Natalie in Berlin seit Jahren eine psychoanalyltische Praxis f\u00fchrte. Mehr Verwandte gab es nicht, au\u00dfer Moritz Lichternstern, dem geschiedenen Mannn der Tante, der aber l\u00e4ngst aus ihrem Leben verschunden und daher eine Legende war, weil sie selber keinen Vater hatte, beziehungsweise den Namen desselben\u00a0 nicht kannte, denn der war noch fr\u00fcher, als Moritz Lichtenstern aus der Tante Leben, aus dem der Mutter verschwunden, was hei\u00dft, das es ihn schon nicht gegeben hatte, als Lily mit ihrer Mutter in dem alten Zinshaus mit der Pizzeria in Margareten aufgewachsen war.<\/p>\n<p>&#8220;Frag mich nicht, Lily!&#8221;, hatte sie auf ihre Fragen immer sehr energisch geantwortet.<\/p>\n<p>&#8220;Du hast keinen Vater und wir brauchen ihn auch nicht, weil ich versuche, so gut es geht, ihn dir zu ersetzen und du wei\u00dft ja, deine Kindergartenfreundinnen haben auch oft keine V\u00e4ter, weil die ihren M\u00fcttern davon gelaufen sind, was ich dir hiermit erspare!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wie der Mann von Tante Natalie!&#8221;, hatte die vorwitzige Gymnasiastin einmal gefragt, die diese Nachricht von der Gro\u00dfmutter geh\u00f6rt hatte, aber sofort verstummte, als sie den eisigen Blick der Mutter sah, mit dem die darauf reagierte.<\/p>\n<p>&#8220;Genau, Sch\u00e4tzchen und das will ich dir ersparen! Deshalb frage nicht! Woher wei\u00dft du das \u00fcberhaupt von Tante Natalie?&#8221;, setzte sie dann hinzu und Lily hatte aufgeseufzt, weil sie schon weise bef\u00fcrchtete, da\u00df die Antwort, ein Besuchsverbot bei der Gro\u00dfmutter einbringen k\u00f6nnte, denn die Mutter, das hatte sie schon als Kind geahnt, verstand sich weder gut mit ihrer Mutter, noch mit ihrer Zwillingsschwster.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfmutter war dann auch gestorben, noch bevor sie ihre Matura abgeschlossen hatte und so hatte sie nie mehr etwas von der Tante in Berlin und dem entlaufenen Onkel geh\u00f6rt, denn die Mutter sprach nicht mehr davon und auch nach ihrem Vater hatte sie nicht mehr gefragt, obwohl sie, das konnte sie nicht leugnen und nicht bestreiten, sehr neugierig auf ihn war und schon daran gedachte hatte, ob sie nicht einen Detetktiv engagieren solle, der ihr dieses Geheimnis l\u00fcften sollte.<\/p>\n<p>Und jetzt war das offenbar durch den Brief geschehen, der zwar den Praxisstempel ihrer ihr sehr unbekannten Tante trug, aber ihr eigentlich von einem Notar abgeschickt worden war.<\/p>\n<p>&#8220;Sehr geehrte Frau Schmidt! Im Auftrag meiner Mandantin, die letzte Nacht im christlichen Hospitz, am Weissensee, gestorben ist, \u00fcbersende ich Ihnen diesen Brief!&#8221;, hatte er f\u00f6rmlich geschrieben und als sie ihn aufgerissen hatte, lag darin ein Bild eines braunhaarigen lockigen Mannes, der eine Lederjacke und eine Brille trug, der, wie sie von dem Hochzeitsbild der Tante, das ihr die Gro\u00dfmutter einmal gezeigt hatte, erkannte, jener Moritz Lichtenstern war.<\/p>\n<p>&#8220;Das ist dein Vater!&#8221;, hatte die Tante in ihrer energischen Psychoanalytikerinnenhandschrift darunter geschrieben. &#8220;Wenn deine Mutter auch ihr Geheimnis in ihr Grab mitnehmen will, werde ich, die ihr offenbar vorausgehe es l\u00fcften und dich informieren. Denn Geheimnisse, liebes Kind, habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, tun nicht gut und machen nur Probleme! Also sollst du es wissen und auch, wenn du dich das fragst, warum deine Mutter ihr\u00a0 so b\u00f6se auf mich war und keinen Kontakt\u00a0 zu mir wollte und auch dich nicht in mein Leben lassen wollte!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Aha!&#8221;, dachte Liliy und ihre Finger zitterten jetzt so stark, da\u00df der Brief mit dem Bild auf den Boden gefallen war.<\/p>\n<p>&#8220;Aha!&#8221; und nocheinmal nach der Whiskyflasche gegriffen, um sich ein zweites Glas einzuschenken. Das brauchte sie jetzt und tat ihr gut und Phil war\u00a0 auch nicht mehr hier und konnte daher nicht sehen, da\u00df seine gro\u00dfe starke Liliane, die er doch so bewunderte, gerade dabei war, sich aus der Welt zu trinken.<\/p>\n<p>Aber vorher b\u00fcckte sie sich gehorsam, um den Brief und das Bild aufzuheben und da bemerkte sie, da\u00df der vorsorgliche Notar ihr den Patenzettel beigelgt hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Nach kurzen schweren Leiden und tapferen K\u00e4mpfen!&#8221; stand darauf zu lesen und nichts von einer treusorgenden Schwester. auch nichts von der Nichte oder war es jetzt die Tochter Liliane, die diese hinterlassen hatte. Auch der geschiedene Ehemann war nicht darauf vermerkt, daf\u00fcr aber das Datum, das, wie Lily trotzdem sich ihr Kopf schon etwas benommen anf\u00fchlte, klar erkannte, schon \u00fcbermorgen, am Wiener Zentralfried Hof stattfinden w\u00fcrde, wo sich, wie sie wu\u00dfte, die Grabstatt ihrer Gro\u00dfeltern befand.<\/p>\n<p>\u00dcbermorgen gab es im Kulturinstitut eine gr\u00f6\u00dfere Veranstaltung, da konnte sie nicht weg und es w\u00e4re ihr auch ein wenig unpassend erschienen, zum Begr\u00e4bnis einer Tante zu fliegen, die sie eigentlich nicht gekannt hatte. Da w\u00e4re ein Besuch der Mutter, um ihr dieses Brief zu zeigen, schon passender, aber auch das mu\u00dfte sie sich abschminken. Sie hatte Dienst im Instutut und bekam so schell\u00a0 auch keinen passenden Flug.<\/p>\n<p>Aber anrufen konnte sie sie, die, wie ihr jetzt einfiel, sich gerade von einer Lungenentz\u00fcndung erholte. Ihr von dem Begr\u00e4bnis erz\u00e4hlen und\u00a0 ihr den Brief vorlesen und das w\u00fcrde sie auch tun, weil, wie die psychoanlalytische Tante richtig geschrieben hatte, Geheimnisse nichts brachten und nur unn\u00f6tige Probleme verursachten. So atmete sie durch, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Whiskyglas. Dann suchte sie nach ihrem Handy und tippte die Nummer ihrer Mutter ein.<\/p>\n<p>&#8220;Hallo, Mami!&#8221;, sagte sie, nachdem die sich meldete, dann kurz entschlo\u00dfen mit schriller Stimme und einem hohen pfeifenden Ton.<\/p>\n<p>&#8220;Hast du gewu\u00dft, da\u00df Tante Natalie gestorben ist und \u00fcbermorgen, um f\u00fcnf am Zentralfriedhof begraben wird. Leider haben wir da eine gro\u00dfe Veranstaltung, so da\u00df ich nicht hinkommen kann! Ich will aber, da\u00df du das f\u00fcr mich tust! Bitte, Mami, sie ist doch deine einzige Schwester, bitte Mami, tue es f\u00fcr mich!&#8221; wiederholte, sie mit ihrer schrillen alkoholgeschw\u00e4ngerten Stimme und wunderte sich nicht, da\u00df die Mutter aufgelegt hatte und auch nicht dar\u00fcber, da\u00df sie der Mutter zwar von dem Begr\u00e4bnis, aber nichts von dem Brief der Tante und dem Bild des ihr unbekannten Ex-Onkels, der eigentlich ihr Vater sein sollte, erz\u00e4hlt hatte, obwohl das der eigentliche Grund ihres Anrufs war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Verdammt,\u00a0 verdammt!&#8221;, murmelte Lily und starrte tr\u00fcbsinnig vor sich hin. &#8220;Was hast du Darling? 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