{"id":51808,"date":"2017-05-26T15:09:19","date_gmt":"2017-05-26T13:09:19","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51808"},"modified":"2017-05-26T15:09:19","modified_gmt":"2017-05-26T13:09:19","slug":"angekommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51808","title":{"rendered":"Angekommen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Angekommen!&#8221;, dachte Slavenka Jahoda und schaute ein wenig tr\u00fcbsinnig vor sich hin. Lie\u00df den Kopf mit den kurzgeschnittenen r\u00f6tlich gef\u00e4rbten Haaren durch das kleine Atelier gleiten, in das Doktor Hartner sie vorhin gef\u00fchrt und die T\u00fcre dann hinter sich geschlossen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Dann la\u00df ich Sie allein, damit Sie auspacken und sich in Ihrem neuen Reich ein wenig heimisch f\u00fchlen k\u00f6nnen!&#8221;, hatte er, der wohl zwanzig oder waren es schon drei\u00dfig Jahre, \u00e4lter als sie war, zu ihr gesagt und sie dabei wohlwollend v\u00e4terlich durch seine viereckige Brille angesehen.<\/p>\n<p>&#8220;Wenn es Ihnen recht ist, Fr\u00e4ulein Jahoda!&#8221;<\/p>\n<p>Er hatte wirklich diese Form gew\u00e4hlt, obwohl sie im Institut gelernt hatte, da\u00df das schon l\u00e4ngst veraltet war und man im Deutschen und sicher auch im \u00d6sterreichischen, jede Frau ab achtzehn, als solche anszusprechen und sie hatte ihren vierundzwanzigsten Geburtstag schon vor zwei Monaten gefeiert, noch bevor sie gewu\u00dft hatte, da\u00df ihr Stipendiumsantrag bewilligt worden war und sie den Monat Mai und den Juni, als Stipendiatin am Institut f\u00fcr h\u00f6hrere Studien verbringen und \u00fcber den Einflu\u00df von Blogs aufs den Literaturbetrieb forschen w\u00fcrde k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das war ihre Dissertation, die sie am Germanistischen Institut von Bratislava schrieb und nach dem das Stipendiuum bewilligt worden war, hatte sie ihren Rucksack und ihre Reisetasche gepackt, war mit dem Bus hierhergefahren und von Doktor Stefan Hartner, der ihr Stipendiumsbetreuer war, in der Bibliothek des Institutes empfangen worden, der sie in das kleine Atelier, das den Stipendiaten zur Verf\u00fcgung stand, hinaufbegleitet hatte und sie dann wieder in die Bibliothek hinunter bestellt hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Treffen wir uns in einer Stunde in der Bibliothek, damit wir alles Weitere bresprechen k\u00f6nnen! Ist Ihnen das recht?&#8221;, hatte er wieder in seiner v\u00e4terlich umst\u00e4ndlichen Art gesagt und sie hatte energisch genickt, wobei ihr die frischgewaschenen Haare ins Gesicht gefallen waren, ihm beim Schlie\u00dfen der T\u00fcre zugesehen und lie\u00df den Blick nun \u00fcber das Zimmerchen gleiten, das f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Monate das ihre sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein Bett, ein Schrank ein Schreibtisch, zwei Sesseln und eine Badezimmernische mit einer WC-Muschel und einer Duschkabine. So weit nicht weiter aufregend und von dem Studentenzimmer, das sie in Bratislava bewohnte, nicht wirklich zu unterscheiden und zu Hause in Kosice, wo sie mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern in einem dieser heruntergekommenen sozialistischen Plattenbauten aufgewachsen war, war es auch nicht sch\u00f6ner gewesen.<\/p>\n<p>So weit so gut und nicht wirklich aufregend. Also die Tasche und den Rucksack auspacken, die T-Shirts und die Jeans in den kleinen Kasten r\u00e4umen, den Laptop auf den Schreibtisch stellen und die mitgebrachten B\u00fccher auf das Regal r\u00e4umen, das sich \u00fcber dem Bett auch noch befand.<br \/>\nDort hatte vorher nur ein Stadtplan von Wien gelegen, den ihr Dr. Hartner oder ein anderer Institutsmitarbeiter vorsorglich hingelegt hatte, damit sie sich\u00a0auskennen und in der Stadt zurechtkommen w\u00fcrde. Jetzt standen ihre B\u00fccher da, obwohl sie die f\u00fcr ihre Dissertation\u00a0 nicht besonders brauchte, denn sie wollte ja das Internat erforschen, beziehungsweise, die literarischen Blogs, die es in diesem gab und dar\u00fcber gab es noch nicht viel Printliteratur und auch noch nicht sehr viele Dissertationen.<\/p>\n<p>Und um das zu ver\u00e4ndern war sie auch hergekommen, obwohl ihr Bratislaver Doktorvater Dr. Jan Prochazka zuerst den Kopf gesch\u00fcttelt hatte, als sie ihm von ihrem Plan erz\u00e4hlt hatte. Das war ihm zu modern erschienen und er hatte wohl auch nicht wirklich geglaubt, da\u00df Blogs einen Einflu\u00df auf den Literaturbetrieb haben k\u00f6nnten, dann hatte sie ihm die dreitausend Artikel des Blogs, der Eja Augustin gezeigt, in denen die das literarische Lebens Wien der letzten zehn Jahre beschrieben und belebt hatte und er hatte einlenkend\u00a0 &#8220;Wenn Sie glauben, Kollegin!&#8221;, gesagt.<\/p>\n<p>Er hatte das altmodische W\u00f6rtchen &#8220;Fr\u00e4ulein&#8221; nicht dabei verwendet, obwohl er sicherlich nicht fortschrittlicher, als Dr. Hartner war oder doch. Sie durfte ihm nicht unrecht tun, hatte er ihr doch vorgeschlagen, sich um ein Erasmus-Stipendium zu bewerben, damit sie nach Wien fahren und am Orte des Geschehens forschen k\u00f6nne, obwohl sich die dreitausend Blogartikel der Eja Augustin im Netz befanden. Aber Dr. Prochazka las, wie er selber eingestand, keine Blogs. Daf\u00fcr fehlte ihm die Zeit.  Sie waren ihm wohl auch zu unwichtig und sie hatte auch nichts dagegen nach Wien zu fahren und sich die Orte des Geschehen von denen, die Bloggerpionierin immer schrieb, selber anzuschauen und hatte auch schon ausgemacht sich mit ihr in der &#8220;Alten Schmiede&#8221;, sowie im &#8220;Literatuhaus zu treffen&#8221; und in die Bibliothek des Doktor Hartners wollte sie auch kommen, um sie kennenzulernen.<\/p>\n<p>&#8220;Angekommen!&#8221;, dachte Slavenka Jahoda also noch einmal und verstaute auch den Rucksack und die schwarze Reisetasche in den kleinen Kasten. Jetzt mu\u00dfte sie nur noch ein SMS nach Hause schicken, damit die Mutter und der Vater sich keine Sorgen um sie zu machen brauchten.\u00a0 Die Geschwister waren nicht zu Hause, verbrachte der Bruder Petr doch auch ein Forschungssemester an der University von Massachusetts und die Schwester studierte Medizin in Bratislava.<br \/>\nDann vielleicht das T-Shirt wechseln, da das blaukarierte mit dem sie hergefahren war, schon einen leicht zerdr\u00fcckten Eindruck mache, also das wei\u00dfe mit den lustigen roten Punkten erneut aus dem Kasten nehmen und dann rasch ins Badezimmer huschen, um sich die rote Haarpracht zu frisieren, damit sie vor Dr. Hartner und Eja Augustin\u00a0 keinen schlechten Eindruck machte und dann hinuntergehen in die Bibliothek, die Bloggerin kennenlernen und mit Dr. Hartner besprechen, wie er sich ihre Stipendiumszeit vorstellte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Angekommen!&#8221;, dachte Slavenka Jahoda und schaute ein wenig tr\u00fcbsinnig vor sich hin. 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