{"id":51846,"date":"2017-05-29T11:44:37","date_gmt":"2017-05-29T09:44:37","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51846"},"modified":"2017-05-29T11:44:37","modified_gmt":"2017-05-29T09:44:37","slug":"der-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51846","title":{"rendered":"Der Brief"},"content":{"rendered":"<p>Als Moritz Lichtenstern, den U-Bahnperron erreichte, war der Zug gerade abgefahren und der Bahnsteig fast gespenstisch leer. Beinahe, wie in einer Geisterstadt mochte es erscheinen, dachte er und sch\u00fcttelte\u00a0 \u00fcber sich selbst und die von ihm gebrauchte Methapher den Kopf.<\/p>\n<p>Denn das war jetzt vorbei. Er war nicht mehr Verlagsleiter, sondern schon fast zwei Jahre in Pension und mu\u00dfte nicht mehr Manuskripte nach ihren Methapern und Verkaufsf\u00e4higkeit absuchen. Das brauchte er jetzt nicht mehr, sondern konnte sich entspannten. Seine Pension und sein Restleben genie\u00dfen und das hatte er ganz ehrlich, vor fast zwei\u00a0 Jahren, als er sich vom Verlag verabschiedet hatte und in den Ruhestand gegangen war, auch vorgehabt.<\/p>\n<p>Ruhestand, wie das schon hie\u00df, igitt und schauderhaft. Da konnte er sich nur sch\u00fctteln und zittern, ob dieses Klischees, das er, als er sich noch lektorisch bet\u00e4tigt hatte, immer aus den Manuskripiten gestrichen hatte, obwohl das Zittern erwas war, was ihn in letzter Zeit bevorzugt \u00fcberfallen schien und das ihn, wenn er wiederum ganz ehrlich war, auch berunrigte. Er schaute auf seine Hand, die immer noch den Brief umklammerte, den er vorhin, weil er eingeschrieben zu ihm gekommen war und er den gestrigen Tag nicht in seiner Wohnung verbrachte, vom Postamt abgeholt hatte und die zitterte auch ganz sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Zitterte stark und unnat\u00fcrlich. Sowie v\u00f6llig unn\u00f6tig, denn er war jetzt nicht mehr allein auf dem Perron. War doch gerade eine junge Mutter mit einem Buggy, die Rolltreppe hinuntergekommen und hatte sich ein paar Meter neben ihn gestellt. Sie beugte sich zu ihrem Kind hinunter, um dessen Sonnenm\u00fctzchen zurechtzuschieben und seine Nase zu schneuzen.<\/p>\n<p>Das brachte ihm wieder zu dem Brief zur\u00fcck und zu der \u00dcberraschung, die dieser in ihn ausgel\u00f6st hatte, was nat\u00fcrlich der Grund f\u00fcr das Zittern seiner H\u00e4nde war und nicht etwa ein beginnender Parkinson, wie er insgeheim schon bef\u00fcrchtet hatte, weil sein Vater und sein Gro\u00dfbvatter auch an diesem Nervenleiden gelitten hatten und bei beiden war dann auch noch eine Demenz hinzugekommen, vor der er, der ehemalige Verlagsleiter und Germanist naturgem\u00e4\u00df einen Bammel hatte, denn er wollte nicht, wie ein Idiot enden.<\/p>\n<p>War festentschlossen etwas dagegen zu tun und hatte sich, als\u00a0 ihn die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung vor eineinhalb Jahren in Pension geschickt hatte, um einen\u00a0 J\u00fcngeren den Verlag leiten zu lassen, fest vorgenommen, nun in seiner Bibliothek\u00a0 der ungelesen B\u00fccher zu beenden, den Urwald zu erforschen, auf Safari zu gehen,\u00a0 Gedichte zu schreiben, etcetera.<\/p>\n<p>Das was man sich, als r\u00fcstiger Pensionist eben bei der Verabschiedung vorzunehmen pflegt und jetzt, fast zwei Jahre sp\u00e4ter mu\u00dfte er sich eingestehen, da\u00df fast nichts davon passiert war.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, einige B\u00fccher hatte er nat\u00fcrlich gelesen und Gedichte hatte er ebenfalls geschrieben. Aber das war auch etwas, was ihn beunruhigen und an den Vater denken lassen k\u00f6nnte. Denn das, was da herausgekommen war, war nichts, was er im Starverlag durchgehen h\u00e4tte lassen.<\/p>\n<p>Absolut nichts davon, war er doch vor ein paar N\u00e4chten aus dem Schlaf geschreckt und da war ihm wirklich und wahrhaftig, die sch\u00f6ne Maid auf der gr\u00fcnen Wiese eingefallen, die sich die \u00c4uglein nach dem ungetreuen Geliebten ausweinte.<\/p>\n<p>Er hatte diesen Schwachsinn in seiner taumeligen Schlaftrunkenheit auch aufgeschrieben. Am n\u00e4chsten Morgen nat\u00fcrlich zerrissen. Es hatte ihn aber mitgenommen, so da\u00df er gestern einen Neurologen aufgesucht hatte, der ihn zwar\u00a0 beruhigte, ihn aber dennoch den ganzen Nachmittag in rastloser Unruhe durch die Stadt getrieben hatte, so da\u00df er den Postboten, der ihm die eingeschriebene Nachricht \u00fcberbracht hatte, vers\u00e4umte und er heute extra, was vielleicht auch ein erstes Demenzanzeichen war, das Postamt aufsuchen hatte m\u00fc\u00dfen und das, was ihm die junge Angestellte mit sichtlichen Migrationshintergrund, dunklen Haaren und einer ebensolchen Brille \u00fcbergeben hatte, hatte auch nicht gerade dazu beigtragen, ihn zu beruhigen, obwohl sich der Perron nach und nach f\u00fcllte und sogar ein paar Scater, was nat\u00fcrlich streng veroten war, an ihn vorbeischl\u00e4ngelten. Das bewegte eine strenge Lautsprecherstimme zu einer Durchsage und die junge Mutter hatte das Taschentuch\u00a0 eingesteckt und hielt ihrem Kind, es war offenbar ein Junge oder doch vielleicht ein kleines M\u00e4dchen, eine Rassel unter die Nasse und fl\u00f6tete mit verstellter Stimme betont babyhaft: &#8220;Bababa, schau, wie das rasselt mein s\u00fc\u00dfer Kleiner!&#8221;<\/p>\n<p>Ekelhaft, wie kindisch junge M\u00fctter wurden, wenn sie sie mit ihren Kleinen besch\u00e4ftigten. Trotz aller Emanzipation und Studium hatte sich das bis heute nicht ver\u00e4ndert und rief in ihm ungute Erinnerungen an die eigene Mutter, Gro\u00dfmutter und \u00e4ltere Schwester wach, die sich auch nicht entbl\u00f6det hatten, mit dem kleinen Moritzi in einer idiotischen Kindersprache zu palavern. Und da wunderte man sich, da\u00df die \u00e4lteren Leute, bevor sie starben wieder in das Reich der Demenz und Verbl\u00f6dung hin\u00fcberglitten.<\/p>\n<p>Er wollte sich das ersparen und war auch niemals ein Vater gewesen, der seinem oder seiner Kleinen mit einer idoitischen Rassel vor die Nasse herumgefummelt war. Denn er hatte keine Kinder,\u00a0 daf\u00fcr war er als aufstrebender Verlagsleiter immer zu sehr besch\u00e4ftigt gewesen und Natalie mit der er nur drei Jahre verheiratet gewesen war, war mit dem Aufbau ihrer psychoanalytischen Praxis ebenso so beansprucht gewesen, da\u00df sie das nie von ihm gefordert, sondern diesen Wunsch im Gegenteil stark abgewehrt hatte und jetzt, um wieder auf\u00a0 das Zitterns seiner Finger zur\u00fcckzukommen, war Natalie offenbar gestorben und hatte ihm diese Tatsache durch einen Notar mitteilen lassen. Hatte ihm durch diesen auch den Termin ihres Ber\u00e4bnisses, das in Wien, in ihrer Heimatstadt stattfinden w\u00fcrde, bekanntgegeben und ihm noch ein Briefblatt beigelegt, auf dem sie sich, wie sie erstaunlich einsichtig schrieb, f\u00fcr alles, was sie ihm angetan hatte, entschuldigte und\u00a0 noch mitteilte, da\u00df ihre Schwester Mathilde, die ungl\u00fcckselige Zwillingsschwester, wie sie sie in den drei Jahren ihrer Ehe manchmal genannt hatte, eine Tochter hatte, die ihm erstaunlich \u00e4hnlich sehen sollte.<\/p>\n<p>&#8220;Vielleicht solltest du daran bleiben, um nicht genauso schuldig, wie ich, die ich mich in den letzten Stadien meines Krebs befinde und daher Zeit ist, \u00fcber mich und mein Leben nachzudenken, zu werden, lieber Moitz und entschuldige noch einmal, was ich dir und auch Mathilde, der ich ebenfalls geschrieben habe, antat&#8221;,, hatte in dem Brief gestanden und seine H\u00e4nde zitterten st\u00e4rker denn je und jetzt war es ganz sicher, da\u00df es kein beginnender Parkinson war, der das veransla\u00dft, denn er hatte sich vor drei\u00dfig Jahren in die Verlagssekret\u00e4rin Mathilde und nicht in die junge\u00a0 Analytikerin Natalie verliebt, die gerade in der Tautenzienstra\u00dfe ihre erste Praxis aufzumachen plante und hatte, wie er ihm\u00a0 schmerzhaft einfiel und wof\u00fcr er sich immer noch genierte, gar nicht bemerkt, da\u00df sich Natalie im wahrsten Sinne des Wortes bei ihm eingeschlichen hatte. Denn er hatte wirklich und wahrhaftig erst bei seiner Hochzeit und durch seinen Trauschein mitbekommen, da\u00df er Natalie und\u00a0 nicht Mathilde Schmidt geheiratet hatte. Das hei\u00dft, der Standesbeamte hatte diesen Namen nat\u00fcrlich genannt.<\/p>\n<p>&#8220;Fr\u00e4ulein oder Frau Dr. Natalie Schmidt!&#8221; und als er sie nach der Tafel darauf ansprach, hatte sie aufgelacht und geantworte &#8220;Hast du das\u00a0 nicht gewu\u00dft? Ach seid ihr M\u00e4nner doch begriffsst\u00fctzig!&#8221;<\/p>\n<p>Und Mathilde, seine erste Liebe, die Verlagsseret\u00e4rin, als die er sie im Starverlag\u00a0 kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, war\u00a0 aus seinem Leben verschwunden. Wahrscheinlich war sie in seine Heimatstadt Wien zur\u00fcckgekehrt, wie Natalie ihm bei einem weiteren Streit sp\u00f6ttisch hingeworfen hatte. Aber dort hatte er, der Feigling, der er war, sich nicht hingetraut, um sich bei Mathilde zu entschuldigen und ihr eingezustehen, da\u00df er so bl\u00f6d gewesen war, den Unterschied zwischen einer Natalie und einer Mathilde, die\u00a0 eineiige Zwillinge waren, obwohl sie, wie er jetzt zum wissen glaube, sich charakterlich sehr unterschieden, nicht bemerkt hatte.<\/p>\n<p>Er hatte es nicht bemerkt und Mathilde nicht wiedergesehen. Die Ehe mit Natalie hatte drei Jahre gehalten. Wahrscheinlich da er sich seinen Irrtum und seine Bl\u00f6dheit nicht eingestehen wollte. Dann hatte sie die Scheidung eingereicht, weil er ihr zu langweilig war und er die Leitung des Verlags \u00fcbernommen und hatte jetzt erst wieder etwas von Natalie, beziehungsweise ihrem Tod geh\u00f6rt, die ihm zu ihrem Begr\u00e4bnis einlud und ihn aufforderte\u00a0 Kontakt zu ihrer Schwester aufzunehmen, um nicht so schuldbeladen, wie sie zu sterben und ein Foto von Mathildes Tochter Lily, die ihm angeblich sehr \u00e4hnlich sehen w\u00fcrde, hatte sie ihm auch geschickt, dachte er und h\u00e4tte am liebsten nach dem Bildchen gegriffen, um es sich noch einmal anzusehen, was er aber, da jetzt gerade der U- Bahnzug einfuhr, nicht konnte. So atmete er nur tief durch, griff ein wenig fester nach dem Brief in seiner Hand und folgte dann der jungen Mutter in den U-Bahnzu nach, die den Buggy mit dem kleinen S\u00f6hnchen so schnell in den Waggon geschoben hatte, da\u00df er gar nicht dazu gekommen war, ihr,\u00a0 wie ein Kavalier der alten Schule, der er\u00a0 war, zu helfen, obwohl er das gern gemacht h\u00e4ltte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Moritz Lichtenstern, den U-Bahnperron erreichte, war der Zug gerade abgefahren und der Bahnsteig fast gespenstisch leer. 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