{"id":51935,"date":"2017-06-11T00:48:58","date_gmt":"2017-06-10T22:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51935"},"modified":"2017-06-11T00:48:58","modified_gmt":"2017-06-10T22:48:58","slug":"tram-83","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51935","title":{"rendered":"Tram 83"},"content":{"rendered":"<p>Graz scheint wieder oder immer noch die Literaturhauptstadt \u00d6sterreichs zu sein oder zumindest eine, die Gesp\u00fcr f\u00fcr die aktuelle Lage und die aktuellen Trends hat.<\/p>\n<p>Hat doch ConstanzeMatthes auf dem &#8220;Buchpreis-Blog&#8221; im Vorjahr beklagt, da\u00df es keine aktuellen gesellschaftspolitischen Tendenen, die die sich auf <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/16\/ein-abend-zum-thema-flucht-und-migration\/\">Flucht und Vertreibung<\/a> beziehen beispielsweise, sondern immer nur den Einheitsbrei des Familienromans und des M\u00e4nnerleidens auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/23\/ueberraschende-longlisttitel\/\">LL<\/a> gibt und da lese ich ein halbes Jahr sp\u00e4ter meine Geburtstagsb\u00fccher und merke, das stimmt nicht ganz.<\/p>\n<p>Zwar waren weder Fiston Mwanza Mujila noch Tomer Gardi auf der Liste, k\u00f6nnen sie vielleicht auch gar nicht, weil der eine Afrikaner, der andere Israeli, der eine lebt aber in Graz, der andere war dort Stipendiat und sie beschreiben diese Tendenzen, spielen damit, gehen dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Tomer Gardi hat es mit &#8220;Broken German&#8221; versucht und damit nicht in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/03\/der-vierzigste-bachmannpreis\/\">Klagenfurt <\/a>gewonnen, der Debutroman des 1981 in der demokratischen Republik Kongo geborenen Fiston Mwanza Muljia wurde aber sehr gelobt und hat, aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt, auch schon viele Preise gewonnen.<\/p>\n<p>Ich, die ich beim Lesen ja die Struktur und die Handlung brauche, habe mir beim Lesen zwar etwas schwer getan, das Buch, das mit Hieronymus Boschs Farbenvielfalt verglichen wird, hat mich an Dos Passos &#8220;Manhatten Transfer&#8221; erinnert und\u00a0 bin <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/05\/blauschmuck\/\">wieder etwas skeptisch, <\/a>ob es in einem afrikanischen Nachtlokal so zugeht, aber der Autor den ich ja bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/09\/neunzehntes-internationales-kulturenfestival-literatur-wein\/\">&#8220;Literatur und Wein&#8221; in Krems<\/a> erleben konnte, spr\u00fcht wirklich durch seine Sprachgewalt und dazu hat er noch eine sehr laute Stimme mit der er sie einbringen kann.<\/p>\n<p>Was in dem Buch passiert, ist entweder schnell oder wahrscheinlich gar nicht zu erz\u00e4hlen. In dem Nachtlokal &#8220;Tram 83&#8221;, das in der afrikanischen Gro\u00dfstadt &#8220;Stadtland&#8221; liegt, von wo alle aus dem Hinterland herkommen, treffen sich Nacht f\u00fcr Nacht die Prostituieren, die Touristen, die Gauner, die\u00a0 Mienenarbeiter, die Verlierer, die Profiteure und und, wie im Klappentext steht, um ihre Gesch\u00e4fte zu machen und ihr Vergn\u00fcgen zu haben und da treffen sich auch die ungleichen Freunde, Lucien der Schriftsteller und der Klein- oder Gro\u00dfgauner\u00a0 Requiem, einen belgischen Verleger und einen abtr\u00fcnnigen General, der das Geschick des Landes lenkt oder in den Untergang f\u00fchrt, gibt es auch.<\/p>\n<p>Das Ganze wird auf \u00fcber zweihundert Seiten, in dreiunddrei\u00dfig Kapiteln erz\u00e4hlt und es gibt, wie schon erw\u00e4hnt, keine Handlung und auch keine Chronologie.<\/p>\n<p>Die Kapitel bestehen eher aus Schreiges\u00e4ngen mit immer gleichen S\u00e4tzen, einer starken Sprache und Wortneusch\u00f6pfungen.<\/p>\n<p>So besteht das Publikum, das sich in den Lokal trifft aus den &#8220;K\u00fcken&#8221;, beziehungsweise den &#8220;Single-Mamis&#8221;, die von den Freiern ihr Geld haben wollen und ihnen daf\u00fcr alles und immer nur das Beste versprechen.<\/p>\n<p>&#8220;Eine riesige Aufgabe, die Frauen, die ins Tram 83 kamen, zuzuorden. Alle f\u00fchrten einen eisernen Kampf gegen das Altern. Eine Einteilung war nicht ganz ohne, da waren die unter Sechzehnj\u00e4hrigen, K\u00fcken genannt, die Single-Mamis, also die zwischen Zwanzig und Vierzigj\u00e4hrigen, auch dann Single-Mamis genannt, wenn sie gar keine Kinder hatten, und schlie\u00dflich die Frauen- ohne- Alter, deren festes Alter bei einundvierzig lag. Keine von ihnen konnte sich eine Falte erlauben. Man sah sie nie ohne Schminke, sie trugen falsche Br\u00fcste, alle Mittel waren recht um die Kunden zu k\u00f6dern, und sie trugen fremd klingende Namen, wie Marylyn Monroe oder Sylvie Vartan oder RomySchneider oder Bessie Smidt, Marlene Dietrich oder Simone de Beauvoir, alles war recht um der Welt zu zeigen, dass es sie gab&#8221;<\/p>\n<p>Solche Passagen ziehen sich durch das ganze Buch.<\/p>\n<p>Es gibt dann auch immer wieder die S\u00e4tze, wie &#8220;Was sagt die Uhr?&#8221; oder &#8220;Wo ist mein Trinkgeld?&#8221;, denn die Kellnerinnen und Aushilfskellnerinnen verlangen das von ihren Kunden und werden sehr ungehalten, wenn man\u00a0 es ihnen\u00a0 verweigert.<\/p>\n<p>Seltsamerweise geht es in dem Buch aber auch sehr viel um Literatur und manchmal klingt es wie ein Schreibratgeber:<\/p>\n<p>&#8220;Jedem politischen Regime lieferst du die passende Literatur. Du schreibst ein episches Gedicht \u00fcber die Frisur der Frau des Pr\u00e4sidenten, und man schenkt dir\u00a0 ein Haus, einen Monolog, der den Traum des Ministers f\u00fcr Wahrsagen, Hellsehen und Prophezeien aufgreifgt, und man bezahlt dir eine Reise nach Venedig.&#8221;<\/p>\n<p>Lucien, der seine Frau verloren hat und aus dem Gef\u00e4ngnis in das Lokal zur\u00fcckkommt, will dort eine Lesung halten. Die mi\u00dfgl\u00fcckt, er bekommt auch einen Anruf von dem belgischen Verleger, der sein Buch drucken will. Da schaltet sich aber Requiem ein und erpresst ihn das nicht zu tun, denn seine M\u00e4dchen machen immer Aufnahmen von den Kunden, die k\u00f6nnte er dann in die Zeitung bringen und den Verleger ruinieren, ins Gef\u00e4gnis bringen lassen, etcetera.<\/p>\n<p>So stolpern wir durch das Buch von Kapitel und Kapitel, staunen \u00fcber die Sprachgewalt und die sch\u00f6nen neuen Worte, in denen das Leben hier passiert.<\/p>\n<p>Manchmal kommt Requiem, des Nachts nach Hause und das Blut quillt von seinen Kleidern, er stopft das erbeutete Geld in M\u00fclls\u00e4cke ohne es auszugeben und man wei\u00df nicht wirklich, was hier passiert und worum es geht?<\/p>\n<p>Bibelzitate kommen immer wieder vor und eine Diva, die wie die Callas ausschaut und sehr sch\u00f6n singt .<\/p>\n<p>Und der Verleger von Requiem erpresst versucht dann auch Lucien hinzuhalten, in dem er ihn seit St\u00fcck zuerst von zwanzig auf zehn Personen, dann auf zwei umarbeiten und es ihm dann auch noch in den brasilanischen Urwald versetzen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Ich bezweifle eigentlich, da\u00df so etwas in einem Nachtclub einer afrikanischen Gro\u00dfstadt passiert und, da\u00df sich die Verlierer und Gewinner dort f\u00fcr Literatur interessieren.<\/p>\n<p>Aber richtig, die Lesung ist\u00a0 mi\u00dflungen, obwohl ich auch nicht wirklich mitbekommen habe, wieso und Fiston Mwanza Mujia unterrichtet in Graz afrikanische Literatur und kennt sich deshalb auch sehr gut aus.<\/p>\n<p>Eine groteske Stelle gibt es in dem Buch auch noch, die ich erw\u00e4hnen sollte. Lucien\u00a0 wurde ja verhaftet, kommt ins Gef\u00e4ngnis, wird dort gefoltert und dann von einer Frau ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Das Kapitel, das das beschreibt hat die \u00dcberschrift &#8220;Das Wiener Konservatorium&#8221;, weil der Genera,l der dort foltert sich sehr f\u00fcr klassische Musik interessiert und daher den Gefangenen in ihren Zellen Rimski &#8211; Korsakow, Tschaikowski, Strawinsky, etcetera, vorspielen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Dazu habe ich Assozioen und Ankn\u00fcpfpunkte. Es werden in den Lokal oder in dem Land auch Hunde gegessen und es gibt dann Hundesch\u00fctzer, die die armen Tiere vor ihrem Tod retten wollen. Denn in Europa haben es die Hunde besser werden von ihren Besitzern geh\u00e4tschelt und get\u00e4tschelt, es gibt Hundecafes, Hundegesch\u00e4fte, Hundekliniken, etcetera und am Schlu\u00df geht das Ger\u00fccht um, da\u00df der abtr\u00fcnnige General, das Lokal schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft, so da\u00df die drei Freunde, Requiem, Lucien und der Verleger wieder fliehen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graz scheint wieder oder immer noch die Literaturhauptstadt \u00d6sterreichs zu sein oder zumindest eine, die Gesp\u00fcr f\u00fcr die aktuelle Lage und die aktuellen Trends hat. 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