{"id":51997,"date":"2017-06-06T00:14:51","date_gmt":"2017-06-05T22:14:51","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=51997"},"modified":"2017-06-06T00:14:51","modified_gmt":"2017-06-05T22:14:51","slug":"etwas-gut-machen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=51997","title":{"rendered":"Wiedergutmachung"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Ich habe noch etwas Unvorhergesehenes getan. Bis heute!&#8221;, hatte Natalie gedacht und ertappte sich dabei, da\u00df sie sich mit der Hand \u00fcber ihre Stirn fuhr und dann durch das kleine Zimmer schaute, das ihr im Hospitz am Weissensee, das sie seit einiger Zeit bewohnte, zur Verf\u00fcgung stand.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrde es nicht mehr lange bewohnen, das sah sie an den Blicken ihrer \u00c4rzte, wenn sie morgens zur Visite, obwohl das hier nicht so hie\u00df, ihr Zimmer betraten und mu\u00dfte, ob der Verlegenheit, die sie darin sah, fast ein wenig lachen.<\/p>\n<p>Denn sie machte das nicht verlegen und war das genausowenig,\u00a0 wie das\u00a0 nichts Unvorhergesehene in ihrem Leben vorgekommen war. Bei ihr und da war sie stolz darauf, war alles geplant und durchdacht geschehen.<\/p>\n<p>Obwohl der Krebs nat\u00fcrlich nicht. Den hatte sie nicht eingeplant und der hielt sie jetzt fest, hatte sie in das Hospitz\u00a0 gebracht und w\u00fcrde\u00a0 sie nach ihrer \u00c4rzte Meinung, wohl auch bald veranla\u00dfen, dieses zu verlassen. Das hei\u00dft, da w\u00fcrde sie nicht selber gehen. Da w\u00fcrde man sie schon aus diesen hinaustragen und dann in Wien, am Zentralfrieddhof, im Grab der Eltern, auch das hatte sie geplant und ihren Notar veranla\u00dft, das f\u00fcr sie zu organiseren, begraben werden. Und der, Dr. Balthasar H\u00f6llmoser, er hie\u00df wirklich so, da konnte sie nichts daf\u00fcr und sie hatte ihn auch nicht seines Namens wegen ausgesucht, hatte verst\u00e4ndnisvoll genickt und\u00a0 sehr vorsichtig hinzugef\u00fcgt, da\u00df es Zeit w\u00e4re, alles noch nicht Erledigte zuerledigen, wenn noch etwas offen sein solle.<\/p>\n<p>&#8220;Aber daran brauche ich Sie wohl nicht zu erinnern, gn\u00e4dige Frau, Frau Doktor Lichtenberg-Schmidt!&#8221;, hatte er noch hinzugef\u00fcgt und, wenn sie es nicht verhindert h\u00e4tte, wohl wirklich und wahrhaftig ihre Hand gek\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Sie hatte es verhindert. Denn sie war nicht sentimental. Hatte\u00a0 k\u00fchl und\u00a0 beherrscht &#8220;Selbstverst\u00e4ndlich, Herr Doktor, keine Sorge, da m\u00fcssen Sie nichts bef\u00fcrchten!&#8221;, gewantwortet und jetzt lag sie in ihrem Hospitzbett umgeben von Apparaten, Schl\u00e4uchen und Medikamenten, erwartete ihren Tod und hatte nachzudenken, ob\u00a0 noch etwas Vergessenes\u00a0 zu erledigen war?<\/p>\n<p>Das hatte sie, fr\u00fcher, als sie noch in ihrer Praxis in der Tautenzienstra\u00dfe t\u00e4tig war, immer zu ihrem Patienten so gesagt, denn sie war Zeit ihres Lebens mit Leib und Seele Psychoanalytikerin gewesen und hatte h\u00f6chstwahrscheinlich doch etwas vergessen.<\/p>\n<p>Denn sonst h\u00e4tte sie nicht mit vierundsechzig der Krebs eingeholt, der ihrem Leben bald ein Ende machen w\u00fcrde, sagte man doch, da\u00df er nur kam, wenn man etwas verdr\u00e4ngte und, da\u00df das nicht passierte, damit hatte sie sich ihr ganzes Leben befa\u00dft.<\/p>\n<p>Bei den anderen hatte sie das getan, denn sie war eine perfekte Analytikerin gewesen. Das sagten ihr auch ihre Feinde nach und trotzdem mu\u00dfte es so sein, da\u00df sie etwas vergessen hatte. Sonst w\u00e4re das kleine Schalentierchen, ihr Pankreatzerl, wie sie es mehr oder weniger liebevoll zu nennen pflegte,\u00a0 nicht gekommen und h\u00e4tte sie von innen aufgefressen.<\/p>\n<p>&#8220;Wenn Sie etwas zu erledigen haben, gn\u00e4dige Frau, Frau Kollegin, w\u00e4re es jetzt an derZeit daf\u00fcr!&#8221;, hatte auch Dr. Wallner, der Primar dieses Hauses heute morgen zu ihr gesagt, ihr dann die Hand gedr\u00fcckt und sich verlegen nach der Oberschwester gewandt, die ihn begleitet hatte, um mit dieser h\u00fcstelnd und verlegen das Zimmer zu verlassen.<\/p>\n<p>So war es gewesen. So ging es in diesem Hospitz zu, das ihr wegen der hervoragenden \u00e4rztlichen und\u00a0 auch psychologischen Betreuung von ihrem Freunden empfohlen worden war, als es so weit war, da\u00df sie ein solches brauchte.<\/p>\n<p>Sie mu\u00dfte, wenn sie daran dachte, fast ein wenig lachen, kam doch der Gedanke in ihr hoch, sowohl Doktor H\u00f6llmoser, als auch Doktor Wallner, eine Psycnhoanalyse zu empfehlen. Aber dazu war es wohl zu sp\u00e4t. Sie k\u00f6nnte, auch wenn sie wollte, keine solche mehr an ihnen durchf\u00fchren und h\u00e4tte das\u00a0 auch fr\u00fcher aus den sogenannten ethischen Gr\u00fcnden abgelehnt.<\/p>\n<p>&#8220;Also ich haben noch nie etwas Unvorhergesehenes getan, bis heute&#8230;.&#8221;, nocheinmal denken, sich dann einen Schwung geben, mit der Hand nach der Halteschlaufe, die es an ihrem Krankenhausspezialbett gab, greifen, um sich an dieser hochzuziehen, und ihr Nachtk\u00e4stchen errreichen.<\/p>\n<p>Sie mu\u00dfte es tun, jetzt ihren Grundsatz brechen, wenn sie ohne Schuldgef\u00fchle gehen und sich in Wien im Grab der Eltern auf diese Art und Weise eingegraben werden wollte. Mu\u00dfte sie? Sie mu\u00dfte nat\u00fcrlich nicht. Hatte noch nie etwas gemu\u00dft, denn sie war Zeit ihres Lebens eine willesnsstarke Frau gewesen, die gewu\u00dft hatte, was sie wollte und so wollte sie es auch heute. W\u00fcrde es tun, obwohl sie sich noch gestern wahrscheinlich nicht vorstellen hatte k\u00f6nnen, da\u00df sie an Mathilde und Moritz einen Brief schreiben wollte, um sich bei ihnen zu entschuldigen.<\/p>\n<p>Und Lily, deren Tochter, die, wie sie wu\u00dfte, als Kuratorin im Kultutinstitut in New Yorkt t\u00e4tig war und au\u00dferdem noch bloggte, w\u00fcrde sie auch schreiben, hatte das M\u00e4del doch, wenn sie richtig informierit war, keine Ahnung, wer ihr Vater war und die beiden, Mathilde und Moritz w\u00fcrden sie wohl mit Recht hassen.<\/p>\n<p>Aber das tat nicht weh und h\u00e4tte sie auch fr\u00fcher nicht belastet. Denn sie war, wie schon erw\u00e4hnt, immer eine willensstarke Frau gewesen, die wu\u00dfte, was sie wollte. Das war schon als kleines M\u00e4dchen,\u00a0 in der Wiener Wohnung, in der sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester Mathilde aufgewachsen war, so gewesen, die nur ein Kinderzimmer hatte.<\/p>\n<p>Ein Kinderzimmer, da\u00df die Mutter liebevoll f\u00fcr das\u00a0 kleine T\u00f6chterchen, das sie erwartete, geschm\u00fcckt und hergerichtet hatte. Eine Wiege hatte sie gekauft, die Wickelkommode, die Strampler und die Windeln, das erste Spielzeug, wie das wohl in vorsorglichen Familien so war und dann war nach ihrer Geburt, nicht blo\u00df die Nachgeburt, sondern eine halbe Stunde sp\u00e4ter auch\u00a0 Mathilde, von der Mutter vollig unerwaret aus ihr herausgekommen und hatte, die Eltern, die nur ein Kind wollten, \u00fcberrascht und weil sie zuf\u00e4lligerweise, die erste war, die aus der Mutter Scho\u00df gezogen wurde, hatte sie von der Angelegenheit profitiert.<\/p>\n<p>Denn die Eltern hatte sie in die Wiege gelegt. F\u00fcr Mathilde war wohl noch schnell ein zweites Bettchen aus einem Tr\u00f6delladen angeschafft worden. Sie hatte, die von Freunden der Familie geschenkten und gebrauchten Strampler zum Anziehen bekommen, w\u00e4hrend die Mutter weiterhin nur &#8220;F\u00fcr meine Tochter!&#8221;, in den Kinderboutiquen kaufte und zu Weihnachten hatten auch nur f\u00fcr sie Geschenke unter dem Christbaum gelegen, w\u00e4hrend Mathilde, die zu sp\u00e4t gekommene, Zeit ihres Lebens nur mitgelaufen war.<\/p>\n<p>&#8220;Das ist ungerecht!&#8221;, hatte sich diese sp\u00e4ter, als sie das schon konnte, zwar beklagt, war aber an der Sturheit ihrer Eltern abgeblitzt, die sie verst\u00e4ndnislos angeschaut und unger\u00fchrt gewantwortet hatten, da\u00df sie sich nur ein Kind gew\u00fcnscht hatten und auch nur eines leisten konnten.<\/p>\n<p>Das war nicht nur ungerecht. Das war auch grausam, das wu\u00dfte die Psychoanalytikerin und jedes Jugendamt w\u00fcrde auch sofort einschreiten und den Eltern enerrgisch klar machen, da\u00df so etwas nicht ging und absolut verboten war. Aber damals war es gegangen und es war auch niemanden aufgefallen, da\u00df die Eltern Zeit ihres Lebens so taten, als ob sie nur eine Tochter h\u00e4tten und die zweite \u00fcbersahen.<\/p>\n<p>Sie hatten sie, das mu\u00dfte sie dazuf\u00fcgen, nie mi\u00dfhandelt. Mathilde hatte immer ausreichend zu essen bekommen, aber sie hatte die abgelegten Kleider, der Kinder ihrer Freunde getragen und zu Weihnachten und zu Geburtstag h\u00f6chstens eine Tafel Schokolade oder ein Unterhemd geschenkt bekommen, w\u00e4hrend f\u00fcr Natalie, die Kerzen brannten und es war auch immer klar gewesen, da\u00df Natalie studieren und Mathilde in die Hauptschule gehen w\u00fcrden, denn &#8220;Mehr k\u00f6nnen wir uns nicht leisten!&#8221;, hatten die Eltern freundlich gesagt, wenn sich Mathilde wieder einmal dar\u00fcber beschwer hatte.<\/p>\n<p>Das war ungerecht, ganz klar, aber es war nicht ihre Schuld. Das war ebenfalls klar und das war auch das Thema ihrer Lehranalyse gewesen und daher konnte das Pankreatzerl nicht kommen. Denn sie hatte sich nicht eingemischt, weder in der einen noch in der andern Richtung. Sie hatte Mathilde weder gequ\u00e4lt, noch sie bei den Eltern verteidigt. Sie hatte einfach die guten Gaben ihrer Eltern angenommen und es eigentlich auch ganz selbstverst\u00e4ndlich gefunden, da\u00df sie, weil sie die Erste war und kein Geld zur ein zweites Sudium vorhanden, studierte.<\/p>\n<p>Sie hatte sie nach dem Gymnasium Medizin studiert, w\u00e4hrend Mathilde nach der Hauptschule und dem neunten Pflichtschuljahr in einem Haushalt, als M\u00e4dchen f\u00fcr alles gegeben wurde. Dort hatte sie sich dann gewehrt,\u00a0 hatte die Handelsakademie besucht und war als Verlagssekret\u00e4rin nach Berlin gegangen.<\/p>\n<p>Da war sie schon mit ihrem Studium und der Lehranalyse fertig und hatte, weil das auch ein Thema dieser war, obwohl sie sich eigentlich nie sehr f\u00fcr ihre Zwillingsschwester interessiert hatte und sie bereitwillig aus ihrem Leben gelassen oder verdr\u00e4ngt, wie ihr Lehranalytiker bed\u00e4chtigt meinte, auf seinen Rat nach Berlin begeben, um sich mit der Schwester auszusprechen.<\/p>\n<p>V\u00f6lllig emotionslos hatte sie das, wie sich sich erinnert hatte, getan und dort hatte sie Moritz kennengelernt, der als junger Lektor in dem Verlag arbeitete, in dem Mathilde Sekret\u00e4rin war, w\u00e4hrend sie nach einer Praxis suchte, die sie sich in Wien einrichten hatten wollten.<\/p>\n<p>Dann war alles anders gekommen. Aber das war nicht Unvorhergesehen, denn, da\u00df sie sich, als Mathilde in Moritz Leben eingeschlichen hatte und diesen erst nach der Hochzeit ihren wahren Namen sagte und kalt &#8220;Selber schuld, wenn du das nicht bemerktes!&#8221;, hinzugef\u00fcgt hatte, war von ihr geplant gewesen und auch Mathilde hatte sie kaltbl\u00fctig und wohl\u00fcberlegt vor die Tatsache gestellt, da\u00df sie Moritz heiraten w\u00fcrde, die daraufhin schlagtartig Berlin und den Verlag verlie\u00df und nach Wien ur\u00fcckgegangen war, w\u00e4hrend Natalie nach Berlin \u00fcbersiedelte und ihre Praxis in der Tautenzienstra\u00dfe errichtete. So war es geplant und es war auch nicht ihre Schuld, da\u00df Moritz sie nach drei Jahren verlassen hatte und sich von ihr scheiden lie\u00df oder doch nat\u00fcrlich war es so gewesen. Das wu\u00dfte sie schon. Aber sie hatte nur mit vollen H\u00e4nden nach dem, was ihr das Leben bieten konnte, gegriffen und wenn das der Grund war, da\u00df das Pankreatzerl sich bei ihr eingeschlichen hatte, konnte sie es auch nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Konnte nichts, als w\u00fcrdevoll sterben, was sie, wie sie sowohl mit Dr. Wallner, als auch mit dem Notar besprochen hatte, auch tun w\u00fcrde und die hatten ihr\u00a0 geraten, das Unerledigte zu erledigen und das w\u00fcrde sie auch tun, dachte Natalie entschlossen und merkte, da\u00df ihre H\u00e4nde zitterten, als sie nach dem Briefpapier griff und zu dem Kuverts, die in der Lade laden, um an Moritz und an Mathilde zu schreiben, um sich bei ihnen zu entschuldigen, obwohl sie das nie vorgehabt hatte und sich wirklich und ganz ehrlich, bis heute auch nicht schuldig f\u00fchlte, da\u00df sie sich an Mathildes Stelle in Moritz Leben eingeschichen hatte und sie bei den Eltern nichts gegen ihre Bevorzugung unternommen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Ich habe noch etwas Unvorhergesehenes getan. 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