{"id":52180,"date":"2017-06-15T13:42:24","date_gmt":"2017-06-15T11:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52180"},"modified":"2017-06-15T13:42:24","modified_gmt":"2017-06-15T11:42:24","slug":"valentinstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52180","title":{"rendered":"Ein verpatzter Valentinstag"},"content":{"rendered":"<p>Es war Valentinstag, wie unschwer an den roten Nelken, die mit einem kleinen ebenso gef\u00e4rbigen Valentinsherz umbunden waren,\u00a0 zu erkennen war, die in den kleinen wei\u00dfen Vasen auf den Tischen standen und Guiseppe hatte ihr, als er ihr das obligatorisch Gl\u00e4schen Valpolicella auf den Tisch gestellt hatte, noch\u00a0 extra ein ein kleines, in rotes Stanniolpapier verpacktes Schokoladeherz dazu gelegt.<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr Sie Sgnora!&#8221;, hatte er gesagt und sie angel\u00e4chelt, bevor er die Speisekarte vor sie ausgebreitethatte und sich erkundigte, ob sie schon wisse, was sie essen wolle?<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben ein ausgezeichnetes Bruschetta oder w\u00fcnschen Sie einen Salata mista!&#8221;, fragte er.<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte und entschied sich f\u00fcr das in Oliven\u00f6l ger\u00f6stete Wei\u00dfbrot mit der Tomatengarnitur und Guiseppe, von dem sie nicht sicher war, wie gut er wirklich Italienisch konnte, nickte zufrieden.<\/p>\n<p>&#8220;Va bene, Guido, unser Koch wird sich freuen, Sie haben einen ausgerzeichneten Geschmack, Signora, dann komme ich gleich mit der Vorspeise. Bis dahin w\u00fcnsche ich einen sch\u00f6nen Valentinstag oder besser Abend, denn den Tag haben Sie wahrscheinlich schon gehabt!&#8221;, smalltalkte er, klappte die Speisekarte wieder zu und sie nickte, w\u00e4hrend\u00a0 sie ihm zusah, wie er die leeren Gl\u00e4ser vom Nebentisch abservierte.<\/p>\n<p>Einen sch\u00f6nen Valentinstag oder Abend, wie lange hatte sie das schon nicht gehabt? Die letzten Jahre waren die ihren eher Routine gewesen und nur am Abend hatte Guiseppe sie in der Pozzeria mit einem solchen Herzchen erfreut, da\u00df sie sich als Nachspeise aufheben und statt eines Dessert nach der Bruschetta verspeisen w\u00fcrde, w\u00e4hrend sie, wenn sie so nachdachte, nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen richtigen Valentinstag erlebt hatte. Damals in Berlin vor mehr als drei\u00dfoig Jahren, als sie dort im Starverlag gearbeitet hatte, um von ihrer unerfreulichen Vergangenheit und Familiensituation wegzukommen und dort sehr bald den jungen Lektor Moritz Lichtenstern kennenlernte, in dem sie sich verliebte.<\/p>\n<p>Es war wohl das erste und wahrscheinlich auch das einzige Mal gewesen, da\u00df sie sich verliebte, obwohl sie damals gar nicht mehr jung gewesen war, aber das Leben vorher war, auch wenn sie durchaus M\u00e4nnerbekanntschaften gehabt und mit ihnen auch das eine oder das andere Mal ausgegangen war, eher unerfreulich gewesen, in Wien, wo ihr die ungerechte Bevorzugung Natalies, gegen die sie sich nur\u00a0 schlecht wehren hatte k\u00f6nnen, im Nacken gesessen hatte. Hatte sich deshalb wahrscheinlich nicht so recht enthalten und frei f\u00fchlen k\u00f6nnen, wie sie sich erinnerte, als sie ihr Glas hochhob, um einen Schluck Wein zu trinken.<\/p>\n<p>Sie konnte selber nicht so genau sagen, was sie damals daran gehindert hatte, sich frei zu f\u00fchlen und sich zu verlieben, wie das normal gewesen w\u00e4re und die meisten anderen so taten.<\/p>\n<p>Aber die ersten zwanzig oder drei\u00dfig Jahre ihres Lebens waren f\u00fcr sie sehr hart gewesen. Die ersten f\u00fcnfzehn war sie, wie sie es empfunden hatte, immer im Schatten Natalies gestanden. Dann hatten sie die Eltern nach der Beendigung der Pflichtschule in einem Gesch\u00e4ftshaushalt, als M\u00e4dchen f\u00fcr alle gegeben, mit der Begr\u00fcndung, da\u00df sie sich eine weitere Ausbildung nicht eisten konnten und sie jetzt alt genug w\u00e4re, auf eigene Beinen zu stehen.<\/p>\n<p>So hatte sie mit F\u00fcnzehn, wo sie das doch noch gar nicht war, erwachsen sein m\u00fc\u00dfen und auf die drei kleinen Kinder der berufst\u00e4trigen Frau Zawric, die mit ihrem Mann die kleine Elektrofirma f\u00fchrte, aufpassen und den Haushalt schupfen und sich daneben, weil sie Natalie ja nicht den Vorzug lassen hatte wollen, auch noch in einer Handelsakademie angemeldet und es in Fernkursen dort bis zur Matura gebracht.<\/p>\n<p>Das hatte naturgeem\u00e4\u00df l\u00e4nger gedauert und so war die bevorzugte Schwester, die das scheinbar nicht verstanden hatte, schon mit ihrem Medizinstudium fertig, als sie endlich die Matura schaffte.<\/p>\n<p>Dann hatte sie den Zawrics gek\u00fcndigt, was die Eltern eher gleichg\u00fcltig zur Kenntnis genommen hatten, von denen sie eigentlich sicher war, da\u00df sie sie gar nicht bei der Weihnachtsfeier haben wollten und nur zu h\u00f6flich waren, um sie direkt hinaufzuschmei\u00dfen und &#8220;Was willst du hier, wir haben doch nur eine Tochter!&#8221;, zu sagen. Sie war wahrscheinlich, wie das die Psychoanalytiker nennen w\u00fcrden, aus verletzten Stolz oder, um es ihnen doch zu beweisen hingegangen und hatte wahrscheinlich auch aus diesem Grund\u00a0 stolz erz\u00e4hlt, da\u00df sie sich in Berlin f\u00fcr die Stelle einer Verlagssekret\u00e4rin beworben hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Wie du meinst!&#8221;, hatte der Vater, wie sie sich erinnern konnte, uninteressiert gesagt, was sie wahrscheinlich bewogen hatte, besonders begeistert &#8220;Auf jeden Fall!&#8221;, zu antworten, so da\u00df sogar Natalie, die gerade von der Lehranalyse erz\u00e4hlte, die sie demn\u00e4chst beendet w\u00fcrde, intereressiert aufgeblickt und &#8220;Berlin soll eine interessante Stadt sein, vielleicht sollte ich da meine Praxis aufmachen!&#8221; hinzuf\u00fcgte und sie hatte, wie sie sich eingestehen mu\u00dfte, das nicht ernst genommen. Hatte sich im Gegenteil sogar gefreut, damit die bevorzugte Schwester, die breitspurig von ihrer Lehranalyse berichtet und damit alle Bewunderer auf ihrer Seite gehabt hatte, endlich mit etwas beeindrucken zu k\u00f6nnen. Sie hatte also Natalies Ausruf nicht ernst genommen und bald darauf vergessen. War doch anderes viel wichtiger gewesen. Sie hatte ihre Koffer gepackt, war nach Berrlin gezogen, hatte dorr vom Verlag eine kleine Garconniere vermittelt bekommen,\u00a0 hatte Moritz kennenglertn und sich in ihm verliebt. Ob sie das den Eltern und Natalie geschrieben hatte, wu\u00dfte sie gar nicht mehr. An Natalie hatte sie eigentlich nicht geschrieben, den Eltern wahrscheinlich eineKarte in dem Bestreben, da\u00df man das als Tochter so tut. Eine Karte miit ihrer Adresse und ihnen wahrscheinlich auch mitgeteilt, da\u00df sie gut in Berlin angekommen sei und ihr die Arbeit im Verlag gefalle. Von Moritz hatte sie mit Sicherheit nichts geschrieben. Htte sie da doch wahrscheinlich intuitiv\u00a0 ein Gef\u00fchl abgehalten Natalie nicht zu tief in ihre Karten blicken zu lassen, denn bei den wenigen Malen, wo sie mit Natalie auf einem Fest oder einer Veranstaltung, der Hochzeit eines Verwandten, der auch sie eingeladen hatte, , gewesen war, war es schon vorgekommen, da\u00df Natalie sich auf die jungen M\u00e4nner, die vielleicht auf sie ein Auge geworfen hatten, gest\u00fcrzt und sie ihr ausgepannthatte und Natalie, die Zwillingsschwester, hatte ihr nicht nur\u00a0 blo\u00df gesehen, wie ein Ei dem anderen. Sie war im Gegenteil immer viel Akttraktiver, Eleganter, Teuerer, Gepflegter, etcetera gewesen. Sie war die Gymnasiastin und sp\u00e4tere Medizinstudentin, w\u00e4hrend die mitlaufende zweite Tochter zuerst in der Haptschule und sp\u00e4ter M\u00e4dchen f\u00fcr alles war und das interessierte die jungen M\u00e4nner nat\u00fcrlich nicht zu sehr, wie mit Natalie \u00fcber Sigmund Freund zu diskutieren oder ihr vorzuschalgen, da\u00df sie sie analysieren solle.<\/p>\n<p>Kein Wort von Moritz also zu Natalie, da war sie sich sicher. Die Schwester war aber, wie ein Wunder trotzdem gerade am Valentinstag vor drei\u00dfig oder wahrscheinlich schon einunddrei\u00dfig Jahren aufgetaucht. Hatte an ihrer T\u00fcr gel\u00e4utet, sogar bei ihr \u00fcbernachten wollen, weil sie, wie sie sagte nach Berlin gekommen war, um sich hier nach einer Praxis umzusehen und auf diese Art und Weise hatte sie auch Moritz kennengelernt.<\/p>\n<p>&#8220;Voila, Signora, Sie schauen so grimmig drein, ist etwas mit dem Valpolicella nicht in Ordnung?&#8221;, wollte jetzt Guiseppe erschrocken von ihr wissen, als er ihr die ger\u00f6steten Brotscheibben auf den Tisch stellte.<\/p>\n<p>&#8220;Doch, doch!&#8221;, antwortete sie rasch.<\/p>\n<p>&#8220;Ich habe nur an etwas nicht so Angenehmens gedacht!&#8221;<\/p>\n<p>Er nickte und schlug ihr vor, dann doch rasch an etwas Erfreulicheres zu denken.<\/p>\n<p>&#8220;Denn an einem Valentinstag soll man doch fr\u00f6hlich sein und sich freuen oder irren ich mich da und Sie sind anderer Meinung?,&#8221; fragte er in seiner freundlichen Art und sie\u00a0 antwortete genauso rasch &#8220;Doch, nat\u00fcrlich!&#8221; und dachte bei sich, wenn das nur so einfach w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das war es aber nicht. Denn sie hatte den Valentinstag vor drei\u00dfig oder schon einunddrei\u00dfig Jahren mit Moritz allein, in der kleinen Weinstube, die es zwei Stra\u00dfen vom Verlagshaus gab, verbringen wollen und war mit ihm auch in einer der kleinen Nische gesessen. Er hatte ihr, daran konnte sie noch genau erinnern, eine langstielige und sicher sehr teue Rose, an die ein ebensorotes goldenes Valentinsherz geheftet war, wie es hier an den Nelken steckte, zum Rendezvous mitgebracht, hatte sie sie ihr \u00fcberreicht, dabei tief in die Augen geblickt &#8220;F\u00fcr die sch\u00f6nste aller Frauen!&#8221; oder ein \u00e4hnliches Kompliment gemurmelt, das sie gerne h\u00f6rte und auch glaubte und dann war auf einmal Natalie aufgetaucht, die sie in ihrer Wohnung glaubte, hatte sich neben sie gesetzt, sich, als Schwester vorgestellt und alles war aus und anders gewesen.<\/p>\n<p>Denn ab da hatte Natalie das Wort an sich gerissen, hatte von sich und ihrer gerade abgeschlossen Lerhanalyse\u00a0 und davon erz\u00e4hlt, da\u00df sie sich nun in Berlin bei ihrer Schwester, das hatte sie wirklich so dahingelogen, niederlassen wolle, Moritz tief in die Augen geblickt und sich bei ihm erkundigt, welchen Bezirk er ihr\u00a0 empfehlen w\u00fcrde und Moritz, das konnte sie nicht leugnen, war \u00fcber die Unterbrechung gar nicht so sehr erfreut, sondern eher irritiert und gest\u00f6rt gewesen. Er hatte Natalie zwar h\u00f6flich, wie es seiner Art entsprach geantwortet. Sie war aber g\u00e4nzlich sicher gewsen, da\u00df Natalie keine Bedrohung f\u00fcr sei und er sich nichts aus ihr mache und ein paar Wochen sp\u00e4ter war alles aus und anderes gewesen, obwohl es die langstielgige und \u00ednzwischen vertrockente Rose noch gegeben hatte. Sie hatte in einer Vase in ihrerm Zimmer gestanden und sie hatte sie auch mitgenommen, als sie noch einmal ein paar Wochen sp\u00e4ter, Berlin fluchtartig verlassen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Wie schmeckt die Bruschetta, Signora?&#8221;, wollte Guiseppe jetzt von ihr wissen, als er gekommen war, um den leeren Teller\u00a0 abzuservieren. Da hatte sie schon nach dem Schokoladeherzchen gegriffen, es ausgepackt, im Mund zergehn lassen und das rote Staniolpapier auf den Teller gelegt.<\/p>\n<p>&#8220;Die Schokolade schmeckt sehr gut!&#8221;, sagte sie entschlossen, um sich von dem schweren Thema endg\u00fcltig abzulenken und Guiseppe nickte, griff in seine Kellnersch\u00fcrze, um noch ein rotes Herzchen auf den Tisch zu legen und &#8220;F\u00fcr Sie, Signora, damit Sie nicht mehr traurig sind, denn sch\u00f6ne Frauen sollen am Valentinstag Freude haben und nicht weinen!&#8221;, hinzuf\u00fcgte, bevor er sich erkundigte, ob sie noch ein Glas Wein w\u00fcnsche?<\/p>\n<p>Sie nickte, f\u00fchgte aber entschlossen hinzu, da\u00df er ihr danach die Rechnung bringen solle. War sie doch nicht\u00a0 in der richtigen Stimmung l\u00e4nger die rote Nelken und die roten Herzchen anzusehen und Guiseppe, der ja eigentlich Mehmet hie\u00df, von einem sch\u00f6nen Valentinstag schw\u00e4rmen zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war Valentinstag, wie unschwer an den roten Nelken, die mit einem kleinen ebenso gef\u00e4rbigen Valentinsherz umbunden waren,\u00a0 zu erkennen war, die in den kleinen wei\u00dfen Vasen auf den Tischen standen und Guiseppe hatte ihr, als er ihr das obligatorisch &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52180\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[1606,2068,6360,6415],"class_list":["post-52180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-drittes-juni-beispiel","tag-fortsetzungsgeschichte","tag-zehn-geschichten-challenge","tag-zwei-monate-schreibvorbereitung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52180"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52180\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}