{"id":52224,"date":"2017-06-16T15:52:53","date_gmt":"2017-06-16T13:52:53","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52224"},"modified":"2017-06-16T15:52:53","modified_gmt":"2017-06-16T13:52:53","slug":"die-anmache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52224","title":{"rendered":"Die Verwechslung"},"content":{"rendered":"<p>Am n\u00e4chsten Tag hatte Mathilde Halsschmerzen, sich krank gemeldet und war zum Arzt gegangen, w\u00e4hrend sich Natalie auf Praxissuche an die ihr angegebenen Adressen machte und auf der Tautenzienstra\u00dfe zusammenuckte, war sie doch gerade in Begriff in Moritz Lichtenstern, den jungen, an sich bedeutungslosen Lektor hinauzulaufen, in dem sich ihre noch farblosere Schwester anscheinend so verliebt hatte, da\u00df sie ihre gestrigen Anwesenheit so durcheinanderbrachte, da\u00df sie heute\u00a0 mit Fieber und mit Halsschmerzen aufgewacht war, dachte die Psychoanalytikerin in ihr und l\u00e4chelte ver\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>Dann zuckte sie aber zusammen, hatte er sie doch gesehen und rief\u00a0 \u00fcberrascht &#8220;Du bist es, Mathilde, ich habe gedacht, du liegst krank im Bett und habe mir schon \u00fcberlegt dich, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, zu besuchen!&#8221; und schmachete sie genauso an, wie er gestern in der Richterschen Weinstube Mathilde angeschmachtet hatte, was der in ihrer Gegenwart unangenehm gewesen war und sie\u00a0 zum Lachen brachte.<\/p>\n<p>Es machte sie sogar so sehr vergn\u00fcgt, da\u00df sie versuchte ein kr\u00e4nkliches Gesicht zu machen und eine kr\u00e4chezende Stimme vorzut\u00e4uschen und ihn damit genauso schmachtetnd musterte, wie es das G\u00e4nschen Mathilde getan hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Ich habe f\u00fcrchterliche Halschmerzen und etwas Fieber und bis deshalb beim Arzt gewesen, der mir hei\u00dfe Wickel, Lutschtabletten und drei Zage Bettruhe verordnet hat! Aber jetzt-&#8220;, sagte sie und sah ihm noch ein bi\u00dfchen tiefer in die Augen,&#8221;-jetzt ist es schon viel besser!&#8221; und lie\u00df keinen Zweifel daran, da\u00df es er und seine Anwesenheit war, der diese Gesundwerdung in ihr verursachte. Der Ahnungslose hatte es geglaubt und h\u00f6rte auch nicht auf, sie weiterhin f\u00fcr ihre Schwester zu halten, was sie, obwohl sie solche Verwechslungen aus ihren Kindertagen gewohnt war, wieder etwas \u00e4rgerte.<\/p>\n<p>War sie doch Dr. med Natalie Schmidt, die Psychoanalytikerin und keine verhuschte Hauptsch\u00fclerin, die sich zur Verlagssekret\u00e4rin hinaufgearbeitet und ihr ganzes Leben darunter gelitten hatte, im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Sie war, das hatte man ihr immer wieder gesagt und sie hatte auch nie die Spur eines Zweifels daran empfunden, die Strahlendere, Gebildetetere, Elegantere, trug auch ein Designerkost\u00fcm und hochackige St\u00f6ckelschuhe, w\u00e4hrend die Schwester sicher mit flachen Tretern, Jeans und einem mausgrauen Pullover zum Arzt gegangen war und der angebliche Verliebte merkte es nicht oder merkte er es vielleicht schon und wollte nur die Pr\u00e4chtigere, Sch\u00f6nere, als Freundin haben. Was auch ohne Lehranalyse leicht zu verstehen war, da\u00df niemand ein graues M\u00e4uschen wollte und so war es eigentlich klar, da\u00df er sie verliebt anblinzelte und keinen Unterschied zwischen ihr und ihrer Schwester bemerkte oder diesen gekonnt verdr\u00e4ngte.<\/p>\n<p>&#8220;Sind doch die M\u00e4nner alle bl\u00f6d oder die Seele ist ein sehr sehr weites Land, mit vielen Tiefen und Unebenheiten!&#8221;, we es ihr Lehranalytiker Dr. Gubinger ihr immer gepredigt hatte, dachte sie, versuchte ein heiseres Husten.\u00a0 In ihren Augen blitzte schon der Schalk.<\/p>\n<p>Sollte er bekommen, was er wollte. Sie w\u00fcrde mitspielen, weil es Spa\u00df machte, der verh\u00e4rmten Schwester, die sie ha\u00dfte, sich ihr das aber nicht zu sagen traute, eines auszuwischen. Wenn er so bl\u00f6d war, sie f\u00fcr Mathilde zu halten, obwohl sie zwar so aussah, aber ganz anderes gekleidet war und einen anderen Backround hatte, w\u00fcrde sie mitspielen und die Schwester war selber schuld, da\u00df sie sie gestern nicht hinausgeworfen hatte und auch noch so bl\u00f6d war, ihr die Adresse, der Weinstube zu nennen, in der sie sich mit ihrem Liebsten traf. Dann hatte sie das zwar bereut und sich so dar\u00fcber ge\u00e4rgert, da\u00df sie krank geworden war und nicht in ihren Verlag konnte und das Schicksal sp\u00fclte ihr ausgerechnet in der Tautenzienstra\u00dfe, wo sie\u00a0 auf Nuummer 112 eine eventuelle Praxis besichtigen wollte, ihren Liebsten \u00fcber den Weg.<\/p>\n<p>&#8220;Fein!&#8221;, sagte der und dr\u00fcckte sie an sich, wieder ohne zu bemerken, da\u00df es ein ganz anderes Parufm war, da\u00df sie verwendet, beziehungsweise war sie sicher, da\u00df Mathilde \u00fcberhaupt kein solches in ihrem Bad stehen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Sehr fein, dann k\u00f6nnen wir, da ich f\u00fcr heute fertig bin und nicht mehr in den Verlag brauche, das ein wenig feiern! Dich Gesundfeiern, Liebste, was h\u00e4ltst du davon? Da\u00df ist doch sicher besser, wenn du mich nach Haus begleitetest und dich bei mir auskurierst, als wenn du das allein in deinem St\u00fcbchen tust!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Sehr gut, ausgezeichnet!&#8221;, hatte Natalie gedacht und konnte sich auch sp\u00e4ter nicht daran erinnern, da\u00df sie Schuldgef\u00fchle dabei empfunden hatte. Sie hatte stattdessen wieder nur gedacht &#8220;Selber schuld, wenn du so bl\u00f6d bist und jetzt warte ich darauf, da\u00df du erkennst, da\u00df ich nicht Mathilde bin und mache dabei meine diesbez\u00fcglichen Studien der menschlichen Seele, die ich dann Dr. Gubinger schicken kann!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Gern!&#8221;, antwortete sie schmachtend, versuchte dabei ihre Stimme heister klingen zu lassen, griff sich an den Hals und h\u00fcstelte etwas. Vielleicht war wirklich eine Schauspielerin an ihr verloren gegangen und sie hatte nach ihrer Matura auch kurz daran gedacht, sich im Reinhardt-Seminar anzumelden, dann aber doch das Medizinstudium vorgezogen und so w\u00fcrde sie eben in ihrer Freizeit spielen und dabei ihre psychoanalytischen Erfahrungen machen und es war auch nichts dabei. Denn wenn sie mit ihm in seine Wohnung ging, konnte nichts passieren. Da das graue M\u00e4uschen sicherlich in seinem Zimmer lag, Salbeitee inhalierte, Lutschtabletten schluckte und wohl gar nicht auf die Idee kam, ihren Moritz anzurufen. Es w\u00e4re nur schwierig geworden, wenn er ihr Mathildes Wohnung vorgeschlagen h\u00e4tte. Das machte er aber nicht. Er dachte nur an sich, wie die M\u00e4nner eben waren und so hustete sie noch einmal schaute dabei aber sp\u00f6ttisch und unternehmungslustig vor sich hin und dachte &#8220;Nun denn, schauen wir uns an, wohin das f\u00fchrt und wie bl\u00f6d die M\u00e4nner sind!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am n\u00e4chsten Tag hatte Mathilde Halsschmerzen, sich krank gemeldet und war zum Arzt gegangen, w\u00e4hrend sich Natalie auf Praxissuche an die ihr angegebenen Adressen machte und auf der Tautenzienstra\u00dfe zusammenuckte, war sie doch gerade in Begriff in Moritz Lichtenstern, den &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52224\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17,18],"tags":[2068,1967,3923],"class_list":["post-52224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","category-uncategorized","tag-fortsetzungsgeschichte","tag-fuenfter-juni-text","tag-mathilde-projekt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52224"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52224\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}