{"id":52250,"date":"2017-06-18T10:56:41","date_gmt":"2017-06-18T08:56:41","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52250"},"modified":"2017-06-18T10:56:41","modified_gmt":"2017-06-18T08:56:41","slug":"bittere-erkenntnis-am-hochzeitstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52250","title":{"rendered":"Erkenntnis am Hochzeitstag"},"content":{"rendered":"<p>Dann setzte die Musik ein und die Menge begann zu tanzen. Walzer, Donauwalzer, der Braut aus dem sch\u00f6nen Wien an der angeblich genauso sch\u00f6nen Donau zu Ehren und Natalie in dem wei\u00dfen Kleid mit der Br\u00fcsseler Spitze, das sie\u00a0 selber entworfen hatte und\u00a0 von einer Schneiderin genau nach ihren Anleitungen n\u00e4hen hatte lassen, den Schleier hatte sie inzwischen abgelegt, der sollte sie nicht st\u00f6ren, befand sich mitten in der Menge und schmiegte sich an Moritz, ihren Ehemann, der in seinem schwarzen Anzug eine absolut eindrucksvolle Erscheinung war. Imposant und sympathisch, absolut der Held des Abends. Sie jetzt aber so zornig oder auch irritiert anfunkelte, da\u00df sie intuitiv &#8220;Uje, Jetzt kommt die Standpauke!&#8221;, dachte und tief durchatmenen mu\u00dfte, damit sie nicht aus der Fassung kam.<\/p>\n<p>Denn jetzt hatte er es geschnallt, da\u00df er Natalie, die Psychoanalytikerin, die einzige und richtige Tochter ihrer Eltern und nicht, wie er geglaubt hatte, Mathilde, das Aschenputtelchen geheiratet hatte. Jetzt hatte er es begriffen, w\u00e4hrend er vor zehn Tagen, als die Hochzeitsanzeigen geliefert worden waren, noch an einen dummen Druckfehler geglaubt und dar\u00fcber gewitzelt hatte, weil da N.Schmidt und nicht das erwartete M. stand und sie hatte getan, als ob sie der Fehler \u00e4rgere und es hatte sie auch wirklich ein wenig ge\u00e4rgert, da\u00df auf ihrer Trauanzeige, ein schlichtes unscheinbares &#8220;N&#8221; und nicht, wie ihr eigentlich zukam und sie es sich immer so vorgestellt hatte: Dr. med Natalie Schmidt, Psychoanalytikerin, gestanden hatte.<\/p>\n<p>Sie hatte es zwar selbst so ausgesucht und wenn man es so wollte, den angeblichen Fehler selber zu verantworten, weil es nicht anders ging, wenn Moritz sie statt ihrer Schwester heiraten sollte und, da\u00df es so gekommen war, hatte sie, wenn sie eherlich war,\u00a0 f\u00fcr ein Spel und eine Laune des Schicksals gehalten.<\/p>\n<p>Irgendwie hatte sie, seit er sie damals auf der Tautenzienstra\u00dfe angesprochen und sie f\u00fcr ihre Schwester gehalten hatte, der Teufel geritten und etwas in ihr hatte ausprobieren wollen, wie lange es ging, ihn in sie verliebt zu machen, ohne da\u00df er den Irrtum merkte?<\/p>\n<p>Und es hatte, was sie selbst ein wenig wunderte, geklappt, obwohl sie nur \u00e4u\u00dferlich, dem grauen M\u00e4uschen \u00e4hnlich sah und auch das nicht wirklich. Denn er hatte sie\u00a0 in der Ritterschen Weinstube in einem eleganten Kleid gesehen, w\u00e4hrend Mathilde mit der Valentinsrose in Jeans und einem graugestreiften Pullover daneben gesessen war.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte den Unterschied also merken k\u00f6nnen, da\u00df sie pl\u00f6tzlich im Designerkost\u00fcm, geschminkt und parfumiert auf der Tautenzenstra\u00dfe auftauchte, obwohl Mathilde in Krankenstand war und das Bett h\u00fcten mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Er hatte es nicht getan, weil er es nicht merken wollte. Das war immer noch ihre These und etwas, was sie auch Dr. Gubinger, ihrem Lehranalytiker beweisen wollte und deshalb hatte sie zu spielen angefangen und sich die ganze Zeit gewundert, da\u00df das so einfach ging und er nichts merkte.<\/p>\n<p>Denn sie war mit ihm in seine Wohnung gegangen, hatte nur ein bi\u00dfchen aufgepasst, da\u00df sie sich nicht verriet und nicht aus Versehen im Besernkammerl statt am Klo landete, denn sie konnte nicht wissen, ob und, wie oft Mathilde schon in dieser gewesen war und, wie gut sie sich darin auskannte?<\/p>\n<p>Sie tat das wahrscheinlich, wie sie sp\u00e4ter merkte. Aber sie hatte sich in Moritz Junggesellenheim mit den vielen B\u00fcchern auch bald ausgekannt. So gro\u00df war die Wohnung nicht und hatte die drei Tage ihres angeblichen Krankenstandes dort verbracht. Dazwischen war sie\u00a0 zweimal bei Mathilde gewesen. Das erste Mal, um ihre Reisetasche abzuholen. Das zweite Mal, um ihr ihre Verlobung zu verk\u00fcnden, worauf das graue M\u00f6uschen prompt reagierte und schreckhaft nach Wien gefl\u00fcchtet war. Das w\u00e4rere noch eine Schwierigkeit gewesen, weil sie das nicht ohne den Umweg in den Verlag und ihrem Chef zu k\u00fcndigen tat.<\/p>\n<p>Aber da war sie mit Moritz selbst in Wien gewesen, hatte ihn den Eltern vorgestellt und sich ihre Papiere abgeholt, um beim Standesamt in Lichtenberg sp\u00e4ter das Aufgebot zu bestellen. Und das war glatt gegangen, ohne, da\u00df sie sich in den Weg gelaufen waren. Sp\u00e4ter war Mathilde aus dem Verlag verschwunden, weil sie, wie Moritz allen erz\u00e4hlte,\u00a0 seine Braut geworden war und sich ver\u00e4ndern wollte und auch hier hatte niemand etwas geschnallt. Er hatte nicht nachgefragt. Der Chef, der es anders wissen mu\u00dfte, nichts verraten.<\/p>\n<p>&#8220;Gl\u00fcck mu\u00df der Mensch haben!&#8221;, dachte sie ein wenig sp\u00e4ttisch. Und sie hatte es auch und absolut keine Schuldgef\u00fchle. Denn es war ein Spiel, das sie ausprobieren wollte und so fand sie es nur faszinierend, da\u00df es so leicht klappte.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Schwierigkeit war die Trauanzeige gewesen. Aber da hatte er nur den Kopf gesch\u00fcttelt und von den &#8220;Deppen!&#8221;, geredet die das &#8220;M&#8221; mit einem &#8220;N&#8221; verwechselten und sie hatte\u00a0 so getan, als ob sie nichts h\u00f6re. Sich das Kleid schneidern lassen, die Eltern zu der Hochzeit eingeladen, die nat\u00fcrlich auch nicht nach Mathilde fragten. Denn sie spielten dieses Verwirr- und Verdr\u00e4ngungsspiel selbst perfekt seit f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren. An Mathilde hatte sie, damit, die sich auskannte, auch eine Anzeige geschickt, aber keine Sorge gehabt, da\u00df sie zur Hochzeit kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie war auch nicht gekommen. So kam der Tag heran und sie war in dem wei\u00dfen Kleid mit dem Schleier zuerst zur Kirche, dann aufs Standesamt gefahren und da mu\u00dfte die Erkenntnis nat\u00fcrlich kommen und tat es auch, denn der Standesbeamte, ein Herr Rainer Schneider, wie sie sich erinnern konnte, hielt ihr das Verm\u00e4hlungsbuch hin und forderte sie lauf auf ihren Namen: Dr. Natalie Schmid hineinzuschreiben, was sie auch tat.<\/p>\n<p>Die Mutter und sein Vater unterschrieben, als Trauzeugen und sie sah an seinem Gesichtsausdruck, da\u00df er jetzt etwas zu schnallen begann. Es war aber zu sp\u00e4t, einen Einwand zu machen, denn das Dr. Moritz Lichtenstern stand schon da. Der Standesbeamte gratulierte, die Eltern und die anderen G\u00e4ste taten das ebenfall und es ging auf in das Seehotel und dort zur Tafel, wo auch keine Gelegenheit zur Aussprache war.<\/p>\n<p>Dann begann, die engagierte Musikkapelle den Donauwalzer zu spielen. Moritz mu\u00dfte sie der Sitte nach auf das Tanzparkett f\u00fchren und mit ihr allein die erste Runde tanzen.\u00a0 Danach gesellte sich die Menge dazu. Sie tanzten mittendrin und Moritz sah sie jetzt scharf an, r\u00fcckte etwas von ihr ab und fragte streng &#8220;Natalie? Du hei\u00dft Natalie und bist die Psychoanalytikerin und nicht Mathilde?&#8221;<\/p>\n<p>Sie hatte sich inzwischen gefa\u00dft, schaute sp\u00f6ttisch\u00a0 und tat erstaunt.<\/p>\n<p>&#8220;Nat\u00fcrlich, hast du das nicht gewu\u00dft? Mathilde ist meine Zwillingsschwester, die bei euch Sekret\u00e4rin ist oder besser war, denn sie ist inzwischen nach Wien zur\u00fcckgekehrt und hat eine andere Stelle angenommen. Wir sehen uns sehr \u00e4hnlich und man hat uns immer gesagt, da\u00df wir leicht zu verwechseln sind, wie das bei eineigen Zwillingen \u00fcblich ist, obwohl wir grundverschieden sind. Im Charakter sind wir g\u00e4nzlich anders und auch unser Berufsweg ist unterschiedlich verlaufen. Ich habe Medizin studiert. Math ist zuerst in die Hauptschule, dann auf die Handesakademie gegangen, weil sich die Eltern kein zweites Studium leisten konnten. Math ist danach nach Berlin gegangen und weil diese Stadt sehr interessant ist, bin ich ihr nach Abschlu\u00df meiner Lehranalyse gefolgt und habe in der Tautenzienstra\u00dfe, wo wir uns, nachdem wir uns in der Weinstube kennenlernten, wiedergetroffen haben, meine Praxis aufgemacht. Ich finde, da\u00df ich Math eigentlich nicht wirklich \u00e4hnlich sehe und auch einen g\u00e4nzlich anderen Kleiderstil habe! L\u00e4uft sie doch, wie du sicher wei\u00dft, fast auschlie\u00dflich in Jeans und Schlapperpullis herum, w\u00e4hrend ich mich daf\u00fcr nicht erw\u00e4rmen kann! Ich mag schlampig gekleidete Frauen nicht und schminke mich auch gern!&#8221;, versuchte sie m\u00f6glichst harmlos zu sagen und nicht rot\u00a0 dabei zu werden. Was ihr auch zu gelingen schien, obwohl er sie immer noch anstarrte, ihren Arm ergriff und sie, weil jetzt die Musik verstummte, zuerst auf die Terrassse und dann auf die Seepromenade hinausf\u00fchrte.<\/p>\n<p>&#8220;Du bist nicht Mathilde, hast mich betrogen und dich bei mir eingeschlichen!&#8221;, sagte er jetzt scharf und sie sch\u00fcttelte den Kopf und versuchte weiter harmlos dreinzusehen.,<\/p>\n<p>&#8220;Wie kommst du darauf, da\u00df ich Mathilde bin? Das kann nur ein Blinder sein, der mich mit ihr verwechselt! Aber ja, ich erinnere mich, auf der Tautenzienstra\u00dfe hast du mich mit diesem Namen angesprochen! ich habe gedacht, das ist ein Scherz, weil ich ihr in meiner Kleidung\u00a0 nicht \u00e4hnlich sehe und habe dir gesagt, da\u00df sie wegen ihrer Halsschmerzen zu Hause ist und dann bin ich mit dir in deine Wohnung gegangen, weil du mich dorthin eingeladen hast und ich mich-&#8221; jetzt schwankte ihre Stimme etwas, weil sie nicht ganz sicher war, ob er ihr das glauben w\u00fcrde- &#8220;in dich verliebt habe! Ist etwas zwischen dir und Mathilde gewesen? Habe ich eure Kreise gest\u00f6rt?&#8221;, fragte sie daher in der Angreiferpostion weiter und versuchte sp\u00f6ttisch aufzulachen.<\/p>\n<p>&#8220;Hat sie vielleicht deshalb so \u00fcberst\u00fcrzt ihre Stelle augegeben und ist nach Wien zur\u00fcckgefahren? Ich habe mich schon dar\u00fcber gewundert und auch, da\u00df sie nicht zur Hochzeit gekommen ist! Ich habe sie, wie du wei\u00dft, eingeladen! Hast du wirklich geglaubt, da\u00df ich Mathilde und nicht Natalie bin?&#8221;, wiederholte sie lauter und sah ihn dabei herausfordern an.<\/p>\n<p>&#8220;Dann bist du sicher entt\u00e4uscht!&#8221;, setzte sie in dieser Art und Weise hinzu &#8220;da\u00df wir jetzt verheiratet sind! Aber ich dachte, du liebst mich genauso sehr, wie ich dich! Glaubte, es w\u00e4re Liebe auf den ersten Blick gewesen, da\u00df wir so schnell geheiratet haben und jetzt ein Ehepaar sind!&#8221;, sagte sie energisch und atmete noch einmal durch.<\/p>\n<p>&#8220;Gegl\u00fcckt!&#8221;, dachte sie dabei.<\/p>\n<p>&#8220;Er scheint mir zu glauben oder hat zumindest keine M\u00f6glichkeit auszuweichen ohne zuzugeben, da\u00df er ein Trottel war und was soll es? Ich habe mich wirklich in ihm verliebt und wenn er so bl\u00f6d ist, nicht zu merken, da\u00df ich Natalie und kein graues M\u00e4uschen bin , dann ist er selber schuld und ich kann ihm auch nicht helfen!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann setzte die Musik ein und die Menge begann zu tanzen. 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