{"id":52255,"date":"2017-06-19T00:23:33","date_gmt":"2017-06-18T22:23:33","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52255"},"modified":"2017-06-19T00:23:33","modified_gmt":"2017-06-18T22:23:33","slug":"schneeflockenspiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52255","title":{"rendered":"Schneeflockentreiben"},"content":{"rendered":"<p>Moritz Lichtenstern hatte sich, nachdem er sich angezogen, rasiert, gewaschen und seinen Morgenkaffee getrunken hatte, an das Fenster gestellt, sah den glitzernden Schneefloscken zu,\u00a0 die vor seinem Fenster tanzten und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p>War es doch schon Ende Februar und er hatte eigentlich gedacht, der Winter w\u00e4re vorbei. Der Fr\u00fchling w\u00fcrde bald anbrechen und er konnte seinen orangen Kleinbus aus der Garage nehmen und mit ihm&#8230;<\/p>\n<p>Ja was wollte er damit? Durch die Welt fahren, Afghansitan, Pakistan, aber auch China und Indien hatte er bereisen wollen, als sie ihm vor zwei Jahren\u00a0 mit einer Gedichtgesammlung in Pension geschickt hatten, weil man ihn im Verlag nicht brauchte. Damals war ihm auch die Idee mit dem Kleinbus und der Weltreise gekommen, wenn er sich nicht irrte, war es Egon, der\u00a0 Lyriker und ein guter Freund von ihm war, gewesen der ihn auf diese Idee brachte und er hatte sie f\u00fcr gut gefunden und sogar schon erste diesbez\u00fcgliche Pl\u00e4ne gemacht. Das war zwei Jahre her und seither war nur\u00a0 in Wien und auf Natalies Begr\u00e4bnis gewesen, hatte das Bild von dem Bus\u00a0 auch Mathilde gezeigt und sie gefragt, ob sie mit mitkommen werde?<\/p>\n<p>&#8220;La\u00df uns abhauen, neu beginnen und die Welt anschauen!&#8221;, hatte er gesagt und sie hatte ihn verwirrt anblickt, den Kopf gesch\u00fcttelt, nach dem Glas Wein gegriffen, das ihr der junge Kellner mit den dunklen Locken, der, wenn er sich nicht irrte, eine Kurde oder T\u00fcrke war, obwohl er mit einem italienischen Namen gerufen wurde, hingestellt hatte, es hochgehoben und &#8220;La\u00df mir Zeit, Moritz!&#8221; geantwortet.<\/p>\n<p>&#8220;Ich f\u00fcrchte, ich kann nicht so schnell begreifen, ist doch soviel passiert und das, was mir Natalie geschrieben hat und durch ihren Anwalt schickte, hat mich auch sehr verwirrt!&#8221;<\/p>\n<p>Er hatte genickt,\u00a0 verst\u00e4ndnisvoll nach ihrer Hand gegriffen &#8220;Nat\u00fcrlich!&#8221;, geantwortet und behauptet,\u00a0 da\u00df er das\u00a0 verstehe und ihr selbstverst\u00e4ndlich Zeit lassen w\u00fcrde. Jede Zeit der Welt, die sie brauchte, da\u00df er aber gern seine Tochter\u00a0 kennenlernen w\u00fcrde und da er\u00a0 schon fast zweiundsiebzig war, hatte er vielleicht diese Zeitf\u00fclle\u00a0 nicht mehr und so schlage er vor, da\u00df sie sich sechs Wochen Zeit lassen sollten und er in der Karwoche wieder kommen w\u00fcrde, um sie nach ihrer Entscheidung zu fragen.<\/p>\n<p>Da hatte sie wieder genickt und war wahrscheinlich froh \u00fcber diesen Aufschub gewesen, denn sie hatte geantwortet &#8220;Gut, Moritz, machen wir das so!&#8221; und\u00a0 noch hinzugef\u00fcgt, da\u00df sie froh \u00fcber Natalies Brief w\u00e4re, sich \u00fcber das Wiedersehen freue und Lily sicher gerne ihren Vater kennenlernen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8220;Denn wei\u00dft du!&#8221;, hatte sie gesagt.<\/p>\n<p>&#8220;Sie hat in der Pubert\u00e4t eine sehr rebellische Phase gehabt und,\u00a0 um jeden Preis deinen Namen herausbekommen und mit dir in Kontakt treten wollen! Aber was sollte ich ihr sagen? Da\u00df ihr Vater, der Ehemann ihrer Tante Natalie ist, wollte ich ihr nicht verraten und so ist diese Zeit sehr schwierig f\u00fcr uns gewesen, wollte ich sie doch nicht entt\u00e4uschen und wu\u00dfte auch, da\u00df jedes Kind seinen Vater braucht, aber da bei uns die Verh\u00e4ltnisse so schwierig lagen-!&#8221;, sagte sie und brach ab.<\/p>\n<p>&#8220;Nat\u00fcrlich, Mathilde!&#8221;, hatte er geantwortet und wieder nach ihrer Hand gegriffen.<\/p>\n<p>&#8220;Ich f\u00fcrchte, ich bin selber schuld an dieser Geschichte, weil ich ein solcher Trottel war!&#8221;<\/p>\n<p>Sie hatte den Kopf gesch\u00fcttelt, ihre Hand der seinen entzogen und hinzugef\u00fcgt, da\u00df Lily, weil sie sich nicht an ihren Vater wenden konnte, sogar Kontakt mit ihrer Gro\u00dfmutter aufgenommen und sich mit ihr angefreundet hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Aber die konnte ihr die Antwort auch nicht geben, hatte sie ja keine Ahnung, da\u00df du ihr Vater bist! Sie scheint aber Schuldgef\u00fchle gehabt zu haben, hat sie sich doch, um Lily mehr als, um mich damals gek\u00fcmmert!&#8221;, sagte sie und brach wieder ab, was ihn, wie er sich erinnern konnte, ratlos und unsicher machte, war es doch wirklich eine \u00e4u\u00dferst verr\u00fcckte Geschichte, in die er durch Natalie hineingeraten war und Mathilde hatte sie\u00a0 in doppelter Ausf\u00fchrung erlebt.<\/p>\n<p>&#8220;Da war ich von Natalie\u00a0 schon l\u00e4ngst wieder geschieden!&#8221;,hatte er so nach einer Weile hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>&#8220;Denn wei\u00dft du, unsere Ehe hat nur drei Jahre gedauert und sie war eigentlich gar nicht, als solche zu bezeichnen, hatte ich doch seit der Erkenntnis an meinem Hochzeitstag, da\u00df ich, ohne es zu merken, die falsche Frau geheiratet habe, Schwierigkeiten aus ihr wieder herauszukommen und brachte es nicht zusammen, gleich wieder die Scheidung einrzureichen, weil ich im Verlagt, bei meiner Familie und meinen Freunden nicht, als Vollidiot dastehen wollte. Ich wei\u00df nicht, ob du das verstehen kannst!&#8221;, sagte er und jetzt war er es, der sein Glas erhob, sie hilflos ansah und den Kopf sch\u00fcttelte.<\/p>\n<p>&#8220;Warum hast du mir\u00a0 nie\u00a0 davon geschrieben, da\u00df du Lilly bekommen hast! Das h\u00e4tte mich wahrscheinlich eher zu einer Entscheidung veranla\u00dft?&#8221;, f\u00fcgte er in der selben Hilflosigkeit hinzu und war \u00fcber ihre sch\u00fcchterne Antwort, da\u00df sie das nicht gekommt hatte, nicht verwundert.<\/p>\n<p>&#8220;Nat\u00fcrlich!&#8221; antwortete er.<\/p>\n<p>&#8220;Die Schuld liegt eindeutig bei mir! Ich h\u00e4tte nicht so bl\u00f6d sein d\u00fcrfen, mich von Nataie auf der Stra\u00dfe ansprechen und verf\u00fchren lassen, weil sie damit recht hatte, da\u00df ihr trotz eurer vordergr\u00fcndlichen \u00c4hnlichkeit sehr verschieden seid und ich den Irrtum merken h\u00e4tte m\u00fc\u00dfen!&#8221;, sagte er und dann noch, da\u00df er keine andere Entschuldigung h\u00e4tte und sie auf diese Art und Weise drei\u00dfig Jahre ihres Lebens verloren h\u00e4tten, die sie jetzt durch Natalies Brief wieder gut machen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&#8220;Und ich w\u00fcnsche mir sehr, wir w\u00fcrden das tun und k\u00f6nnten mit oder ohne meinen Bus neu anfangen! Was meinst du, Mathilde? Es war doch damals zwischen uns allles in so sch\u00f6ner Ordnung und\u00a0 hat so gut begonnen und ich wei\u00df nicht, ob du es mir glaubst, da\u00df ich damals die sch\u00f6nsten Zukunftspl\u00e4ne in diese Valentinsrose steckte-! Aber ich wei\u00df schon, du wirst mir antworten, da\u00df es meine Schuld ist, da\u00df es nicht weiter ging!&#8221;, wiederholte er, brach wieder ab und war froh, da\u00df sie den Kopf sch\u00fcttelte und sagte, da\u00df sie die Rose noch habe und sie oben in ihrer Wohnung in einer Vase st\u00fcnde.<\/p>\n<p>&#8220;Sie hat meine \u00fcberst\u00fcrtzte Flucht nach Wien \u00fcberlebt&#8221;, sagte sie fast m\u00e4dchenhaft sch\u00fcchtern mit ger\u00f6teten Wangen, lud ihn aber nicht ein, in ihre Wohnung mitzukommen und das Beweisst\u00fcck anzusehen, sondern verabschiedete sich von ihm und er war in sein Hotel gegangen, hatte die Nacht dort geschlafen, war am n\u00e4chsten Tag, wie geplant nach Berlin zur\u00fcckgefahren und jetzt stand er\u00a0 vor seinem Fenster, sah dem winterlichen Treiben der Schneeflocken zu und \u00fcberlegte, da\u00df es noch sechs Wochen bis zur Karwoche waren, wo er wieder mit den Bus nach Wien fahren und sich Mathildes Enscheidung abholen konnte. Bis dahin mu\u00dfte er warten, da\u00df hei\u00dft er konnte nach New York telefonieren und Lily, seine Tochter, anrufen.\u00a0 Hatte das auch schon\u00a0 getan und mit ihr einen vagen Besuch nach Ostern vereinbart.<\/p>\n<p>&#8220;Entweder mit oder ohne deine Mutter!&#8221;, hatte er gesagt.<\/p>\n<p>&#8220;Ich komme auf jeden Fall dich besuchen und m\u00f6chte dich kennenlernen, w\u00fcrde am liebsten aber deine Mutter dabei haben, ich hoffe du verstehst das!&#8221;, hatte er gesagt und sie war einverstanden gewesen und hatte salopp &#8220;Nat\u00fcrlich, Pa, auf die paar Wochen kommt es auch nicht mehr an!&#8221;, geantwortet, was ihn wieder daran erinnerte, da\u00df er vielleicht nicht mehr so viel Zeit hatte. Er stand knapp vor seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag. Sein Vater war f\u00fcnfundsiebzig, der Gro\u00dfvater knapp achtzig geworden und beide waren zu ihrem Todesdatum senil, beziehungsweise dement gewesen oder wie man diesen Zustand sonst noch nennen konnte.<\/p>\n<p>&#8220;Alzheimer Deasease!&#8221;, hatten es die \u00c4rzte genannt und er hatte den heimlichen Verdacht, da\u00df es bei ihm auch so kommen konnte. Hielt das Zittern seiner Finger, das ihm morgens manchmal qu\u00e4lte,auch f\u00fcr Parkinson. Sch\u00fcttelte dann wieder den Kopf, nannte sich einen Tr\u00e4umer und Hypochonder und war zu feig noch\u00a0 einmal zum Arzt zu gehen und diese Diagnose feststellen oder dementieren zu lassen.<\/p>\n<p>Der Vater und der Gro\u00dfvater waren beide an Demenz verstorben und er war von seinem Verlag, zu dessen Leiter er es nach der Scheidung von Natalie sehr bald gebracht hatte, pensioniert worden, hatte sich auf Anraten seines Freundes Egon einen Bus gekauft, um damit um die Welt zu reisen und es bisher nicht getan, weil es Reisewarnungen f\u00fcr L\u00e4nder, wie Afghansitan, Pakistan oder Syrien gab und er nicht so einfach nach Italien oder Frankreich reisen fahren hatte wollen und es ihm, als der Idiot, der er offensichtlich mit oder ohne Alzheimer und Parkinson war,\u00a0 nicht einfiel, das Naheliegenste zu tun und mit\u00a0 Bus nach Wien zu Mathilde zu fahren, aber\u00a0 in der Karwoche w\u00fcrde er das tun! Das hatte er sich fest vorgenommen, dachte er und merkte mit Befriedigung, da\u00df es zu schneien aufgeh\u00f6rt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moritz Lichtenstern hatte sich, nachdem er sich angezogen, rasiert, gewaschen und seinen Morgenkaffee getrunken hatte, an das Fenster gestellt, sah den glitzernden Schneefloscken zu,\u00a0 die vor seinem Fenster tanzten und sch\u00fcttelte den Kopf. 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