{"id":52260,"date":"2017-06-19T18:15:46","date_gmt":"2017-06-19T16:15:46","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52260"},"modified":"2017-06-19T18:15:46","modified_gmt":"2017-06-19T16:15:46","slug":"fruehlingserwachen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52260","title":{"rendered":"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung"},"content":{"rendered":"<p>Auch Mathildes H\u00e4nde zitterten, als sie, nachdem sie sich von Moritz verabschiedet hatte, in ihre Wohnung gegangen war und als erstes in ihr Schlafzimmer ging, wo auf dem kleinen Schminktischchen vor dem Fenster, in einer kleinen Vase mit der l\u00e4ngst vertrocknenen Valentinsrose stand.<\/p>\n<p>Sie nahm sie hoch, sah sie an und sch\u00fcttelte den Kopf. Daneben lag der Brief, den ihr Natalie durch ihren Anwalt geschickt hatte. Der Partezettel lag in ihrer Handtasche. Sie war, weil es Lily wollte und nicht aus eigenem Antrieb zu dem Begr\u00e4bnis gegangen, hatte dort Moritz getroffen, mit ihm in der Pizzeria zwei Gl\u00e4ser Rotwein getrunken und energisch den Kopf gesch\u00fcttelt, als Gusiseppe-Mehmet sie neugierig angesehen hatte und von ihr wissen wollte, ob der elegante Herr, der Freund der Signora sei?<\/p>\n<p>Das nein, das nicht, das war v\u00f6lig ausgeschlossen. Wenn sie Berlin damals nicht so \u00fcberst\u00fcrtzt verlassen h\u00e4tte, w\u00e4re er bald ihr Chef geworden oder auch nicht, denn da h\u00e4tte sie ihn wahrscheinlich geheiratet und, um eine gute Mutter zu werden, f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre den Verlag verlassen. Also ihr verhinderter Ehemann oder ihr Schwager. Ihr Exschwager nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Alles was er wollte, aber das ging, den jungen Kurden und Medienstudenten\u00a0 nichts an und Moritz wollte in sechs Wochen wiederkommen und mit ihr mit einem orangen Bus, dessen Bild er ihr gezeigt hatte, durch die Welt reisen und sie wu\u00dfte nicht, ob sie das wollte, merkte, das ihre Finger noch immer zitterten und dachte &#8220;Das ist doch verr\u00fcckt!&#8221;<\/p>\n<p>Vollkommen verr\u00fcckt! Stellte die Vase wieder auf das Kosmetiktischchen und setzte sich auf den Sessel, der davor stand. Jetzt konnte sie wenigstens nicht umfallen und ihre Gedanken ordnen oder Lily anrufen , die sicher wissen wollte, ob die Mutter auf dem Begr\u00e4bnis gewesen war?<\/p>\n<p>Sie war dort gewesen, hatte Moritz wiedergetroffen und von Natalie einen Brief bekommen, in dem sie sich bei ihr entschuldigt hatte. Egentlich war es ein netter Brief gewesen, den die Schwester ihr geschrieben hatte, ein um Verzeihung bittender und vers\u00f6hnlicher. Die Schwester war in der letzten Phase ihres Krebses in sich gegangen, hatte sich entschuldigt und Mathilde wu\u00dfte auch hier nicht, ob sie verzeihen wollte?<\/p>\n<p>Einer Toten darf man nichts Schlechtes nachsagen, mu\u00dfte ihr verzeihen! So hie\u00df es doch, so hatte sie es in der Schule und auch sonst im Leben gelernt, aber auch da wu\u00dfte sie nicht, ob sie das wollte. Oder doch, sie wollte es nicht!<\/p>\n<p>Deshalb hatte sie der Schwester auch keine Rose in das Grab nachgeworfen, weder die vertrockenete, die ihr Moritz vor fast einunddrei\u00dfig drei\u00dfig Jahren schenkte, bevor die Schwester ihn ihr gestohlen hatte, noch eine\u00a0 neu gekaufte. Sie war blumenlos auf den Friedof gekommen und auch nur, weil sie Lily versprochen hatte, das zu tun und sie verzieh Natalie nicht,\u00a0 das war sicher, denn es war\u00a0 wirklich infam gewesen, was die getan hatte und Moritz w\u00fcrde das von ihr auch nicht fordern. Ganz egal, ob sie in sechs Wochen\u00a0 mit ihm und seinen Bus nach New York fahren w\u00fcrde oder nicht.<\/p>\n<p>Aber mit einem Bus konnten sie nicht \u00fcbers Wasser reisen. Damit konnten sie\u00a0 h\u00f6chstens nach Berlin fahrenund die Orte des damaligen Geschehens wieder aufsuchen. Aber Lily wollte ihren Vater kennenlernen. Hatte das\u00a0 schon angedeutet, da\u00df sie das auf jeden Fall tun w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8220;Ganz egal, ob du damit einverstanden bist oder nicht Mutter!&#8221;, hatte sie\u00a0 versichert und sie war auch einverstanden. Hatte nichts dagegen und sollte Natalie f\u00fcr ihren Mut der letzten Stunde, die Sache doch noch aufzukl\u00e4ren, eigentlich dankbar sein. War es aber nicht. Nein, sie w\u00fcrde weder ihr, noch den Eltern\u00a0 verzeihen, dachte sie erneut und merkte, da\u00df sich ihre Finger ineinander verkrampften.<\/p>\n<p>&#8220;La\u00df, das Math!&#8221;, dachte\u00a0 sie.<\/p>\n<p>&#8220;La\u00df dir Zeit!&#8221; und zuckte noch einmal zusammen, als sie bemekrte, da\u00df sie die Abk\u00fcrzung verwendet hatte, die Natalie immer gebraucht hatte, wenn sie sich \u00fcber sie lustig machen hatte wollen, was, wie sie sich ebenfalls erinnerte, sehr h\u00e4ufig vorgekommen war, denn Natalie hatte keine Gelegenheit ausgelassen, auf ihre Vormachtstellung hinzuweisen.<\/p>\n<p>Einmal, daran konnte sie sich jetzt\u00a0 erinnern und es trieb ihr vor Scham immer noch das Blut in den Kopf, so da\u00df sie sicher so rot geworden war, wie es ihr damals passierte, war es besondern arg gewesen. Sie mu\u00dften zehn, elf oder zw\u00f6lf Jahre alt gewesen sei. Es war ein Sonntag gewesen und sie waren im Wohnzimmer, um den Tisch bei der Nachmittagsjause Kuchen gesessen. Die Gro\u00dfeltern, die damals noch lebten, waren auf Besuch gekommen und hatten f\u00fcr jede von ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sowohl sie, als auch Natalie hatten eine Schachtel Katzenzungen\u00a0 bekommen, was Natalie, als sie sich schon dar\u00fcber freuen wollte,\u00a0 zu einem sp\u00f6ttischen L\u00e4cheln und der bissigen Bemerkung &#8220;Siehst du, Math, du bist gar nicht so benachteiligt, wie du immer behauptest, du bekommst doch auch etwas geschenkt!&#8221;, veranla\u00dft hatte. Dabei hatte sie laut und h\u00f6hnisch aufgelacht, was ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte, so da\u00df sie um ihre Gef\u00fchlsanwallung zu verbergen das Zimmer verlassen hatte und aufs Klo gelaufen war.<\/p>\n<p>Dort hatte sie, als sie ihr Gesch\u00e4ft erledigt hatte, versucht sich zu beruhigen,\u00a0 hatte sich die Tr\u00e4nenspuren aus dem Gesicht gewischt, die Haare gek\u00e4mmt und die H\u00e4nde gewaschen und war mit dem Vorsatz ins Zimmer\u00a0 zur\u00fcckgegangen, sich bei den Gro\u00dfeltern besonders zu bedanken und ihnen zu sagen, wie sehr sie sich \u00fcber ihr Geschenk freue, weil Katzenzungen ihre Lieblingss\u00fc\u00dfigkeit seien.<\/p>\n<p>Es war aber wieder einmal, schlimmer als gedacht gekommen, hatte sie in ihrer Wut doch nicht bemerkt, da\u00df ein Teil ihres Kleides in der Unterhose stecken beblieben war, was Natalie, die das nat\u00fcrlich sah, erst recht zum Lachen und zum Ausspruch &#8220;Zieh dich doch erst ordentlich an, Math, bevor du dich \u00fcber uns beschwerst, k\u00f6nnte doch die Gro\u00dfmutter denken, da\u00df du dich nicht benehmen kannst und svchlecht erzogen bist !&#8221;, was ihr sofort wieder das Blut auf die Wangen getrieben und ihr die Katzenzungen, wie sie sich erinnern konnte, so sehr verleideten, da\u00df sie nie wieder welche gegessen hatte.<\/p>\n<p>&#8220;La\u00df das, Math und zieh dich ordentlich an, sonst k\u00f6nnte die Gro\u00dfmutter denken, du kannst dich nicht benehmen!&#8221;, hatte Natalie gesagt und sich vor Lachen gesch\u00fcttelt. Dann war sie aufs Gymnasium gegangen, hatte Medizin studiert und ihr in Berlin Moritz weggeschnappt und sie sollte sich beruhigen, verzeihen und die Vergangenheit ruhen lassen, um zu zeigen, da\u00df sie gut erzogen war?<\/p>\n<p>Aber\u00a0 nein,\u00a0 nichts davon, sie w\u00fcrde es nicht lassen und auch nicht verzeihen,\u00a0 dachte\u00a0 Mathilde nun entschlo\u00dfen, atmete tief durch und stand auf, um ins Vorzimmer hinausgegangen war, den Mantel auszuziehen und die Schuhe abzulegen und sich dann ins Bad begeben, um sich f\u00fcr die Nacht zurechtzumachen.<\/p>\n<p>&#8220;La\u00df das Math!&#8221;, hatte Natalie gesagt und immer darauf hingeweisen, da\u00df sie nur Gast in ihrem Zimmer war, geduldeter Gast bei ihren Eltern war, weil sich die nur ein Kind leisten konnten und das Zimmer deshalb ihr geh\u00f6rte und jetzt war sie \u00fcbergeblieben, hatte aber jetzt schon lange ein Zimmer und sogar eine Wohnung f\u00fcr sich allein.<\/p>\n<p>Hatte dies schon \u00fcber drei\u00dfig Jahre und war heute Moritz wiederbegegnet, der mit ihr in sechs Wochen mit einem orangen Bus durch die Welt reisen wollte, w\u00e4hrend Natalie gestorben war und sich infolgedessen niemals mehr \u00fcber sie lustig machen konnte. Die Vergangenheit war vorbei und das Leben ging weiter.\u00a0 Sie konnte, wenn sie wollte, mit Moritz von vorne anfangen. Konnte Natalie verzeihen oder aber auch ihr auf ewig b\u00f6se sein. Konnte auch den Zipfel ihres Nachthemdes in ihre Unterhose stecken und auch wieder Katzenzungen essen.\u00a0 Natalie w\u00fcrde niemals mehr dar\u00fcber lachen und sie wu\u00dfte nur nicht, ob sie sich dar\u00fcber freuen sollte, aber auch da konnte sie sich Zeit lassen und mu\u00dfte das noch nicht heute entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch Mathildes H\u00e4nde zitterten, als sie, nachdem sie sich von Moritz verabschiedet hatte, in ihre Wohnung gegangen war und als erstes in ihr Schlafzimmer ging, wo auf dem kleinen Schminktischchen vor dem Fenster, in einer kleinen Vase mit der l\u00e4ngst &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52260\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[2070,3923,6363],"class_list":["post-52260","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-fortsetzungsgeschichten-schreiben","tag-mathilde-projekt","tag-zehntes-juni-textbeispiel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52260"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52260\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}