{"id":52294,"date":"2017-06-30T00:28:12","date_gmt":"2017-06-29T22:28:12","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52294"},"modified":"2017-06-30T00:28:12","modified_gmt":"2017-06-29T22:28:12","slug":"warum-soll-man-nicht-auf-bessere-zeiten-hoffen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52294","title":{"rendered":"Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen"},"content":{"rendered":"<p>Victor Klemperers Leben in Briefen. Der &#8220;Aufbau-Verlag&#8221; hat jetzt auf \u00fcber sechshundert Seiten mit vielen Bildern, Anh\u00e4ngen und Erl\u00e4uterungen die Briefe herausgegeben, die der deutsche Romanist und Germanist von 1909 bis 1960, seinem Todesjahr geschrieben hat und darunter ist einer, das ist ganz besonders interessant, den er1910 in einem Hotel am Nordbahnhof logierend, mit &#8220;Sehr geehrte gn\u00e4dige Frau!&#8221; und nicht Frau Gr\u00e4fin oder Baronin betitelt, an <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/04\/28\/ruth-klueger-ueber-marie-von-ebner-eschenbach\/\">Marie vonEbner- Eschenbach <\/a>geschrieben hat, die er besuchen wollte, weil er sich f\u00fcr die\u00f6sttereischische Literatur interessierte.<\/p>\n<p>Ich kenne Victor Klemperers Tageb\u00fccher und sein LTI, habe einiges davon gelesen, ich glaube, die Ute hat mich drauf gebracht und mir eines seiner B\u00fccher gegeben, ich habe aber auch etwas von ihm einmal bei den B\u00fcchert\u00fcrmen bei der &#8220;Literatur im M\u00e4rz&#8221; gefunden.<\/p>\n<p>Im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/05\/17\/zum-siebzigsten-geburtstag-von-manfred-chobot\/\">Centrope Workshop <\/a>hat Stephan Teichgr\u00e4ber, der ja aus der DDR kommt, auch einmal seinen Namen erw\u00e4hnt, da habe ich noch auf das Buch gewartet, das glaube ich, im Mai erscheinen sollte und jetzt am vierzehnten Juni herausgekommen ist und das ist, glaube ich, nicht nur f\u00fcr Philologen und Wissenschaftler interessant, sondern auch f\u00fcr die, die wissen wollte, wie es sich im dritten Reich lebte, wenn man durch seine arische Frau gerade gedeckt war, man aber nicht mehr die \u00f6ffentlichen Bibliotheken besuchen durfte und die Pension zuerst gek\u00fcrzt und dann wahrscheinlich ganz gestrichen wurde und weil es damals ja\u00a0 keine Mails und kein Handy gab, hat man sehr viele Briefe geschrieben und darin ist das Alltagsleben, die \u00c4ngste, die Verwzweiflung und das Bem\u00fchen um Ausreise und\u00dcberleben sehr gut zu ersehen.<\/p>\n<p>Victor Klemperer wurde 1881 in Lemberg an der Warthe geobren, hatte sieben Geschwister und war der Sohn eines Rabiners.<\/p>\n<p>Das Buch ist in verschiedenen Jahresabschnitte gegliedert und immer mit einer treffenden \u00dcberschriftt \u00fcbertitelt, in der\u00a0 ersten 1090-1910 &#8220;Da ich nunals freier Schriftsteller von meiner Feder lebe&#8221;, stammt der Brief an Marie von Ebner Eschenbach, er hat 1902 Germanistik und Romanistik strudiert und ist 1903 zumProtestantinsmus \u00fcbergetreten und 1906 die Pianistin Eva Schlemmer geheiratet, im ersten Weltkrieg hat er sich freiwillig gemeldet und war\u00a0 ab1920 bis zum Beginn des dritten Reiches\u00a0 ordentlicher Professor an der technischen Hochschule in Leipzig, in diesem Abschnitt &#8220;Endlich will ich als Lehrer mit einem Paukenschlag beginnen- 1920-1933&#8221; gibt es vor allem Briefe an seinen Lehrer Karl Vossler mit dem er seine Sorgen als &#8220;idealistischer Philologe bespricht, manche Bedenken bei der Herausgabe seiner Werke hat und auch mit manchen seiner Kollgegen unzufrieden ist.<\/p>\n<p>Dann kommt das dritte Reich und das beginnt mit Briefen seines Verlegers Hans Ehlers, der ihm den Rat gibt, seine Abhandlungen \u00fcber die franz\u00f6sische Literatur des achtzehnten Jahrhunders an der er gerade arbeitet, bei einem ausl\u00e4ndischen Verlag weiterzuverlegen, weil in Deutschland der Absatz und das Interesse daf\u00fcr nicht mehr vorhanden ist.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter k\u00fcndigt er ihm den Vertrag, da Vertr\u00e4ge mit nicht arischen Personen nicht mehr einklagbar sind. Klemperer verliert seine Stelle, mu\u00df sich mit einem Dittel seiner Einnahmen begn\u00fcgen, seine Familie beginnt langsam zu emigrieren, er z\u00f6gert aber, kann sich nicht vorstellen im Ausland einen gleichwertigen Posten zu bekommen und beginnt sogar, was ich sehr interessant finde, mit f\u00fcnfzig das Autofahren zu lernen.<\/p>\n<p>Er schreibt da selbst an seinen Fahrlehrer bei dem er sich f\u00fcr die Geduld bedankt, da\u00df er sich dabei sehr ungeschickt angestellt hat.<\/p>\n<p>Ein gebrauchtes Auto wird gekauft, da hat man in den Drei\u00dfigerjahren noch einen Mechaniker dazubekommen, der einem die ersten Wochen einschulte,\u00a0 mitfuhr und ins Lenkradgriff, wenn man gerade einen Bl\u00f6dsinn machte.<\/p>\n<p>Klemperer lernt langsam das Fahren, das ihm gro\u00dfe Freude macht, weil er alleine nicht spazieren gehen will seine Frau, obwohl sie denGarten betreut und auch eine Terrasse und Garage anlegt, offenbar gehbehindert ist und ihn nicht begleiten kann.<\/p>\n<p>Nur leider ist das Auto st\u00e4ndig kaputt und die Mechaniker versprechen zwar es wieder in Schu\u00df zu bringen, das gelingt aber nicht und das Geld wird auch langsam knapp.<\/p>\n<p>Das schreibt Klemperer vor allem seiner Familie, der Bruder Georg ist inzwischen nach Amerika emigriert, mit einer Schwester plant er Ausfl\u00fcge in die n\u00e4here Umgebeung, mu\u00df sie aber um die Bezahlung bittet, weil es bei ihm nicht reicht,er bringt ihr daf\u00fcr auch einen Koffer B\u00fccher mit, \u00fcber die es auch ein genaues Verzeichnis gibt und interessant, eine Pearl S.Buck ist dabei.<\/p>\n<p>Er darf zuerst nicht mehr die \u00f6ffentlichen Bibliotheken ben\u00fctzen, sp\u00e4ter von dort auch keine B\u00fccher mehr ausleihen, was seine Arbeit an dem Band \u00fcber das &#8220;Dixhuitieme&#8221;, f\u00fcr die er aber ohnehin keinen Verleger mehr hat, sehr befindert, so bekommt er die Idee seinen Lebenslauf beziehungsweise seine Tageb\u00fccher zu schreiben, weil er daf\u00fcr keine Unterlagen braucht.<\/p>\n<p>Die Eingeengtheit des Lebens, die g\u00e4nzliche Isolation und die Geldknappheit wird mehrmals beklagt.<\/p>\n<p>So hei\u00dft es etwa im Abschnit V &#8220;1936-1937-Von Freunden ist nichts mehr zu berichten, denn es sind keine mehr da&#8221; und langsam langsam will Klemperer auch weg, wei\u00df er ja nicht mehr, wie lange er seine&#8221;Villa noch bewohnen&#8221; kann und Autofahren darf er auch bald nicht mehr.<\/p>\n<p>Sein Bruder Georg besorgt ihm durch seinen Sohn ein Affidavit, aber da mu\u00df man schon Jahre auf die Einreise warten und Englisch spricht der Romanist eigentlich auch nicht. So mietet er sich einen Lehrer um schreibt Brief um Brief, wo er sich als Lehrer oder Verlagsmitarbeiter, egal wo, &#8220;denn Lehrer braucht man wohl \u00fcberall&#8221; anbietet und die g\u00e4rtnerischen F\u00e4higkeiten seiner Frau, die auch Organistin ist,\u00a0 anpreist.<\/p>\n<p>Die Klemperers m\u00fcssen dann in ein Judenhaus, er mu\u00df Zwangsarbeit in Fabriken machen und als das Haus 1945 zerbombt wird, k\u00f6nnen sie fliehen und nach dem Krieg an dem Wiederaufabau arbeiten. Sie kehren in ihr Haus nach D\u00f6lzschen zur\u00fcck, aber die Bibliothek ist weg und die Nazis haben dort einen Gem\u00fcseh\u00e4ndler einquartiert.<\/p>\n<p>Klemperer bekommt wieder seine Professur zur\u00fcck, arbeitet auch an der Volkshochschule und versucht sich politisch zu bet\u00e4rigen, tritt in die KP ein, korrespondiert mit dem &#8220;Aufbau-Verlag&#8221;, wegen LTI, der &#8220;Sprache des dritten Reiches&#8221; und auch seiner anderen Publikationen und mu\u00df Briefe an die beantworten, die eine Rehabilitation und eine Best\u00e4tigung von ihm wollen, da\u00df sie nie und unter keinen Umst\u00e4nden etwas davon wu\u00dften und ohnehin zumindesten im Geheimen immer dagegen waren. Klemperer reagiert hier freundlich aber unerbittlich.<\/p>\n<p>Er bekommt einen Wagen mit Chauffeur, davon ist auch ein Foto abgebildet und rast damit sozusagen von Lehrstuhl zu Lehrstuhl, von Sitzung zu Sitzung: &#8220;Noch immer im Amt und mehr denn je&#8221;, hei\u00dft so auch das Kapitel, das die Jahre von 1948-1951 schildern.<\/p>\n<p>Da kommt aber schon Kritik an seiner LTI auf, ein Kapitel, wo er Hitler mit Herzl vergleicht oder nicht vergleicht wird als antisemitisch betrachtet und mu\u00df hinaus, davon gibt es Briefe vom damaligen &#8220;Aufbau-Verlag&#8221;, beziehungsweise dem Verlagsleiter oder Lektor Erich Wendt, ich habe ja \u00fcber die fr\u00fche <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/14\/kurz-nach-4\/\">&#8220;Aufbau-Phase&#8221;<\/a> auch zwei B\u00fccher gelesen und einen Briefwechsel mit Stefan Hermlin, der seine Literaturgeschichte kritisiert, gibt es auch.<\/p>\n<p>Es sterben dann sein Lehrer Karl Vossler,\u00a0 der Kollege Otto Lerche, als auch 1951 seine Frau Eva, 1952 heiratet er, was ich ja nie so ganz verstehe, aber vielleicht sind \u00e4ltere M\u00e4nner ohne ihre Frauen hilflos, seine viel j\u00fcngere Studentin Hadwig Kirchner, was er selbst in einem Brief an die Kollegin Rita Schober ambivalent beschreibt.<\/p>\n<p>Die Reisen und die Lehrauftr\u00e4ge gehen weiter, die Krankheiten kommen und auch die Schwierigkeiten mit der Partei und den Verlagen, die seine Artikel k\u00fcrzen oder nicht drucken wollen oder ihn r\u00fcgen, weil er an irgendwelchen Sitzungen nicht teilnah.<\/p>\n<p>Er bekommt auch viele Ehrungen, so zum Beispiel den Nationalpreis und dann einen Brief vom &#8220;Untersuchungsauschuss Freiheitlich Juristen der Sowjetzone&#8221;, die ihn daf\u00fcr zwar nicht gratulieren, aber Geld f\u00fcr die durch die Sowjetzone ungerecht behandelten wollen, w\u00e4hrend Freunde ihm aus Israel ond der &#8221; gro\u00dfartigen Weiterentwicklung der Deutschen Deomkratischen Republik&#8221; schreiben. Es gibt auch einen Briefwechsel mit Lion Feuchtwanger, dem er sein LTI schickt.<\/p>\n<p>Im Feburaur 1960 stirbt Victor Klemperer in Dresden, mit seinen Tagenb\u00fcchern in denen er,\u00a0 das Leben im dritten Reich beschreibt, wird er weltber\u00fchmt und jetzt sind seine gesammelten Briefe von Walter Nowojski und Nele Holdack unter Mitarbeit von Christian L\u00f6ser erschienen, die wirklich sehr zu empfehlen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Victor Klemperers Leben in Briefen. 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