{"id":52388,"date":"2017-06-22T00:38:14","date_gmt":"2017-06-21T22:38:14","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52388"},"modified":"2017-06-22T00:38:14","modified_gmt":"2017-06-21T22:38:14","slug":"der-traum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52388","title":{"rendered":"Der Traum"},"content":{"rendered":"<p>Als Moritz\u00a0Lichtenstern erwachte, war er sofort munter, obwohl ihm gleichzeitig, die vergangene Traumsequenz gefangenhielt und bildhaft klar vor Augen stand.<\/p>\n<p>Er hatte von dem 2000 verstorbenen \u00f6sterreichischen Dichter, Ernst Jandl, getr\u00e4umt, den er in seiner Eigenschaft, als Verleger\u00a0 mehrmals auf Kongre\u00dfen und literarischen Colloquien begegnet war.<\/p>\n<p>Im Traum war der Dichter noch am Leben, aber ungef\u00e4hr so dement, wie sein Vater und sein Gro\u00dfvater, als sie gestorben waren und, wie offenbar er es insgeheim bef\u00fcrchtete, da\u00df es auch bei ihm so kommen k\u00f6nnte, gewesen und hatte in einer betreuten Wohngemeinschaft gelebt.<\/p>\n<p>Wenn er sich nicht irrte, war er sein Betreuer oder auch ein interessierter Besucher gewesen. Warscheinlich war das Letztere richtig. In seiner Eigenschaft, als Exverleger hatte er den dementen Dichter besucht, der ihm, wie er sich erinnern konnte, freundlich ansah und dann hatte er in seinen Texten gew\u00fchlt. Gew\u00fchlt oder gebl\u00e4ttert, so genaukonnte er das nicht differenzieren. Konnte sich aber an eine Gedichtzeile erinnern, die er ihm vorgelesen hatte, als er beim Aufwachen war.<\/p>\n<p>&#8220;Zwischen Erdberg und Brigittenau&#8221;, hatte der Text gehie\u00dfen.<\/p>\n<p>&#8220;Zwischen Erdberg und Brigittenau: Kindesmi\u00dfbrauch, Ha\u00df, Gewalt, vergewaltigte Frauen, Liebe nicht oder doch vielleicht zwischendrin gestreut ein kleines Bi\u00dfchen&#8221;.<\/p>\n<p>Er war er mit dieser Verszeile auf den Lippen aufgewacht und hatte eine ganze Weile gebraucht, herauszufinden, ob die Zeile nun ein Text Ernst Jandls oder eine Eigensch\u00f6pfung war und damit endlich einmal, ein brauchbares Gedicht, das nicht kitschig war, sich nicht auf Herz und Schnmerz reimte und das er in seiner Eigenschaft, als kritischer Verleger, gelten lassen konnte?<\/p>\n<p>Er mu\u00dfte nachschauen, ob er wirklich ein Gedicht Jandls getr\u00e4umt hatte oder, ob er dabei war, eine Wortsch\u00f6pfung zu kreieren, mit der endlich einmal mit sich und seinem dichterischen Schaffen zufrieden war,&#8221; dachte er, atmete\u00a0 auf, sch\u00fcttelte sich durch und stand auf, um im Pyjama in sein Arbeitszimmer hin\u00fcberzugehen und den Computer einzuschalten.<\/p>\n<p>In den vielen B\u00e4nden Literaturlexika, die es in seinen Regalen gab, konnte er auch nachsehen, un den Urheber seiner Wortsch\u00f6pfung ausfindig zu machen.<\/p>\n<p>Aber eigentlich hatte er Mathilde anrufen und ihr mitteilen wollen, da\u00df es soweit war und er\u00a0 nach dem Fr\u00fchst\u00fcck mit seinem Bus losfahren und sich von ihr die Antwort abholen wollte, ob sie mit ihm zuerst nach New York zu Lily fliegen und dann mit dem Bus\u00a0nach Berlin und wenn sie wollte, mit ihm neuanfangen und durch die ganze, halbe oder auch nur einen kleinen Teil der Welt fahren w\u00fcrde und das Gedicht konnte er ihr statt eines Osterei, das\u00a0 h\u00f6chstwahrschein ohnehin\u00a0 ein wenig kindisch w\u00e4re, als Geschenk mitbringen, dachte er, stellte das Lexikon mit dem Buchstaben &#8220;J&#8221; wieder in sein Regal zur\u00fcck und begab sich in sein Bad, um sich dort zu waschen und zu rasieren. Sich f\u00fcr die Reise nach Wien zurechtzumachen.<br \/>\nUnd  er f\u00fchlte sich zum ersten Mal seit langen, wie er mit Erstaunen festellte, befreit und ruhig, als h\u00e4tte er die Schatten der Vergangenheit, die ihn seit Jahren qu\u00e4lten, nun doch ein bi\u00dfchen hinter sich gelassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Moritz\u00a0Lichtenstern erwachte, war er sofort munter, obwohl ihm gleichzeitig, die vergangene Traumsequenz gefangenhielt und bildhaft klar vor Augen stand. 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