{"id":52392,"date":"2017-06-27T00:14:17","date_gmt":"2017-06-26T22:14:17","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52392"},"modified":"2017-06-27T00:14:17","modified_gmt":"2017-06-26T22:14:17","slug":"besser-spaet-als-nie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52392","title":{"rendered":"Besser sp\u00e4t als nie"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Besser sp\u00e4t als nie!&#8221;, murmelte Mathilde vor sich hin, als sie ihre neue orange Jacke, die sie sich passend f\u00fcr die Reise und f\u00fcr Moritz Bus gekauft hatte, anzog,\u00a0 nach dem Rucksack und der Reisetasche griff.<\/p>\n<p>Aber noch war es nicht so weit, da\u00df sie sich mit dieser in seinen Bus setzen und mit ihm in ein neues Leben starten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Noch w\u00fcrde sie sich nur in das wahrscheinlich schon vor der Haust\u00fcre wartende Taxi setzen, als Ziel den Flughafen\u00a0 nennen, dort mit Moritz zusammentreffen und mit ihm ein Flugzeug nach New York zu besteigen, um dort mit dem T\u00f6chterlein zusammentreffen, ihm seinen Vater vorzustellen und dann mit beiden, wie die Tochter ihr schon angek\u00fcndigt hatte, im Kulturinstitut einen \u00d6sterreichabend\u00a0 zu erleben. Eigentlich ein gro\u00dfer Aufwand wegen einer Lesung nach New York zu fliegen, das h\u00e4tte sie\u00a0 im Literaturhaus oder im &#8220;Literarischen Quartier der Alten Schmiede&#8221; einfacher haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber das stimmte\u00a0 nicht so ganz. So stimmte es nicht. Sie flog nicht zu einem \u00d6sterreichabend nach New York, wo die Texte des ber\u00fchmten Schriftstellerpaares Ernst Jandls und Friederike Mayerr\u00f6cker, im Beisein der alten Dame und des \u00f6sterreichsischen Botschafters, von einem ber\u00fchmten Schauspieler vorgetragen werden w\u00fcrden. Sie flog mit Moritz nach New York, um ihm endliche seine Tochter vorzustellen und das hatte sich die schon lang von ihr gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Seit sie denken konnte und wu\u00dfte, da\u00df die anderen Kinder, die sie im Kindergarten und am Spielplatz traf, meistens einen Vater hatten, hatte sie sie nach dem ihren gefragt und sie hatte ihr nie eine Antwort gegeben.<\/p>\n<p>Drei\u00dfig lange Jahre hatte sie geschwiegen und Moritz Existenz vor Lily geheim gehalten, bis Natalie gestorben war und vor ihrem Tod einen Brief an sie, Moritz und auch Lily geschrieben hatte, um dieses Geheimnis zu l\u00fcften.<\/p>\n<p>Das war nun geschehen und es gab kein solches mehr. Lily hatte sie vor sechs Wochen angerufen und auf Natalies Begr\u00e4bnis geschickt, wo sie Moritz getroffen hatteund der war vorgestern wieder gekommen, hatte mit ihr im Restaurant Blitzinger, das dem Hrdlicka-Denkmal am Albertina Platz gegen\u00fcber lag, ein Glas Wein getrunken und da hatte sie, ob es die Folge des Alkoholgenu\u00dfes oder die Stimmung, beziehungsweise der Zug der Zeit war, wu\u00dfte sie nicht so genau zu sagen, zugestimmt und war nach Hause gegangen, um mit Lily zu telefonieren und ihre Reisetasche zu packen.<\/p>\n<p>Oder nein, es war nicht der Einflu\u00df des Alkohols gewesen. Konnte es gar nicht sein, denn Erstens trank sie fast t\u00e4glich ein Achterl oder auch zwei in der Pizzeria Venezia und Zweites hatte sie sich die orange Jacke, die genau zu Moritz Reisebus passte, schon einen Tag fr\u00fcher gekauft, so da\u00df, das vielleicht der Grund war, da\u00df sie ihr Glas erhoben, ihm tief in die Augen gesehen\u00a0 und zugestimmt hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Ja, Moritz, ich will neu anfangen und mit dir, wenn wir erst von New York und der Lesung im Literaturinstitut zur\u00fcckgekommen sind, mit deinem Bus zuerst nach Berlin fahren und dann, wenn du m\u00f6chtest, auch ganz, um die Welt! Will mit dir neu anfangen und endlich unser Leben zusammengenie\u00dfen und wenn wir auch der unglichen Umst\u00e4nde wegen, jetzt mehr, als drei\u00dfig Jahre vers\u00e4umt haben, wollen wir uns trotzdem nicht hindern lassen und\u00a0 neu beginnen, besser sp\u00e4t als nie!&#8221;<\/p>\n<p>Dieser Satz lag auf ihren Lippen, als sie nach dem Schl\u00fc\u00dfel griff, um die Haust\u00fcr abzusperren und\u00a0 auf die Stra\u00dfe hinunterzugehen, um nach dem Taxis Ausschau zu halten.<\/p>\n<p>Auf dem Gang stand Dusan Halkic, der bsonische Hausmeiste, der, wie sie wu\u00dfte, mit Mehmet Kayan, der in der Pizzeria Venezia kellnerte und nebenbei Medienwaissenschaften studierte, in die Haupt- oder Untermittelschule gegangen war und kehrte den Boden auf.<\/p>\n<p>Als er ihr mit ihrer organgen Jacke, dem gr\u00fcnen Rucksack und der schwarzen Reisetasche ansichtig wurde, hielt er damit\u00a0 inne und schaute sie erstaunt an.<\/p>\n<p>&#8220;Gehen Sie auf Reisen, Frau Schmidt?&#8221;, fragte er neugierig.<\/p>\n<p>Sie nickte unbek\u00fcmmert\u00a0 und sah ihm freundlich an.<\/p>\n<p>&#8220;So ist es, Dusan!&#8221;<\/p>\n<p>Sie konnte ihn so nennen, kannte sie ihn doch schon seit seiner Kinderzeit und hatte ihm da auch \u00f6fter bei den Hausaufgaben geholfen.<\/p>\n<p>&#8220;Ich fliege mit einem Freund oder besser mit dem Vater von Lily nach New York, damit sie ihn kennenlernen kann!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Aha!&#8221;, sagte er, st\u00fcrzte sich auf seinen Besen und schaute sie, wenn m\u00f6glich noch erstauner an.<\/p>\n<p>&#8220;Ihre Schwester ist, glaube ich, gestorben!\u00a0 Meine Mutter sagte mir, da\u00df Sie vor kurem auf Ihrem Begr\u00e4bnis waren und Mehmet erz\u00e4hlte mir auch von Ihrem Freund, der sie in die Pizzeria begleitet hat! Der ist Lilys Vater? Dann gratuliere ich sehr herzlich!&#8221;, sagte, sch\u00fcttelte aber den Kopf, als w\u00fcrde er\u00a0 nicht verstehen oder den Inhalt ihrer Botschaft nicht glauben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8220;Natr\u00fclich!&#8221;, dachte Mathilde und l\u00e4chelte ein wenig.<\/p>\n<p>War das auch nicht so einfach zu verstehen, da\u00df sie nach drei\u00dfig Jahren Einsamkeit und sechs Wochen nach dem Begr\u00e4bnis ihrer Zwillingsschwester pl\u00f6tzlich einen Freund und ihre Tochter Lily, die Vaterlose, als der er sie immer gekannt hatte, pl\u00f6tzlich einen solchen hatte. Gar nicht einfach zu verstehen war das und trotzdem stimmte es.<\/p>\n<p>&#8220;Besser sp\u00e4t als nie!&#8221;, wiederholte sie daher freundlich und streckte ihm die Hand entgegen.<\/p>\n<p>&#8220;Da fliegen wir zuerst zu Lily nach New York, damit sie ihren Vater kennenlernen kann und dann fahre ich mit Moritz nach Berlin, wo er beheimatet ist! Denn Du wei\u00dft vielleicht von deiner Mutter, die ja vor dir Hausmeisterin hier war, da\u00df ich, bevor ich Lily bekommen habe, eine Zeitlang Verlagsangestellte in Berlin war. Da habe ich Moritz Lichtenstern, \u00a0 Lilys Vater kennengelernt, aber der hat\u00a0 meine Schwester Natalie geheiratet, so da\u00df Lily ohne Vater aufgewachsen ist!&#8221;, sagte sie und bracht ab, weil sie sich vorstellen konnte, da\u00df das f\u00fcr den Hausmeistersohn sehr unglaubw\u00fcrdig klingen w\u00fcrde und er die Sache sicher nicht verstehen konnte.<\/p>\n<p>&#8220;Ja?&#8221;,antwortete er auch nur und sah sie noch immer zweifelnd an.<\/p>\n<p>&#8220;Ich verstehe!&#8221;, f\u00fcgte er dann zwar hinzu, obwohl seinem Gesichtsausdruck anzumerken war, da\u00df er das nicht tat.<\/p>\n<p>&#8220;Dann darf ich Ihnen also gratuliere und zum Begr\u00e4bnis iIhrer Schwester Beileid w\u00fcnschen und, um Ihre Wohnung brauchen Sie sich w\u00e4hrend ihrer Abwesenheit keine Sorgen machen! Da werde ich\u00a0 darauf schauen, da\u00df keine Postwurfsendungen an Ihrer T\u00fcre h\u00e4ngen, die einem eventuellen Einbrecher Ihre Abwesenheit verraten k\u00f6nnten und ich werde auch sonst darauf achten, da\u00df alles in Ordnung ist!&#8221;, versprach er ihr.<\/p>\n<p>Sie nickte,\u00a0 steckte\u00a0 den Schl\u00fc\u00dfel in die Tasche, nahm die Reisetasche auf, bedankte sich bei ihm und wiederholte nocheinmal: &#8220;Besser sp\u00e4t als nie, Dusan, das verstehst du sicher, da\u00df das das Beste ist und jetzt werde ich hinuntergehen. Das Taxi wartet vielleicht schon auf mich, am Flughafen Moritz und in New York meine Tochter Lily, die schon sehr gespannt auf ihren Vater ist und endlich nachholen m\u00f6chte, was wir die letzten drei\u00dfig Jahre vers\u00e4umten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Besser sp\u00e4t als nie!&#8221;, murmelte Mathilde vor sich hin, als sie ihre neue orange Jacke, die sie sich passend f\u00fcr die Reise und f\u00fcr Moritz Bus gekauft hatte, anzog,\u00a0 nach dem Rucksack und der Reisetasche griff. 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