{"id":52396,"date":"2017-05-24T17:15:32","date_gmt":"2017-05-24T15:15:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52396"},"modified":"2017-05-24T17:15:32","modified_gmt":"2017-05-24T15:15:32","slug":"das-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52396","title":{"rendered":"Das Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>Lily war noch eine Weile den Kaffebecher in der Hand auf der K\u00fcchentheke sitzen geblieben und starrte auf den Brief, als ob sie sich nicht entscheiden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Sie sollte ins Institut fahren, Slavenka Jagoda kennenlernen und die heutige Veranstaltung organisieren. Das war klar und wichtig. Daran gab es keinen Zweifel und trotzdem hinderte sie etwas daran, aufzustehen, den Brief wegzulegen, die Jacke anzuziehen und das Loft zu verlassen.<\/p>\n<p>Mit der Mami hatte sie vorhin telefoniert, hatte ihr das Versprechen abverlangt, auf das Begr\u00e4bnis zu gehen und ihr dar\u00fcber zu berichten. Also war alles erledigt, wie der praktische Phil sagen w\u00fcrde, der sicher nicht verstehen konnte, warum sie trotzdem sitzen blieb und trostlos vor sich hinstarrte.<\/p>\n<p>Auf den Brief in ihrer Hand schaute, den Brief ihrer ihr unbekannten und inzwischen auch verstorbenen Tante, die ihr nicht nur den Namen ihres Vaters, sondern auch seine Adresse und Telefonnummer verraten hatte.<\/p>\n<p>&#8220;Das war es!&#8221;, dachte Lily, atmete erleichtert auf und griff wieder nach dem Handy, beziehungsweise nahm sie einen Schluck Kaffee, um Kraft und Energie in sich aufzutanken, die sie f\u00fcr das, was sie tun w\u00fcrde sicher brauchen konnte, dachte sie und st\u00fcrzte mit\u00a0hastigen Schlucken, die halbwarme Fl\u00fc\u00dfigkeit in sich hinein. Dann nahm sie das Handy in die Hand, schaute noch einmal in den Brief und tippte die Nummer ein.<\/p>\n<p>Erst als das getan war,\u00a0begann sie nachzudenken, ob das wirkliche einge gute Idee und bez\u00fcglich der Zeitverschiebung zu Deutschland der richtige Zeitpunkt war?<\/p>\n<p>Aber die Mami hatte sie vorhin auch angerufen und die hatte nichts dagegen gehabt, sondern nach anf\u00e4nglichen Str\u00e4uben sogar versprochen auf das Ber\u00e4bnis zu gehen. Also w\u00fcrde es auch hier klappen und sie nicht so falsch liegen.\u00a0 Und wenn sie schon\u00a0 drei\u00dfig Jahre auf diesen Zeitpunkt gewartet hatte, war die Urzeit eigentlich\u00a0 egal, dachte sie und schluckte, weil sich jetzt eine rauchige M\u00e4nnerstimme meldete.<\/p>\n<p>&#8220;Lichtenstern!&#8221;<\/p>\n<p>Aha, ach\u00a0 richtig und was sollte sie jetzt sagen?<\/p>\n<p>&#8220;Hallo, hier ist Lily Schmidt, aus New York, Mathildes Tochter, die Nichte von  Tante Natalie und da habe ich jetzt einen Brief von der Tante beziehungsweise deren Notar bekommen, die mir mitteilte, da\u00df ich deine Tochter bin!&#8221;, stammelte sie in das Telefon und war schon bereit abzubrechen, als sie die rauchige Stimme \u00fcbern Ozean, in dem ihr nicht sehr bekannten Berlin, erstaunt sagen h\u00f6rte &#8220;Lily! So ein Zufall, ich wollte gerade selbst nach dem H\u00f6rer greifen und dich anrufen, habe ich doch auch einen Brief von Dr. H\u00f6llmoser bekommen, wo mir Natalie, die offenbar gestorben ist, mitteilte, da\u00df ich eine Tochter habe! Verzeih, dem alten Mann, da\u00df er nicht so schnell reagierte und du mir zuvorkamst! Aber das ist wunderbar, ich habe nicht gewu\u00dft, da\u00df ich eine Tochter habe! Mathilde ist damals so schnell verschwunden, als ich mich von Natalie d\u00fcpieren und ohne, da\u00df ich die Verwechslung merkte, zum Traualtar schleppen lie\u00df und hat sich nie mehr gemeldet! So erfahre ich erst, als alter Mann etwas von dir!&#8221;, stammelte\u00a0 auch er verwirrt und wollte von ihr wissen, ob sie auf das Begr\u00e4bnis k\u00e4me und sie sich dort kennenlernen k\u00f6nnten?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Das nein, das nicht, ich f\u00fcrchte, ich komme vom Institut nicht weg! Aber die Mami, das hat sie mir gerade versichert geht dorthin, wenn du das vielleicht auch tun willst, dann k\u00f6nntest du-!&#8221;, stammelte nun wieder sie und die rauchige Stimme am anderen Ende des Ozeans schien sich gefa\u00dft zu haben und sagte\u00a0beruhigend &#8220;Nat\u00fcrlich, Lily und dann schnappe ich deine Mutter und komme mit ihr zu dir, falls sie das will und jetzt fahre ich nach Wien, um mich mit ihr auszusprechen!&#8221;<br \/>\nSie nickte, sagte &#8220;Ja!&#8221; und &#8220;Nat\u00fcrlich, Papa!&#8221;, erz\u00e4hlte ihm von Phil, ihrem derzeitgen Lebensabschnittspartner, der sie h\u00f6chstwahrscheinlich nicht so einfach verwechseln w\u00fcrde, aber sie hatte auch keine Zwillingsschwester, so da\u00df, das gar nicht m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Dachte dann an Slavenka Jagoda, die schon im Institut auf sie wartete und stammelte weiter in die Leitung, da\u00df sie sich freue, ihn so leicht erreicht zu haben und sie jetzt wisse, da\u00df ihr bisher unbekannter Onkel auch ihr Vater w\u00e4re!<\/p>\n<p>&#8220;Und jetzt mu\u00df ich ins Institut, Papa, die neue Praktikantin, die ich einf\u00fchren mu\u00df, wartet sicher schon auf mich!&#8221;, stammelte sie erneut.<\/p>\n<p>Er nickte und antwortete &#8220;Nat\u00fcrlich, Lily, mach dir keine Sorgen! Ich mu\u00df, glaube ich, jetzt auch nach Wien und melde mich wieder, wenn ich mit deiner Mutter gesprochen habe! Dann komme ich, das verspreche ich,\u00a0 entweder mit ihr oder allein\u00a0 nach New York und schaue mir das Kulturinstitut, das sehr ber\u00fchmt sein soll und wenn du m\u00f6chtest auch deine Praktikantin an! Aber die Hauptsache ist nat\u00fcrlich mein mir unbekanntes T\u00f6chterlein!&#8221;, h\u00f6rte sie seine Stimme in der Leitung und hatte Tr\u00e4nen in den Augen, als sie das Handy weglegte, beziehungsweise Phil schnell ein SMS schickte, damit auch er erfuhr, was in dem Brief gestanden hatte und, da\u00df sie jetzt wu\u00dfte, wer ihr Vater war und sie gerade mit ihm gesprochen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lily war noch eine Weile den Kaffebecher in der Hand auf der K\u00fcchentheke sitzen geblieben und starrte auf den Brief, als ob sie sich nicht entscheiden k\u00f6nne. 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