{"id":52934,"date":"2017-07-19T00:36:20","date_gmt":"2017-07-18T22:36:20","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=52934"},"modified":"2017-07-19T00:36:20","modified_gmt":"2017-07-18T22:36:20","slug":"kindernazi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=52934","title":{"rendered":"Kindernazi"},"content":{"rendered":"<p>jetzt kommt, k\u00f6nnte man so sagen, fast schon ein Klassiker, obwohl der 1930 in Kosice geborene Andreas Okopenko erst 2010 gestorben ist.<\/p>\n<p>Ich war auf <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/04\/11\/tag-der-zivilcourage-und-fest-fur-andreas-okopenko\/\">seinem Fest zu seinem Achtzigster <\/a>und bei seinem<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/07\/15\/grinzinger-friedhof\/\"> Begr\u00e4bnis <\/a>an einem sehr hei\u00dfen Sommertag am Grinzinger Friedhof und habe, was ich bekennen mu\u00df, nicht sehr viel von ihm glesen, war aber bei einigen Lesungen.<\/p>\n<p>Und als ich 1973 literarisch zu schreiben angefangen habe, hat es, wenn ich mich nicht irre und nichts durcheinanderbringe, in \u00d61 den &#8220;Lexikonroman&#8221; gegeben und damals habe ich mich ja von den eher konservativen Deutschstunden der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/19\/rechtschreibregeln\/\">Frau Prof Friedl kommend<\/a>, sehr f\u00fcr die \u00f6sterreichische Gegenwartsliteratur interessiert.<\/p>\n<p>Die war damals sehr experimentel und ist so bei bi\u00dfchen an mir vorbeigegangen, aber die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/12\/05\/lockergedichte-und-kratochvil-roman\/\">&#8220;Lockergedichte&#8221;<\/a> waren glaube ich mal in der &#8220;Alten Schmiede&#8221;, bei &#8220;Rund um die Burg&#8221; war der Meister glaube ich auch und zum Achtziger hat &#8220;Klever&#8221; ein B\u00fcchlein herausgebracht, das ich mir erschnorrt habe.<\/p>\n<p>Neben dem &#8220;Lexikonroman gilt &#8220;Kindernazi&#8221; sicherlich als ein Klassiker, obwohl ich mich, wenn ich dieses Titel h\u00f6rte, immer&#8221; fragte, wie dieses Thema experimentell verarbeitet werden kann?<\/p>\n<p>Nun wei\u00df ich es, denn, als ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/12\/17\/nika-im-readingroom\/\">2015 zu meiner Adventlesung in den &#8220;Read!!ingroom&#8221;<\/a> ging, fand ich das Buch, es ist die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/08\/spurensuche\/\">&#8220;Residenz-Originalausgabe&#8221;<\/a> mit dem sch\u00f6nen blauen Cover von 1984 in den dortigen offenen Regalen.<\/p>\n<p>Inzwischen ist das Buch, glaube ich, wieder aufgelegt. Bei &#8220;Amazon&#8221; kann man aber, was ich sehr schade finde,\u00a0 keine Rezensionen finden, wohl gibt es eine im<a href=\"http:\/\/www.literaturhaus.at\/index.php?id=2243\"> Literaturhaus,<\/a> der <a href=\"https:\/\/cms.falter.at\/falter\/rezensionen\/buecher\/?issue_id=337&amp;item_id=9783854152569\">&#8220;Falter&#8221;<\/a> hat eine, etcetera und das Buch ist wegen dem experimentellen Anspruch wahrscheinlich trotz seines wichtigen Themas kein Bestseller geworden, aber sicher interessant und wichtig.<\/p>\n<p>Denn es hat ja viele Kinder getroffen, die in den Drei\u00dfigerjahren geboren wurden, dann in die &#8220;Hitler-Jungen-&#8221; oder &#8220;Hitler-M\u00e4dchen-Uuniformen&#8221; gepresst wurden und nach 1945 mit Schuldgef\u00fchlen dastanden.<\/p>\n<p>Denn damals hat man ja in den Familien nicht viel geredet, hat sich seiner Vergangenheit gesch\u00e4mt, nichts gewu\u00dft und nichts mitbekommen und die Lehrer haben wom\u00f6glich, das Parteiabzeichen von ihrer Anzugjacke abmontiert und dann im Herbst 1945 aus anderen Schulb\u00fcchern etwas anderers erz\u00e4hlt oder was vielleicht noch ein bi\u00dfchen schlimmer war, aus den neuen B\u00fcchern das alte.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin ja ein bi\u00dfchen sp\u00e4ter geboren geworden und habe gleich die neuen B\u00fccher gehabt und meine Eltern waren au\u00dferdem noch Sozialisten. Der Vater war es, w\u00e4hrend die Mutter manchmal von ihrer j\u00fcdischen Lehrfrau erz\u00e4hlte, die dann verschwunden ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Andreas Okopenko war 1938 acht und 1945 f\u00fcnfzehn. Das Foto im Klappentext zeigt den Zehnj\u00e4hrigen in der &#8220;H-J-Uniform und das Buch, das ist auch sehr interessant, wird in einundsechzig Episoden vom 1. 4. 45 bis zum April\u00a0 39 r\u00fcckw\u00e4rts erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Dazu gibt es im Klappentext eine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>&#8220;Wie meinen Sie? Der Titel gef\u00e4llt nicht? Irgendwie unangenehm und \u00fcberhaupt h\u00e4tten die Leute allm\u00e4hlich die Nase..?&#8221;<\/p>\n<p>So wird man in das Thema gleich hineingeworfen. Zwei Zitate gibt es am Anfang und am Ende auch. Zuerst eines aus der &#8220;Edda&#8221;: Die Wala wei\u00df, die Welt wird enden, den Untergang ahnt sie der Asen alle&#8221; und dann eines von der Bachmann: &#8220;Es kommen h\u00e4rtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.&#8221;<\/p>\n<p>Trotzdem ist das Lesen, glaube ich, wegen des experimentellen Ansatzes, der ja irgenwie distanziert und so kunstvoll ist, da\u00df man in die harte Realit\u00e4t vielleicht nicht gleich hineinfindet und sich auch nicht so auskennt, was da jetzt erlebt und was erfunden wurde, nicht so einfach.<\/p>\n<p>Auch das R\u00fcckerz\u00e4hlen macht es das nicht, aber andererseits ist das wohl auch die Realit\u00e4t. Da wurden viele Kinder und auch Erwachsene in die Zeit hineingeworden, haben Uniformen angezogen und Fahnen in die Hand gedr\u00fcckt bekommen, haben &#8220;Hurra!&#8221; geschrieben und hatten 1945 auf einmal einen Schuldkommplex, mit dem es h\u00f6chstwahrscheinlich nicht so einfach zu leben war.\u00a0 Denn Traumatherapeuten hat es wahrscheinlich keine gegeben, wohl aber die Frage &#8220;Wieso bist du bei der &#8220;Hitler- Jugend&#8221; gewesen?&#8221;<\/p>\n<p>Die aber, glaube ich, gar keine so freiwillige Sache war.<\/p>\n<p>So beginnt das Buch auch gleich im Jahre 1945 wo der Vater dem F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen verk\u00fcndet:<\/p>\n<p>&#8220;Aber jetzt Schlu\u00df kommentiert Papa: Anatol! Hitler hat den Krieg verloren, verstanden? Wir m\u00fcssen uns jetzt umstellen. Sei jetzt ein vern\u00fcnftiger Mann. Stell dir vor , du warst ein gro\u00dfer Star, ein Kinderstar, und jetzt ist bist du ein Mann und deine Rolle ist aus. Tilki, jetzt darfst kein Nazi mehr sein, sagt Mama, sehr schlaff. Ein Kindernazi, sagt Anatol zornig und weint wieder los&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>Und auf der letzten Seite, im April 39, steht &#8220;Aber, Papa, was hei\u00dft Gestapo? Ja, diese Art von Polizei ist \u00fcberall geheim. Aber warum steht sie dann angeschrieben? Du wirst ein deutscher Junge werden, Tolko. Wirst alles lernen und verstehen.Ich verst\u00e4ndnisvols. Bist du bereit, Tolko?\u00a0 Bereit, was hei\u00dft denn das? Ja, ich bin bereit Papa!<\/p><\/blockquote>\n<p>Dnd dazwischen liegt das Aufwachsen im deutschen Reich, Juden verschwinden, die sich zuerst Sara nennen mu\u00dften, um das j\u00fcdische zu demonstrieren und in der Schule bekamen die Kinder, 1942 Merkbl\u00e4tter mit, wo sie in die &#8220;Erweiterte Kinderverschickung&#8221; der &#8220;Pimpfe und Jungm\u00e4deln&#8221; eingeladen wurde, was f\u00fcr die Kinder warscheinlich lustig war, aber sicher dann auch wieder viel Disziplin bedeutete. Vor allem, wenn sie vielleicht nicht so stark und blau\u00e4ugig waren und von zu Hause vielleicht auch gesagt bekamen, da\u00df man \u00fcber das und das nicht sprechen darf: &#8220;An der T\u00fcr die feierabendliche Besuchstante mit dem Hitler-und Echo-Witz: Wir haben gute Waffen! -Affen! Wo wird der Krieg beginnen? -Innen! Aber: Pscht, Tilki, du hast nichts geh\u00f6rt! Warum? Sonst kommen wir alle nach Dachau. Was ist eigentlich Dachau? Papa, abherschend. Eine Strafanstalt&#8221;<\/p>\n<p>Dazwischen wird das Deutschlandlied gesungen, ins Kino gegangen, hat in der Deutschstunde Aufs\u00e4tze geschrieben, ist langsam erwachsen geworden, etcetra, bis man vom &#8220;Kindernazi&#8221; zu dem erwachsenen Mann werden mu\u00dfte, der von allen nichts gewu\u00dft und geahnt hat und man, weil man ja nicht dar\u00fcber reden durfte und es auch keine Therapeuten gab, oft traumatisert zur\u00fcckblieb.<\/p>\n<p>Bis dann sehr viel dar\u00fcber geschrieben und geredet wurde. Jetzt sind es ja schon die Enkel, der damals betorffen 1984 hat es der erwachsene experimentelle Dichter Andreas Okopenko getan und im Sommer 2017 habe ich endlich dank dem &#8220;Read!!!ing Room&#8221; und seinen offenen Regalen diesen Klassiker gelesen und bin sehr beeindruckt, obwohl ich\u00a0 schon wirklich viel \u00fcber <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/19\/hans-fallada\/\">dieses <\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/01\/23\/in-meinem-fremden-land\/\">Thema <\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/06\/28\/jeder-stirbt-fuer-sich-allein\/\">gelesen<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/06\/22\/anne-frank-tagebuch\/\">habe<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>jetzt kommt, k\u00f6nnte man so sagen, fast schon ein Klassiker, obwohl der 1930 in Kosice geborene Andreas Okopenko erst 2010 gestorben ist. 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