{"id":53579,"date":"2017-08-13T00:27:37","date_gmt":"2017-08-12T22:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=53579"},"modified":"2017-08-13T00:27:37","modified_gmt":"2017-08-12T22:27:37","slug":"aus-dem-cafe-groessenwahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=53579","title":{"rendered":"Aus dem Cafe Gr\u00f6\u00dfenwahn"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, mit dem ich ja schon in<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/12\/china-geheim\/\"> China<\/a> war, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/28\/marktplatz-der-sensationen\/\">das alte Prag <\/a>und ihn dan noch im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/06\/04\/entdeckungen-in-mexiko\/\">mexikanischen Exil <\/a>besuchte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wagenbach.de\/buecher\/titel\/890--aus-dem-cafe-groessenwahn.html\">&#8220;Wagenbach&#8221; machts m\u00f6glich, obwohl die Berlinder reportagen aus den Neunzehnzwanzigerjahren schon im Fr\u00fchjahr 2013 erschienen sind.<\/a><\/p>\n<p>Nun denn auf, bevor es <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/13\/buchpreisgeplauder\/\">an das gro\u00dfe und auch doppelte Buchpreislesen<\/a> geht, in die Weltstad,t der Zwischenkriegszeit,, die ja schon bei der guten alten Hedwig Courths Mahler so treffend beschrieben wird, ich nur damals, als ich sie verschlungen habe, leider noch nicht bloggte.<\/p>\n<p>Der rasende Reporter aus dem alten Prag machts nat\u00fcrlich auf seine m\u00e4nnliche \u00fcberlegene Art mit der Prise Humor und da &#8220;sucht er sich gleich eine Frau&#8221;, denn in Berlin wurden die Heiratsannoucen oder die Heiratswilligen damals offenbar in einem Lokal ausgestellt.<\/p>\n<p>Nur leider ist das schon geschlossen, als es der Reporter besucht,\u00a0 die Damen, die in der entsprechenden Zeitung inserieren, passen dann auch nicht und die Heiratsvermittlerin im schmuddeligen Hinterhof kassiert zwar die Vermittlungsgeb\u00fchr, meldet sich dann aber nicht mehr.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr kann man in einer &#8220;Gelehrten Gesellschaft f\u00fcr okkultues Wissen&#8221; alles \u00fcber Lombros Totenk\u00f6pfe erfahren und sehr hinterh\u00e4ltig listig ist die kurz Notiz \u00fcber die &#8220;Weihnachtsfreude&#8221; aus dem &#8220;Echtesten Berin W&#8221;, denn da schickt die Dame das M\u00e4dchen aus, den Christbaum samt Weihnachtsschmuck zu kaufen. Der wird dann am n\u00e4chsten Tag samt Monteur und Grammaphon geliefert und die Familie braucht dann f\u00fcr die 325 Mark, die sie daf\u00fcr ausgegeben hat, nichts weiter zu machen, als den stecker aufzudrehen.<\/p>\n<p>Da\u00df die Echtheit des Berlin vorwiegend aus B\u00f6hmen oder den anderen Kronl\u00e4ndern stammt, wird dann im folgenden Artikel bewiesen und das Cafe Gr\u00f6\u00dfenwahn war wohl das Cafe des Westens, Ecke Kurf\u00fcrstendamm Joachimsthaler Stra\u00dfe. Da verkehrte die Bohemie, K\u00fcnstler wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/25\/else-lasker-schuler-abend\/\">Else Lasker- Sch\u00fcler,<\/a> Erich M\u00fchsam, etcetera, wurde dann vom Besitzer hinausgeschmissen, weil offenbar zu wenig Umsatz. Das Cafe auf sch\u00f6n renoviert, nur leider kamen dann die anderen G\u00e4ste nicht mehr.<\/p>\n<p>In den Tabakl\u00e4den wurden die Tabakdosen wegen unsittlicher Darstellungen am Deckel konfisziert, w\u00e4hrend die Lokale alle schon, um ein Uhr morgens geschlossen wurden, so da\u00df die noch Am\u00fcsierlustigen, dann von Schleppern oder Spannern umgeleitet werden mu\u00dften.<\/p>\n<p>Dann wird das Themas gewechselt und es geht in die &#8220;B\u00fclowstra\u00dfe&#8221; zu einem &#8220;Nasendoktor&#8221;, der seine Patienten zuerst fragt, woher sie kommen und wieviel Geld sie h\u00e4tten und dann kosmetische Korrekturen an ihren Nasen vornahm.<\/p>\n<p>In die politische Situation geht es dann bei der Glosse &#8220;Professor Einstein stellt die Vorlesung ein&#8221;, da gibt es auch ein Bild von Albert Einstein aus dem Jahr 1925, wie das Buch \u00fcberhaupt sehr sch\u00f6ne Fotos\u00a0aus der damaligen Zeit hat.<\/p>\n<p>Mit der Untergrundbahn wird auch gefahren und dann besch\u00e4ftigt Egon Erwin Kisch sich mit den Auswirkungen der Inflation, wo ein Pfund Butter eine Million Mark kostet.<\/p>\n<p>Mit den kriegsbedingten Ver\u00e4nderungen geht es gleich weiter. So wurden auf den Stra\u00dfen die Normaluhren und die sch\u00f6nen alten Toilettenh\u00e4uschen, die es, glaube ich, in Wien manchmal noch zu sehen gibt, entfernt und daf\u00fcr amerikanische Wechslestuben aufgestellt,\u00a0 die Bettler kommen und die ehrbaren Gattinnen von nun arbeitslosen Architekten, die sich inflationsbedingt prostiutieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00dcber die &#8220;Siegesallee&#8221;, das ist eine Reihe von B\u00fcsten, die Kaiser Wilhelm im Tiergarten aufstellen lie\u00df, macht Kisch sich geh\u00f6rig lustig und damit das so bleibt, gehts gleich in den &#8220;Lunapark&#8221; der angeblich weniger harmlos als der &#8220;Wiener Wurstlprater&#8221; war und ins &#8220;Anatomische Museum&#8221;.<\/p>\n<p>Dann geht es zu dem Rettungsg\u00fcrtel, der an der kleinen Br\u00fccke beim Landwehrkanal h\u00e4ngt oder hing. Das ist nur auf dem ersten Blick kurios, denn Kisch kommt\u00a0 gleich zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die dort hineingesto\u00dfen und nicht gerettet wurden.<\/p>\n<p>Weniger dramatisch, daf\u00fcr kurios geht es weiter, wenn Kisch erz\u00e4hlt, wie er Experimente beim Trinkgeldgeben bei den Berliner Bus- und Stra\u00dfenbahnschaffnern machte, die sich angeblich f\u00fcr f\u00fcnf Pfennige dreimal verbeugen sollen, gibt man dagegen eine Mark wird man verachtet und mu\u00df vor Scham vorher aussteigen.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch das &#8220;Sechstagerennen&#8221; und das &#8220;B\u00f6hmische Dorf&#8221; und der Polizei wird das l\u00e4ngste Kapitel des Buches gewidmet, die agiert oft sehr gewaltt\u00e4tig, hat Spitzel und Spione und dann wahrscheinlich auch sehr bald das Hakenkreuz angelegt und dem, dem politischen Aufstieg Hitlers ist die letzte Kolumne im Buch gewidmet.<\/p>\n<p>Die wurde dann schon\u00a0 schon 1933 geschrieben, die ersten stammen noch aus den Neunzehnhundertneunzehnerjahren und da wurde nach dem Reichstagbrandt der &#8220;ganze Kulturbolschweismus&#8221; verhaftet. So l\u00e4utete es\u00a0 um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch bei Kischs Wirtin, der konnte sich noch schnell anziehen und sich f\u00fcnf Mark ausborgen. Dann wurde er ausf Revier gebracht, traf dort gleich Carl von Oissiesky, Ludwig Renn und andere Intellektuelle, so wie einen Rechtsnwalt, der aber ebenfalls verhaftet war und wurde mit ihnen nach Spandau gebracht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter hat er Berlin wahrscheinlich verlassen, emigrierte wie schon beschrieben nach Mexiko und kehrte nach dem dritten Reich nach Prag zur\u00fcck, wo er 1948 starb.<\/p>\n<p>Ein tolles Buch mit tollen Reportagen aus einem l\u00e4ngstvergangenen Berlin, das ich allen, die sich nicht die M\u00fche machen wollen, sich durch gesamte Courths-Mahler zu lesen und die vielleicht auch als zu trivial empfinden, sehr empfehlen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder etwas vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, mit dem ich ja schon in China war, das alte Prag und ihn dan noch im mexikanischen Exil besuchte. &#8220;Wagenbach&#8221; machts m\u00f6glich, obwohl die Berlinder reportagen aus den Neunzehnzwanzigerjahren schon &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=53579\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[770,1666,5450,6100],"class_list":["post-53579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-berlin-der-neunzehnzwanzigerjahre","tag-egon-erwin-kisch","tag-sozialreportagen","tag-wagenbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=53579"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53579\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=53579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=53579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=53579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}