{"id":54411,"date":"2017-09-10T00:13:09","date_gmt":"2017-09-09T22:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=54411"},"modified":"2017-09-10T00:13:09","modified_gmt":"2017-09-09T22:13:09","slug":"ikarien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=54411","title":{"rendered":"Ikarien"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/ikarien\/978-3-462-05048-6\/\">Buch,<\/a> das nicht auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/08\/11\/archivnachtrag-und-listenschaetzung\/\">LL<\/a> steht, ich das aber eigentlich erwartet h\u00e4tte, ist doch der 1940 geborene Uwe Timm, 2013, glaube ich, mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/25\/die-longlist-leseproben\/\">&#8220;Vogelweide&#8221;<\/a> dort gestanden.<\/p>\n<p>Ich habe noch kein Buch von ihm gelesen, wohl aber, glaube ich, einige B\u00fccher in meinen Regalen und geh\u00f6rt nat\u00fcrlich schon sehr viel und das Thema ist sehr interessant, das Buch aber wahrscheinlich insgesamt zu leise, zu linear und zu chronologisch, um auf die erw\u00e4hnte Liste zu kommen.<\/p>\n<p>Wir gehen in das Jahr 1945 zur\u00fcck, in den Fr\u00fchling, der Krieg ist gerade vorbei und es r\u00fccken die amerikanischen Besatzer an, einer von ihnen ist ein junger Literaturwissenschaftler, in Deutschland geboren, aber sein Vater schon 1932 aus beruflichen Gr\u00fcnden nach Amerika immigriert\u00a0 und nun wird der deutschsprechende Michael Hansen, obwohl er kein Mediziner ist, dem medizinischen Ressort zugeteilt und er soll \u00fcber die Eutanasie und die Rassenhygenik die im dritten Reich betrieben wurde, recherchieren.<\/p>\n<p>Das Biuch ist vielleicht doch ganz raffiniert geschrieben, beginnt es doch mit einem von seinen Eltern wahrscheinlich versteckten, behinderten Kind, das von den anderen geh\u00e4nselt wird von Hansen oder seinen Chauffeur einen Kaugummi geschenkt bekommt und den mit dem Papier in den Mund schieben will.<\/p>\n<p>Der Kaugummi, das, was die Amerikaner in das zerbomte Deutschland brachten, spielt in dem Buch auch eine gro\u00dfe Rolle und die Vogelstimmen, vielleicht ein Steckenpferd von Uwe timm.<\/p>\n<p>Der junge Amerikaner wird jedenfalls in die N\u00e4he von M\u00fcnchen geschickt, er soll dort einen alten Mann verh\u00f6ren, einen Widerstandsk\u00e4mpfer, der mit dem Rassenhygieniker<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_Ploetz\"> Alfred Ploetz<\/a> befreundet war.<\/p>\n<p>Der, erf\u00e4hrt man, wenn man nachgooglet und das kann man, wie bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/08\/30\/katie\/\">Christine Wunnike<\/a>, hat von 1860 bis 1940 gelebt, wurde sogar einmal f\u00fcr den Nobelpreis vorgeschlagen und war mit Gerhard Hauptmann befreundet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ikarien\">&#8220;Die Reise nach Ikarien&#8221;<\/a> erf\u00e4hrt man, wenn man weiter googlet, ist ein\u00a0 utopioscher Roman des Fr\u00fchsozialisten Etienne Cabet und der Roman von Uwe Timm erz\u00e4hlt nun in zwei Str\u00e4ngen einmal das Lebens und die Frauenbeziehungen von Michael Hansen im fr\u00fchen Nachkriegsdeutschland und zweitens, vereinfacht ausgedr\u00fcckt, wie es dazu kommen konnte, da\u00df das Volk der Denker und Dichter, dem Rassenwahnsinn und noch einigem anderen verfiel und im Besonderen, auf die beiden aus Breslau stammenden Freunde Ploetz und Wagner bezogen, wie man von einem Sozialisten zum Nazi werden konnte.<\/p>\n<p>An dreizehn Tagen besucht Michael Hansen nun den alten Mann, einen Antiquar, der in Dachau war und sich auch lange im Keller des Antiquariats verstecken mu\u00dfte, und der erz\u00e4hlt ihm von der Jugend der Freunde und dem Geheimbund, der Ikarier, dem sie mit den Br\u00fcdern Hauptmann am Anfang des Jahrhunderts angeh\u00f6rtetn.<\/p>\n<p>In Amerika gab es auch solche Ikarier. Dort reiten die Freunde auch hin und lebten eine zeitlang die sozialistische Utopie, wo Frauen allerdings kein Mitspracherecht hatten.<\/p>\n<p>Langsam langsam verwandelt sich Alfred Ploetz, der dem Alkohol abgeschworen hat und auch nachweisen will, da\u00df er das Gerhin und die Erbmasse ver\u00e4ndert zum Rassenhygieniker und lieferte damit die Grundlage zu dem was im dritten Reich zur Vernichtung des angeblich nicht lebenswerten menschlichen Lebens f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Das wird an Beispielen erz\u00e4hlt und dazwischen beschlagnahmt Hansen Autos, verteilt an Kindern Kaugummi und trifft sich mit Frauen, die ihn aber nur ausn\u00fctzen und eigentlich nichts von ihm wissen wollen.<\/p>\n<p>Nach den dreizehn Gespr\u00e4ch, wird Ploetz Forschungskartei und anatmomischen Sammlungen mit den in Alkohol eingelegten Hirnschnitten\u00a0 abtransportiert und auch Hansen wird abgezogen und anderen Aufgaben zugef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Verglichen mit den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/08\/15\/vier-und-zwei-aus-zwanzig\/\">Longlistenromanen<\/a> wahrscheinlich ein stilles Buch, das\u00a0 trotzdem auf eine sehr literarische Weise von der Eutanasie und wie es dazu kommen konnte, erz\u00e4hlt und eines mit dem sich Uwe Timm offensichtlich sehr lang besch\u00f6ftigt hat.<\/p>\n<p>Im Anhang schreibt er, da\u00df er schon in den Siebzigerjahren damit begonnen hat\u00a0 und er f\u00fchrt, obwohl, wie er schreibt &#8220;Ein Roman keine Dissertation ist&#8221;, auch einen genauen Nachweis der Werke an, mit denen er sich\u00a0 f\u00fcr die Recherche besch\u00e4ftigt hat und f\u00fchrt dabei neben Hauptmann und Ploetz, was ich besonders interessant finde, auch &#8220;Wikipedia&#8221; an und da habe auch ich\u00a0 nachgegooglet, schon um zu verstehen, was das Wort &#8220;Ikarien&#8221; und damit der Titel bedeutet.<\/p>\n<p>Als kleinen Nachtrag kann ich noch anmerken, da\u00df Uwe Timm mit dem Buch, zwar nicht auf die LL des dBp aber auf die Shortlist des Wilhelm Raabe Preises gekommen ist. Ich w\u00fcnsche ihm viel Gl\u00fcck f\u00fcr den Gewinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Buch, das nicht auf der LL steht, ich das aber eigentlich erwartet h\u00e4tte, ist doch der 1940 geborene Uwe Timm, 2013, glaube ich, mit &#8220;Vogelweide&#8221; dort gestanden. 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