{"id":5518,"date":"2011-01-12T14:28:15","date_gmt":"2011-01-12T13:28:15","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5518"},"modified":"2011-01-12T14:28:15","modified_gmt":"2011-01-12T13:28:15","slug":"jakob-der-lugner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5518","title":{"rendered":"Jakob der L\u00fcgner"},"content":{"rendered":"<p>Der 1969 erschienene Roman &#8220;Jakob der L\u00fcgner&#8221;, des wahrscheinlich 1937 in Lodz geborenen Jurek Becker erz\u00e4hlt auf eine sehr behutsame Art vom Leben im polnischen Ghetto, seinen Bewohnern und den Bew\u00e4ltigungsstrategien, die man dort brauchte. Eigentlich tut das ein namenlos gebliebener Ich- Erz\u00e4hler, irgendwann in den Neunzehnhundertsechzigerjahren, der als einziger den Wahnsinn \u00fcberlebte und er beginnt damit, da\u00df er von B\u00e4umen spricht.<br \/>\nB\u00e4ume, die in Ghetto genauso verboten waren, wie ein Radio, eine Uhr oder das Aufhalten auf der Stra\u00dfe nach acht Uhr abends. Der Erz\u00e4hler wundert sich dar\u00fcber, da\u00df das den Deutschen so wichtig ist, bevor er uns Jakob Heym vorstellt, den kleinen \u00e4lteren Mann, der in der Stadt, in der sich das Ghetto befindet, einmal eine Diele hatte, wo er Kartoffelpuffer briet, Himbeereis erzeugte und illegal Schnaps ausschenkte. Jetzt ist er im Ghetto und arbeitet am Bahnhof. Als er eines Tages in das Revier mu\u00df, das fr\u00fcher das Finanzamt war, h\u00f6rt er im Radio, da\u00df sich die Russen schon in Bezanika befinden. Das bringt die Geschichte ins Rollen, denn wie beschrieben, das Besitzen eines Radios ist im Ghetto streng verboten, trotzdem kommt es dazu, da\u00df Jakob am n\u00e4chsten Tag, als er mit seinem Kollegen Mischa am Bahnhof arbeitet, ihm, um ihm vom Kartoffelstehlen abzuhalten, diese Geschichte erz\u00e4hlt.Damit er sie glaubt, f\u00fcgt er hinzu, da\u00df er selbst ein Radio besitzt. Mischa erz\u00e4hlt das seiner Freundin Rosa und deren Eltern, der Vater war einmal ein mittlerer Schauspieler, erblasst und f\u00fchrt die Mutter in den Keller, wo er seine Rezensionen aufbewahrt. Dort hat er auch ein Radio, das er ins Ghetto mitgenommen hat, sich aber nie zu h\u00f6ren traute, das zerst\u00f6rt er nun, damit man es nicht bei ihm findet. Die Geschichte macht im Ghetto schnell die Runde und bringt Jakob in Verlegenheit, weil er nicht wei\u00df, wie er sich weiter verhalten soll? Merkt er doch, da\u00df die Nachricht vom Anmarsch der Russen Hoffnung gibt, die Selbstmordrate scheint zu sinken, andererseits woher soll er die neuen Nachrichten nehmen? Und was ist, wenn der Strom ausf\u00e4llt? Dann kommen alle und bieten an, das Radio dorthin zu bringen, wo es den noch gibt und wenn er sagt, das Radio ist kaputt, bringen sie einen Rundfunkmechaniker, der es reparieren soll. Es ist nicht leicht, noch dazu, wo es auch die kleine Lina gibt, die allein am Dachboden wohnt, weil ihre Eltern verschickt wurden, als sie im Hof spielte. Jakob hat sie sozusagen an Kindesstatt angenommen und k\u00fcmmert sich mit dem einmal sehr ber\u00fchmten Herzspezialisten Prof. Kirschbaum um sie. Lina ist aber neugierig und beginnt das Radio zu suchen, sie h\u00e4lt zwar die Petroliumlampe daf\u00fcr, weil sie noch nie eines gesehen hat, dann f\u00fchrt Jakob sie in den Keller und spielt ihr die Nachrichten vor, was sie aber durchschaut. So werden wir in das Ghetto und zu seinen Bewohner gef\u00fchrt, lernen den frommen Herschel Schtamm kennen, der auch im Sommer eine Pelzm\u00fctze tr\u00e4gt, um die ebenfalls verbotenen Schl\u00e4fenlocken darunter zu verbergen, der h\u00f6rt eines Tages am Bahnhof aus einem G\u00fcterwaggon Stimmen und wird von den Deutschen erscho\u00dfen, als er den darin Eigenschlossenen sagen will &#8220;F\u00fcrchtet euch nicht, die Russen sind schon nah!&#8221;<br \/>\nProf. Kerschbaum redet Jakob auch ins Gewissen, da\u00df das, was er  tut gef\u00e4hrlich ist, bekommt aber selbst Schwierigkeiten, als Gestapo-Chef Herzprobleme hat und sein Leibarzt einen Spezialisten anfordert. Wo soll man den so schnell hernehmen, offenbar gibt es den nur im Ghetto und der Professor ger\u00e4t ins Dilemma, das er nur  l\u00f6sen kann, da\u00df er zwei Tabletten gegen Sodbrennen nimmt und dem sp\u00e4ter sehr schnell entnazifizierten SS-Mann davon anbietet. Der Gestapo-Chef stirbt, Prof. Kerschbaums Schwester wird von der SS abgeholt.  W\u00e4hrend Jakob die Russen n\u00e4her und n\u00e4her kommen l\u00e4\u00dft, beginnen die Deutschen das Ghetto zu s\u00e4ubern und die Bewohner abzutransportieren. Die Geschichte hat zwei Enden, ein erfundenes und ein wirkliches, wie der Erz\u00e4hler meint. Im Ersteren wird Jakob auf der Flucht erschlo\u00dfen, w\u00e4hrend man die rote Armee schon h\u00f6ren kann, im Wirklichen werden alle weggebracht, nur der Erz\u00e4hler konnte irgendwie entkommen, um uns die Geschichte zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nDer Roman wurde zweimal verfilmt , das erste Mal 1974 von der DEFA in Zusammenarbeit mit dem DDR Fernsehen, das zweite Mal 1999 in Hollywood.<br \/>\nJurek Becker, der selbst im Gheotto aufgewachsen ist, \u00fcbersiedelte nach dem Krieg nach Ost-Berlin, wo er einige DDR Preise erhielt, sp\u00e4ter wurde er Dissident,  trat 1977 aus dem Schriftstellerverband aus und \u00fcbersiedelte in den Westen. Den Roman <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/04\/14\/schlaflose-tage\/\">&#8220;Schlaflose Tage&#8221;<\/a>, der das ein bi\u00dfchen beschreibt, habe ich schon besprochen. 1996 erschien &#8220;Bronsteins Kinder&#8221; , Jurek Becker schrieb auch das Drehbuch f\u00fcr die Fernsehserie &#8220;Liebling Kreuzberg&#8221; und ist 1997 an Darmkrebs gestorben.<br \/>\nDie tragigkomische Schilderung des Ghettolebens ist sehr beeindruckend und ein Roman den man gelesen haben sollte, was ich Dank des offenen B\u00fccherschranks jetzt tat. Das ist es auch, was ich an dem Kasten so besonders sch\u00e4tze, da\u00df ich so an  Romane komme, die sonst an mir vor\u00fcbergegangen w\u00e4ren. Interessant ist auch, wenn man \u00fcber &#8220;Jakob der L\u00fcgner&#8221; nachgooglet. Da kommt man auf Seiten, wo der Roman f\u00fcr den Schulunterricht aufbereitet wird und die  Sch\u00fcler die Frage beantworten sollen, ob Jakob nun ein L\u00fcgner ist oder nicht?<br \/>\nEs ist wahrscheinlich auch die vorsichtig distanzierte autobiografische Erz\u00e4hlweise, die an dem Roman fasziniert, auch wenn ich einige Zeit brauchte, um in den Erz\u00e4hlstil hineinzukommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 1969 erschienene Roman &#8220;Jakob der L\u00fcgner&#8221;, des wahrscheinlich 1937 in Lodz geborenen Jurek Becker erz\u00e4hlt auf eine sehr behutsame Art vom Leben im polnischen Ghetto, seinen Bewohnern und den Bew\u00e4ltigungsstrategien, die man dort brauchte. 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