{"id":55255,"date":"2017-10-12T00:13:43","date_gmt":"2017-10-11T22:13:43","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=55255"},"modified":"2017-10-12T00:13:43","modified_gmt":"2017-10-11T22:13:43","slug":"chikago","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=55255","title":{"rendered":"Chikago"},"content":{"rendered":"<p>Nein, das ist kein Fl\u00fcchtigkeitsfehler, denn Theodora Bauers zweiter bei <a href=\"http:\/\/www.picus.at\/produkt\/chikago\/\">&#8220;Picus&#8221;<\/a> erschienener Roman, hei\u00dft wirklich so und auf die Idee ist die 1990 in Wien geborene und im Burgenland lebende Autorin, deren &#8220;Fell der Tante Meri&#8221; noch\u00a0 in den Regalen wartet und die von der Schreibwerkstatt des Semier Insaif, die er immer in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; vorstellt, glaube ich, gekommen, als sie in Kittsee oder sonstwo eine Siedlung mit diesem Namen sah, denn im armen Burgenland, das erst 1921 zu \u00d6sterreich gekommen, ist, die Grenze mitten durch das Feld geschnitten und die Burg von Bratilava, das vormals Pressburg hie\u00df, lie\u00df sich auch noch sehen, hat es zwei gro\u00dfe Auswanderungswellen gegeben. In den Zwanziger- und in den F\u00fcnzigerjahren und von der ersteren war auch Alfreds Tante Ida betroffen, die ich mit ihm und der Anna 1989 das erste Mal in dem Vorort von New York, wo sie lebte besuchte und\u00a0 Alfred mit der Anna dann noch einmalzu ihrem hundertesten Geburtstag dort war.<\/p>\n<p>Theodora Bauer hat geforscht, ist ins Auswanderungsmuseum gegangen, das es im Burgenland gibt und auch in eines in Hamburg, wo die Leute ausgeschifft wurden. In Chicago ist sie vielleicht auch gewesen und am Schlu\u00df des Buches kann man in den Danksagungen\u00a0 lesen, wer ihr aller bei der Arbeit geholfen hat.<\/p>\n<p>Die &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; wird da erw\u00e4hnt, das Literaturhotel &#8220;Die Wasnerin&#8221; das ja Autoren Aufenthaltsstipendien gew\u00e4hrt und auch der zwanzigste Klagenfurter Literaturkurs, wo der Text vielleicht besprochen wurde und dann ist, wie man am Klappentext nachlesen kann, Theodora Bauer &#8220;gelungen ihren Protagonisten Seele, ihrer Geschichte Realsimus, ihrem Schicksal Tragik und Sch\u00f6nheit verleihen.&#8221;<\/p>\n<p>So ganz bin ich zumindestens mit dem, was die Realistik betrifft, nicht einverstanden, ist mir doch ein klein Wenig zu viel Sex und Crime dabei, zumindestens, was das Crime betrifft, denn da passieren ja zwei Morden, die dem ganz normalen burgendl\u00e4ndischen Auswanderern, der aus seinem Elend heraus in die USA gefahren ist und von dort wieder zur\u00fcck oder auch nicht gekommen sind, wahrscheinlich nicht passierte.<\/p>\n<p>Trotzdem war das Buch, das in vier Teilen, die\u00a0 die Jahreszahlen 1921, 1922, 1937 und nochmals 1937 tragen, sehr beeindruckend und es werden in den vier Teilen eigentlich sehr abgeschlossene Geschichten erz\u00e4hlt, f\u00fcr die man vielleicht\u00a0 ein bi\u00dfchen braucht, um ganz in sie hineinzukommen, denn Theodora Bauer versteht ihr Handwerk und hat auch eine sehr poetische Sprache, spart vor allem, was, was ich ja auch immer h\u00f6re,\u00a0 den guten Roman ausmacht, sehr viel aus.<\/p>\n<p>Es beginnt also 1921 im burgenl\u00e4ndischen Dort an der Grenze und da sind die Schwestern Alica oder Ana und Katarina oder Katica, man sieht schon die Sprachvielfalt und vielleicht auch, die der verschiedenen Nationalit\u00e4ten und den verschieden ausgesprochenen Namen.<\/p>\n<p>Ana und Katica sind Halbgeschwister, denn Anas Mutter ist bei der Geburt gestorben, da hatj sich der Vater eine andere Frau geholt, die dann, wie das damals so war, auch bei der Geburt gestorben ist. Der Vater ist Schmidt, die Zigeunersiedlung liegt\u00a0 nebenan.<\/p>\n<p>1921 ist auch der Vater gestorben und Katica, die sch\u00f6ne wurde auf einem Fest von Feri, Ferenc, Feric oder Franz, dessen Eltern und Geschwister schon in die USA ausgewandert waren und zum Teil wieder zur\u00fcckkamen, geschw\u00e4ngert. Jetzt will er auch dorthin, denn die Zeiten sind schlecht, keine Arbeit, keine Aussicht auf eine Lehre, etcetera.<\/p>\n<p>Er kann aber nicht, wie er will, denn eines Tages steht Katica an der Schwelle und sagt, sie kommt mit, denn sie will kein lediges Kind. So r\u00fcstet sie schon zur Hochzeit, nimmt das Kleid der toten Mutter, das nat\u00fcrlich nicht mehr passt, aus der Truhe am Dachboden und Feri hat Schwierigkeiten, denn die Schiffspassage f\u00fcr Katica kostet Geld, das er nicht hat. So ger\u00e4t er in illegale Machenschaften, ein Gendarm wird im Wald erschossen und Anica, die schweigsame oder mutige, Halbkroatin, es werden immer wieder kroatische S\u00e4tze in das Buch eingestreut, nimmt das Heft in die Hand, erpresst die Schiffspassage und kommt ebenfalls nicht.<\/p>\n<p>1922 sind sie dann in Cicago, haben zuerst bei der Familie von Feris Bruder gewohnt, Feri beginnt zu arbeiten und zu trinken, obwohl da ja damals, glaube ich, Zeiten der Probibition waren, es hat aber versteckte Lokale gegeben, wo Branntwein ausgeschenkt wurde und Katica stirbt ebenfalls bei der Geburt. Feri ger\u00e4t in eine Schl\u00e4gerei und dieses Kapitel endet, da\u00df Maria, die Schw\u00e4gerin, die ebenfalls schwanger ist, Ana das Kind, den kleinen Josip, der sp\u00e4ter Joe oder Josef hei\u00dfen wird, aus der Hand nimmt und sagt, sie wei\u00df f\u00fcr sie eine gute Stelle, als Haush\u00e4lterin.<\/p>\n<p>Dann kommen wir ins Jahr 1937 und da gibt es in Chicago Probleme, denn Joe hat von Cathy, seiner Schwester, erfahren, da\u00df sie das gar nicht ist, das l\u00f6st in ihm einen Schock aus, denn Maria und Kristof haben ihn verschwiegen, da\u00df sie nicht seine richtigen Eltern sind. So kommt er erbost in das vornehme Haus, wo seine Teta Ana, Haush\u00e4lterin ist und die junge Lily White, die die Welt ergr\u00fcnden und sich auch, um die Armen von Chicago k\u00fcmmern will, verlangt von Auntie Ana, da\u00df ihr Neffe Josip sie dort hinf\u00fchren will.<\/p>\n<p>Da wird es jetzt auch ein bi\u00dfchen kryptisch, denn es wird sehr viel geschwiegen in dem Buch, was ja psychologisch nachzuvollziehen ist. Der Geist der Missis, die im Haus herumspukte und sich als nervenkrank erwies und in eine Klink abgeschoben wurde, hat mich aber ein bi\u00dfchen an Daphe de Maurier oder die englischen Gespensterromae erinnert.<\/p>\n<p>Sei es, wie es ist, Herr White, wie er sich nennen l\u00e4\u00dft, ist nach dem Tod seiner Frau, der wenige Jahre sp\u00e4ter in der Nervenheilanstalt erfolgt ist, viel auf Reisen und seine Tochter Lily, der schweigsamen Haush\u00e4lterin, die immer knickst, obwohl Lily, das gar nicht will, \u00fcberlassen und Josip f\u00fchrt die unsichere, sie scheinen alle so, um die f\u00fcnfzehn, sechzehn zu sein, zu einer Demonstration, weil die Arbeiter der Fleischfabriken streiken und Lily steht imit ihrem Hut und den teuren Schuhen in der ersten Reihe und sieht zu, wie die Polizei auf die Streikenden schie\u00dft und sie mit Tr\u00e4nengas bet\u00e4ubt.<\/p>\n<p>Das versetzt sie und das erscheint mir unglaubw\u00fcrdig, wenn nicht wieder so, wie in den Romanen aus dem neunzehnten Jahrhundert, kitschig, in eine Art von Katatonie. Josip schleppt sie, wie einen Mehlsack auf seinen Schultern heim und die Tante verlangt von ihr, da\u00df er sie fortan jeden Tag besucht. Das macht er eine Zeitlang und sitzt am Bett, der sich schlafend Stellenden und das denke ich, h\u00e4tte, in der Welt der Klassenunterschiede, wie sie damals herrschten, wo man alleine nicht in die &#8220;schlechten&#8221; Vierteln gehen konnten, eine Haush\u00e4lterin niemals gemacht und das mit den verr\u00fcckten M\u00e4dchen, die dann in den Nervenheilanstalten verschwinden, sollte eine 1990 geborene Autorin, wenn sie \u00fcber das Amerika von 1937 schreibt, vielleicht auch nicht verwenden.<\/p>\n<p>Sei es wie es ist, Cathy, die Cousine und nicht wirkliche Schwester ist Josip bei seinen Besuchen in die reiche Villa, eifers\u00fcchtig gefolgt und steht vor der T\u00fcr. Lily, am Fenster und l\u00e4uft den beiden im Nachthemd in den Park zu dem See nach, wo Cathy schlie\u00dflich ertrinkt und Ana mu\u00df wieder handeln, beziehungsweise mit dem Neffen zur\u00fcck ins Burgenland fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>Aber das hat sich ja inzwischen auch ver\u00e4ndert, zwar ist die Armut nicht kleiner geworden, ganz im Gegenteil, aber die blonden Burschen, die illegalen Nazi, marschieren f\u00fcr die Zukunft und streuen, die noch verbotenen Hakenkreuze aus und wenn man das mit den Videos der Identit\u00e4ren, die heute im Netz zu sehen sind, vergleicht, wird einer schlecht und kann nur hoffen, da\u00df Theodora Bauer da wieder \u00fcbertrieben hat.<\/p>\n<p>Josip, der jetzt nicht mehr Joe, weil ein echter Deutscher ja nicht so hei\u00dft, ger\u00e4t in die F\u00e4nge solcher\u00a0 Jungnazis, marschiert mit, streut Hakenkreuze aus, was man ja f\u00fcr eine Kinderei halten k\u00f6nnte, aber dann tr\u00e4gt er die Fahne, als es an das Haus einer aufm\u00fcpfigen offenbar sozialistischen alten Frau gegen soll, das angez\u00fcndet wird. Es wird auch ein Stein auf dem das Wort &#8220;Zigeuner&#8221; steht, in Anas Elternhaus geworfen und die j\u00fcdischen Gesch\u00e4fte werden sowieso beschmiert.<\/p>\n<p>Ana steht daneben, beobachtet, schweigt und ist, wie das bei den kleinen Leuten halt so ist, unf\u00e4hig sich zu\u00a0 wehren und kann nur hoffen, da\u00df die Zukunft, keinen &#8220;Faschingsumzug bringt, von dem dann sp\u00e4ter\u00a0 niemand etwas gewu\u00dft haben will&#8221;.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnen, denke ich, wir auch so hoffen und vielleicht noch etwas dagegen tun. 1937 ist achtzig Jahre vorbei und der Roman\u00a0 trotz seiner meiner Meinung nach unn\u00f6tigen \u00dcbertreibungen, sehr interessant und ich kann das Lesen sehr empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, das ist kein Fl\u00fcchtigkeitsfehler, denn Theodora Bauers zweiter bei &#8220;Picus&#8221; erschienener Roman, hei\u00dft wirklich so und auf die Idee ist die 1990 in Wien geborene und im Burgenland lebende Autorin, deren &#8220;Fell der Tante Meri&#8221; noch\u00a0 in den Regalen &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=55255\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[220,466,603,4555,5735],"class_list":["post-55255","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-amerika","tag-auswandern","tag-oesterreichische-neuerscheinung","tag-picus","tag-theodora-bauer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55255"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55255\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}