{"id":55735,"date":"2017-10-26T00:10:11","date_gmt":"2017-10-25T22:10:11","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=55735"},"modified":"2017-10-26T00:10:11","modified_gmt":"2017-10-25T22:10:11","slug":"liebwies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=55735","title":{"rendered":"Liebwies"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt komme ich zu den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/09\/05\/die-oesterreichische-lange-liste\/\">Debuts der \u00f6sterreichischen Buchpreisliste<\/a> und habe da als erstes Irene Diviwak &#8220;Liebwies&#8221; gelesen, der erste Roman, der 1991 in Graz geborenen, von der ich ja schon einen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/22\/stahl-und-glas\/\">kleinen Ez\u00e4hlband<\/a> gelesen habe, der in den <a href=\"https:\/\/literaturleuchtet.wordpress.com\/2017\/08\/22\/irene-diwiak-liebwies-deuticke-verlag\/\">Blogs<\/a> sehr gelobt wurde. Dann habe ich daraus beii den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/08\/03\/o-toene-mit-irene-diwiak-und-olga-flor\/\">O T\u00f6nen<\/a> geh\u00f6rt, bin neugierig geworden und war jetzt auch bei der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/19\/short-list-debut-lesung\/\">Debutlesung,<\/a> wo in der Bibliothek der Arbeiterkammer, die drei nominierten B\u00fccher pr\u00e4sentiert wurden.<\/p>\n<p>Da hat, ich war gerade mittendrin im Lesen, Ute Weiner, die Moderatorin, die Autorin gefragt, ob das Buch eine Parodie w\u00e4re?<\/p>\n<p>Irene Diwiak hat das entschlossen verneint und gemeint, es gehe um den Kulturbetrieb und, um die Frage, warum der eine Erfolg darin hat und der andere nicht und die Handlung hat sie deshalb in die Zwischenkriegszeit verlegt, weil sie sich daf\u00fcr sehr interessiert.<\/p>\n<p>Ich habe das Buch jetzt ausgelesen und denke es ist eine Parodie und war eine, die es ganz besonders in sich hat und Irene Diwiak geh\u00f6rt h\u00f6chstwahrscheinlich zu den hochbegabten Jungautorinnen, die gar <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/18\/feministische-oder-auch-unfeministische-schreibgespraeche\/\">keine Schreibschulen<\/a> n\u00f6tig haben, weil sie gleich ihren eigenen unverwechselbaren Stil einbringen und das scheint Irene Diwiak, die den Roman unter dem titel &#8220;Der Klang der Frauen&#8221; herausbringen wollte, der Verlag war dagegen wunderbar zu verstehen.<\/p>\n<p>Zwar w\u00fcrde sie wenn die das Manuskript bei Wolfgang Tischer vom Literaturcafe f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/04\/das-blogbuster-lesebuch\/\">Blogbuster<\/a> eingereicht h\u00e4tte, keine Chancen haben, weil ihr Buch hat nicht nur einen Prolog, sondern auch einen Epilog und sonst vier Teile hat und das will der ja nicht, hat der auf <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/15\/von-frankfurt\/\">Frankfurter Buchmesse<\/a> gesagt und w\u00fcrde solche <a href=\"http:\/\/blogbuster-preis.de\/\">Manuskripte gleich in den Mist werfen.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/autor\/irene-diwiak\/\">&#8220;Deuticke&#8221;<\/a> sieht das zum Gl\u00fcck anders und Irene Diwiaks Debut ist wahrscheinlich auch deshalb so ungew\u00f6hnlich, weil es noch unverf\u00e4lscht ist und der Kitsch haarscharf neben der starken Skurilit\u00e4t liegt, mit der sie ihre Charakt\u00e4re zeichnet.<\/p>\n<p>Es ist nicht alles logisch in dem Buch und w\u00e4re ich\u00a0 schon bei der Lesung\u00a0 damit fertig gewesen, h\u00e4tte ich die Autorin einiges fragen k\u00f6nnen, so zum Beispiel warum Ida August Gussendorff geheiratet hat, wenn sie doch voll lesbisch und offenbar auch sehr selbstbewu\u00dft ist.<\/p>\n<p>Aber sonst gl\u00e4nzt das Werk durch seine Skurrilit\u00e4t und die Zwischenkriegszeit ist, glaube ich, die ich ja auch sehr viel \u00fcber diese Zeit gelesen habe, gut gezeichnet.<\/p>\n<p>Es ist nicht alles, wie es scheint, hat Daniela Strigl, das Buch, glaube ich, bei den O-T\u00f6nen vorgestellt. Die gefeierte S\u00e4ngerin kann nicht singen und die Oper, die sie ber\u00fchmt machte, wurde eigentlich von der Frau des vorgeblichen Komponisten geschrieben und das steht auch im Prolog,\u00a0 beziehungsweise Epilog, woran man sehen k\u00f6nnte, da\u00df manchmal ein solcher doch nicht so unwichtig ist und dann geht es hinein in das Jahr 1924, nach dem verlorenen Krieg und ka kommt ein Musiklehrer mit einer halben Nase zur\u00fcck, die Frau hat ihn betrogen, die Stelle in dem Gymnasium, gibt es nicht mehr und er zieht aufs Land, in ein D\u00f6rfchen namens Liebwies und das ist die Stelle, wo der Roman eigentlich beginnt.<\/p>\n<p>Das ist, glaube ich, auch die Spezialit\u00e4t Irene Diwiaks, da\u00df sie in ihre Teile Figuren einf\u00fchrt, wo man erst sp\u00e4ter begreift, wozu sie eigentlich wichtig sind. Der Erfinder beispielsweise, der Idas Geburt miterlebt, weil er offenbar sowas, wie das SMS erfunden hat und das Idas &lt;Mutter, einer energischen Fabrikantin und voll h\u00e4\u00dflichen Frau, das sind auch so die Merkmalen von Irene Diwaks Figuren, verkaufen will oder die Madamme Femina, die eigentlich ein Herr Mann ist.<\/p>\n<p>Der Lehrer kommt jedenfalls in das verschlafene D\u00f6rfchen und braucht drei Tage Fu\u00dfm\u00e4rsche bis dorthin, sieht in der Volksschule, wo er sich anstellen l\u00e4\u00dft, ein abgrundh\u00e4\u00dfliches blindes M\u00e4dchen mit einer wundersch\u00f6nen Stimme, in die er sich gleich verliebt.<\/p>\n<p>Das wird auch sehr skurril geschildert. Er schreibt seinen Freund Wagenbach, den\u00a0 Kulturkritiker an und l\u00e4dt ihm zu einem Konzert ein, damit er seine Sch\u00fclerin f\u00f6rdern kann. Dann kommen ihm aber Zweifel und er holt die bildsch\u00f6ne Schwester der h\u00e4\u00dflichen Karoline, das ist eben jene Gisela, die nicht singen kann, damit Wagenbach gleich den Unterschied merkt.<\/p>\n<p>Das geht aber schief. Denn Wagenbach verliebt sich in Gisela, weil sie ihn an seine verstorbene Frau erinnert und h\u00f6rt gar nicht zu, wie sie singt, sonder nimmt sie gleich mit nach Wien oder in die Stadt, wo die Handlung spielt. Ein Name wird da, glaube ich, nicht genannt. Schleppt sie\u00a0 zum Vorsingen in ein Konserervatorium und erpresst den j\u00fcdischen Impressario sie zu unterrichten. Der tut das und braucht nun eine Oper, wo eine S\u00e4ngerin die Hauptrolle hat, die nicht singen mu\u00df. Die gibt er dem Dichter August Gussendorff in Auftrag, der eine solche komponieren will, obwohl er das auch nicht kann.<\/p>\n<p>Man sieht, es ist sehr kompliziert und und Irene Diwiaks Buch hat wieder Stoff f\u00fcr hundert B\u00fccher, denn der, ein Sechzigj\u00e4hriger hat die unscheinbare Ida, die Tochter jener Fabrikantin geheiratet, die lesbisch ist und komponieren will. Der verbietet der Ehemann nat\u00fcrlich als Erstes das Komponieren. Sie f\u00fcgt sich und tut es heimlich weiter. Sie i\u00dft dann auch nichts und das erscheint mir unlogisch in seiner \u00dcbertriebenheit, denn eigentlich ist diese Ida ja eine selbstbewu\u00dfte Frau und hat den Komponisten freiwillig geheiratet.<\/p>\n<p>Aber das bietet nat\u00fcrlich Stoff f\u00fcr weitere Skurrili\u00e4t. So taucht auch noch die K\u00f6chin Rosl auf und am ende bleibt Gussendorf nichts anderes \u00fcber, als seiner Frau die Noten, die nat\u00fcrlich doch komponierte, zu steh.en und sie f\u00fcr seine Oper auszugeben.<\/p>\n<p>Da kommen wir schon zum n\u00e4chsten Teil. Die Oper &#8220;Die stumme Gr\u00e4fin&#8221; wird aufgef\u00fchrt. Alle sind von der Sch\u00f6nheit der S\u00e4ngerin, die nicht singen kann, fasziniert. Die Oper wird ber\u00fchmt. Gisela Liebwies, wie sie nun gennant wird, auch und Ida, die schon ein Verh\u00e4ltnis mit einem Diensttm\u00e4dchen hatte, weshalb sie ja von ihrer energischen Mutter auch verheiratet wurde, verliebt sich in sie, schreibt ihr Briefe, trifft sich in Cafes und geht mit ihr, ihr Mann ist inzwischen verstorben auf eine Reise.<\/p>\n<p>Da wird sie als sehr herzlos geschildet. Sein Tod interessiert sie nicht. Sie verreist mit Ida nach Deutschland und verkehrt dort mit ihr in einem Transvestitenlokal. Sie w\u00fcrde mit Gisela dort ewig bleiben. Aber die zieht es in die Stadt und zu ihrem Ruhm zur\u00fcck und au\u00dferdem verlobt sie sich mit einem deutschnationalen Arzt, den sie von der Gesellschaft der Musikfreunde kennt, in die Wagenbach sie einf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Der verbietet seiner Frau nat\u00fcrlich auch das Singen. L\u00e4\u00dft sie Zwillinge, zwei blonde M\u00e4dchen namens Brunhilde und Krimhilde geb\u00e4ren und wir sind nun schon im Jahr 1943. Die Zwillinge spielen Hitlers Geburtstag und entweden dem Vater eine Einladung in jene Gesellschaft. Die bekommt nun Gisela, die inzwischen dick und fett geworden und nicht mehr so sch\u00f6n, wie fr\u00fcher ist, zu Gesicht, will unbedingt dorthin gehen\u00a0 und erpresst ihren Siegfried damit.<\/p>\n<p>Da kommt es nun zur n\u00e4chsten Katastrophe, beziehungweise Farce. N\u00e4mlich Wagner wird gefeiert, die &#8220;Wallk\u00fcre&#8221; dr\u00f6hnt aus den Lautsprechern. Bier wird gesoffen, der sch\u00f6ne Siegfried m\u00f6chte am liebsten mit den prallen Maiden im Bett verschwinden, mu\u00df sich aber an den Tisch mit den Gastgebern setzen und die stellen ihm nun Ida mit einem Fr\u00e4ulein Hartmann vor und das h\u00e4lt Gisela, obwohl sie Ida ja vor zwanzig jahren verlassen hat, um eine Frau Dr. R\u00f6mer zu werden, nicht aus. Sie denunziert sie vor ihrem Mann und so kommt es dann dazu, da\u00df Ida pl\u00f6tzlich von einem jungen M\u00e4dchen mit einem Kinderwagen angesprochen wird. Sie soll das Baby einen Moment h\u00fcten. Sie tut es bereitwillig. Im Wagen befindet sich aber kein Kind sondern &#8220;Nieder mit den Nazis-Parolen&#8221;.<\/p>\n<p>Die SA kommt und die unbedeutende Ida, wie schon im Prolog und dann noch im Epilog steht, wird verhaftet und das ist ihr einziger Grund in die Weltgeschichte einzugehehn, da\u00df sie die Komponistin der &#8220;Stummen Gr\u00e4fin&#8221; ist, wird die Welt dagegen nie erfahren.<\/p>\n<p>Jawohl, eine Parodie, denke ich, eine Farce, aber ein erstaunlich vergn\u00fcglicher Debutroman und Irene Diwiak ein gro\u00dfes Talent. Ich w\u00fcnsche ihr den Preis, habe aber die beiden anderen B\u00fccher, die sich mit der Migrationsfrage zu besch\u00e4ftigen schein und in der Gegenwart spielen, noch nicht gelesen. Bin also gespannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt komme ich zu den Debuts der \u00f6sterreichischen Buchpreisliste und habe da als erstes Irene Diviwak &#8220;Liebwies&#8221; gelesen, der erste Roman, der 1991 in Graz geborenen, von der ich ja schon einen kleinen Ez\u00e4hlband gelesen habe, der in den Blogs &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=55735\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,5],"tags":[1366,1408,2805,3724,570],"class_list":["post-55735","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-buchpreisbloggen","tag-debutpreisschiene","tag-deuticke","tag-irene-diwiak","tag-longlistenlesen","tag-oestbp-2017"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=55735"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/55735\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=55735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=55735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=55735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}