{"id":5574,"date":"2011-01-17T15:25:12","date_gmt":"2011-01-17T14:25:12","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5574"},"modified":"2011-01-17T15:25:12","modified_gmt":"2011-01-17T14:25:12","slug":"blaubarts-kinder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5574","title":{"rendered":"Blaubarts Kinder"},"content":{"rendered":"<p>Renata Serelytes 2010 bei Wieser in der Edition Zwei erschienener Roman &#8220;Blaubarts Kinder&#8221;, ist, wie ich der Verlagshomepage entnehme &#8220;Ein Schl\u00fcssel zur kommunistischen und postkommunistischen Welt abseits der gro\u00dfen Politik &#8211; weit \u00fcber Litauen und Russland hinaus&#8221; und ich habe mich beim Lesen des Buches der 1970 in Litauen geborenen und dort lebenden Schriftstellerin, die mit &#8220;Blaubarts Kinder&#8221;, den Bank Austria Literaris Preis f\u00fcr  Literatur aus dem Osten und S\u00fcdosten Europas, nicht sehr leicht getan, obwohl ich ja im November bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/18\/erster-messetag-und-bank-austria-literaris-lesefest\/\">Preisverleihung<\/a> im Radiokulturhaus gewesen bin, denn dem Buch ist leider, was heute zum Gl\u00fcck  sehr selten ist, weder ein Lebenslauf der Autorin noch ein paar Zeilen zu Buch und Inhalt beigef\u00fcgt und im Internet habe ich zuerst auch nur wenig gefunden. Cornelius Hell hat das Buch \u00fcbersetzt und es, wie ich mich zu erinnern glaube, bei der Veranstaltung als einen der besten Romane der litauischen Gegenwartsliteratur bezeichnet und Cornelius Hell war auch vorige Woche in der Sendung Ex Libris und hat dort den Roman des Litauers Romualdas Granauskas &#8220;Das Strudelloch&#8221; besprochen, wo er  \u00fcber die schlechte \u00dcbersetzung und das fehlende Lektorat klagte.<br \/>\n&#8220;Blaubarts Kinder&#8221; sind sicherlich viel besser \u00fcbersetzt, gest\u00f6hnt habe ich beim Lesen trotzdem, scheint mir doch die Kapitelbezeichnung  unvollkommen bzw. fehlerhaft zu sein. Denn es beginnt bei eins, geht bis drei um dann mit zwei fortzufahren und so weiter und so fort, durch die gesamten 337 Seiten. So da\u00df ich bei dem Roman, \u00fcber den ich nicht viel wei\u00df, der die Geschichte des Kommunismus mit Mythen, M\u00e4rchen, Bildern und auch noch mit wechselnden Ich-Erz\u00e4hlern aufarbeitet, sehr unsicher wurde, noch dazu, da ich ja von der Geschichte Litauens nicht wirklich viel wei\u00df.<br \/>\nCornelius Hell macht zwar ein paar Anmerkungen, erkl\u00e4rt einige Nationalspeisen und auch einige litauische oder russische Autoren, ein paar W\u00f6rter, die mir nicht ganz Deutsch erscheinen, wie z.B. Diphtong, verwendet er aber doch und es beginnt auch gleich mit einer Toten, die begraben wird und in sehr drastischen Worten ihr Leben erz\u00e4hlt. Es ist also auch f\u00fcr eine vielleicht nicht so ge\u00fcbte Leserin, wie ich es sicher bin, nicht leicht das Buch zu verstehen, deshalb habe ich Cornelius Hell ein Mail mit Fragen geschickt und es zur\u00fcckbekommen. Als ich es dann beim Wieser Verlag versuchte, habe ich auf der Homepage eine Erkl\u00e4rung zu dem Buch gefunden und ein paar Zeilen Lebenslauf zu Renata Serelyte hatte ich schon. Zu &#8220;Blaubarts Kinder&#8221; scheint es noch keine Rezensionen zu geben, es gibt aber ein paar Fotos und sogar Videos von Renata Serelyte im Internet.<br \/>\nNun denn, ich habe mir die Geschichte als Aufarbeitung des Kommunismus der Sowetunion bzw. Litauens interpretiert. Das Buch beginnt in einer sehr starken Sprache mit dem Begr\u00e4bnis der Mutter,  einer \u00fcberzeugte Kommunistin, die der Liebe wegen, ihren trinkenden Mann verlassen hat und aus dem litauischen Dorf dem Russen Anatolij nach Russland folgte. Dort hatte sie es schwer mit den Parteihierarchien und wird auch von ihrem j\u00e4hzornigen Mann mit einem B\u00fcgeleisen erschlagen bzw. verbrannt. Drei Kinder bleiben zur\u00fcck, der Sohn und die Tochter des litauischen Vaters, die wieder nach Litauen gebracht werden und der Sohn des Russens, der in ein Kinderheim kommt. Es gibt, wie erw\u00e4hnt vier Erz\u00e4hlerstimmen, die Mutter und die drei Kinder, was das Verstehen nicht leichter machte, trotzdem erf\u00e4hrt man nach und nach die Geschichte, die dann von der Tochter und dem Bruder weitererz\u00e4hlt wird. Namen gibt es in dem Buch nicht sehr viele, was es auch nicht leichter macht. Blaubarts Kinder wachsen jedenfalls bei der Gro\u00dfmutter und dem trinkenden Vater auf, gehen in den kommunistischen Zeiten zur Schule und sollen dort zu besseren Sowetmenschen gemacht werden, der Bruder liest aber gerne in den B\u00fcchern von Jack London, die Gro\u00dfmutter scheint fromm zu sein und erz\u00e4hlt von ihrer Jugend, als es noch keinen Kommunismus gab, die Not daher viel gr\u00f6\u00dfer und sie viel \u00e4rmer waren. Aber richtig reich ist man in dem Haus auch nicht, wo die Stiegen von einem wahrscheinlich ebenfalls betrunkenen Architekten so geplant wurden, da\u00df man sehr aufpassen mu\u00df, um nicht in den Keller  zu fallen. Gewalt und Alkohol spielen eine gro\u00dfe Rolle, vor allem die Gewalt der M\u00e4nner gegen die Frauen, die sie treten und schlagen und die gegen sie keine Chance haben und die Gewalt des Kommunismus bzw. die des Vorsitzenden, der Lehrer etc&#8230;<br \/>\nAlptr\u00e4ume kommen vor und eine sehr drastische Sprache, die uns all das erz\u00e4hlt. Denn inzwischen hat sich ja das System ver\u00e4ndert, den Kommunismus gibt es nicht mehr, der Rubel fiel und es wird, als es die Schwester nach Vilnus zum Studium schafft, litauisches Geld verwendet. Die Schwester wird Schriftstellerin, bekommt aber auch einen gewaltt\u00e4tigen Mann und ihre Kinder, ein M\u00e4dchen und ein Bub, hier kommen Namen vor, werden es wohl trotz fehlenden Kommunismus auch nicht viel besser haben. Sperrt der Mann, die Schwester doch ein und die kleine L\u00fcgne nimmt der Mutter die Flasche weg und schimpft sie &#8220;Alkoholikerin&#8221;, w\u00e4hrend der Bruder, der offenbar selbst viel sensibler, als die gewaltt\u00e4tigen Schulkameraden ist, wie schon beschrieben, die B\u00fccher von Jack London liebt, aber schlechte Tr\u00e4ume hat, in der Psychiatrie behandelt wird und sich schlie\u00dflich das Leben nimmt. Der andere Bruder, der im soweitischen Kinderheim aufgewachsene, tritt am Schlu\u00df auch noch auf, auch er schafft es weder im kommunistischen noch im postkommunistischen Leben, wird aber fromm und gl\u00e4ubig und nimmt den Kontakt zu den litauischen Halbgeschwistern auf.<br \/>\nEin beklemmender Roman, der uns in seiner starken Sprache, viel von einem uns unbekannten Leben erz\u00e4hlt, wo die M\u00e4nner die Frauen mit Bratpfannen und B\u00fcgeleisen schlagen und die Desinfektionsmittel giftgr\u00fcn sind, so da\u00df man sich, wenn man damit gewaschen wird, f\u00fcrchten mu\u00df, auf die Stra\u00dfe zu gehen, sieht man so doch, wie ein Frosch oder ein Marschmensch aus, die Kinder sich vor der Greisslerei die Nasen plattdr\u00fccken, weil sie kein Geld f\u00fcr Bonbons haben und die Lehrer zwar von Lenin und Engels schw\u00e4rmen, ihren Sch\u00fclern aber auch nicht viele Perspektiven anbieten k\u00f6nnen. Ein wenig versucht das zwar die Theatergruppe des Kulturhauses, was ihr, da der Kommunismus am Verfallen ist, aber nicht wirklich gelingt, so da\u00df wir nach der Lekt\u00fcre des Buches ein beeindruckendes Panorama von einem Land bekommen, \u00fcber das die meisten von uns wohl nicht viel wissen.<br \/>\nKulturkontakt und die Edition Zwei versuchen da ein wenig abzuhelfen, obwohl das Buch auch seinem Namen nicht ganz gerecht wird, denn in den anderen B\u00fcchern, die ich von dieser Edition habe, kann man es auf der einen Seite in Deutsch, auf der anderen in der Originalsprache lesen. Hier ist es fast nur auf Deutsch, nur hinten gibt es zwei Kapitel auf Litauisch und wie erw\u00e4hnt, die Erkl\u00e4rungen haben mir gefehlt, weil ich mir ganz allein ins kalte Wasser geworfen, ein wenig verloren vorkam.<br \/>\nJetzt bin ich aber doch zu einer Besprechung gekommen, es war auch ein  interessantes Buch und ich habe das Lesen trotz allem sehr genossen. Wenn ich nun noch von Wieser eine Antwort bekomme, wird mich das besonders freuen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Renata Serelytes 2010 bei Wieser in der Edition Zwei erschienener Roman &#8220;Blaubarts Kinder&#8221;, ist, wie ich der Verlagshomepage entnehme &#8220;Ein Schl\u00fcssel zur kommunistischen und postkommunistischen Welt abseits der gro\u00dfen Politik &#8211; weit \u00fcber Litauen und Russland hinaus&#8221; und ich habe &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5574\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-5574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5574\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}