{"id":5650,"date":"2011-01-27T00:08:54","date_gmt":"2011-01-26T23:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5650"},"modified":"2011-01-27T00:08:54","modified_gmt":"2011-01-26T23:08:54","slug":"einladung-an-die-waghalsigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5650","title":{"rendered":"Einladung an die Waghalsigen"},"content":{"rendered":"<p>Auf dieses Buch war ich sehr neugierig, habe es zu meiner Weihnachtsempfehlung gemacht und es nach der Diskussion \u00fcber das realistische Schreiben, die ich mit JuSophie in den letzten Tagen f\u00fchrte, bzw. dem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/22\/die-praxis-des-schreibens\/\">Symposium<\/a> und den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/26\/ein-souveraner-jongleur\/\">Lesungen<\/a>, bei denen es auch darum ging, begierig studiert. Roman steht darauf. Zitha Bereuter hat bei ihrer Einleitung in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/21\/verpatzte-werbefahrt-symposiumeroffnung-dorothee-elmiger\/\">Hauptb\u00fccherei <\/a>bezweifelt, da\u00df es einer ist, das Buch hat nur hundertvierundvierzig Seiten und mehrere bestehen aus wenigen S\u00e4tzen.<br \/>\n&#8220;Ich w\u00fcrde es Textsammlung&#8221; nennen, hat Dorothee Elmiger, glaube ich, geantwortet. Oder Erz\u00e4hlung, wie ich es nennen w\u00fcrde, bzw Novelle, denn ein bi\u00dfchen ist der Tonfall etwas antiqiert, manchmal jedenfalls.<br \/>\nAber die Verlage wollen alle Romane, weil sich das besser verkaufen l\u00e4\u00dft. Das Buch wird auf den Klappentexten und am Umschlag hoch gelobt.<br \/>\n&#8220;Dorothee Elmiger wagt das gr\u00f6\u00dfte Abenteuer. Jenes der poetischen Weltverwandlung. Ein Wunderwerk der Intonation!&#8221;, schreibt etwa ein Peter Weber.<br \/>\n&#8220;Margarete und Fritzi sind die \u00fcbrig gebliebene Jugend einer verschwundenen Stadt. Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite und damit ist der Inhalt schon erz\u00e4hlt.<br \/>\nBeim<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/24\/bachmannlesen-und-dichtfest\/\"> Bachmannpreis<\/a> wurde \u00fcber das Buch heftig diskutiert und mehrere kluge Theorien dar\u00fcber aufgestellt. Es wurde auch gelobt, weil da eine F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige nicht ihr Leben erz\u00e4hlt und den ewig gleichen Weltschmerz schildert, sondern ganz ohne Biografie auskommt, obwohl das nicht stimmt.<br \/>\nDenn die Margarete ist ja eine Ich- Erz\u00e4hlerin und es geht sehr oft, um die verschwundene Mutter, die mit Hemingway verglichen wird und mit dem Vater, dem Polizeikommandanten der verschwundenen Stadt scheint es auch Spannungen zu geben.<br \/>\nDas Thema hat mich interessiert und weil mir bei dem, was ich bei der Bachmannlesung und dem<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/10\/frankfurt-und-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels\/\"> Interview auf der Frankfurter Buchmesse<\/a> h\u00f6rte, einige Fragen offen blieben, habe ich mir das Buch besorgt.<br \/>\nDenn es gibt da ja die wundersch\u00f6ne musikalische Sprache, die vielleicht, wie ich auf dem Symposium f\u00fcr Sprachkunst h\u00f6rte, am Schreibtisch konstruiert wurde, vielleicht wurde sie auch mittels Recherche und Feldforschung erarbeitet. Ich wei\u00df es nicht und habe vorige Woche Dorothee Elmiger nicht danach gefragt. Es ist aber originell \u00fcber eine verschwundene Stadt zu schreiben, die ja trotzdem irgendwie besteht, denn die Schwestern Fritzi und Margarete Stein leben in ihr, in einer Wohnung \u00fcber der Polizeistation, die diese Stadt, unter der im Bergwerk schon Jahrzehnte lang ein Feuer brennt, das nicht zu l\u00f6schen ist, bewacht. Es leben auch noch ein paar andere Leute, au\u00dfer den Schwestern und den Polizisten dort, zum Beispiel, die Hebamme Elisabeth Korn und dann gibt es die ehemalige Bibliothekarin Erika Gerste, die mit einem Taxi angefahren kommt, aber damit kommt sie nicht in das Sperrgebiet hinein, so nimmt sie das Fahrrad. Die Schwestern haben Auto und Motorrad.  Wo sie zur Schule gegangen sind und schreiben lernten, erf\u00e4hrt man nicht, nur da\u00df die abtr\u00fcnnige Mutter sich nach der Geburt die Haare schneiden lie\u00df und dann verschwand. Aber diese Rosa Stein ist ohnehin eine h\u00f6chst interessante Person, wird sie doch einmal als ukrainische Diplomatin, ein anderesmal als junge Schottin bezeichnet.<br \/>\n&#8220;Au\u00dferdem war sie Abenteuerin, Gro\u00dfwildj\u00e4gerin und Hochseefischerin, hat in Ru\u00dfland das Ingenieurswesen und die Revolutionen studiert, in Reno ein Casino ausgeraubt und sich mit dem Geld einen Frachter gekauft.&#8221;<br \/>\nGanz sch\u00f6n viel f\u00fcr eine einzige Mutter, aber wenn man in Betracht zieht, da\u00df sie ihre T\u00f6chter nach der Geburt verlassen hat, l\u00e4\u00dft sich das  schon wieder psychoanalytisch deuten.<br \/>\nDie T\u00f6chter wachsen jedenfalls \u00fcber der Kommandatur auf und haben in der Wohnung einige B\u00fccher gefunden, aus denen sie die Welt, das Leben und ihre Vergangenheit erforschen. Margarete tut das auf einer Schreibmaschine, die sie sich aus dem Polizeiwachzimmer holt, w\u00e4hrend Fritzi die Gegend erforscht. Die liegt aber auch gern in der Badewanne und beide Schwestern trinken viel Kaffee.<br \/>\nDie Namen der B\u00fccher aus denen sie die Welt entdecken, werden aufgez\u00e4hlt, es wird auch in Kursivschrift daraus zitiert, auf der letzten Seite werden die Zitate dann benannt.<br \/>\nDeshalb hat Zitha Bereuter das Buch auch mit &#8220;Axolotl Roadkill&#8221; verglichen, obwohl es ja fast ein Westernthema zum Inhalt hat. Die B\u00fccher, die immer schon in der Wohnung gestanden haben, sind gr\u00f6\u00dftenteils Fach- und Sachb\u00fccher. Montanwissenschaftliche Schriften, B\u00fccher \u00fcber die Schifffahrt, aber auch \u00fcber den Grundri\u00df der Geschichte der b\u00fcrgerlichen Revolutionen, \u00fcber Pflanzen, Meere, V\u00f6gel u.u.u.<br \/>\nDeshalb kommen die Schwestern auf die Idee nach dem Flu\u00df Buonoventura zu suchen, der irgendwann verschwunden ist und denken, da\u00df er in ihrer Gegend geflo\u00dfen sein soll. Sie finden auch ein Schluckloch und sp\u00e4ter noch Ferdinand Bruckners &#8220;Krankheit der Jugend&#8221;, aber da haben die Schwestern, die verwunschene Stadt, in der der Vater inzwischen ein Sicherheitsszenario aufgebaut hat, verlassen und sind mit einem wei\u00dfen Pferd, da\u00df sie ebenfalls gefunden haben, zu einem Hotel geritten, in dem sie sich einquartieren.<br \/>\nEin Tankwart st\u00f6\u00dft auch noch zu ihnen. Dort schreiben sie Briefe und Einladungen an den Rest der Welt &#8220;um zu einer Konferenz, einem gro\u00dfen Fest einzuladen, wo sie nicht nur die Krankheit der Jugend auff\u00fchren, sondern auch in einem h\u00f6lzernen Ruderboot  auf dem Buenaventura bis nach China fahren wollen.&#8221;<br \/>\nSie m\u00fc\u00dfen die Briefe zwar am Grenzposten abgeben und es ist auch nicht ganz sicher, ob der Grenzw\u00e4chter sie wegschicken wird. Die \u00fcbrig gebliebene Jugend der Stadt hat die Einladung an die Waghalsigen aber doch ausgesprochen und  die Kulturkritik war von dem Buch, das den Kelag Preis in Klagenfurt, den Aspekte Literaturpreis f\u00fcr das beste Debut gewonnen hat und auch f\u00fcr Rauris nominiert ist, begeistert.<br \/>\n&#8220;Einer jener herrlichen F\u00e4lle, bei denen aus dem Nichts eine Welt aus Worten entsteht, souver\u00e4n und originell!&#8221;, wie Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau schw\u00e4rmt und ich bleibe ein wenig ratlos zur\u00fcck, wurden mir doch nicht alle Fragen beantwortet und als realistische Autorin und Verhaltenstherapeutin h\u00e4tte ich ja gern den Halt und die Struktur.<br \/>\nEiniges wei\u00df ich ja, die Sprache ist sehr sch\u00f6n und gleitet musikalisch dahin, manchmal wirkt sie etwas bed\u00e4chtig und antiquiert und man denkt, das hat man schon geh\u00f6rt, aber das passt zum Thema, geht es ja um das Entstehen der Zukunft aus der Vergangenheit.<br \/>\nDen Einfall das aus B\u00fcchern zu konstruieren und in einer verschwundenen Stadt spielen zu lassen, finde ich immer noch originell. Dann fehlt mir wieder viel realistisches Wissen, beispielsweise die ganz banale Frage, wo haben die Schwestern das Lesen gelernt? Anderes erscheint mir wieder zu phantastisch, die Figur der Mutter beispielsweise und auch die Kapitel\u00fcberschriften, so kommt &#8220;Florida&#8221; beispielsweise in einem vor, &#8220;Grand Erg du Bilma&#8221;, &#8220;Las Vegas&#8221; und &#8220;China&#8221;, obwohl die Stadt, wenn ich es recht verstanden habe, in der Schweiz liegt. So haben die Orte der Umgebung, die die Schwestern erkunden, schweizerisch klingende Namen, aber die hat Dorothee Elmiger erfunden und darauf geachtet, da\u00df es sie nicht gibt.<br \/>\nDann scheint die Parabel &#8220;Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen&#8221;, wieder aufzugehen und ich kann mir vorstellen, da\u00df sich eine F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige mit alten B\u00fcchern und Zitaten diese Parabel zusammenkonstruiert.<br \/>\nInsgesamt fehlt mir wahrscheinlich doch der realsitische Inhalt. Ich h\u00e4tte es lieber einfacher und nachvollziehbarer und wahrscheinlich auch l\u00e4nger, die Kurzform liegt mir nicht so sehr und man bleibt mit vielen Fragen zur\u00fcck. \u00dcber die habe ich vor einer Woche mit Otto Lambauer diskutiert, der nicht so begeistert war. Ich bin es auch nicht mehr so ganz. Der phantastische Entwurf hat aber den Vorteil, da\u00df man ihn selber weiterdenken kann. Der Abenteuerroman liegt mir auch nicht so sehr, aber dann kann man das Ganze wieder ganz einfach, als den Aufbruch der Jugend in eine neue freie Welt deuten, die die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/12\/01\/krankheit-der-jugend\/\">&#8220;Krankheit der Jugend&#8221;<\/a>, die ja auch nicht so ohne war, hinter sich l\u00e4\u00dft und die Biografie ist wieder da.<br \/>\nDie verschwundene Mutter, der autorit\u00e4re Vater und die beiden Schwestern, die alles anders machen wollen.<br \/>\nToll, da\u00df eine F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige das so perfekt beschreibt. Ich h\u00e4tte das nicht zusammengebracht, aber ich habe auch nicht in Biel und Leipzig studiert, freue mich auf Dorothee Elmigers zweiten Roman und bin gespannt, was ich noch von ihr h\u00f6ren werde und nat\u00fcrlich auch, ob sie in Rauris gewinnt, aber da sind auch noch Anna Elisabeth Mayer, Ulrike Almut Sanding, Carolina Schutti und Judith Zander nominiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieses Buch war ich sehr neugierig, habe es zu meiner Weihnachtsempfehlung gemacht und es nach der Diskussion \u00fcber das realistische Schreiben, die ich mit JuSophie in den letzten Tagen f\u00fchrte, bzw. dem Symposium und den Lesungen, bei denen es &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5650\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-5650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5650\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}