{"id":56936,"date":"2017-11-30T00:22:13","date_gmt":"2017-11-29T23:22:13","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=56936"},"modified":"2017-11-30T00:22:13","modified_gmt":"2017-11-29T23:22:13","slug":"das-genie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=56936","title":{"rendered":"Das Genie"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt Buch drei der <a href=\"https:\/\/dasdebuet.com\/2017\/11\/23\/das-debuet-2017-die-shortlist\/\">Blogger-Debut Shorlist,<\/a> die jetzt ja bekanntgegeben ist und f\u00fcr mich eine gro\u00dfe \u00dcberraschung war, da drei der dort nominierten B\u00fccher bisher an mir vorbeigegangen sind.<\/p>\n<p>Obwohl von Klaus C\u00e4sar\u00a0 Zehrers &#8220;Genie&#8221; h\u00e4tte ich eigentlich etwas wissen k\u00f6nnen, ist das buch doch auch auf der <a href=\"http:\/\/www.bayerischer-buchpreis.de\/17-0-Belletristik.html\">Shortlist des &#8220;Bayrischen Debutpreises&#8221;<\/a> gestanden, den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/07\/das-floss-der-medusa\/\">Franzobel<\/a> schlie\u00dflich gewonnen hat. War aber nicht so und bei Anna Jeller habe ich es auch erst vor ein paar Tagen in der Auslage entdeckt.<\/p>\n<p>Das Buch, das wieder eher eine fiktionale Biografie als ein Roman ist, befa\u00dft sich mit einem eigentlich psychologisch interessanten Thema, n\u00e4mlich mit den Schicksal eines Wunderkindes, von dem ich auch noch nie etwas h\u00f6rte, was vielleicht wieder ein Beiweis ist, wieviele Wunderkinder hundert Jahre sp\u00e4ter vergessen sind und vielleich,t als Sonderlinge durch das Leben gingen, denn auch von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_James_Sidis\">William James Sidis,<\/a> 1998 in New York geboren, 1944 in Boston verstorben, habe ich noch sie etwas geh\u00f6rt, obwohl er einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boris_Sidis\">Psychologen<\/a> als Vater hatte und das Buch auch die &#8220;Genies&#8221; hei\u00dfen\u00a0 h\u00e4tte k\u00f6nnen, denn, wenn sie das so zugetragen hat, wie Zehrer es schildert,\u00a0 war der Vater, Boris Sdis auch ohne die &#8220;Sidis-Methode&#8221;, die er\u00a0 f\u00fcr die Erziehung seines Sohnes erfunden hat,\u00a0 ein solches und wahrscheinlich genauso hochbegabt.<\/p>\n<p>Das \u00fcber sechshundert Seiten Buch widmet auch einen gro\u00dfen Teil, ein Drittel w\u00fcrde ich mal schtzen, der Vorgeschichte, erz\u00e4hlt also, wie Boris Sidis aus der Ukraine nach Amerika kam.<\/p>\n<p>Er war der Sohn wohlhabender Juden, es wurde ihm auch eine ausgezeichnete Erziehung zuteil. Er kam aber, weil er das Volk\u00a0 unterrichten wollte, mit der Obrigkeit in Konflikt, kam ins Gef\u00e4ngnis, wurde dort mi\u00dfhandelt und fl\u00fcchtete\u00a0 nach Amerika.<\/p>\n<p>Dort verschenkt er als erstes das Geld das ihm die Eltern mitgegeben haben, trennt sich von seinen Gef\u00e4hrten, dann mietet er sich in einerm Obdachlosenasyl ein, nimmt Arbeit in einer Fabrik an, nur um drei Tage sp\u00e4ter dem Besitzer zu sagen, wie er alles besser machen kann.<\/p>\n<p>Der macht das auch und entl\u00e4\u00dft Boris, der verbringt die n\u00e4chsten Tage in einer Bibliothek und staunt \u00fcber das viele Wissen das es dort gibt, er kann aber ohnehin schon ein paar Dutzend Sprachen, Englisch mu\u00df er noch lernen, verdingt sich weiter in Fabriken, unterrichtet in seiner Freizeit Arme.<\/p>\n<p>So lernt er Sarah Mandelbaum kennen, auch eine Auswanderin aus der Ukraine und bekommt mit ihr 1998 den Sohn William James, der nach dem ber\u00fchmten Psychologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_James\">William James<\/a> genannt wurde, bei dem Boris inzwischen studiert hat. Sarah hat als eine der ersten Frauen Medizin studiert, ist aber viel lebenspraktischer als ihr Mann, der die Hypnose entdeckt und Freud f\u00fcr einen Scharlatan h\u00e4lt, gegen den er k\u00e4mpfen mu\u00df.<\/p>\n<p>Da unterliegt er, wie die Geschichte beweist, denn Boris Sidis ist inzwischen wahrscheinlich vergessen.<\/p>\n<p>Als das Kind auf die Welt kommt, beschlie\u00dft er mit Sarah gemeinsam es mit der Sidis-Methode zu einem Wunderkind zu machen.<\/p>\n<p>Bei &#8220;Wikipedia&#8221; kann man klar und knapp nachlesen, da\u00df der einen IQ \u00fcber 250 hatte, mit achtzehn Monaten lesen konnte, mit acht schon vier B\u00fccher geschrieben hat,\u00a0 mit elf an der Harvard University zu studieren begann, dort einen Vortrag \u00fcber die &#8220;Vierte Dimension&#8221; hielt, vierzig Sprachen konnte und sich f\u00fcr Eisenbahn und Stra\u00dfenbahnsysteme interessierte. Er zog sich\u00a0 sp\u00e4ter zunehmend aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck und starb 1944 an einer Gerhinrblutung, steht da lapidar.<\/p>\n<p>Klaus C\u00e4sar Zehrer macht ein \u00fcber sechshundert Seiten dickes Buch daraus, das interessant und leicht zu lesen ist, wie schon einige der Mitblogger bemerkten und viel aus der Psychologiegeschichte und dem Leben der Wunderkinder erz\u00e4hlt und so fa\u00dfbar macht, da\u00df die meist sozial hinter ihrer intellektuellen Entwicklung nachhinken und wenig Freunde haben, weil sie mit den Menschen, die sie nicht verstehen, nicht viel anfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Vater ist ja auch ein bi\u00dfchen so. Die praktische Mutter mu\u00df ihn zu einem Sanatorium zwingen, dort putzt und schrubbt sie selbst, w\u00e4hrend der Vater gegen Freud hetzt, seine Patienten verliert und schlie\u00dflich an einem Schlaganfall stirbt.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine j\u00fcngere Schwester, f\u00fcr die aber wahrscheinlich zu deren Gl\u00fcck, keine Zeit war, die Wundermethode an ihr anzuwenden. Wahrscheinlich hielt man die f\u00fcr M\u00e4dchen auch nicht\u00a0 so wichtig. So studierte sie zwar auch Soziologie, konnte sp\u00e4ter ihren Bruder, als der aus s\u00e4mtlichen Systemen hinausgefallen war, aber immer unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Der Vater war in den Systemen auch nicht drinnen und wahrscheinlich war William James Sidis ein Asperger-Typ den man damals noch nicht kannte, wie der Vater an der sozialen Verbersserung der Menschheit aber interessiert. So war er auch an einer Demonstration beteiligt, wo er <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Martha_Foley\">Martha Foley<\/a>, die Liebe seines Leben kennenlernte, die aber von dem Sonderling nicht viel hielt und er hielt nicht viel von der Sexualit\u00e4t, nannte sie ver\u00e4chtlich oder angewidert &#8220;koitieren&#8221; und ver\u00e4rgerte damit seine Studenten, als er nach seiner Promotion, er war ein Universalgenie, als Assistent beginnen wollte.<\/p>\n<p>Er arbeitete in Zeiten des ersten Weltkrieges an einem Institut, das vom Kriegsministerium bezahlt wurde und k\u00fcndigte dort entsetzt, als er entdeckte, zu was er mibraucht werden h\u00e4tte k\u00f6nnen oder wurde. Er nahm\u00a0 aus diesem Grund nur mehr einfache Arbeiten an, verwarf sich mit seiner Mutter, die ihm Undankbarkeit vorwarf, floh auch vor der Presse, beziehungsweise hatte er einen Proze\u00df mit dem &#8220;New Yorker&#8221;, die seinen Sonderlingstatus gen\u00fc\u00dflich auf einigen Seiten zelibrierte.<\/p>\n<p>Er liebte schon als Kind das Stra\u00dfenbahnfahren, war sp\u00e4ter auch Schaffner, sammelte die Fahrkarten und gab unter einen anderen Namen, auch B\u00fccher \u00fcber Stra\u00dfenbahnsystem hinaus.<\/p>\n<p>So taumelte er durch das Leben, er verlor s\u00e4mtliche Prozesse, denn \u00fcber eine \u00f6ffentliche Person kann man ja die Wahrheit sagen, da\u00df sie ungepflegt ist und soziale Probleme hat, ohne da\u00df es die Pers\u00f6nlichkeitsrechte verletzt. Es kommt dann\u00a0 doch zu einer Einigung mit der Zeitung. So hat er sechhundert Dollar in der Unterhose, als ihm die Wirtin bewu\u00dftlos am Gang findet. Er kommt ins Spital und da kommt es nach Zehrer zu einer Verwechslung, die ihm den Gang ins Jenseits erleichtet, aber wahrscheinlich etwas kitschig ist.<\/p>\n<p>Die Schwester und die Mutter kommen angereist, die Mutter wartet am Gang, die Schwester sagt ihm &#8220;your mother is here!&#8221;<\/p>\n<p>Er versteht Martha, ist entz\u00fcckt und stirbt mit dieser Information selig vor sich hin.<\/p>\n<p>Ob es so oder anders war, wissen wir wahrscheinlich nicht. Ich werde dem Buch bis jetzt, die zwei anderen habe ich noch nicht gelesen, den dritten Platz geben und mich f\u00fcr Platz eins f\u00fcr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/24\/immer-ist-alles-schoen\/\">Julia Webers Poetik<\/a> entscheiden, die ja auch in die Sozialkritik geht und dann an <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/18\/eine-kurze-chronik-des-allmaehlichenverschwindens\/\">Juliana Kalnays Surrealismus<\/a> und kann nur wieder betonen, wie unterschiedlich diese Shortlist von ihren Stellen her ist.<\/p>\n<p>Aber das ist wahrscheinlich das Tolle daran, obwohl man diese journalistisch aufbreitete Biografie des 1969 geborenen Zehrers, nicht wirklich mit der sprachlichen Poetik der beiden Sprachschulabsolventinnen vergleichen kann.<\/p>\n<p>\u00c4pfel und Birnen, wie ich\u00a0 immer schreibe und B\u00fccher sind auch nicht vermessbar. Es gibt aber sehr viele und sie sind sehr unterschiedlich geschrieben und so haben Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah J\u00e4ger aus den vierundsechzig eingereichten B\u00fcchern sehr unterschiedliche B\u00fccher ausgew\u00e4hl und bin auf die zwei anderen, die mich noch erwarten, schon sehr gespannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt Buch drei der Blogger-Debut Shorlist, die jetzt ja bekanntgegeben ist und f\u00fcr mich eine gro\u00dfe \u00dcberraschung war, da drei der dort nominierten B\u00fccher bisher an mir vorbeigegangen sind. 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