{"id":57074,"date":"2017-12-07T00:46:34","date_gmt":"2017-12-06T23:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=57074"},"modified":"2017-12-07T00:46:34","modified_gmt":"2017-12-06T23:46:34","slug":"still-halten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=57074","title":{"rendered":"Still halten"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/18\/eine-kurze-chronik-des-allmaehlichenverschwindens\/\">Buch<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/24\/immer-ist-alles-schoen\/\">vier<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/30\/das-genie\/\"> der heurigen<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/29\/debut-preis-shorlist\/\">Bloggerdebutpreis-Shortlist<\/a>. Eine der anderen Mitjurorinnen hat, glaube ich, etwas von der ausgewogeneheit der Verlage geschrieben. &#8220;Limmat&#8221;, &#8220;Diogenes&#8221;, Verbrecher-Verlag, &#8220;Wagenbach&#8221; und &#8220;Piper&#8221;.<\/p>\n<p>Da\u00df die Auswahl f\u00fcr mich sehr \u00fcberraschend war und die B\u00fccher sehr unterschiedlich sind, habe ich schon geschrieben. Das stimmt aber, glaube ich, nur zum Teil, denn drei der vier, die ich jetzt gelesen habe, sind sehr poetisch und das Debut der mir bisher unbekannt gewesenen Jovana Reisinger, eine Filmemacherin, die 1989 in M\u00fcnchen geboren wurde und in \u00d6sterreich aufgwachsen ist, hat es in sich.<\/p>\n<p>Es spr\u00fcht, glaube ich, von literarischen Anspielungen und Vorbildern, ein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/01\/19\/ein-kind\/\">weiblicher Thmomas Bernhard<\/a> habe ich mir\u00a0 an einer Seite angestrichen und mir sonst \u00fcberhaupt an die hundert wundersch\u00f6ner poetischer S\u00e4tze herausgeschrieben. Und immer sch\u00f6n, das kann ich gleich anmerken, ist hier auch nichts.<\/p>\n<p>Sehr viel<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/20\/elfriede-jelineks-siebzigster-geburtstag\/\"> Jelinek<\/a> w\u00fcrde ich bei den Anspielungen \u00fcber die armen Frauen heraush\u00f6ren, dabei ist die Heldin, die namenlose Ich- Erz\u00e4hlerin, glaube ich, gar nicht so arm, sondern eine T\u00e4terin.<\/p>\n<p>&#8220;Die Frau ist immer ein Opfer&#8221; und wenn man nach dem Neuen in dem Debut fragt, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/16\/geschlossene-gesellschaft-zur-guten-literatur\/\">was ein gutes Buch ja haben mu\u00df,<\/a> deren Autorin, glaube ich, sowohl Wolf Haas, &#8220;Das ist schon wieder nichts passiert!&#8221;, als auch Cornelia Travniceks <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/09\/chucks\/\">&#8220;Chucks&#8221;<\/a> gelesen hat: &#8220;Darf\u00a0 man denn noch \u00fcberhaupt\u00a0 noch Ausfl\u00fcge machen, wenn die eigene Mutter im Sterben liegt&#8221;,\u00a0 denke ich, da\u00df es der Sprung von der Bernhardschen und Jelinekschen \u00d6sterreich Beschimpfung zu der eigenen Psyche ist, der das Buch neu macht, obwohl\u00a0 wieder wahrscheinlich viel zu viel in es hineingepackt wurde und daher manches, wenn man es durchdenkt, nicht so sehr logisch, sondern widerspr\u00fcchlich erscheint.<\/p>\n<p>Aber das soll die Literatur ja sein, \u00fcberh\u00f6ht und poetisch und den Leser von einer Methaper zur n\u00e4chsten jagen, bis er atmemlos liegenbleibt in dem Wald, wo die Kr\u00e4hen und F\u00fcchse kommen und die guten Innviertler Kn\u00f6deln serviert werdeen.<\/p>\n<p>Ja, richtig, das h\u00e4tte ich jetzt fast vergessen, an den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/27\/toni-und-moni\/\">sch\u00f6nen Heimatroman von Petra Piuk<\/a> kann das Buch auch erinnern, obwohl Jovana Reisinger wohl mehr\u00a0 auf Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek anspielt und auch im Tonfall erhabener klingt. Dann wird das &#8220;Still halten&#8221; aber wieder allt\u00e4glich, wird zum Frauenleiden und dem,was der Durrchschnittsfrau wenn sie nicht aufpasst in diesem sch\u00f6nen \u00d6sterreich oder auch Deutschland, jeden Tag passieren kann.<\/p>\n<p>Die Heldin wird f\u00fcr ein Jahr krankgeschrieben, hat ein &#8220;Burnout&#8221; oder auch ein &#8220;Psychose&#8221;, das Diabolische an Jovana Reisingers Debut ist wohl, da\u00df sie gekommt den Spagat von der Psychose zu den ganz normalen \u00f6sterreichischen Abgr\u00fcnden a la Bernhard &#8220;Es ist alles f\u00fcrchterlicher, als das f\u00fcrchterlichste!&#8221;, beziehungsweise, Petra Piuks sch\u00f6nen Heimatroman, wo das Grauen nur idyllisch ist, zieht.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlerin wird also krankgeschrieben, soll still halten und sich erholen. Ihr Mann f\u00e4hrt daraufhin, wie sich das so geh\u00f6rt, zu einem Kongre\u00df oder einem Symposium und l\u00e4\u00dft sie allein und dann ruft auch noch ein Pfleger aus einerm Krankenhaus an und verk\u00fcndet ihr, ihre Mutter liegt im Sterben und sie soll sie doch, bitte sch\u00f6n, besuchen.<\/p>\n<p>Das habe ich noch vergessen, die Erz\u00e4hlerin ist vom Land in die Stadt gekommen und soll jetzt wieder dort zur\u00fcck in das Krankhenhaus und was dann passiert ist auch ganz sch\u00f6n diabolisch. Denn das arme schwache Weibchen, das Opfer a la Elfriede Jelinek entwickelt jetzt ganz eigenartig durchtriebene Kr\u00e4fte, als sie beschlie\u00dft, der Mann, der sie im Auto hinbringen k\u00f6nnte, ist ja weg und Bus und Bahn kommen offenbar erst sp\u00e4ter in Erw\u00e4gung, zu Fu\u00df dorthin zu gehen. Daf\u00fcr kauft sie sich in der Buchhandlung der Frau Pola, die sie vorher im Gasthaus traf, eine Wanderkarte von \u00d6sterreich und das wird sehr sch\u00f6n fillmschnittartig beschrieben, obwohl ich anmerke, dieser Platz auf dem die Heldin dann sitzt, ist nicht der einer Gro\u00dfstadt, sondern eines Dorfes.<\/p>\n<p>Der Wirt taxiert sie, bevor er ihr das Schn\u00e4pschen bringt, der Sparkassendirektor schimpft mit der Putzfrau, aber die ist eine Medizinstudentin und l\u00e4\u00dft ihn nur l\u00e4chelnd weiter gestieren. Frau Pola verkauft dieLandkarte und die Heldin wird nun wohl ein paar Tage brauchen, bis sie \u00fcber &#8220;Maria Bitter und Maria Eldend nach Maria Schmoll, etcetera&#8221;, die Mutter erreichen wird.<\/p>\n<p>Deshalb gibt sie auch ihr Vorhaben auf, geht in die Wohnung zur\u00fcck und wartet auf den Anruf, da\u00df die Mutter gestorben ist. Dann nimmt sie den Bus, kauft sogar Blumen und da gibt es wieder eine filmreiche Farce im Krankenhaus, wie die Pfleger und die Oberschwester mit der nicht wirklichen Anteilnahme und des\u00a0 Mitleides umgehen.<\/p>\n<p>Danach kommt der der zweite Teil, denn der Mann ist nicht da, der sie in die Stadt zur\u00fcckbringen k\u00f6nnte. Im Krankenhaus kann sie, obwohl ihr das angeboten wurde, doch nicht schlafen. So kommt der Pfleger auf die Idee, sie soll doch in das Haus zu dem auch ein Wald geh\u00f6rt, der Mutter, das sie jetzt erben wird, gehen.<\/p>\n<p>Ein Taxi bringt sie dorthin und dann beginnt sie, w\u00e4hrend sie auf die Abholung des Mannes wartet, der sich daf\u00fcr Zeit l\u00e4\u00df, das Buch spielt von April bis Juli, einen Kampf mit der Natur, wie in der Beschreibung steht.<\/p>\n<p>Und das ist auch eine Farce, beziehungsweise Thomas Bernhard in Reinkultur, allerdings, um wieder realistischer zu werden, steht an einigen Stelle geschireben, da\u00df die Erz\u00e4hlerin ihre Tabletten abgesetzt hat.<\/p>\n<p>Und wer sich schon voher \u00fcber die scheinbare Herzlosigkeit am Totenbett der Mutter &#8220;Der Vater ist hin und die Mutter auch&#8221;, wunderte, bekommt jetzt Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Der Vater hat sich n\u00e4mlich in einer H\u00fctte am Wald erh\u00e4ngt und die Mutter hat daraufhin, wie der Pfleger sp\u00e4ter erz\u00e4hlen wird, der Tochter\u00a0 die Schuld gegeben und sie in H\u00fctten und Zimmer eingesperrt.<\/p>\n<p>So f\u00fchlt sie sich von den Kr\u00e4hen, die \u00fcberall lauern, bedroht. Es gibt aber einen Nachbarn, einen F\u00f6rster namens J\u00e4ger, der ihr anbietet, sich statt ihr, weil die Frauen das nicht k\u00f6nnen, um den Wald zu k\u00fcmmern. Der l\u00e4\u00dft also abholzen und bringt bei Besuchen tote Rehe mit. Die Heldin findet indessen in einer ihr verboten gewesenen H\u00fctte im Garten f\u00fcnfunddrei\u00dfig Liegest\u00fchle und stellt sie dort auf.<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegt auch, ob sie eine Pension aufmachen soll? Vorerst schie\u00dft sie aber auf die V\u00f6gel, hat zwar Bezug zu der Katze, die ihr auch ein K\u00e4tzchen bringt, die kommt aber um. Ratten und M\u00e4use liegen im Haus. die toten V\u00f6gel werden immer mehr. Die Tiere werden zur Bedrohung. Der Pfleger taucht wieder auf. L\u00e4\u00dft sich von ihr zuerst, weil das\u00a0 das Los der Frauen ist, bekochen. Dann wird sie aber offebar von ihm und vom F\u00f6rster im Wald erschossen und, als der Mann endlich kommt, um es sich im Eigentum der Frau gem\u00fctlich zu machen, macht sie ihm nicht mehr auf. Das st\u00f6rt ihm aber vorerst nicht und offensichtlich auch nicht die toten Tiere, denn er legt sich in einen der Liegest\u00fchle und beginnt die l\u00e4ndliche Idylle zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein sehr abtr\u00fcnniger Heimatroman. Ene Satire mit einer sehr sch\u00f6nen Sprache, k\u00f6nnte ich schreiben und mir \u00fcberlegen, wer ist jetzt Platz drei bei meinem Rankig, wenn ich bei meiner schon gesetzten Reihung bleibe?<\/p>\n<p>Der journalistische Roman \u00fcber ein Genie oder Jovana Reisingers \u00d6sterreich Beschimpfung, die vielleicht doch nicht nur so dahingeplappert und abgeschrieben ist, wie ich an manchen Stellen dachte?<\/p>\n<p>Mal sehen, ein Buch habe ich noch zu lesen und da habe ich das, was ich bisher davon h\u00f6rte, auch sehr interessant gefunden.<\/p>\n<p>Die Shortlist, die Auswahl aus den vierundsechzig vorgeschlagenen B\u00fcchern sorgt also f\u00fcr \u00dcberraschungen und bleibt spannend und so soll es auch sein!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt Buch vier der heurigen Bloggerdebutpreis-Shortlist. 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