{"id":5708,"date":"2011-01-30T22:12:25","date_gmt":"2011-01-30T21:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5708"},"modified":"2011-01-30T22:12:25","modified_gmt":"2011-01-30T21:12:25","slug":"balzac-und-die-kleine-chinesische-schneiderin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5708","title":{"rendered":"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin"},"content":{"rendered":"<p>In der &#8220;Eine Stadt-ein Buch Aktion&#8221; von 2010, &#8220;Balzac und die kleine chinesische Schneiderin&#8221; von Dai Sijie mit der die Stadt Wien den Wienern das Lesen schmackhaft machen will, geht es, wie B\u00fcrgermeister H\u00e4upl in seinem Vorwort schreibt, ums Lesen in einer Zeit, wo es gef\u00e4hrlich und verboten war und um die Schilderung der  chinesischen Kulturrevolution in heiteren, anekdotischen Ton.<br \/>\nUnd der beginnt gleich auf der ersten Seite, als der Ich-Erz\u00e4hler und sein Freund Luo, ein siebzehn und ein achtzehnj\u00e4hriger Bursche, Kinder von \u00c4rzten, die als Intellektuelle in Ungnade gefallen sind, zur Umerziehung aufs Land geschickt werden und ihr Gep\u00e4ck in dem Bergdorf, in dem sie gerade angekommen sind, vom  Ortsvorsteher untersucht wird.  Der Ich-Erz\u00e4hler hat eine Geige im Rucksack, ein Gegenstand, den die Dorfbewohner nicht kennen und &#8220;f\u00fcr ein typisch bourgeoises Spielzeug aus der Stadt&#8221; halten, das verbrannt werden mu\u00df.<br \/>\nDem Ich-Erz\u00e4hler fr\u00f6stelt, aber Luo,  Sohn jenes ber\u00fchmten Zahnarztes, der Mao einst behandelt hat, erkl\u00e4rt dem Vorsteher, da\u00df er, obwohl streng verboten, die Sonate &#8220;Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim gro\u00dfen Vorsitzenden Mao&#8221;, spielen wird.<br \/>\nDamit ist das Eis gebrochen, der Ich-Erz\u00e4hler darf die Geige behalten, die beiden werden in ein Pfahlhaus einquartiert, in dem auch eine dicke Sau lebt und die Umerziehung beginnt. Auch die wird,  wie ein Lausbubenstreich geschildert, hat Luo doch einen Wecker im Gep\u00e4ck, der wie ein Hahn aussieht und ein sanftes L\u00e4utwerk hat, dieser Wecker hat nun eine fast reiligi\u00f6se Anziehungskraft f\u00fcr die Dorfbewohner. So kommen sie mit dem Vorsteher jeden Morgen zu dem Haus, um sein L\u00e4uten zu h\u00f6ren. Danach ist es Zeit f\u00fcr die beiden zur Arbeit auf das Feld zu gehen. Der kluge Luo versteht das jedoch zu manipulieren, so da\u00df er die Weckzeit, um Stunde zu Stunde verstellt, da\u00df die beiden in den Jahren ihrer Umerziehung nicht mehr wissen, wie sp\u00e4t es ist.<br \/>\nSie sind auch begabte Geschichtenerz\u00e4hler, so werden sie vom Vorsteher in die Kreisstadt ins Kino geschickt, wenn sie zur\u00fcckkommen, m\u00fc\u00dfen sie den Dorfbewohnern den Film erz\u00e4hlen. Im Nachbardorf gibt es einen Schneider und der hat eine wundersch\u00f6ne analphabetische Tochter mit schwarzen Zopf und rosafarbenen Sch\u00fchchen, die kleine Schneiderin und in die verliebt sich Luo, so er sie fast t\u00e4glich, die beiden D\u00f6rfer sind durch eine Schlucht verbunden, was auch ganz sch\u00f6n gef\u00e4hrlich ist, besuchen geht.<br \/>\nDann gibt es noch den Brillenschang, ein zur Umerziehung geschickter Schriftstellersohn und der hat von seinen Eltern einen Koffer streng verbotener B\u00fccher mitbekommen, die die beiden, um in den kostbaren Besitz zu kommen, stehlen. Balzacs B\u00fccher sind dabei,  die von Dumas,  Gogol, Melville und sogar von Roman Rolland.<br \/>\nDie beiden sind \u00fcberw\u00e4ltigt und beginnen zu lesen. Luo liest den Balzac auch der kleinen chinesischen Schneiderin vor und sein Freund mu\u00df ihren Vater vor dem Einschlafen eine Geschichte erz\u00e4hlen, er w\u00e4hlt daf\u00fcr den &#8220;Graf von Monte Christo&#8221;, wird aber vom Vorsteher \u00fcberrascht, der ihn wegen &#8220;der reaktion\u00e4ren Ferkeleien&#8221; ins B\u00fcro der Staatssicherheit bringen will, was f\u00fcr die &#8220;Feinde des Volkes Folter und H\u00f6lle&#8221; bedeutet. Es gibt aber einen Ausweg, der Vorsitzende hat n\u00e4mlich Zahnweh, wenn ihm der Sohn des ber\u00fchmten Zahnarztes den Zahn behandeln kann, wird dem Freund die Strafe erspart. So binden sie den Vorsitzenden ans Bett und werkeln mit Hilfe einer N\u00e4hmaschine in seinem Mund herum. Daf\u00fcr bekommt Luo ein Monat Urlaub, weil er von seiner Mutter ein Telegramm bekommen hat, da\u00df sie im Krankenhaus liegt.<br \/>\nDer Ich-Erz\u00e4hler mu\u00df indessen auf die kleine Schneiderin, die auch von der Dorfjugend belagert wird, aufpassen, die ihm erz\u00e4hlt, da\u00df sie \u00c4rger hat, weil ihr st\u00e4ndig \u00fcbel ist und sie seit zwei Monaten ihre Tage nicht mehr hatte. Der Ich-Erz\u00e4hler h\u00e4tte sie nun gern geheiratet, was aber unm\u00f6glich ist, da man das in diesem Lande erst ab f\u00fcnfundzwanzig darf, die Diktatur des Proletariats aber auch die Abteibung verbietet.<br \/>\nSo macht sich der Ich-Erz\u00e4hler in das Krankenhaus der Kreisstadt auf, um dort nach dem Gyn\u00e4kologen zu suchen, was aber schwierig ist, da ihn die schwangeren Frauen, die auf Behandlung warten, f\u00fcr einen Spanner halten. Er findet erst \u00fcber einen alten Pastor, der wegen Bibelbesitz zum Stra\u00dfenkehrer degradiert wurde, jetzt aber sterbend im Krankenhaus liegt, zum Gyn\u00e4kologen, erz\u00e4hlt ihm von seiner Freundin und seinen ber\u00fchmten Eltern, kann ihn aber erst zur Abtreibung \u00fcberreden, als er ihm ein Buch von Balzac verspricht. Der Handel geht auf, die kleine Schneiderin verliert ihr Kind, das ein M\u00e4dchen geworden w\u00e4re, Luo kehrt zur\u00fcck, am Ende veranstalten die beiden Freunde aber doch ein Autodafe, indem sie in betrunkenen Zustand ihren B\u00fccherschatz verbrennen. Es ist n\u00e4mlich etwas Schreckliches geschehen, die kleine Schneiderin hat sich von ihrem Vater wei\u00dfe Tennisschuhe besorgen lassen und macht sich mit diesen auf, in die Stadt zu gehen, weil sie &#8220;Dank Balzac begriffen hat, da\u00df die Sch\u00f6nheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist&#8221;.<br \/>\nDamit endet das Buch, das die Umerziehung Chinas w\u00e4hrend der Kulturrevolution als heiteren Anekdotenschatz erz\u00e4hlt, dabei mehrmals die Perspektiven und den Erz\u00e4hlstil wechselt, mit der der 1954 in der Provinz Sichuan und 1984 nach Paris emigrierte Dai Sijie 2000 schlagartig wurde. Dai Sijie ist ebenfalls ein \u00c4rztesohn und der Enkel eines christlichen Priesters, die Familie galt seit Beginn der Kulturrevolution als Feind des Volkes, von 1971-1974 wurde er zur kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf geschickt.<br \/>\nDer Roman ist also ziemlich autobiografisch. Im Interview, das im Buch enthalten ist und in dem, das ich auf der Buch-Wien h\u00f6rte, erz\u00e4hlte Dai Sijie, das die kleine Schneiderin in Wahrheit eine B\u00e4uerin gewesen ist und die Geschichte mit der Zahnoperation nicht so stattgefunden hat.<br \/>\nDas Buch wirkt ein wenig ungew\u00f6hnlich, ist aber spannend zu lesen, die Geschichte der beiden Intellektuellen S\u00f6hne, die in einem Dorf, die  Sexualit\u00e4t kennenlernen und verbotene B\u00fccher lesen, was mich daran erinnerte, da\u00df ich nach meiner Matura 1973, im Gartenhaus am Almweg eine \u00e4hnliche, aber viel harmlosere &#8220;philosophische Krise&#8221; durchmachte, mir viele B\u00fccher kaufte und beispielsweise Musils &#8220;Mann ohne Eigenschaften&#8221; in vierzehn Tagen verschlungen, aber nicht verstanden habe. Meine erste Erz\u00e4hlung habe ich in dieser Zeit geschrieben und von der Kulturrevolution in China nicht viel gewu\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der &#8220;Eine Stadt-ein Buch Aktion&#8221; von 2010, &#8220;Balzac und die kleine chinesische Schneiderin&#8221; von Dai Sijie mit der die Stadt Wien den Wienern das Lesen schmackhaft machen will, geht es, wie B\u00fcrgermeister H\u00e4upl in seinem Vorwort schreibt, ums Lesen &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5708\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-5708","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5708"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5708\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}