{"id":5724,"date":"2011-02-02T00:02:38","date_gmt":"2011-02-01T23:02:38","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5724"},"modified":"2011-02-02T00:02:38","modified_gmt":"2011-02-01T23:02:38","slug":"erzahlprobleme-und-protagonistenmeinungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5724","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlprobleme und Protagonistenmeinungen"},"content":{"rendered":"<p>Das<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/29\/lesarten-der-sprachkust-studentenlesung\/\"> Feedback zu &#8220;Mimis B\u00fccher&#8221;<\/a> hat mich auf einige Gedanken gebracht, die ich auch meine Leser wissen lassen m\u00f6chte. Wer erz\u00e4hlt die Geschichte? Sind die Meinungen der Protagonisten, die des Autors und was ist, wenn der Protagonist eine andere Meinung hat, politisch unkorrekt ist, etc?<br \/>\nAusl\u00f6ser war der Satz, den Mimis Bruder G\u00fcnther, ein zweiundzwanzigj\u00e4hriger Medizinstudent beim Mittagessen vor sich hin denkt  &#8220;&#8230;wer interessiert sich f\u00fcr Literatur von Behinderten, wenn die Universit\u00e4ten \u00fcberlaufen sind und die \u00fcberforderten Lehrer in den \u00f6ffentlichen Schulen schon bei an sich normalen Migrantenkindern zwanzig Prozent Analphabeten produzieren?&#8221;, ein etwas flapsig formulierter Satz, den er vielleicht in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen geh\u00f6rt hat, denn beide sind ja voll davon und die Zahlen stimmen auch. Analysiert man den Satz selbst, ist er vielleicht nicht ganz richtig, denn Kinder kommen meist als Analphabeten in die Schule, lernen dort schreiben und lesen und wie die Pisa-Studie zeigte, verlassen zwanzig Prozent der Kinder diese, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen. Korrekter w\u00e4re wohl zu schreiben, da\u00df die Kinder in der Schule nicht gut lesen lernen. Aber Protagonisten haben nicht immer ein korrektes Deutsch, sprechen flapsig vor sich hin, verwenden Mundart etc. und sagen vielleicht auch manchmal etwas, das man nicht sagen sollte.<br \/>\nWas mich betrifft, so mu\u00df ich zugeben, da\u00df mir, die ich auch manchmal Satiren schreibe, die flapsige Formulierung gef\u00e4llt und zu dem Inhalt stehe ich, wie meine Leser wissen, auch, bin ich ja mit der derzeitigen Bildungspolitik nicht zufrieden. In diesem Fall vertritt der Protagonist meine Meinung und ich habe, wenn man so will, vielleicht ein bi\u00dfchen Schleichwerbung betrieben, denn es geht in dem Buch ja nicht, um die Pisa Studie sondern, um das Schreiben und das Leben mit Downsyndrom.<br \/>\nEin anderes Beispiel w\u00e4re das, was ich in meinem Kommentar schon anf\u00fchrte, was ist, wenn ich einen Roman \u00fcber Neonazis schreibe und meinen Protagonisten sagen lasse, da\u00df Hitler f\u00fcr ihn der gr\u00f6\u00dfte ist? Dann sollten die Kritiker und Leser auch nicht w\u00fctend das Buch wegschmei\u00dfen, denn der Autor ist ja nicht der Ich-Erz\u00e4hler, obwohl das oft verwechselt wird.<br \/>\nEinmal hatte ich ein \u00e4hnliches Problem bei der Lesung aus dem &#8220;Wiener Stadtroman&#8221;,  der in Wien an einem Tag im Viertelstundentakt von acht Uhr fr\u00fch bis Mitternacht spielt, wo  verschiedene Personen ihren Weg kreuzen und ihn wieder verlieren. Eine davon, die ich sehr mag, ist ein sogenannter Stalker, ein geschiedener Mann, der die Trennung von seiner Frau nicht \u00fcberwunden hat, sie daher st\u00e4ndig anruft, ihr Rosen vor die T\u00fcre legt und dabei von einer Frauenwohngemeinschaft beobachtet wird. Im Publikum waren einige Feministinnen, von denen ich sp\u00e4ter h\u00f6rte, da\u00df sie bei dem Text b\u00f6se schauten. Dabei bin ich selber Feministin, konnte mich aber in den Werner Franthauser gut hineinversetzen und habe mir vorgestellt, wie es ihm nach der  Trennung geht. Er lernt im Laufe des Tages auch  eine Frau kennen und der Roman deutet an, da\u00df es ihm gelingt mit Elizabeth, die er, weil sie keine Wohnung hat, in seinem B\u00fcro schlafen l\u00e4\u00dft, die Krise zu \u00fcberwinden.<br \/>\nWieder zur\u00fcck zu &#8220;Mimis B\u00fccher&#8221;, da gab es noch ein Erz\u00e4hlproblem. N\u00e4mlich die Frage, ob Menschen mit Down Syndrom krank, gesund, normal, behindert etc sind und ob man das diskutieren sollte? Das Down Syndrom ist eine Chromosomenanomalie ganz klar. Eine Erz\u00e4hlung aber kein Sachbuch. Da man \u00fcblicherweise nicht sehr viel \u00fcber das Leben von Down Syndrom Betroffenen wei\u00df, ist es sicher wichtig  dar\u00fcber zu informieren, aber  nicht im Vortrag mit dem Zeigestaberl, sondern &#8220;Show not tell!&#8221;, wie das so sch\u00f6n hei\u00dft.<br \/>\nUm das zu k\u00f6nnen mu\u00df man einiges \u00fcber die Betroffenen wissen. Ich habe einmal bei der Lebenshilfe gearbeitet, immer wieder behinderte Klienten in meiner Praxis und bin seit vier Jahren Jurorin beim Ohrenschmaus. Dann gibt es eine <a href=\"http:\/\/www.down-syndrom.at\/CMS\/index.php?id=184\">Website <\/a>und auf der bin ich auf Texte, wie die von Michaela K\u00f6nig gesto\u00dfen, die schon drei B\u00fccher geschrieben hat und da habe ich gemerkt, da\u00df sich die Betroffenen, als gesund und normal definieren und ihnen die Vermittlung dieses Inhalts ein gro\u00dfes Anliegen ist.<br \/>\nSo f\u00e4hrt die Mimi zu Kongressen und h\u00e4lt auf diesen Vortr\u00e4ge \u00fcber das Leben mit Down Syndrom, auch das ist ident und gibt es und weil die Mimi sensibel ist, merkt sie auch, da\u00df ihre Mutter, das vielleicht, obwohl sie es nicht sagt, nicht so sieht.<br \/>\nM\u00fctter halten ihre Kinder leicht f\u00fcr krank, die Nachbarn und die Menschen auf der Stra\u00dfe, die nicht viel Erfahrung mit Menschen mit Behinderung haben, sehen das wieder anders. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich einmal mit meiner kleinen Tochter mit einigen Arbeitskreisfrauen traf, eine hatte einen kleinen Buben mit Downsyndrom, der sehr kr\u00e4ftig war und die Anna an den Haaren ri\u00df. Die Mutter hat ihn weggezogen, die anderen Frauen haben nicht sehr verst\u00e4ndnisvoll darauf reagiert und Sachen gesagt, die man eigentlich dem erdachten Nazi in den Mund legen k\u00f6nnte und mich den Kopf sch\u00fctteln lie\u00dfen. Auch das ist realistisch, auch wenn es nicht sein sollte.<br \/>\nWenn ich also die verschiedensten Protagonistenstimmen sprechen lasse, habe ich das Leben mit Downsyndrom wohl am besten gezeigt, so da\u00df man es sich nachher vielleicht ein bi\u00dfchen vorstellen oder sich weiter mit dem Thema besch\u00e4ftigen kann. Also habe ich den G\u00fcnther, der seine Schwester sehr mag, auch in seiner Ambivalenz gezeigt und mit den Schwierigkeiten, die man vielleicht hat, wenn man als hochbegabter j\u00fcngerer Bruder einer behinderten Schwester aufw\u00e4chst.<br \/>\nUm die Sprache der Mimi zu treffen, habe ich mich an den Texten Betroffener orientiert und den Text von meiner Tochter, die Behindertenbetreuerin ist und von Otto Lambauer, der bei der Caritas in diesem Bereich arbeitet, durchsehen lassen. Hundertprozentig wird es mir nicht gegl\u00fcckt sein, kann es wahrscheinlich auch nicht. Wie ich aber an den Texten merke, die ich Jahr f\u00fcr Jahr f\u00fcr den Ohrenschmaus durchsehe, ist die Sprache der Einreichenden auch sehr verschieden.<br \/>\nDas sind vielleicht die Ecken und die Kanten, die mir angeblich fehlen, was ich nicht so sehe, sondern denke, das Ende der &#8220;Mimi&#8221; ist nicht so wunderbar positiv, wie es Otto Lambauer in seinem Beschreibungstext formulierte, sondern allt\u00e4glich und normal.<br \/>\nDer dritte Kritikpunkt f\u00fchrt zu der Frage, wie genau man Dinge benennen kann und soll. Da ist das Beispiel das Honorar das Johannes Staudinger der Therapeutin Roswitha Horvath zahlt. Sie verlangt von ihm siebzig Euro, das ist der realistische Stundensatz vom Fr\u00fchling 2010, als das Buch geschrieben wurde. B\u00fccher haben aber kein Ablaufdatum, liest man es in zehn, zwanzig Jahren, wirkt der Preis veraltet, also kann man sicher diskutieren, ob es nicht professioneller ist, die Zahl wegzulassen. Das ist ein Tip, den ich mir  mitnehmen kann, um in meiner Sprache genauer zu werden. Allerdings finde ich es wieder spannend in alten B\u00fcchern zum Beispiel in denen von Elisabeth G\u00fcrt zu lesen, da\u00df ein Kaffee zwei Schilling und eine Semmel zwanzig Groschen kostet.<br \/>\nMan sieht, die Kritik, so harsch sie mir zuerst auch vorkam, hat viel in mir ausgel\u00f6st. Ich habe ja und meine Leser wissen es, mit dem Annehmen von Kritik, wie viele andere Autoren,<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/07\/22\/sommerlocher\/\"> Schwierigkeiten<\/a> und kritisiere selbst nicht sehr. Ich bin auch eine, die B\u00fccher meist zu Ende liest, es passiert mir aber \u00f6fter, da\u00df ich in der Badewanne liege und mich \u00fcber den Autor ebenfalls \u00e4rgere oder Schwierigkeiten mit seinem Sprachstil habe und denke, das kann ich nicht besprechen. Ich lese dann zu Ende und am Schlu\u00df kann ich dar\u00fcber schreiben. Ich habe mir, da ich niemanden verletzen will und sicher etwas harmoniebed\u00fcrftig bin, auch angew\u00f6hnt, nicht zu werten, sondern den Inhalt wiederzugeben, zu schreiben, wie ich das Buch empfunden habe und was ich \u00fcber den Autor wei\u00df. Auf Fehler weise ich nat\u00fcrlich hin, beispielsweise, wenn wieder jemand den Psychiater mit dem Psychologen verwechselt, wie es mir schon oft passierte.<br \/>\nDie Kritik, die ich beispielsweise beim Arbeitskreis schreibender Frauen erlebte, habe ich nicht als konstruktiv empfunden und ich glaube, sie war das auch nicht. Das hat sich inzwischen ge\u00e4ndert. Inzwischen haben die meisten Schreibseminare ein Infoblatt, wo die Regeln des Feedbackgebens erl\u00e4utert werden und die gleichen meist denen der guten Kommunikation. Also von seiner Meinung, seinem Erleben und davon, wie der Text auf einen wirkte, als &#8220;Das ist dir aber jetzt mi\u00dflungen!&#8221; oder von  einem schlechten Text zu sprechen.<br \/>\nDie Autorin abholen, wo sie steht und sie ein wenig auf ihren Weg weiterf\u00fchren, w\u00e4re ein Satz, der mir gef\u00e4llt.<br \/>\nDenn konstruktive Kritik ist, wie ich an mir selber sehe, wichtig, habe ich jetzt aus den Kritikpunkten einen ganzen Artikel gemacht, von dem es mich freuen w\u00fcrde, wenn er einige meiner Leser beim Schreiben etwas weiterbringt. Wie weit ich selber genauer geworden bin, wird mein n\u00e4chster Text zeigen, inzwischen korrigiere ich immer noch an der &#8220;Absturzgefahr&#8221; und bin damit in den letzten Tagen nicht weitergekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Feedback zu &#8220;Mimis B\u00fccher&#8221; hat mich auf einige Gedanken gebracht, die ich auch meine Leser wissen lassen m\u00f6chte. Wer erz\u00e4hlt die Geschichte? 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