{"id":57270,"date":"2017-12-10T00:26:59","date_gmt":"2017-12-09T23:26:59","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=57270"},"modified":"2017-12-10T00:26:59","modified_gmt":"2017-12-09T23:26:59","slug":"man-moechte-manchmal-wimmern-wie-ein-kind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=57270","title":{"rendered":"Man m\u00f6chte manchmal wimmern wie ein Kind"},"content":{"rendered":"<p>Am 21. Dezember 1917 wurde Heinrich B\u00f6ll geboren, der 1972 den Nobelpreis bekommen hat und inzwischen, wie man meinen k\u00f6nnte, fast ein wenig vergessen wurde, w\u00e4hrend ich ihn in meiner Studentenzeit und auch nachher relativ viel gelesen habe.<\/p>\n<p>So kann ich mich erinnern, da\u00df ich den Fr\u00fchling 1984 mit der kleinen Anna in dem H\u00e4uschen am Almweg verbracht habe und dort &#8220;Gruppenbild mit Dame&#8221; gelesen habe.<\/p>\n<p>An die &#8220;Verlorene Ehre der Katharina\u00a0 Blum&#8221; kann ich mich auch erinnern. Die habe ich aber schon vorher gelesen und ich habe sicher auch noch ein paar andere B\u00f6lls in meiner Bibliothek und sehe solche auch gelegentlich in den B\u00fccherschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Das mit der Vergessenheit wird sich jetzt ein bi\u00dfchen \u00e4ndern, hat doch &#8220;Kiwi&#8221; zwei neue B\u00fccher \u00fcber und von ihn herausgebracht\u00a0 und zuf\u00e4lligerweise habe ich auch vor kurzem, als ich sehr ersch\u00f6pft von dem langen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/05\/nanowrimo-schreibmarathon\/\">Marathonschreibens vom &#8220;Writersstudio&#8221;<\/a> nach Hause gegangen bin, im B\u00fccherkasten den es vor der Buchhandlung Kuppitsch gibt, Werner H\u00f6fers &#8220;Deutsche Nobel Galerie&#8221; gefunden, die anl\u00e4\u00dflich der Nobelpreisverheihung von 1972 herausgegeben wurde und ein gro\u00dfes B\u00f6ll-Spezial enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ralf Schnel,l der den Band <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/15\/von-frankfurt\/\">&#8220;Heinrich B\u00f6ll und die Deutschen&#8221;<\/a> herausgebracht hat, habe ich bei meinem Frankfurter Buchmessensurfing, ich glaube bei &#8220;3-Sat&#8221; geh\u00f6rt und der ist auch auf die von dem B\u00f6lls Sohn und Nachla\u00dfverwalter Rene herausgegebenen Kriegstagebucher von 1943 bis 1945 eingegangen und hat erw\u00e4hnt, was auch im Vorwort steht, da\u00df die eigentlich nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt waren.<\/p>\n<p>Dann hat\u00a0 sich die Familie aber doch entschlossen, da\u00df man sie der \u00d6ffentlichkeit vorenthalten sollte und B\u00f6ll es wahrscheinlich ohnehin so gewollte , weil er sie sonst vorher vernichtet h\u00e4tte, etcetera.<\/p>\n<p>Bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/12\/12-februar\/\">Thomas Bernhard<\/a> habe ich\u00a0 etwas \u00c4hnliches erlebt und geh\u00f6rt und da ich mir das Buch in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/03\/27\/von-der-leipziger-messe\/\">Leipzig<\/a> bestellt habe, als ich mit Uli Meier die Herbstvorschau durchgegangen bin, hatte ich auch keine Wahl, als das Buch zu lesen, obwohl es wahrscheinlich schon\u00a0 sehr private Momentaufnahmen des jungen Wehrmachtsoldaten sind, der 1939 knapp seiner Matura, er hatte da gerade eine Buchh\u00e4ndlerlehre abgebrochen und Germanistik zu studieren begonnen hat, eingezogen wurde.<\/p>\n<p>Er hat, wie ich in den Erl\u00e4uterungen lesen konnte, seit Beginn des Krieges Tagebuch gef\u00fchrt, die ersten sind aber verloren gegangen und jetzt sind in dem sch\u00f6nen schwarzen Buch drei Tageb\u00fccher wiedergegeben die, das mu\u00df ich lobend erw\u00e4hnen, von Rene B\u00f6lls Frau digitalisiert wurden, so da\u00df man zuerst die Originalseiten sieht und darunter die abgedruckte Form lesen kann.<\/p>\n<p>Das erste Tagebuch ist ein in Belgien gekaufter Kalender und es ist sch\u00f6n, die alten Tageb\u00fccher zu sehen. Die beiden anderen scheinen auch eher kleine Bchlein zu sein, so da\u00df eigentlich nicht sehr viel Platz f\u00fcr die Eintragungen ist, die oft nur aus gro\u00df geschriebenen Worten, wie &#8220;Das Gel\u00fcbde! Anne-Marie&#8221; &#8220;Post von Anne-Marie&#8221; oder &#8220;Ich darf in Urlaub fahren &#8220;Das Messer&#8221; &#8220;Das Messer&#8221; bestehen, was mich eigentlich auch best\u00e4tigt, da\u00df es wohl eher eine Privateintragung ist.<\/p>\n<p>Annemarie ist die Frau, die Ehe wurdem glaube ichm w\u00e4hrend des Krieges geschlossen, das erste Kind, das schon 1945 gestorben ist, in dieser Zeit geboren und die gro\u00dfe Gl\u00e4ubigkeite und das Klammern an Gott ist auch immer wieder zu merken.<\/p>\n<p>&#8220;Gott allein kann mir helfen! Gott allein kann mir helfen&#8221;, am17. 4. 44 beispielsweise oder am 18. 4. 44 &#8220;Das absolute Elend in den Kasernen&#8221; Gott helfe mir!&#8221;<\/p>\n<p>Es sind drei Tageb\u00fccher, das erste 1944 bis 1945, dasnn eines von 1944 bis 1945,\u00a0 das dritte betriff nur das Jahr 1945 bis zum Kriegsende.<\/p>\n<p>&#8220;Entlassung in Bonn&#8221; lautet\u00a0 der letzte Eintrag.<\/p>\n<p>Das Buch ist gut kommentiert. so wird im Anhang immer wieder an die Briefe aus dem Krieg hingewiesen, die B\u00f6ll ebenfalls geschrieben hat und die schon ver\u00f6ffentlicht wurden. Da kann man das Geschehen auch genauer verfolgen, hier kann man wahrscheinlich eher die unmittelbare Emotion mitnehmen.<\/p>\n<p>Das Titelzitat stamm vom 29. J\u00e4nner 1943: &#8220;Man m\u00f6chte vor Dreck und M\u00fcdigkeit manchmal wimmer wie ein Kind&#8221; und auf den Dreck und den Hunger wird\u00a0 noch \u00f6fter hingeweisen.<\/p>\n<p>Im Nach- oder Vorwort steht noch, da\u00df der junge B\u00f6ll kein aktiver Kriegsverweiger war, sich aber von der Front \u00f6fter durch Urlaube und Krankheiten dr\u00fccke. Davon kann man auf den Seiten auch lesen. Die Route erf\u00e4hrt man eher aus den Erl\u00e4uterungen. So war B\u00f6ll zuerst in Frankreich, kam dann in die Ukraine, war dort auch in den ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/07\/die-ermordung-einer-stadt-namens-stanislau\/\">Stanislau<\/a> \u00fcber deren Vernichtung, ich im Vorjahr gelesen habe.<\/p>\n<p>Interessant ist es also schon die unmittelbare Emotionen, die Verzweiflung, die Sehnsucht nach der Geliebten, nach Gott und der Erl\u00f6sung so hautnah mitzuerleben.<\/p>\n<p>Es gibt im Anhang auch Landkarten und ein paar Fotografien, wo man B\u00f6ll in der Uniform sehen kann. Ich habe in Harland ja auch ein Album mit Kriegsfotografien meines Vaters und meine Mutter hat auch ein Tagebuch geschrieben, das wir gefunden haben, als wir die Wohnung in der Wattgasse aufl\u00f6sten.<\/p>\n<p>Also interessant ist das Buch allemal und w\u00e4hrend man noch \u00fcberlegt, ob man es lesen oder nicht lesen soll, weil man damit vielleicht doch eine Privatsph\u00e4re verletzt, kann man zu dem gleichzeitig erschienenen &#8220;Heinrich B\u00f6ll und die Deutschen&#8221; greifen, wo es diese Bedenken nicht gibt und ich werde mich auch noch ein bi\u00dfchen in das Nobelpreisdossier einlesen und am besten ist es wahrscheinlich \u00fcberhaupt zu den Originalwerken zu greifen und sie wieder oder vielleicht\u00a0 erstmals zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. 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