{"id":57312,"date":"2017-12-12T09:11:49","date_gmt":"2017-12-12T08:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=57312"},"modified":"2017-12-12T09:11:49","modified_gmt":"2017-12-12T08:11:49","slug":"heinrich-boell-und-die-deutschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=57312","title":{"rendered":"Heinrich B\u00f6ll und die Deutschen"},"content":{"rendered":"<p>Von dem 1917 geborenen und 1985 verstorbenen Nobelpreistr\u00e4ger Heinrich B\u00f6ll habe ich vor kurzem seine posthum herausgegebenen und eigentlich nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmten &#8220;Kriegstageb\u00fccher&#8221; gelesen.<\/p>\n<p>Denn er w\u00fcrde am einundzwanzigsten Dezember seinen hundertsten Geburtstag feiern und so sind bei &#8220;Kiwi&#8221; zwei B\u00fccher \u00fcber oder von ihm herausgekommen.<\/p>\n<p>Das erste sind die schon erw\u00e4hnten Tageb\u00fccher, das zweite ist die Biografie oder der Essayband &#8220;Heinrich B\u00f6ll und die Deutschen&#8221;, des 1943 in Oldenburg geborenen Literaturprofessors Ralf Schnell, den ich in Frankfurt bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/15\/von-frankfurt\/\">&#8220;3-Sat&#8221;<\/a> \u00fcber die B\u00fccher reden h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Das Buch ist in dreizehn Themenkapitel gegliedert. Das erste &#8220;Ich bin ein Deutscher&#8221;, das sich auf eine Tagung bezieht, die 1974 in Jerusalem stattfand, befa\u00dft sich mit\u00a0 &#8220;Fremdsein, Heimat, Sprache.&#8221;<\/p>\n<p>Dann wird in &#8220;&#8230; das Herz eines K\u00fcnstlers&#8221; B\u00f6lls Herkunft der in einer christlichen Familie mit sieben \u00e4lteren Geschwistern aufgewachsen ist, beschrieben und dann geht es schon in den Krieg.<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll wurde ja 1939 einberufen, seine Briefe aus dem Krieg, die er an seine Familie, sowie an seine Frau Annemarie geschrieben hat, wurden 2001 ebenfalls posthum herausgegeben und werden in dem Buch als &#8220;Entwicklungsroman&#8221; bezeichnet. Klar, der junge Mann wuchs an der Front heran und wurde dadurch gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>1945 ist er dann mit dem Wunsch Schriftsteller zu werden, zur\u00fcckgekommen. Geschrieben hat er, glaube ich, schon vorher. Es wird eine Kurzgeschichte erw\u00e4hnt, in den Kriegstageb\u00fcchern gibt es auch einen Bezug darauf.<\/p>\n<p>Das dritte Kapitel &#8220;..das Brot der fr\u00fchen Jahre&#8221;, beschftigt sich mit dem literarischen Aufstieg, der schon fr\u00fch durch die Gruppe 47 gelungen ist. Zuerst wird aber ein Brief eines Verlags erw\u00e4hnt, an den er den Roman &#8220;Der Engel schweigt&#8221; schickte.<\/p>\n<p>Der junge Familienvater hat sich nach dem Krieg zuerst als Hilfsarbeiter verdingt, die Frau Annemarie als Lehrerin die Familie erhalten und ihren Mann literarisch beraten, sie hat auch mit ihm \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Der erw\u00e4hnte Roman\u00a0 wurde erst viel sp\u00e4terver\u00f6ffentlicht. Denn B\u00f6ll hat ihn wieder zur\u00fcckgenommen und ihn in Kurzgeschichten, wohl des erh\u00f6hten Honororas und der Steigerung des Bekanntengrads verteilt, die in Zeitschriften ver\u00f6ffentlicht wurden.<\/p>\n<p>1951 hat er dann mit der Erz\u00e4hlung &#8220;Die schwarzen Schafe&#8221; den Preis der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/11\/14\/die-gruppe-47\/\">&#8220;Gruppe 47&#8221;<\/a> gewonnen und der literarische Aufstieg begann.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Kapitel \u00fcber Heinrich B\u00f6lls Katholizismus, der 1976 mit seiner Frau &#8220;aus der r\u00f6misch katholischen Kirche in ihrer Eigenschaft als K\u00f6rperschaft&#8221; ausgetreten ist, aber sich schon als Sch\u00fcler sehr mit den Werken des franz\u00f6sischen Theologen\u00a0 Leon Bloy besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n<p>Der Stadt K\u00f6ln, in der B\u00f6ll lebte und der er auch in seinen literarischen Werken ein Denkmal setzte, ist ein Kapitel gewidmet und mit dem Judentum hat B\u00f6ll sich auch sehr auseinandergesetzt.<\/p>\n<p>So war er mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/11\/30\/herzzeit\/\">Paul Celan<\/a>, dessen &#8220;Todesfuge&#8221; ja bei der &#8220;Gruppe 47&#8221; nicht sehr gut angekommen ist, befreundet und hat auch die &#8220;Germania Judaica&#8221; gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es gibt ein Kapitel \u00fcber B\u00f6lls Beziehung zu Konrad Adenauer, dessen Erinnerungen er im &#8220;Spiegel&#8221; kritisierte und dort hat er auch einen Artikel \u00fcber die Bader Meinhof- Gruppe nicht Bande mit dem Titel &#8220;Soviel Liebe auf einmal&#8221; ver\u00f6ffentlicht, was ihm jahrelang den Vorwurf ein &#8220;RAF- Sympathisant&#8221; zu sein einbrachte und ihm verschiedene Hausdurchsuchungen bescherte, wie er\u00a0 1977 in einem Brief an seinen Freund Lew Kopelew bemerkte.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zur DDR des sehr politischen Autors, der zu vielen gesellschaftspolitischen Themen Stellung genommen hat wird analysiert und dann geht es zu Marcel Reich Ranicki,der zu B\u00f6ll ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis hatte und eines seiner B\u00fccher auch verrissen hat.<\/p>\n<p>&#8220;Die f\u00fcrsorgliche Belagerung&#8221; und &#8220;Frauen vor Flusslandschaft&#8221; wurden sehr kritisiert und im letzten Verh\u00e4ltnis geht es, um B\u00f6lls Nachruhm. Da meint der Autor, da\u00df die B\u00fccher in gro\u00dfer Auflage immer noch erscheinen und wahrscheinlich in vielen Buichhandlungen zu finden sind, zitiert aber auch einen FAZ-Bericht von 2008, wo MMR schreibt: &#8220;Reden wir offen: Schon jetzt ist nur wenig geblieben. Es wird naturgem\u00e4\u00df immer weniger werden. Seine Romane sind inzwischen allesamt in Vergessenheit geraten.&#8221;<\/p>\n<p>Wenn ich dagegen zu meinem Bibliothekskatalog gehe, finde ich viele B\u00f6lls , ob ich alle gelesen habe, kann ich nicht sagen, denke aber, da\u00df dieser thematisch gegliederte Streifzug durch die Biografie, den Bezug zu den &#8220;Deutschen&#8221; konnte ich nicht immer finden, au\u00dfer, da\u00df es das Land war, in dem Heinrich B\u00f6ll lebte und die Nation der er angeh\u00f6rte, eine Aufforderung zur literarischen Wieder- oder Neuentdeckung sein kann.<\/p>\n<p>Also lesen, lesen, lesen und ich bin gespannt, was ich au\u00dfer den beiden &#8220;Kiwi-B\u00fcchern, &#8220;Kiepenheuer und Witsch&#8221; ist ja B\u00f6lls Verlag und es gibt, glaube ich, eine siebenundzwanzigb\u00e4ndige Gesamtausgabe, noch vom B\u00f6ll h\u00f6ren oder lesen werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von dem 1917 geborenen und 1985 verstorbenen Nobelpreistr\u00e4ger Heinrich B\u00f6ll habe ich vor kurzem seine posthum herausgegebenen und eigentlich nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmten &#8220;Kriegstageb\u00fccher&#8221; gelesen. 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