{"id":5811,"date":"2011-02-11T15:42:31","date_gmt":"2011-02-11T14:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5811"},"modified":"2011-02-11T15:42:31","modified_gmt":"2011-02-11T14:42:31","slug":"beste-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5811","title":{"rendered":"Beste Beziehungen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Grausamer als die Literatur ist nur die Wirklichkeit &#8211; Gustav Ernst erz\u00e4hlt weiter, wo andere l\u00e4ngst schweigen&#8221; steht auf der R\u00fcckseite des gerade erschienenen Romans &#8220;Beste Beziehungen&#8221;.<br \/>\nIch w\u00fcrde meinen, Gustav Ernst erz\u00e4hlt vom Leben, beziehungsweise von dem, was wir im Fernsehen sehen, in den Zeitungen, wie &#8220;Heute&#8221; und &#8220;\u00d6sterreich&#8221; lesen und er tut das sehr direkt mit einer eindeutigen Sprache und aus der Sicht dessen, der das Leben vielleicht auch von &#8220;unten&#8221; kennt.<br \/>\nEs geht um Paare und deren Lebensformen, aber auch um einiges, das in \u00d6sterreich zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschieht. Da w\u00e4ren einmal Lisa und Franz. Lisa ist eigentlich eine ungew\u00f6hnlich emanzipierte Frau, schaut sie doch, wenn sie mit der U-Bahn von ihrer Arbeit nach Hause f\u00e4hrt auf die M\u00e4nner, denen sie dort begegnet und \u00fcberlegt, welchen Eindruck sie auf sie macht. Vor allem aber ist sie mit ihrem Franz, einem Zauderer, der den Ehrgeiz hat, alle franz\u00f6sischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts zu lesen und im Rathaus irgendein Beamter ist, sehr unzufrieden und quasselt ihn st\u00e4ndig mit ihren Anspr\u00fcchen, da\u00df er doch das und das tun oder nicht tun soll, die Ohren voll. Er soll seinen Chef zum Essen einladen, damit er bef\u00f6rdert wird und sich im Nebenjob als Verm\u00f6gensberater m\u00f6glichst mit B\u00fcro im MilleniumTower selbst\u00e4ndig machen, ein Haus bauen, in der Oper mit dem und dem ins Gespr\u00e4ch kommen, u.s.w.u.s.f.<br \/>\nDann gibt es Jack, den B\u00fcroleiter eines christlichen Ministers und der ist ein Arschloch, wie wir ihn aus den Medien kennen, v\u00f6gelt sowohl mit seinen Mitarbeiterinen, denen er daf\u00fcr Bef\u00f6rderung verspricht und mit der Frau Au\u00dfenminister, l\u00e4dt den Polizeikommandaten in ein Nobelbordell und zum Austernschl\u00fcrfen ein, damit der ihm bei den Akten eines Autounfalls, der ihm passierte, behilflich ist und verlangt von seinen Mitarbeitern, ihre Freunde, die Finanzberater bei den Frauen der roten Spitzenkanditaten sind, weil das Buch in der Zeit eines Wahlkampf spielt, zu bespitzeln und droht, wenn sie das verweigern, sie so fertigzumachen, da\u00df sie sich nur noch w\u00fcnschen aus dem Fenster zu springen.<br \/>\nUnd von Hanno, der im selben Haus mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnt, ist es auch nicht nett von seiner Frau zu verlangen, da\u00df sie die  die Anwesenheit seiner Freundin Franziska,  im selben Bett und Badezimmer dulden soll, weil das in seiner Familie so \u00fcblich ist.<br \/>\nDann gibt es den Lehrer St\u00f6ger, der Schwierigkeiten mit den Schenkeln seiner Sch\u00fclerinnen hat, die sie aufreizend \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, w\u00e4hrend sie ihre Schularbeiten schreiben und mit steifen Penis und dem Klassenbuch, auf die Toilette rennt, als die Sch\u00fclerin mit den wei\u00dfen Kniestr\u00fcmpfen und dem kurzen R\u00f6ckchen nicht wei\u00df, in welchen Jahrhundert Rilke lebte und welche Werke er geschrieben hat. Ausgerechnet er wird, noch dazu von seiner Frau gedr\u00e4ngt, der siebenj\u00e4hrige Nichte, die leider einen Dreier in Deutsch hat und infolgedessen einmal nicht ins Gymnasium wird gehen k\u00f6nnen, Nachhilfestunden zu geben, was genauso fatal endet, wie der Besuch Manuel  Fs. bei seiner Ex-Lebensgef\u00e4hrtin  Janine K,. bei der er nach einj\u00e4hriger Trennung mit einer Bonbonniere auftaucht, von ihr auch mit Naturschnitzel bewirtet, aber als er im Bett nicht kann, so arg beschimpft wird, da\u00df ihm nichts anderers zu tun \u00fcberbleibt, als sie zu erw\u00fcrgen&#8230;.<br \/>\nIn loser Reihenfolge werden Beziehungsszenen aneinandergereiht und miteinander verkn\u00fcpft, um am Schlu\u00df in einem viel k\u00fcrzeren zweiten Teil in einem Amoklauf zu enden, in dem noch einmal die meisten Personen zuf\u00e4llig aufeinander treffen oder im Radio von ihnen berichtet wird. Von der Verhaftung des Lehrers St\u00f6ger beispielsweise oder dem Ausgang der Wahl, bei der zwar die Sozialdemokraten gewinnen, Jack Preiser, der bisherige B\u00fcroleiter, aber neuer Familiensprecher wird und von seinen Zielen spricht Ehe und Familie zu st\u00e4rken und der 1944 in Wien geborene Gustav Ernst, Schriftsteller und Drehbuchautor, Mitbegr\u00fcnder des &#8220;Wespennestes&#8221; und Herausgeber der Zeitschrift &#8220;Kolik&#8221;, der viele St\u00fccke, aber auch Romane wie &#8220;Einsame Klasse&#8221;, &#8220;Fr\u00fchling in der Via Condotti&#8221;<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/01\/02\/helden-der-kunst-helden-der-liebe\/\"> &#8220;Helden der Kunst &#8211; Helden der Liebe&#8221;<\/a> geschrieben hat, hat uns wieder einmal sehr realistisch das heutige \u00d6sterreich gezeigt.<br \/>\nFast h\u00e4tte ich ja bef\u00fcrchtet, wieder einen Roman \u00fcber die Leiden des alternden Mannes mit dem Nachlassen seiner Libido und seiner Prostata zu lesen und wurde angenehm entt\u00e4uscht, denn ich bin ja eine Anh\u00e4ngerin des realistischen Schreibens, wenn ich aus meiner Frauensicht auch so starke Sexszenen weder schreiben kann, noch will und die Frauen mit Ausnahme vielleicht der Lisa, die aber auch eine dumme Tussi ist, sehr schwach und wehrlos geschildert werden.<br \/>\nDa ich Gustav Ernst, den ich schon lange kenne und immer wieder bei Lesungen im Literaturhaus oder anderen Veranstaltungen treffe, \u00f6fter damit nerve, da\u00df ich ihn mit Robert Schindel f\u00fcr den Hans Weigel des heutigen Wiener Literaturbetriebs halte und er auch Dozent am Institut f\u00fcr Sprachkunst ist, werde ich ihn, wenn ich ihm wieder sehe, etwas zu seinen Dialogen fragen.<br \/>\nDer Roman ist ja hervorragend geschrieben, soweit ich das, als etwas verklemmte Frau beurteilen kann, die nicht diesen sexuellen Sprachschatz hat. Die F- und die \u00d6-Politiker, von denen wir gerade jetzt so viel in den Medien h\u00f6ren, werden treffend geschildert, auch die zwei Unterschicht M\u00e4nner, die sich an ihren Frauen vergehen, bzw. die Kinder ihrer Freundinnen so lange sch\u00fctteln, bis die ein Schleudertrauma entwickeln und sich dann bei ihren Anw\u00e4lten und Richtern bl\u00f6d herausreden, auch wenn ich bezweifle, da\u00df ein Unterschichtmann eine solche Wortgewalt aufbringt und die Not des Lehrers, der mit seinen Schw\u00e4chen ja vielleicht wirklich von seinen Sch\u00fclerinnen etwas aufgegeilt und dann im Regen bzw. beim Pornofilm und der Strafanzeige stehengelassen wird, konnte ich auch gut nachvollziehen.<br \/>\nJetzt wei\u00df ich aber nicht, ob es wirklich realistisch ist, da\u00df Janine  K. ihren Ex mit Manuel F. anspricht, vermutlich nicht, w\u00fcrde ich denken, es wirkt dadurch aber sehr distanziert und passt in den Erz\u00e4hlton, der immer spannend ist, obwohl Gustav Ernst, wie ich nicht umhin kam, zu bemerken, in dem Roman, der zu einem gro\u00dfen Teil aus Dialogen besteht, sehr oft &#8220;sagte er&#8221;, verwendete, was man, wie ich aus den diversen Sprachratgebern wei\u00df, nicht tun soll.<br \/>\nAber sonst \u00fcbertreibt er nat\u00fcrlich seine Charaktere, wie das der gute Schriftsteller tut und macht das Buch dadurch leicht lesbar und spannend, was zum Beispiel an der Figur des Lehrers, bei dem ich mich wahrscheinlich mit den Schilderungen der Schulstunden, begn\u00fcgen w\u00fcrde, so richtig herauskommt.<br \/>\nEin packender Roman, den ich nicht allzu sensiblen Gem\u00fctern, die Freude an einer deftigen Sprache und einer realistischen Schilderung des vieleicht nicht allzu Alt\u00e4glichen haben, empfehlen kann und nat\u00fcrlich danke ich <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/neuerscheinungen\">Haymon<\/a> f\u00fcr die Bereitstellung des <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/05\/winterfrische\/\">Rezensionsexemplares<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Grausamer als die Literatur ist nur die Wirklichkeit &#8211; Gustav Ernst erz\u00e4hlt weiter, wo andere l\u00e4ngst schweigen&#8221; steht auf der R\u00fcckseite des gerade erschienenen Romans &#8220;Beste Beziehungen&#8221;. 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