{"id":58329,"date":"2018-01-13T00:03:01","date_gmt":"2018-01-12T23:03:01","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=58329"},"modified":"2018-01-13T00:03:01","modified_gmt":"2018-01-12T23:03:01","slug":"olga","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=58329","title":{"rendered":"Olga"},"content":{"rendered":"<p>Der 1944 bei Bielefeld geborene Bernhard Schlink, von dem ich als ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/02\/bachmannpreisgefluster\/\">1996 nach Klagenfurt <\/a>gefahren bin, mir &#8220;Selbs Betrug&#8221; gekauft oder gelesen habe, der dann mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/22\/der-vorleser\/\">&#8220;Vorleser&#8221;<\/a> ber\u00fchmt wurde, den ich im Zug las als wir von unserer <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/20\/mit-dem-rad-von-ulm-nach-regensburg\/\">Donauradfahrt<\/a> von ulm nach Regenburg nach Wien zur\u00fcckgefahren sind, hat <a href=\"http:\/\/www.diogenes.ch\/leser\/titel\/bernhard-schlink\/olga-9783257608762.html\">ein neues Buch geschrieben,<\/a> das ich jetzt sozusagen auch<a href=\"https:\/\/www.vorablesen.de\/buecher\/olga\/rezensionen\"> &#8220;vorab&#8221; <\/a>gelesen habe.<\/p>\n<p>Am Cover ist eine eine Frauengesttalt auf einer Kippe am Meer zu sehen und am Buchr\u00fccken steht etwas vom sp\u00e4ten neunzehnten Jahrhundert und Deutschland und Afrika beziehungsweise den Irrwegen die diese Geschichte aufzeigt, was mich, da ich schon die erste Seite gelesen habe, wo ein kleines M\u00e4dchen zu ihrer Nachbarin geht, anfangs verwirrte.<\/p>\n<p>Dann dachte ich lange,ich h\u00e4tte ein sehr altmodisches Buch gelesen und wieder etwas, was nicht wirklich neu, sondern ohnehin schon huntermal geschrieben wurde, geht es doch in dem ersten Teil des dreihundert Seiten Buches, um eine Liebesgeschichte zwischen , einem armen M\u00e4dchen das Lehrerin wurde und einem Gutbesitzersohn, aber nein, es geht und das steht auch Buchr\u00fccken, wenn ich den nur ordentlich gelesen h\u00e4tte, um eine willensstarke Frau, die sich durch die Wirren des Lebens k\u00e4mpft, nicht aufgibt, aber eigentlich von Anfang an schon verloren hat.<\/p>\n<p>Diese Frau isrt Olga, beziehungsweise das kleine M\u00e4dchen, das am Anfang des buches bei der T\u00fcr der Nachbarin steht, die sich mit ihr anfreundet und sich um sich k\u00fcmmert. Das passiert in einer kleinen polnischen Stadt und Olgas Eltern kommen bald ums Leben, so da\u00df sie von der Gro\u00dfmutter, die in Ostpreu\u00dfen lebt und mit der Heirat ihres Sohnes mit einem polnischen Fr\u00e4ulein nicht einverstanden war, zur\u00fcckholt. Die will ihr nun auch einen deutschen Namen geben, will sie Helga nennen, aber da wehrt Olga sich und setzt sich durch. Das Verh\u00e4ltnis zur Gro\u00dfmutter ist nicht sehr gut, sie freundet sich mit den Gutskindern Herbert und Viktoria an und setzt es, die ihr die h\u00f6here M\u00e4dchenschule verwehrt wurde, unter M\u00fchen und Selbststudium durch, da\u00df sie auf das staaliche Lehrerinnenseminar nach Posen gehen kann.<\/p>\n<p>Herbert ist ein, wie Schlick ihn beschreibt ein &#8220;L\u00e4ufer&#8221; oder &#8220;Renner&#8221; und die &#8220;Weite des Horizonts&#8221;, eine sehr poetisch beschriebe Methapher spielt in dem Buch auch eine Rolle und nat\u00fcrlich auch die Grenzen, die das Leben vor allem den Frauen setzt.<\/p>\n<p>Der L\u00e4ufer mit dem Olga bald ein au\u00dfereheliches Verh\u00e4ltnis hat, sie ist ja nicht standesgem\u00e4\u00df, flieht vor der elterlichen Strenge nach Afrika, wird dort Soldat in den Kolonien und in einen Krieg verwickelt und als er z\u00fcrckkommt, in den\u00a0 Neunzehundertzehnerjahren tr\u00e4umt er von einer Expedition in die Antarktis und will dort offenbar eine neue Kolonie errichten.<\/p>\n<p>Olga besteht indessen ihr Lehrerinnenexamen und geht in ein kleines D\u00f6rfchen unterrichten. Wohnt in einem kleinen Haus, wird dort von Herbert besucht, der in Tilsit, offenbar der n\u00e4chsten Stadt, einen Vortrag \u00fcber seine\u00a0 geplante Expedition h\u00e4lt, sieht ihr beim Marmeladekochen oder Schulheftverbessern zu und bricht dann, so um 1913 auf, verspricht ihr vorm Winter zur\u00fcckzusein und kommt doch nicht.<\/p>\n<p>&#8220;Mein Lieber, letztes Jahr wolltest du vor Weihnachten zur\u00fcck sein, dieses Jahr wollten es die Soldaten. Auf\u00a0 euch M\u00e4nner ist kein Verla\u00df&#8221;, wird ihm Olga postlagernd in eine norwegische Stadt schreiben.<\/p>\n<p>Aber das erst sp\u00e4ter\u00a0 oder doch, sie schreibt ihm Briefe, unterrichtet weiter, spielt Orgel in der Kirche, versucht manche begabte Kinder auf die h\u00f6here Schule zu schicken und scheitert an den Eltern, die daf\u00fcr kein Verst\u00e4ndnis haben und besucht eine Familie mit einem kleinen Kind namens Eik, mit denen sie sich angefreundet hat.<\/p>\n<p>Der erste Weltkrieg kommt und die Soldaten sterben, die jahre ziehen ins Land und Herbert kommt immer noch nicht zur\u00fcck, dann naht bald schon der zweite und Eik, der Ziehsohn mit dem sie sich angfreundet hat, gesteht ihr, da\u00df er zur SS will, was sie erbost und mit ihm bricht. In den Drei\u00dfigerjahren ertaubt sie, w\u00e4re dann aber bald auch, weil ja keine Nationalsozialistin ohnehin aus dem Schuldienst entlassen worden, besucht eine Geh\u00f6rlosenschule, um das Lippenablesen zu lernen, mu\u00df nach ende des Krieges fl\u00fcchten, kommt in eine kleine deutsche Stadt und bringt sich als N\u00e4herin durch das leben, bis sie eine kleine Pension bekommt.<\/p>\n<p>&#8220;Dann n\u00e4hte sie nur noch in unserer Familie, in der sie sich besonders willkommen f\u00fchlte, was sie hier verdiente, reichte ihr als Zubrot&#8221;, lautet der letzte Satz des ersten Teils und dann im zweiten, wechselt der Erz\u00e4hlstil.<\/p>\n<p>Es kommt zu einem Ich-Erz\u00e4hler, namens Ferdinand, den man leicht f\u00fcr autobiographisch halten k\u00f6nnte, ein Junge aus einem Pfaffershaushalt mit etlichen Kindern und offenbar wenig Geld. Die Mutter, die den Vater unterst\u00fctzen und den Haushalt f\u00fchren mu\u00df, hat wenig Zeit f\u00fcr den J\u00fcngsten, der auch noch kr\u00e4nklich ist. Da springt Olga ein, setzt sich an sein Bett, zieht in auf, f\u00f6rdert ihn, ist mit vielem auch nicht einverstanden, wird immer \u00e4lter und, als er schon an der Universit\u00e4t ist und Philosophie studiert, wird er eines Tages von der Mutter angerufen. Oga wurde bei einem Anschlag auf das Bismark-Denkmal schwer verletzt und liegt im Spital. Er reist zu ihr, h\u00e4lt ihr ihre Hand, die kalt ist, als er eingeschlafen, wieder aufwacht.<\/p>\n<p>Beim Begr\u00e4bnis erscheint noch ein Kriminalinspektor, der wissen will, was die Neunzigj\u00e4hrige nachts beim Bismarck-Denkmal zu suchen hatte? Er wei\u00df es auch nicht, studiert fertig, erbt von ihr ein Sparbuch, heiratet, geht als Beamter ins Unterrichtsministeriumn, dann ins Pension, wird verwitwet und f\u00e4ngt dann an, \u00f6fter an Olga zu denken. Schlie\u00dflich erf\u00e4hrt er von Briefen, die es in einer norwegischen Stadt bei einem Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler zu kaufen gibt. Er bekommt auch eine Nachricht von Eiks Tochter, die ihm von ihrem Vater, einem Kriminalbeamten, der auch schon gestorben ist, erz\u00e4hl. Kauft von Olgas Sparbuch, die Briefe, die sehr teuer sind, denn Olgas postlagernd geschriebene Briefe an Herbert, die von 1913 bis 1972, ihrem Todesjahr gehen, sind ja nie angekommen, weil er\u00a0 offenbar verschollen, erfroren, etcetera und nie gefunden wurde.<\/p>\n<p>Im dritten Teil gibt es nun die Briefe zu lesen und man erf\u00e4hrt darin einiges, was vorher unklar war. So, da\u00df Eik ihr Kind von Herbert war, von dem sie ihm erst in den Briefen etwas sagte. Man erf\u00e4hrt auch von ihrer Aufm\u00fcpfigkeit und ihren Widerstand. Sie beklagt, da\u00df eine Lehrerin, wenn sie heiraten will, den schuldienst verlassen mu\u00df. Da\u00df die Lehrerinnen immer viel weniger, als die Lehrer verdienen, nicht aufsteigen d\u00fcrfen, etcetera. Man erf\u00e4hrt von ihren Bruch mit Eik, als er zu den Natinalsozialisten ging und sie schreibt ihm immer Briefe, obwohl sie 1915 damit aufh\u00f6ren will\u00a0 und ihn f\u00fcr sich f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Mal ist sie ihm b\u00f6se, mal verst\u00e4ndnisvoll. In den Drei\u00dfigerjahren nimmt sie den Briefwechsel wieder auf. Schreibt ihm von ihrer Ertaubung, ihrer Flucht und dem kleinen etwas langweiligen Ferdinand, um den sie sich nun angenommen hat und 1972 schreibt sie ihm\u00a0 den letzten Brief. Schreibt, da\u00df sie, als der Wassertum, der ihrem Haus gegen\u00fcberstand, gesprengt werden sollte, sich von den Sprengmeistern alles erkl\u00e4ren lie\u00df, dann ein paar Stangen Dynamit gestohlen hat, mit dem sie als Akt ihres Widerstand gegen die Mmacht der Obrigkeit, das Bismarck-Denkmal in die Luft sprengen will.<\/p>\n<p>&#8220;Ich wei\u00df noch nicht, wann ich es tun werde. Aber\u00a0 seit ich wei\u00df, da\u00df ich es tun werde, geht es mir gut. Und ich bin Dir nahe. Deine Olga&#8221;, so endet der letzte Brief.<\/p>\n<p>Da\u00df sie es getan hat, dabei ums Leben kam, w\u00e4hrend das Denkmal standgehalten und h\u00f6chsten einene kleine Delle abgekommen hat, wie der langweilige oder kritische Ferdinand noch bemerkte, wissen wir auch und wir haben das Werk eines bald vierundsiebzigj\u00e4hrigen Autors gelesen, in dem wohl alle Lebensweisheit und die Aufarbeitung des vorigen Jahrhunderts liegt.<\/p>\n<p>Nichts wirklich Neues und die drei Teile sind wohl auch eine Wiederholung, beziehungsweise haben wir das, was in den Briefen steht, schon zum gr\u00f6\u00dften Teil im ersten Teil erfahren. Trotzdem ist der Stilwechsel \u00fcberraschend. Das Buch vielleicht gerade in seiner &#8220;altmodischen Langsamkeit&#8221; interessant und einiges Neues und das, was man vielleicht f\u00fcr sich \u00fcberdenken kann, gibt es darin sicher auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 1944 bei Bielefeld geborene Bernhard Schlink, von dem ich als ich 1996 nach Klagenfurt gefahren bin, mir &#8220;Selbs Betrug&#8221; gekauft oder gelesen habe, der dann mit dem &#8220;Vorleser&#8221; ber\u00fchmt wurde, den ich im Zug las als wir von unserer &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=58329\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[26,778,1420,1534,6001],"class_list":["post-58329","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-neuerscheinung","tag-bernhard-schlink","tag-deutsche-gegenwartsliteratur","tag-diogenes","tag-vergangenheitsaufarbeitung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=58329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58329\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=58329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=58329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=58329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}