{"id":5852,"date":"2011-02-15T11:52:15","date_gmt":"2011-02-15T10:52:15","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5852"},"modified":"2011-02-15T11:52:15","modified_gmt":"2011-02-15T10:52:15","slug":"das-antwerper-testament","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5852","title":{"rendered":"Das Antwerpener Testament"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Das Antwerpener Testament&#8221; von Evelyn Grill ist kein Roman \u00fcber das Alter, wie ich zuerst dachte, sondern eine Familiengeschichte, die zum gr\u00f6\u00dften Teil in den F\u00fcnfzigerjahren und an der englischen Seafront spielt, so da\u00df ich ihr den Charme von Rosamunde Pilcher zuschreiben w\u00fcrde, obwohl ich von der britischen Bestsellerlady noch nichts gelesen habe.<br \/>\nDer Klappentext spricht von einem gro\u00dfen Gem\u00e4lde und da ist der Gedanke an das  Rijksmuseum nicht weit, spielt Amsterdam in dem Buch ja auch eine Rolle.<br \/>\nEin ziemlich globaler Familienroman also, der 1942 in Garsten O\u00d6 geborenen Evelyn Grill, die wenn ich das jetzt richtig wiedergebe, in den sp\u00e4ten Siebzigern von Elfriede Haslehner f\u00fcr den Wiener Frauenverlag entdeckt wurde. Ihr Roman &#8220;Rahmenhandlungen&#8221; wurde dort verlegt und den habe ich in Fortsetzungen in der sozialistischen &#8220;Frau&#8221; gelesen, die meine Mutter abonniert hatte.<br \/>\nInzwischen ist Evelyn Grill literarisch aufgestiegen, verlegt bei Suhrkamp, Residenz etc und lebt mit ihrem Mann, der, glaube ich, ein Literaturwissenschaftler ist, in Freiburg im Breisgau und das kommt in dem Buch, um wieder zu dem Roman zur\u00fcckzukommen, ebenfalls vor und der beginnt 1983 an der Worthing Seafront, wo Henriette Stanley an einem st\u00fcrmischen M\u00e4rztag begraben wird.<br \/>\nAm Grab der strengen Katholikin stehen ihr epileptischer Sohn Harry, die Tochter Ann mit ihrem deutschen Ehemann und den drei Kindern, der Hausarzt Dr. Crack, die Putzfrau Molly und die meist der upper Class angeh\u00f6rigen Sch\u00fclerinnen mit bl\u00e4ulich oder rosa gef\u00e4rbten L\u00f6ckchen und fein gepuderten Gesichtern, der ehemaligen Franz\u00f6sischprivatlehrerin, dann taucht noch Miss Stanley, die j\u00fcngere Schwester von Henriettes verstorbenen Ehemanns auf, bleibt am Grab stehen und verschwindet ohne sich zu bekreuzigen und das Begr\u00e4bnis wird von dem alten Cannonicus Crew gehalten, der \u00f6fter vom Teufel spricht.<br \/>\nAber auch Henriette Stanley hatte ihre Schwierigkeiten, litt an Parkinson und war in ihren letzten Lebenjahren an den Rollstuhl gefesselt, wo sie von einer Sozialarbeiterin, der Putzfrau Molly und dem epileptischen armen Henry betreut wurde. Sie war auch, die aus einer sehr angesehenen Antwerpener Reederfamilie stammte, mit ihrem Leben nicht zufrieden. Hat sie doch ihr Bruder Frans, der Patriarch der Familie, der, wie die streng katholische Familie meinte, in st\u00e4ndiger S\u00fcnde mit seiner Maitrresse und Haush\u00e4lterin  Mejuffer Vorsterman lebte, in die Ehe mit den englischen Reedersohn Alan gezwungen, der laut Henriette schuld am Tod ihres dritten Kindes Kitty war und auch sonst ein Gambler und ein Gauner, so da\u00df Henriette mit ihren zwei \u00e4lteren Kindern wieder nach Antwerpen zur\u00fcckging und denen st\u00e4ndig vorhielt, da\u00df es nur ihr zu verdanken war, da\u00df sie nicht verhungerten.<br \/>\nSp\u00e4ter kehrt Henriette mit den Kindern doch in das Haus an der Seafront zur\u00fcck, lebt von Franz\u00f6sischstunden und verlangt von Harry und von Ann, da\u00df sie sich nie verheiraten, was beiden nicht sehr gut bekommt. Hat sich doch Harry, der Chemie studiert, in Schottland in Hillary verliebt und als er sie zu Weihnachten der Familie vorstellt und sie von der Mutter ignoriert wird, l\u00f6st das seine Krankheit aus, die ihn nie wieder verlassen wird. Ann hat sich inzwischen in Deutschland in Ulrich verliebt und will das ihrer Mutter beichten, geht aber nicht, da\u00df sie einen Deutschen heiratet, denn die Deutschen haben ja, wie wir aus der Geschichte wissen, gro\u00dfes Unheil \u00fcber Belgien gebracht.<br \/>\nAnn und Ulrich heiraten trotzdem und es ist auch eine sehr seltsame Ehe, die sie f\u00fchren werden, der \u00e4lteste Sohn David ist genauso krank, wie Harry, behindert und lebensunf\u00e4hig, w\u00e4hrend es Ulrich wegen seiner verfr\u00fchten Ehe nie zu der wissenschaftlichen Karriere brachte, die er eigentlich machen sollte.<br \/>\nErz\u00e4hlt wird der Roman in acht Kaptiel, das erste spielt 1983 an der Seafront, dann geht es in die F\u00fcnfzigerjahre zur\u00fcck, wo das Schicksal Anns und Ulrichs erz\u00e4hlt wird. Zwei Kapitel werden aus der Sicht Lillys, einer in New York lebenden Cousine Ulrichs geschildert. Dann gibt es noch ein Kapitel, das in Antwerpen spielt und von dem Testament berichtet, das dem Buch den Namen gibt, wurde Henriette doch angeblich von dem Patriarchen enterbt, weil Ann einen Deutschen heiraten mu\u00dfte. Eines spielt 1975 und schildert das Leben des meist getrennt lebenden Paars Ulrich und Ann mit dem behinderten erstgeborenen Kind. Am Schlu\u00df geht es nach Worthing zur\u00fcck, da dorthin die inzwischen an Krebs erkrankte Ann reiste, um den kranken Bruder in einem Nursingheim unterzubringen und das Haus zu verkaufen, was ihr aber nicht sehr gut bekommt, so da\u00df das Buch mit einem neuerlichen Begr\u00e4bnis endet.<br \/>\nEvelyn Grill erz\u00e4hlt dieses etwas altmodische Familienpanorama mit feiner Sorgfalt. Die Teeszenen mit den Scones, Muffins und den winzigen Sandwiches, wo dem alten Cannonicus, die Whipped cream an der Nase h\u00e4ngen bleibt, w\u00e4hrend Harry in seinen Absencen in dem Salon mit dem Chippendale Glasschrank aus Mahagoni, dem schwarzen Steinway-Fl\u00fcgel und dem sicher schon ein wenig abgen\u00fctzen reinleinenen Damasttischt\u00fcchern, herumgeistert, sind k\u00f6stlich geschildert, hin und wieder taucht ein englisches Wort in dem Text auf, so murmelt der alte Pfarrer &#8220;jolly good&#8221;, zwischen seiner Predigt, von der Whipped cream, an die mich noch gut erinnern kann, als ich vor drei\u00dfig Jahren in England war, wurde schon geschrieben.<br \/>\nEvelyn Grill beschreibt die Themen, die mich interessieren, so habe ich das Suhrkamp-Buch &#8220;Winterquartier&#8221;, in dem es um eine alleinstehende, gehbehinderte \u00c4nderungsscheiderin geht, das ich einmal bei Buchlandung in einem Sonderangebot kaufte, noch ungelesen von mir. Aus dem ebenfalls bei Residenz erschienenen Roman &#8220;Der Sammler&#8221;, der mit dem Otto-Stoessl-Preis ausgezeichnet wurde, habe ich einer Lesung bei &#8220;Rund um die Burg&#8221; geh\u00f6rt. <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/24\/ins-ohr\/\">&#8220;Ins Ohr&#8221; <\/a>habe ich von von Elfriede Haslehner geschenkt bekommen, das Buch einer Klientin empfohlen und war, als ich es gelesen habe, \u00fcber die  fast Bernhardsche Schimpfmanier  erstaunt.<br \/>\nEvelyn Grill scheint also \u00fcber eine gro\u00dfe Stilvielfalt zu verf\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Das Antwerpener Testament&#8221; von Evelyn Grill ist kein Roman \u00fcber das Alter, wie ich zuerst dachte, sondern eine Familiengeschichte, die zum gr\u00f6\u00dften Teil in den F\u00fcnfzigerjahren und an der englischen Seafront spielt, so da\u00df ich ihr den Charme von Rosamunde &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5852\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-5852","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5852"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5852\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}