{"id":5930,"date":"2011-02-19T00:02:31","date_gmt":"2011-02-18T23:02:31","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=5930"},"modified":"2011-02-19T00:02:31","modified_gmt":"2011-02-18T23:02:31","slug":"schwestern-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5930","title":{"rendered":"Schwestern der Angst"},"content":{"rendered":"<p> &#8220;Schwestern der Angst&#8221;, ist ein Buch der Maximalkapazit\u00e4t und die 1963 in Klagenfurt geborene Lydia Mischkulnig, eine brillante Erz\u00e4hlerin, gnadenlos jagt sie ihre Geschichten und Bilder in den sch\u00f6nsten und auch manchmal etwas kitschig klingenden S\u00e4tzen und Worten voran und  \u00fcbertreibt ma\u00dflos dabei.<br \/>\nDas machte das Lesen des im Herbst erschienenen Romans f\u00fcr mich etwas schwierig, denn eigentlich ist die Geschichte der wahrscheinlichen Borderlinerin Renate, die so S\u00e4tze schwingt, wie &#8220;Mi\u00dfbrauch geh\u00f6rt zum Leben, wie das Amen zum Gebiet&#8221;, ja sehr beeindruckend. Psychologisch packend und faszinierend in das Leben und in die Gedanken einer Stalkerin hineinzuschauen und mit literarischen Mitteln erz\u00e4hlt zu bekommen. In Polen ist sie bei den Gro\u00dfeltern aufgewachsen, weil die Mutter nach \u00d6sterreich arbeiten ging, der Gro\u00dfvater war ein Alkoholiker und wird von der Mutter und der Gro\u00dfmutter des sexuellen Mi\u00dfbrauchs an Renate verd\u00e4chtigt. Jedenfalls kommt die Mutter nach Jahren  aus dem goldenen Westen zur\u00fcck. Das erste was sie tut, ist, da\u00df sie ihr T\u00f6chterlein aufs Bett legt und untersucht, ob es noch Jungfrau ist. Ansonsten ist Renate vaterlos aufgewachsen, also fehlt auch diese Bezugsperson. Die Mutter nimmt Renate nach \u00d6sterreich mit, heiratet ihren Chef, einen Eissalonbesitzer, bekommt von ihm ein Kind, stirbt und so wird Renate Ersatzmutter von Marie, liebt und z\u00fcchtigt sie, tut alles f\u00fcr sie und m\u00f6chte auch mit dem Stiefvater schlafen. Sie schneidet sich auch, fri\u00dft, kotzt und hungert, hat Neurodermitis und kratzt sich die Arme wund, alles, wie es im Lehrbuch der Borderlinest\u00f6rung steht.<br \/>\nIrgenwann versucht sich Marie offenbar am Luster zu erh\u00e4ngen, Renate schneidet sie herunter, dann tritt Paul auf den Plan, ein Nervenarzt in dem Renate sich verliebt, das Superkind Marie schnappt ihn ihr aber weg, beziehungsweise verfolgt Renate Paul in der Disco auf die Herrrentoilette und versucht ihn zu vergewaltigen und als der Stiefvater Renate nach Frankreich auf Urlaub schicken will, schl\u00e4gt sie vor, da\u00df Marie fahren soll, damit ihr Paul bleibt, was zur Folge hat, da\u00df Marie mit Paul f\u00e4hrt und Renate  zur\u00fcckbleibt. Sie bricht die Schule ab, w\u00e4hrend Marie Paul nach Paris folgt und Medizin studiert. Zu einer Abtreibung kommt es auch, die Renate f\u00fcr Marie arrangiert und zu  der Einbildung, da\u00df Paul Renate vergewaltigt hat.<br \/>\nIrgendwann stirbt der Stiefvater, der inzwischen nach Griechenland gezogen ist, Renate f\u00e4hrt zum Begr\u00e4bnis, f\u00fchlt sich dort als Au\u00dfenseiterin und wird von Marie und Paul zu psychologischen Tests gezwungen, so da\u00df sie ihnen Medikamente in die Getr\u00e4nke mischt und w\u00e4hrend die beiden schlafen, ihre M\u00fcnder mit Superkleber zusammenpickt. Dann reist sie ab und das f\u00fchrt zu dem Beginn des Romans, bei dem Renate Assistentin einer Werbefilmfirma ist und in einem Magazin, die Fotos von Marie und Paul entdeckt, \u00fcber deren Hochzeit berichtet wird. Renate, die f\u00fcr eine Darstellerin ein Kost\u00fcm kaufen soll, steckt im Kaufhaus einen Kinderpyjama in ihre Tasche. Man erf\u00e4hrt, einen solchen hat als Kind Marie getragen und fl\u00fcchtet vor der Security in Maries leere Wohnung. Man erf\u00e4hrt, es gibt inzwischen ein Wegweisverbot, Renate darf der Wohnung nicht zu nahe kommen. Sie dringt trotzdem in die leere Wohnung ein und erz\u00e4hlt in einem rasanten Plauderton, der fortw\u00e4hrend, die Wirklichkeit mit der Fiktion vermengt und Binsenweisheiten, wie auch Wahrheiten und Gef\u00fchle von sich gibt,  bzw. im Selbstmitleid schwelgt, die bisherige Geschichte.<br \/>\nDas ist faszinierend, denn ich denke, wenn die Renate auch Z\u00fcge und Erlebnisse von zehn Mi\u00dfbrauchskindern und Borderlinepers\u00f6nlichkeiten aufweist, erf\u00e4hrt man viel aus der Welt der psychischen Abgr\u00fcnde. Aber die Renate ist eine negative Superheldin, irgendwo habe ich gelesen, da\u00df es kein Buch gibt, wo eine Frau derart b\u00f6s geschildert wird und dann schwatzt sie auch noch fortw\u00e4hrend vor sich hin, w\u00e4hrend sie keucht, kotzt, spukt und sich aus Liebe die gr\u00f6\u00dften Grausamkeiten ausdenkt, die dann meistens noch mi\u00dflingen.<br \/>\nEs geht in der nicht ganz linear erz\u00e4hlten Geschichte gleich weiter mit einem Mord an Freund oder Ehemann, den Renate so nebenbei begeht und der am Ende gar nicht entdeckt wird, sie ermordet auch den Hund ihrer Chefin, w\u00e4hrend sie dazwischen Hilfsdienste in ihrer Filmfirma macht, eine kindliche Darstellerin vom Flughafen abholt, ihr dabei auf die Schenkel grapscht und in einer Fleischerei zehn Kilo Lungenbraten f\u00fcr die Katzen, die im Werbespot auftreten sollen, bestellt, dann kehrt sie noch einmal in Maries leere &#8216;Wohnung zur\u00fcck, findet dort ein Kuvert mit ihren Namen in dem die Einladung zu Maries Hochzeit und f\u00fcnfhundert Euro stecken und es wird vollkommen verr\u00fcckt.<br \/>\nRenates Reise nach Paris zu der Hochzeit, wo sie ein Skalpell in der Tasche tr\u00e4gt, um Marie zu z\u00fcchtigen, kann man wahrscheinlich, als Reise in eine Psychose deuten und es passiert sehr viel dabei, was eigentlich nicht wichtig ist, aber Lydia Mischkulnig, habe ich einmal gelesen, hat einen scharfen Blick f\u00fcr Details.<br \/>\nSo hat Renate die verschiedensten Erlebnisse, kommt schlie\u00dflich an den Ort der Hochzeit, sieht Paul, erf\u00e4hrt, da\u00df Marie w\u00e4hrend seines Polterabends allein in der Wohnung ist und dringt mit dem Skalpell in diese ein, fesselt und knebelt Marie und kocht sich, weil sie zwschendurch hungrig wird, auch noch Nudeln, was  in einer Rezension, als gro\u00dfartige Szene beschrieben wird. Renate fliegt anschlie\u00dfend nach Wien zur\u00fcck, erwartet am Flughafen verhaftet zu werden, kommt auch in eine forensische Klinik, wo sie sich an den Schreibtisch setzt, um ein Buch \u00fcber die &#8220;Schwestern der Angst&#8221; schreiben, das sicherlich ein Bestseller wird&#8230;.<br \/>\nLydia Mischkulnig ersten, 1994 bei Droschl erschienenen Roman &#8220;Halbes Leben&#8221; habe ich gelesen, der handelt von einem einbeinigen Mann, der zu einem Begr\u00e4bnis f\u00e4hrt oder es ausrichtet, da habe von dieser rasenden Sprachgewalt noch nicht so viel bemerkt, die war f\u00fcr mich erst 1996 zu erkennen, als sich Lydia Mischkulnig in Klagenfurt mit \u00e4hnlicher Brillanz und rasender Hektik einen der Preise erlesen hat. Dann kam  &#8220;Hollywood in Winter&#8221;  und noch einige B\u00fccher, die ich nicht gelesen habe. Dann war ich bei den<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/04\/17\/erzahlmuster-i-und-ii\/\"> Erz\u00e4hlmustern<\/a> in der Alten Schmiede, wo offenbar die &#8220;Neun Heimsuchungen&#8221; vorgestellt wurden, wo Lydia Mischkulnig eine ebenfalls sehr kunstvolle Geschichte las, wo sich eine Frau in einem  Ganzk\u00f6rperoverall erstickt.<br \/>\nAus den &#8220;Schwestern der Angst&#8221;, habe ich sie im letzten Herbst bei &#8220;Rund um die Burg&#8221; lesen geh\u00f6rt und weil Anfang des Jahres das Buch auf so vielen B\u00fccherblogs besprochen  wurde, bin ich neugierig geworden, denn die Geschichte, wie aus Kindern T\u00e4ter und aus T\u00e4tern Opfer werden, interessiert mich ja sehr.<br \/>\nHier f\u00fcrchte ich, hat Lydia Mischkulnig mit ihrer Sprachgewalt und ihrem Detailblick \u00fcbertrieben und aus der Eifersucht des mi\u00dfbrauchten Kindes sowohl eine Fallstudie, als auch einen Krimi, ein Horroszenario u. u. u. gemacht.<br \/>\nWeniger ist wahrscheinlich mehr, denn dann h\u00e4tte man mehr B\u00fccher zu lesen und auch mehr Zeit, die vielen Details und Beschreibungen zu verdauen. Und ein mi\u00dfbrauchtes Kind sollte eigentlich nicht nur ein zur Schau gestelltes Monster sein, an dem die Leser sich erg\u00f6tzen, auch wenn es nat\u00fcrlich sowohl Morde, Psychosen, W\u00fcnsche, Sehns\u00fcchte, Eifersucht, Burner, Cutter und auch unterdr\u00fcckte Frauen gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Schwestern der Angst&#8221;, ist ein Buch der Maximalkapazit\u00e4t und die 1963 in Klagenfurt geborene Lydia Mischkulnig, eine brillante Erz\u00e4hlerin, gnadenlos jagt sie ihre Geschichten und Bilder in den sch\u00f6nsten und auch manchmal etwas kitschig klingenden S\u00e4tzen und Worten voran und &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=5930\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-5930","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5930"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5930\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}