{"id":59374,"date":"2018-02-24T07:46:37","date_gmt":"2018-02-24T06:46:37","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=59374"},"modified":"2018-02-24T07:46:37","modified_gmt":"2018-02-24T06:46:37","slug":"komm-in-den-totgesagten-park-und-schau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=59374","title":{"rendered":"Komm in den totgesagten Park und schau"},"content":{"rendered":"<p>Zu den momentanen Trends der Gegenwartsliteratur scheint die Dystopie zu z\u00e4hlen, die Beschreibung vom Niedergang einer Gesellschaft in einer rechtsradikalen Kultur, die in der Zukunf spielt, die wenn man genauer hinschaut, vielleicht sogar die Gegenwart ist.<\/p>\n<p>Helmuth Kraussers <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/02\/02\/waehrend-der-weltmeisterschaft\/\">&#8220;Weltmeisterschaft&#8221;<\/a> w\u00e4re so ein Beispiel, dann hat es vor kurzem einen <a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/unterhaltung\/film\/filmmittwoch-im-ersten\/sendung\/aufbruch-ins-ungewisse-102.html\">Film im ARD<\/a> gegeben, der die Flucht aus Deutschland nach S\u00fcdafrika nach der Macht\u00fcbernahme der Rechten zeigt, der die Identit\u00e4ren sehr erboste und mit <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/komm-in-den-totgesagten-park-und-schau.html\">Andre Kubiczeks neuem Buch<\/a>, wird man wieder in eine solche Welt geworfen, wo man sich zuerst in der Zukunft glaubt und sich dann \u00fcberlegt, ob es nicht vielleicht doch die nackte Gegenwart ist, die das Buch, wenn nat\u00fcrlich abgehoben und mit vielen Stilmitteln, wie beispielsweise Durchstreichungen im Text, die f\u00fcr mich nicht so ganz nachvollziehbar waren, beschreibt.<\/p>\n<p>Von dem 1969 in Berlin geborenen Andre Kubiczek habe ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/09\/skizze-eines-sommers\/\">&#8220;Skizze eines Sommers&#8221;<\/a> gelesen, das 2016 auf der Shortlist des dBp stand, einen leichten Sommerroman, der die sch\u00f6ne Erinnerung eines Jugendlichen im Sommer 1985 in Potsdam, glaube ich, schildert, der von seinem ins Ausland reisenden Vater mit tausend Mark zur\u00fcckgelassen wurde und der nun seine erste Liebe erlebt.<\/p>\n<p>Die DDR war nicht so sch\u00f6n, sondern\u00a0 eine Diktatur, der Held und vielleicht auch sein Autor Sohn eines Funktion\u00e4rs konnte man so sagen. Erinnerungen k\u00f6nnen trotzdem positiv vorhanden sein und eine sturmfreie Bude mit viel Geld ist vielleicht sehr sch\u00f6n und auch jetzt geht es um die DDR beziehungsweise um ihre Lyrik.<\/p>\n<p>Das Buch wird in drei Str\u00e4ngen erz\u00e4hlt, die von drei Personen Felix, Marek und Veit erz\u00e4hlt werden und, da\u00df Kapitel beziehungsweise Teile Namen haben, scheint auch eine Spezifit\u00e4t der j\u00fcngsten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/02\/16\/schoene-seelen-und-komplizen\/\">Neuerscheinungen<\/a> zu sein<\/p>\n<p>Es beginnt dramatisch, der achtzehnj\u00e4hrige Felix der gerade sein Abitur hinter sich hat, sitzt vor Weihnachten in einer H\u00fctte in der Tschechei hinter der deutschen Grenze und schreibt einen Brief an seine Freundin Nina in der er ihr die Ereignisse schildert, die im Laufe des Geschehens klar werden.<\/p>\n<p>Da sind die vielen Ausstreichungen und Durchstreichungen in dem Brief, wie gesagt, ein Stilmittel das ich nicht ganz verstehe und mir nicht ganz logisch erschien. Es ist aber sehr spannungswgeladen, denn Felix befindet sich offenbar auf der Flucht in dieser H\u00fctte. Der Freund seines Vater mit dem er dort ist, h\u00e4lt sie dort gefangen, sie haben die Handies weggeworfen, verdunkeln die Fenster, heizen ein, es stinkt, der Freund ist paranoid und verl\u00e4\u00dft nur einmal in der Woche die H\u00fctte um einzukaufen.<\/p>\n<p>Nach und nach erf\u00e4hrt man was geschah, durch Felix und dem Vater Marek, der auch einen Brief an seinen Sohn schreibt, um ihm n\u00e4her zu kommen, w\u00e4hrend Veit sich sozusagen durch das Leben trinkt.<\/p>\n<p>Der Vater Marek ist Professor f\u00fcr Literatur, von seiner ersten Frau und seinen Kindern Laura und Felix schon lang getrennt. Er hat eine zweite Frau mit zwei Kindern und Mareks Geschichte beginnt, als er vom Pf\u00f6rtner des Jugendamtes zusammengeschlagen wurde, das ihm wegen der Verletzung der Sorgfaltspflicht der beiden adoptieren T\u00f6chter bestellt hat.<\/p>\n<p>Es ist schon ein dystopes Bild, in dem Marek sich nicht wehren kann. Dann f\u00e4hrt er auf die Uni, h\u00e4lt seine letzte Vorlesung \u00fcber die DDR-Lyrik vor der Sommerpause. Geht dann in sein Sprechzimmer in den Keller, wo er sowohl seinem Assistenten Veit Stark, als auch die dunkelh\u00e4utige Studentin Noa Snow, die eigentlich Karoline Schmidt hei\u00dft, begegnet.<\/p>\n<p>Von Felix erfahren wir dann, da\u00df er vor dem Abi mit seinen Klassenkameraden auf eine Demostration nach K\u00f6ln fuhr. Mit Nina und mit Sascha, der offenbar ein Nebenbuhler war, der ihm als Nina ihn einen Nazi nennt, auffordert, das Auto eines Burschenschaftler abzufackeln.<\/p>\n<p>Deshalb ist am Cover des Buches\u00a0 und auch darin immer wieder ein brennendes Streichholz, \u00e4hnlich wie bei dem Buch von<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/17\/wir-kommen\/\"> Ronja von R\u00f6nne<\/a> zu sehen.<\/p>\n<p>Er tut es, versteckt sich eine Woche und als er Nina doch besuch,t um nachzuschauen, wie es ihr geht, entdeckt er sie in den Armen Saschas und als noch eine Aufforderung von der Polizei kommt sich zu melden, haut er nach Berlin zu seinem unbekannten Vater ab, von dem er vorher im Antiquariat ein altes Reclamb\u00fcchlein mit DDR-Lyrik gekauft hat, da\u00df der Vater herausgegeben hat.<\/p>\n<p>Gedichtanf\u00e4nge von DDR-Gedichten sind \u00f6fter auch die Kaptielanf\u00e4nge und Veit Stark ein paranoider Llooser, der lustig vor sich hins\u00e4uft, der Assistent von Marek hat ein zweijahres Stipendium, um an dieser Lyrik zu forschen beziehungwweise seine Dissertation dar\u00fcber zu schreiben. Das geht nicht sehr gut, denn Veit l\u00e4\u00dft seine Wohnung verkommen und postet auch Hassnotizen im Internet. Bei einer begeht er dabei den Fehler sein Profil zu enttarnen, was ihn in \u00c4ngste st\u00fctzt und er bekommt dann auch ein Mail von Noa Snow, das ihn in gro\u00dfe Aufregung versetzt.<\/p>\n<p>Sie m\u00f6chte aber nur ein Interview mit ihm machen, bezeihungweise eine Seminararbeit \u00fcber ihn schreiben. So bahnt sich\u00a0 eine zarte Liebesbeziehung an, die darin gipfelt, da\u00df Veit mit ihr das Sommerh\u00e4uschen seiner Schwester besuchen, beziehungsweise ihr die Plattenbausiedlung zeigen will, in die er aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Mareks \u00c4rger mit dem Jugendamt verdichtet sich indessen, die Sozialarbeiterin taucht mit dem Schlosser und einer Polizistin unerwartet zum Hausbesuch auf, als Marek noch betrunken von der Nacht mit Veit ist und die Tochter Bibi, die Schule schw\u00e4nzete.<\/p>\n<p>Das ist eine der eindruckvollsten Szenen in dem Buch. Die Schilderung, wie Bibi, in der Schule von einem Mitsch\u00fcler verletzt wurde Die Direktorin dem Vater aber erkl\u00e4rt, sie w\u00e4re von der Rutsche gefallen, weil der Sch\u00fcler Sohn von einflu\u00dfreichen Eltern ist, die die Schule leicht einmal verklagen und Recht bekommen und als Marek dann versucht, Mails an den Vater zu schreiben, bezichtigt ihn der des Stalkings.<\/p>\n<p>Er gibt auf, seine Frau Adriana macht aber weiter, so da\u00df die Schule das Jugendamt schickt und als Marek noch Veit davon erz\u00e4hlt, bricht der mit ihm zu der Wohnung der Sozialarbeiterin auf, wo es dann zu einem Unfall kommt.<\/p>\n<p>Man sieht, das buch ist sehr gewaltt\u00e4tig, denn auch Noa wird in der ehemaligen Plattenbausiedlung niedergeschlagen und verletzt, so da\u00df alle drei einen Fluchtgrund haben, die sie in die tschechische H\u00fctte brachte, wo Veit und Marek sich niedersaufen, Felix sich zu Weihnachten, nachdem sie sich ein halbes Jahr versteckten,\u00a0 aber davon l\u00f6sen kann und ins Leben zur\u00fcckkehrt. Das Buch endet mit einem Brief Ninas, wo sie ihre Sicht der Dinge und den Freund als verr\u00fcckt erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Sehr eindrucksvoll und spannend diese Dystopie, die eigentlich davon erz\u00e4hlt, da\u00df es seit dem Niedergang der DDR eigentlich um nichts besser geworden ist. Gewalt und Terror herrschen, die Mittelschicht vor sich hinsumpert und die sogenannten Looser von den sogenannten Besserverdienenden nieder und fertiggeklagt werden.<\/p>\n<p>Eigentlich gar nicht so viel von Realit\u00e4t entfernt, wenn man wahrscheinlich auch noch nicht gleich vom Pf\u00f6rtner des Jugendamts niedergeschlagen wird und ein Teil der Gewalt auch durch den Alkohl entsteht, der wahrscheinlich f\u00fcr sehr viel\u00a0 verantwortlich ist und dagegen, als Kontrast steht die DDR-Llyrik. Die Gedichte von Sarah Kirsch, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/03\/22\/leipzig-liest\/\">Rainer Kunze<\/a> und auch Johannes R. Becher, dem ehemaligen DDRKulturministers, der vielleicht auch nicht so gewaltfrei war, das ich sehr interessant finde.<\/p>\n<p>Den Titel des Buches, kann ich noch anmerken, habe ich auch nicht ganz verstanden, da das Buch ja in der h\u00fctte der Schwester Veits, in das die drei, sich nach ihren Gewalterlebnissen fluchtartig zur\u00fcckgezogen haben, und eigentlich in keinen Park spielt, wenn man nicht die ehemalige und jetzt niedergerissene Plattenbausiedlung in der der paranoidgewaordene Veit aufgewachsen ist, daf\u00fcr h\u00e4lt. Aber vielleicht ist das auch ein Gedichtanfang und am Buchr\u00fccken kann man noch lesen, da\u00df Andre Kubiczek eine &#8220;Vater-Sohn-Beziehung im Ausnahmezustand schildert &#8211; und \u00fcbertrumpft unsere absurde Wirklichkeit nicht durch \u00fcberdrehte Volten, sondern zeigt fabelhaft, wie sich die Apokalypse t\u00e4nzelnd n\u00e4hert.&#8221;<\/p>\n<p>Das zweitere bef\u00fcrchte ich fast auch, von der Vater-Sohn Beziehung war dagegen nicht viel zu merken, beziehungsweise wurde sie in Whisky und Bier ersoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den momentanen Trends der Gegenwartsliteratur scheint die Dystopie zu z\u00e4hlen, die Beschreibung vom Niedergang einer Gesellschaft in einer rechtsradikalen Kultur, die in der Zukunf spielt, die wenn man genauer hinschaut, vielleicht sogar die Gegenwart ist. 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