{"id":59633,"date":"2018-03-10T00:21:58","date_gmt":"2018-03-09T23:21:58","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=59633"},"modified":"2018-03-10T00:21:58","modified_gmt":"2018-03-09T23:21:58","slug":"fliegende-hunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=59633","title":{"rendered":"Fliegende Hunde"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wirklich tolles Buch. Das Debut des Jahres, k\u00f6nnte man es vielleicht so pathetisch nennen, eines von dem, ich hoffe, es vielleicht auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/09\/deutscher-buchpreis\/\">Longlist<\/a> zu sehen, denn meiner Meinung nach sind <a href=\"https:\/\/www.ullstein-buchverlage.de\/nc\/buch\/details\/fliegende-hunde-9783961010066.html\">Wlada Kolosowas &#8220;Fliegende Hunde&#8221;<\/a> viel aufregender als im Vorjahrt Sasha Mariana Salzzmanns <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/09\/21\/ausser-sich\/\">&#8220;Au\u00dfer sich&#8221;<\/a>, das als so au\u00dfergew\u00f6hnlich gelobt wurde, was ich bis heute nicht nachvollziehen kann.<\/p>\n<p>Wieder geht es um eine Exilrussin wurde Wlada Kolosowa doch 1987 in Sankt Petersburg geboren, wuchs in Deutschland auf und studierte sogar Creative Writing in New York bei\u00a0 Jonathan Safran Foer und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=swingtime\">Zadie Smith.<\/a><\/p>\n<p>Vielleicht ist deshalb ihre Geschichte so ungew\u00f6hnlich und nicht so abgelutscht, wie die Familiengeschichte der Sasha Mariana Salzmann, die ich schon hundertmal gelesen habe.<\/p>\n<p>Jetzt geht es direkt in das Sankt Peterburg von heute, oder nein, richtiger in das fiktive Vorst\u00e4dtchen &#8220;Krylatowo&#8221;, wo zwei sechszehnj\u00e4hrige Teenager Lena und Oksana, das Buch hat wieder<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/02\/24\/komm-in-den-totgesagten-park-und-schau\/\"> Kapitelnamen<\/a>, in einer Plattenbausiedlung leben, zur Schule vorbei an den Alkoholikern der Siedlung, den jungen M\u00fctter und den Omchen gehen und sich in dieser Trostlosigkeit in ein trendiges Leben tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Wie tut man das in einer russischen Plattenbausiedlung? Lena hat es scheinbar geschafft, n\u00e4mlich bei einem Casting in ihrer Schule gewonnen, einen Modelvertrag unterschrieben und wurde nach Shanghai geflogen, wo sie nun von einem Rafik streng bewacht in einer wahrscheinlich noch trostloseren Wohnung, f\u00fcr die sie vierhundert Rubel oder Dollar zahlen mu\u00df, mit einer Menge anderer osteurop\u00e4ischer M\u00e4dchen haust, Instantnudeln i\u00dft und von einem Billigcasting zum n\u00e4chsten gefahren wird, w\u00e4hrend es f\u00fcr die weniger Erfolgreichen die sogenannten Nachtcastings, in Clubs, etcetera, gibt.<\/p>\n<p>Trotzdem ist Oksana, die mit ihrer Freundin eng umschlungen Seite an Seite aufwuchs und oft mit ihr im selben Bett \u00fcbernachtete, neidig oder einsam und will auch dorthin.<\/p>\n<p>Wie tut man das? Richtig, man hungert sich auf Modelgr\u00f6\u00dfe hinunter und damit das besser geht, hat Oksana auch die entsprechende Internetseite gefunden: &#8220;leningrad-diet-ru&#8221;, die an die Leningrader Blockade von 1942 erinnert, wo Millionen &lt;menschen von den Deutschen zu Tode gehungert wurden, beziehungsweise Gras und ihre Katzen a\u00dfen und diese Seite verspricht den Teenagern nun ewige Schlankheit, wenn sie sich an die Rezepte von damals halten.<\/p>\n<p>Die sind nat\u00fcrlich streng geheim und im Buch gibt es auch nach de \u00fcblichen Erkl\u00e4rung, da\u00df &#8220;Alle Protagonisten frei erfunden sind&#8221;, die Warnung &#8220;Die angef\u00fchrten Rezepte schaden der Gesundheit, schmecken f\u00fcrchterlich und garantieren keinen Gewichtsverlust&#8221;<\/p>\n<p>Na klar, wird man sagen, wenn man sich erst einmal hineingeschaut hat, da\u00df es da &#8220;Ledersuppe&#8221;, &#8220;Pappmache-Buletten&#8221;, Grask\u00fcchlein gebacken inIndustrie\u00f6l&#8221;,&#8221;Mehl aus Eichelrinde&#8221; etcetera gibt.<\/p>\n<p>Auch Oksana ist da nicht sehr erfolgreich, obwohl sie stundenlang Ledersuppe und Lederpudding kocht oder vor der Brotscheibe mit 125 Gramm sitzt, die ein Teil ihrer Tagesration ist.<\/p>\n<p>So gibt es R\u00fcckf\u00e4lle, Kotzversuche, sie streitet sich mit der Mutter, die gerade Eheprobleme hat, ob sie die teuren Bananen die sie, f\u00fcr sie gekauft hat, essen soll oder nicht und wenn sie \u00fcber den Hof in die Schule oder in die Bibliothek latscht, trifft sie Sergej Mammontow, Mammut, genannt, den Anf\u00fchrer ihrer Klassengang und eine zarte Liebe bahnt sich an.<\/p>\n<p>Aber das kommt erst sp\u00e4ter. Erst geht sie in die \u00f6rtliche Bibliothek, um sich nach der Leningrader Blokade zu erkundigen, will sogar eine Klassenarbeit dar\u00fcber schreiben und unterh\u00e4lt sich mit Lenas Uroma Baba Polja, die die Blockade selbst er- und \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Lena lernt in Shanghai indessen den Fotografen Steve kennen, der sie f\u00fcr Sex protagieren will und besesere Auftr\u00e4ge verschafft. So geht sie mit ihm in die Sauna, wo ihr schlecht wird und jobbt auch in einem Freizeitpark, wo sie sich, als &#8220;Wei\u00dfe&#8221; ausstellen, umarmen und fotografieren lassen mu\u00df. Daf\u00fcr wird aber ihr Vertrag verl\u00e4ngert und sie darf sogar \u00fcber Weihnachten zur\u00fcckfliegen, um ihr Visum zu verl\u00e4ngern und ihre Familie zu besuchen.<\/p>\n<p>Das Internetforum wird indessen immer dr\u00e4nger. Oksana mu\u00df ihren &#8220;fetten Arsch&#8221; fotografieren und hineinstellen und als ein M\u00e4dchen stirbt, weil ihr wegen der Ledersuppe oder war es das Br\u00e4tlingrezept das Bapa Polja Oksana verraten hat, die Magenwand durchgebrochen ist, beginnt sie zu rebellieren, r\u00e4t den Usern aufzuh\u00f6ren und nicht jeden Wahnsinn mitzumachen und auch nicht, die zu verarschen, die vor siebzig Jahren wirklich aus Hunger sterben mju\u00dften.<\/p>\n<p>Die Nachricht wird gel\u00f6scht, Oksana auch geraten nicht zur Polizei zu gehen, wie sie drohte, wird aber ansonsten in Ruhe gelassen und auch Lena reist wieder in ihre ungewisse Modelzukunft, die sie vor ihrer Familie und der Freundin nat\u00fcrlich sch\u00f6nf\u00e4rbt, wieder ab, w\u00e4hrend sich die Mutter wieder mit dem Vater vers\u00f6hnt und Oksana vielleicht in eine bessere oder auch nur genauso trostlose Zukunt mit Mammut, der in einer kalten Wohnung sitzt, sich Oksana aber vorsichtigt ann\u00e4hert und f\u00fcr sie auch exotisches Obst aus einem teuen Supermarkt stiehlt, entgegengeht.<\/p>\n<p>Ein ungew\u00f6hnlich frisches und scharfgeschriebenes Buch \u00fcber das Leben der jungen Frauen in Osteuropa, das ich so auf diese Weise noch nicht gelesen habe und tr\u00f6stlich ist auch, da\u00df es eigentlich hoffnungsvoll endet, Oksana kann sich von der Magersucht l\u00f6sen und i\u00dft mit Lena in St. Petersburg drei fette Krapfen hintereinander. Ob ihre Zukunft in der Vorstadt rosig wird, ist zwar fraglich. Aber vielleicht kann sie studieren oder geht sp\u00e4ter als Altenpflegerin in den Westen und man erf\u00e4hrt auch viel von der Leningrader Vergangenheit und das geht bei Wlada Kolosowa auch ohne, da\u00df sie dabei ihre Familiengeschichte auftischen und wiederholen mu\u00df.<\/p>\n<p>Und die &#8220;fliegenden Hunde&#8221; sind eine Meta\u00fcher, beziehungsweise sahen Lena und Oksana sie am Fenster vor\u00fcberfliegen, als sie vor ihren Model- und Hunerkarrieren aneinandergekuschelt im Bett lagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wirklich tolles Buch. 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