{"id":60113,"date":"2018-03-29T00:55:36","date_gmt":"2018-03-28T22:55:36","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=60113"},"modified":"2018-03-29T00:55:36","modified_gmt":"2018-03-28T22:55:36","slug":"menschenfresser-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=60113","title":{"rendered":"Menschenfresser der Liebe"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt eine<a href=\"https:\/\/homunculus-verlag.de\/produkt\/seitenstechen-menschenfresser-der-liebe\/\"> Anthologie aus einem kleinen, aber feinen Verlag<\/a>, der sich mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/23\/warum-ich-lese\/\">speziellen<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/12\/01\/mr-holmes-krimi-adventkalender\/\"> Themen<\/a> zwischen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/05\/06\/knallmasse\/\">Sci-Fi<\/a> und Experiment gelegen zu besch\u00e4ftigen scheint und den ich, beziehungsweise seinen Leiter Philip Kr\u00f6mer durch das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/18\/ymir\/\">Debutpreislesen<\/a> kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Ja, man lernt, wenn man sich mit der Literatur besch\u00e4ftigt und ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das \u00fcber den Tellerrand hinausschauen gebe ich damit wieder und somit die Empfehlung sich mit den &#8220;Menschenfressern der Liebe&#8221; zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Ein eher d\u00fcnnes zweihundert Seiten B\u00fcchlein, das aber nicht zu Trotz vierzig Texte zu diesem Thema, das, wie von den Herausgebern Joseph Felix Ernst und Philip Kr\u00f6mer in einer\u00a0 Gru\u00dfnotiz erkl\u00e4rt wird, allmufassend ist und nicht nur, wie man naiv meinen k\u00f6nnte, banale Texte \u00fcber den Kannibalismus enth\u00e4lt, wie auch die Namen der teilnehmenden Autoren eindeutig beweisen, denn da gibt es, h\u00f6re und staune, sowohl Texte aus der Bibel, von Wiliam Blake, Dante Alighieri, Ludwig Uhland, Heinrich von Kleist, Walter Benjamin, bis zu Marina B\u00fcttner, die ich ja eigentlich als <a href=\"https:\/\/literaturleuchtet.wordpress.com\/eine-seite\/\">Bloggerin<\/a> kenne, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/02\/03\/zwei-schachteln-voller-buecher\/\">Paul Peter Wiplinger<\/a> mit dem ich einmal, lang lang ists her, in einer Jury sa\u00df und noch immer nicht so recht wei\u00df, ob er jetzt Mitglied des PEN, der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/03\/24\/vollversammlung-zu-fuenfundvierzig-jahre-gav\/\">GAV<\/a> oder vielleicht doch verbotener Weise bei beiden ist, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/02\/15\/wienzeile\/\">Timo Brandt<\/a>, der, glaube ich, einmal Sprachkunst studierte, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/03\/der-vierzigste-bachmannpreis\/\">Jan Snela<\/a>, der beim Bachmannpreis gelesen hat, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/12\/30-jahre-ritter-verlag\/\">CRAUSS,<\/a> den ich einmal bei einer Pr\u00e4sentation des Ritter Verlages in der &#8220;Alten Schmiede&#8221; h\u00f6rte und dessen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/09\/aktuelle-literarische-gesellschaftsbefunde\/\">Buch ich mir dann sp\u00e4ter bei einem &#8220;Morava-Abverkauf&#8221;<\/a> um zwei Euro kaufte, um es <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/22\/von-christel-fallenstein-zu-herrn-faustini\/\">Christel Fallenstein<\/a> zu zeigen, gelesen habe ich es noch immer nicht, denn ich lese ja keine <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/20\/ritter-abend\/\">&#8220;Ritter-B\u00fccher&#8221;<\/a> und und und&#8230;.<\/p>\n<p>Das Buch ist ganz dem Thema entsprechend, in einem Men\u00fcplan aufgegliedert. So gibrt es Kapitel zur &#8220;Potage&#8221;, dann kommt das &#8220;Hors d \u00f2uvre&#8221;, &#8220;Entre&#8221;, &#8220;Poisson&#8221;, &#8220;Sorbel&#8221;, bis zu &#8220;Entremel de fromage&#8221;\u00a0 zum &#8220;Dessert&#8221; und nun hinein in die einzelnen G\u00e4nge, sich wacker durch das Buch gelesen und sich die Textproben k\u00f6stlich auf der Zunge zergehen\u00a0 lassen, von denen, ich kann es nur wiederholen, sich einige, aber nicht alle, mit der Liebe und dem Menschenfressen besch\u00e4ftigen und die meisten einladen, sich weiter und genauer mit der Thematik zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>So jagt die 1986 in Wien geborene Lena Rubey, die 2015 Finalistin beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/22\/open-mike-on-tour\/\">Open Mike<\/a> war, durch den Wald, w\u00e4hrend sich der 1980 geborene Jan Snela, der 2016 beim &#8220;Bachmann-Preis&#8221; gelesen hat, mit dem &#8220;Fr\u00fchst\u00fcck&#8221; besch\u00f6ftigt und Sheik Nefzawi, auch als Abti Abdallah Muhammed an-Nafazawi bekannt, der um 1500 im heutigen Tunesien lebte, gibt ausf\u00fchrliche Anweisungen, wie man seinen Penis lustbringend vergr\u00f6\u00dfern kann und schreibt am Schlu\u00df &#8220;Die Wirksamkeit aller dieser Mittel ist mir bekannt und ich habe sie selbst ausprobiert.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Aha!&#8221;, kann man da nur staunend sagen und zu den &#8220;Zwischengerichten&#8221; weitergehen und hier besipielsweise ein St\u00fcck von Dante oder Ludwig Uhlands &#8220;Kastellan von Coucy&#8221; lesen.<\/p>\n<p>Dann kommt man zu den &#8220;Fischen&#8221; und hier gibt es wieder erstaunliche Texte zu ergr\u00fcnden, beispielsweise, einen Reisebericht von Hans Staden, der 1525 im hessischen Homburg geboren wurde und als Landsknecht im Dienste Spaniens und Portulgals an mehreren Entdeckungsfahren nach dem heutigen Brasilien teilnahm. Dort in Gegangenschaft von Eigeborenen geriet und Zeuge von an\u00a0 seinen Mitreisenden praktizierten Kannibalismus wurde, wie er auch in dem hier abgedruckten &#8220;Kapitel 29: Mit welchen Zeremonien sie ihre Feinde t\u00f6ten und essen. Womit sie sie sie totschlagen und wie sie mit ihnen umgehen&#8221;, schreibt, der wieder mit den Worten &#8220;Dies alles habe ich gesehen und bin dabei gewesen&#8221;, endet.<\/p>\n<p>Zum\u00a0 Sorbet gibt es die &#8220;Diagloge der Karmeliterinnen&#8221;, des 1971 geborenen CRAUSS, dessen &#8220;Motorradheld&#8221; ja noch immer bei mir liegt. Dann geht es zum &#8220;Kamasutra&#8221; und die 1978 in Linz geborene &#8220;Marianne von Willemer-Preistr\u00e4gerin&#8221; Marlene G\u00f6lz bringt in einem Gedicht, die Augen auf die Stirn: &#8220;dein auge auf meiner stirn meine lippen an deinen ohren deine nase in meinem mund so hab ich mir das nicht vorgestellt&#8221;.<\/p>\n<p>Punktum aus oder weiter zum &#8220;piece de resistance&#8221;, dem &#8220;gr\u00f6\u00dften Fleischgang&#8221; und da erz\u00e4hlt uns der 1967 in Saarbr\u00fccken geborene Christopher Ecker von seinen Phantasien, die er im Bus hat, wenn er neben jungen Frauen sitzt und sich vorstellt, wie es w\u00e4re, deren Arme zart mit Wei\u00dfwein und Zitronenscheiben zu braten.<\/p>\n<p>&#8220;Pervers, pervers!&#8221;, k\u00f6nnte man da sagen und zu Heinrich von Kleist \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Danach kommt bald der 1575 in Neapel georene M\u00e4rchensammler Giambattista Basile, der von Felix Lebrecht, wie ich vermute sehr frei \u00fcbersetzte wurde, der uns von einem Floh erz\u00e4hlt, von dem ein K\u00f6niggebissen wurde, der darauf seine Tochter an einen wilden Kerl verheiratet , die dann von den wundersam starken sieben S\u00f6hnen einer alten Frau gerettet wird.<\/p>\n<p>Man sieht, die Anthologie ist \u00e4u\u00dferst vielseitig in ihren Genres. Denn kurz danach erz\u00e4hlt uns, der schon erw\u00e4hnte 1939 in Haslach geborene Peter Paul Wiplinger, der vor kurzem einen Unfall hatte, von dem er sich glaube ich, immer noch erholen mu\u00df, von seinen Erfahrungen in einem &#8220;kindergef\u00e4ngnis&#8221;, wo ihm die Erzieherin, ein &#8220;ehemaligen bdm-Weib&#8221; in den Keller sperrte, was ihm zwar zum Phanatsieren brachte, ihm aber immer noch, trotz seiner &#8220;f\u00fcnfundsiebzig jahre&#8221; w\u00fctend macht, wenn er daran denken mu\u00df.<\/p>\n<p>Der 1987 in\u00a0 Schleswig-Holstein geborene Gorch Maltzen erz\u00e4hlt uns stattdessen in &#8220;Was passiert, wenn man in einem Vulkan springt&#8221; von den sadistischen Spielchen zweier Freunde.<\/p>\n<p>Und zum K\u00e4se gibt es die Jugenderinnerungen eines ebenfalls 1939 geborenen, n\u00e4mlich die von Eckhard Sinzig, der in Krefeld geboren wurde, der wegen einer Frau nach Frankreich ging, sie dort in ihrer Wohnung in der Rue Erlanger 40, besuchte, aber als er das &#8220;Pflaster auf ihren Oberschenkel&#8221; sah, erschlaffte, worauf sie ihn erstaunt &#8220;Est ce que tu ne m` aimes pas?&#8221;, fragte. Woran er als alter Mann wahrscheinlich noch \u00e4hnlich oft, wie Peter Paul Wiplinger, an sein &#8220;kindergef\u00e4ngnis&#8221;, besch\u00e4mt denken mu\u00df.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Gedicht, des schon erw\u00e4hnten, 1992 in D\u00fcsseldorf geborenen Timo Brandt &#8220;Man k\u00f6nnte meinen alles w\u00e4r Pr\u00e4rie, vor allem die menschliche Seele&#8221; und dann geht es wieder in die Vergangenheit n\u00e4mlich zu dem Satriker Jonathan Swift, von dem man heute vor allem seine verharmloste Kinderversion von &#8220;Gullivers Reisen&#8221; kennt, der aber in seinem &#8220;Bescheidenen Vorschlag im Sinne von National\u00f6konomen, wie Kinder armer Leute zum Wohle des Staates, am besten ben\u00fctzt werden k\u00f6nnten&#8221;, eine sehr b\u00f6se Anregung gibt, wie man die Armut von der Welt schaffen k\u00f6nnte. Denn die K\u00f6rper der armen kleinen Kinder schmecken ja sehr lecker, wenn man sie vorher nur ein wenig aufp\u00e4ppelt und dann sanft bratet. &lt;ich habe geh\u00f6rt der &quot;Gulliver&quot; soll im Original \u00e4hnlich\u00a0 satirisch scharf gesellschaftskritisch sein.<\/p>\n<p>Und schon gehts, wenn man da noch nicht kotzen mu\u00df, aber wir sind ja auch in unserer <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/10\/26\/gedanknen-zu-schwarz-blau\/\">sch\u00f6nen heilen Welt<\/a>, starke Kost gewohnt, zum Dessert.<\/p>\n<p>Da nascht der Philosoph Walter Benjamin, der sich, der sich 1940, in Spanien auf der Flucht vor den Nazis, umbrachte von &#8220;Frischen Feigen&#8221;, der 1965 in N\u00fcrnberg, geborene Armin Steigenberger serviert uns &#8220;Kannibalische Kirschen&#8221;, die 1967 geborene, in Berlin lebende Marina B\u00fcttner, die Buchh\u00e4ndlerin war und jetzt Lyrikerin und bildende K\u00fcnstlerin ist, kredenzt und die &#8220;G\u00f6tterspeise&#8221; und zum Schlu\u00df gibt es noch eine sehr witzige Geschichte, des 1951 in Ingelfingen gebornen Eugen Egner, der uns erz\u00e4hlt, was passieren kann, wenn die Eltern einen Dreizehnj\u00e4hrigen in den Konfirmandenunterricht schicken. Ein bi\u00dfen erinnert es an &#8220;H\u00e4nsel und Gretel&#8221; kann ich verraten oder spoilern und damit wieder\u00a0 die Anthologie, die eine wirklich gelungene Mischung von alt und neu und zu meiner \u00dcberraschung auch sehr viel \u00d6sterreichisches enth\u00e4lt, empfehlen.<\/p>\n<p>Denn liest man die zweihundert Seiten, hat man wirklich einen Parcour durch die Literaturgeschichte gemacht oder kann sich nat\u00fcrlich nur entschlie\u00dfen, sich mit dem einen oder anderen Meisterwerkt, wie der Bibel oder der &#8220;G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die&#8221;, beispielsweise weiter zu besch\u00e4ftigen oder auch nur ergr\u00fcnden, was man in den Literaturinstituten lernt oder was sonst die jungen oder auch sch\u00f6n \u00e4lteren deutschsprachigen Schriftsteller in ihren Schubladen haben und, da\u00df es wahrtscheinlich besser w\u00e4re, m\u00f6glichst auf den Fleischkonsum zu verzichten, weil man sich sonst vom Kannibalismus nicht wirklich unterscheidet, lernt man wahrscheinich auch oder nimmt den Gedanken wenigstens mit, wenn man sich vor den n\u00e4chsten Hamburger oder das n\u00e4chchste Schnitzel setzt. Aber jetzt haben wir ohnehin noch Fastenzeit und verzehrt am Gr\u00fcndonnerstag seinen Spinat oder B\u00e4rlauch mit Spiegeleiern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt eine Anthologie aus einem kleinen, aber feinen Verlag, der sich mit speziellen Themen zwischen Sci-Fi und Experiment gelegen zu besch\u00e4ftigen scheint und den ich, beziehungsweise seinen Leiter Philip Kr\u00f6mer durch das Debutpreislesen kennengelernt habe. 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