{"id":6025,"date":"2011-02-26T09:18:56","date_gmt":"2011-02-26T08:18:56","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6025"},"modified":"2011-02-26T09:18:56","modified_gmt":"2011-02-26T08:18:56","slug":"verfahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6025","title":{"rendered":"Verfahren"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Verfahren&#8221;, der neue Dokumentationsroman von Ludwig Laher wirft wieder ein aktuellen Thema auf. Ein h\u00f6chst aktuelles sogar, wurden ja unsere Asylgesetzte ausgerechnet diese Woche versch\u00e4rft und von den Abschiebepraktiken unserer Beh\u00f6rden war in den letzten Monaten und Wochen ebenfalls sehr oft die Rede.<br \/>\nWieder n\u00e4hert sich Ludwig Laher sehr gr\u00fcndlich und bed\u00e4chtig seinem Thema an. So beginnt die teilweise erfundene Geschichte, der Kosovo-Serbin Jelena mit einer Demonstation gegen Frau Minister Fekter, dieser Name wird in dem Buch nicht erw\u00e4hnt und auch Jelena wird in Wahrheit anders hei\u00dfen, um uns dann einen Blick in die Akten der Asylbeh\u00f6rden werfen zu lassen, wo es von Fremdw\u00f6rtern und unverst\u00e4ndlichen Abk\u00fcrzungen nur so wimmelt. So wird Jelena, obwohl sie ja eine junge Frau ist, nur AW &#8211; Asylwerber genannt, nur bei der ASt. &#8211; Antragstellerin ist man etwas gendergerechter.<br \/>\nNach und nach erf\u00e4hrt man die Geschichte, \u00fcber die Ludwig Laher im gestrigen von &#8220;Tag zu Tag&#8221; Interview meinte, da\u00df schlie\u00dflich ohnehin viel zu wenig davon erfunden ist. Jelena ist als Angeh\u00f6rige der serbischen Minderheit im Kosovo aufgewachsen, es gibt einen gewaltt\u00e4tigen, trinkenden Vater, der irgendwann die Familie verlassen hat, so da\u00df Jelena sich nicht mehr an ihn erinnern kann, einen Bruder, der st\u00e4rker, als die Schwester, die Familie verlie\u00df, nachdem das Haus angez\u00fcndet wurde und die beiden kleineren Geschwister darin verkohlten, die Mutter stirbt an Krebs. Jelena kommt in psychiatrische Behandlung und wird in der Neuropsychiatrischen Klinik an den Wert ihrer Matura erinnern, die soll sie machen, um sp\u00e4ter eine gute Zukunftsaussicht zu haben. So klammert sie sich daran, ein  UNMIK-Soldat verschafft ihr eine Stelle als Putzfrau in der Kantine, sie wohnt im leerstehenden Nachbarhaus, besteht die Matura, wird von vier Albanern entf\u00fchrt und vergewaltigt, was sie das scharfe Putzmittel mit dem sie die Klos putzen soll, schlucken l\u00e4\u00dft, so da\u00df sie wieder in die Klinik kommt, wo ihr die \u00fcberforderte aber sehr bem\u00fchte \u00c4rztin, die Flucht als Rettung und Heilung in Aussicht stellt, denn in \u00d6sterreich wird Jelena, meint sie, auf Grunde ihres Schicksals sicherlich  leicht Asyl bekommen wird. Was sich als Irrtum herausstellen sollte, denn die Dolmetscherin, eine Albanerin, ist so schwer zu verstehen, da\u00df im Asylantrag sp\u00e4ter falsche Angaben stehen und die Frage, ob sie krank ist, wird Jelena auch verneinen, denn Krebs, Masern oder Mumps hat sie ja nicht, was schwere Folgen haben wird, denn dadurch wird ihr Antrag abgelehnt und hat man erst einmal falsche Angaben gemacht, l\u00e4\u00dft sich das sp\u00e4ter nicht mehr korriegieren.<br \/>\nDazwischen f\u00fchrt uns Ludwig Laher in einen Gerichtshof und l\u00e4\u00dft uns einer Verhandlung beiwohnen, er schildert auch die Richter als durchaus freundliche Menschen,  die den blondgelockten Dreij\u00e4hrigen, die ihm ihre Sportautos vor die F\u00fc\u00dfe fahren, die freundlich zur\u00fcckschicken. Wir lernen Dr. Zellweger einen Asylrichter kennen, der sich Gedanken zu seinen F\u00e4llen macht, zuh\u00f6rt und gelernt hat, die L\u00fcge von der Wahrheit zu unterscheiden. Denn Ludwig Laher recherchiert genau und versucht objektiv zu berichten.<br \/>\nVon einer blau\u00e4ugigen Gutmenschposition ist das Buch sehr weit entfernt. Dr. Zellweger erz\u00e4hlt uns bzw. Ludwig Laher durchaus F\u00e4lle, wo die Menschen aus den \u00e4rmeren L\u00e4ndern halt versuchen ihr Gl\u00fcck im goldenen Westen zu probieren, wie ein anderer ins Spielcasino geht, klappt es nicht, macht es auch nichts, dann wird schon mal am Tag vor der Verhandlung eingebrochen, weil man, wenn man ohnehin zur\u00fcck mu\u00df, wenigstens etwas haben will, das sich der Familie mitbringen oder am Schwarzmarkt verkaufen l\u00e4\u00dft.<br \/>\nDie Lehrerin kommt vor, die sich in ihrer Pension der Fl\u00fcchtlingsbetreuung widmet und der inzwischen \u00fcber achtzigj\u00e4hrige Arzt, der es der Initiative seiner Mutter verdankte, die vor langer langer Zeit alle Hebel in Bewegung setzte und die Patientenkartei ihres Mannes, einem Wiener Hausarzt nach Hilfsm\u00f6glichkeiten durchsuchte, um wenigstens die Kinder nach dem Anschlu\u00df aus Wien hinauszubringen. Der heiratet in England, emigriert im hohen Alter zu seiner Tochter nach Canada und kommt doch wieder nach Wien zur\u00fcck, um sich dieses anzusehen, bzw. zwei Fl\u00fcchtlingen, die jetzt dort Aufnahme suchen, mit je f\u00fcnfzig Euro im Monat zu unterst\u00fctzen.<br \/>\nEine davon ist Jelena, deren Fall doch wieder aufgerollt wird und die inzwischen eine kleine Wohnung, eine junge \u00d6sterreicherin, die mit ihr Deutsch lernt und eine schon integrierte serbisch-kosovarische Familie, die ihr einen Anwalt besorgte, gefunden hat.<br \/>\nAuch die Stimmen am Stammtisch kommen gelegentlich vor, allerdings nur leise und sehr wenig, denn da h\u00e4lt sich Ludwig Laher, der genau und objektiv berichten, will, wie er ebenfalls im gestrigen Interview erkl\u00e4rte, bewu\u00dft zur\u00fcck. Emotionen schaden nur und auch das Geschimpfe auf das Gesindel und die Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge, die uns nur die Arbeit wegnehmen wollen und uns bedrohen.<br \/>\nSo ist das Lesen des Dokumentationsromans, wie ich meine, sehr zu empfehlen, erf\u00e4hrt man doch sehr viel \u00fcber das Schicksal der Menschen, die zu uns gekommen sind, um eine Weile oder auch l\u00e4nger bei uns zu leben, was man in der Kronenzeitung beispielsweise nicht erf\u00e4hrt.<br \/>\nDie Menschen und die Schicksale bekommen Gesichter und das Leben im Kosovo kann man sich dadurch auch besser vorstellen. So bin ich zum Beispiel sehr erstaunt, da\u00df die psychiatrischen Kliniken dort so gut funktionieren und die Patienten, obwohl das ja sicher nicht leicht ist, so gut wie m\u00f6glich zu betreuen versuchen.<br \/>\nAnsonsten ist mir das Thema ja vertraut, habe ich ja eine Zeitlang Diagnostik bei traumatisierten Asylwerbern gemacht und Ludwig Laher kenne ich auch schon lang. Vor Jahren habe ich ihn entweder bei der GAV oder bei den IG-Autoren, wo er sich ebenfalls sehr engagiert, kennengelernt. War bei einigen seiner Lesungen und habe ihn auch im Radio \u00f6fter geh\u00f6rt. So wei\u00df ich, da\u00df der bei <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/fruehjahr_2011\">Haymon<\/a> erschienene Roman, der dritte Teil einer Reihe ist, mit der sich Ludwig Laher mit den R\u00e4ndern unserer Gesellschaft und den Menschen, denen es nicht so gut geht, besch\u00e4ftigt.<br \/>\n &#8220;Und nehmen, was kommt&#8221;, 2007 ebenfalls bei Haymon erschienen ist der erste Teil, der sich mit dem Schicksal einer slowakischen Romni besch\u00e4ftigt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/04\/einleben\/\">&#8220;Einleben&#8221;<\/a>,  handelt vom Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom, dar\u00fcber habe ich schon berichtet und Ludwig Laher  f\u00fcr die Jury des &#8220;Ohrenschmauses&#8221; empfohlen, jetzt schlie\u00dft er die Reihe mit einem weiteren wichtigen Thema ab.<br \/>\nEine kleine Kritik habe ich nat\u00fcrlich auch, bei dem Buch, das ich gelesen habe, es ist ein vom Verlag zur Verf\u00fcgung gestelltes Leseexemplar, gibt es keine Angaben \u00fcber den Autor und das ist die Struktur, die ich beim Lesen brauche.<br \/>\nGut, ich kenne Ludwig Laher pers\u00f6nlich und kann auch bei Wikipedia nachschauen, da\u00df er 1955 geboren ist, Germanistik studierte, Lehrer war und jetzt als Schriftsteller in St. Pantaleon in Ober\u00f6sterreich lebt. Bei den richtigen B\u00fccher, die ab heute erscheinen, hoffe ich, da\u00df das drinnen steht, denn Angaben \u00fcber den Autor geh\u00f6ren sicher auch zur Objektivit\u00e4t.<br \/>\nEs gibt aber ein ausf\u00fchrliches Abk\u00fcrzungsverzeichnis der juristischen Floskeln und ein Nachwort des Autors, \u00fcber dem er einiges \u00fcber die Entstehungsweise des Buchs erz\u00e4hlt, das am 7. 4. um 19 Uhr in der Alten Schmiede vorgestellt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Verfahren&#8221;, der neue Dokumentationsroman von Ludwig Laher wirft wieder ein aktuellen Thema auf. 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