{"id":61280,"date":"2018-05-12T00:39:02","date_gmt":"2018-05-11T22:39:02","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=61280"},"modified":"2018-05-12T00:39:02","modified_gmt":"2018-05-11T22:39:02","slug":"signalstoerung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=61280","title":{"rendered":"Signalst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt, obwohl ich ja eigentlich keine Erz\u00e4hlungen mag, ein <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/signalstoerung.html\">Erz\u00e4hlband<\/a>, der 1977 in Chemnitz geborenen Kirsten Fuchs, von der ich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/04\/13\/heile-heile\/\">&#8220;Heile, heile&#8221;<\/a> gelesen habe und, wie ich dem Klappentext entnommen habe, Star der Berliner Leseb\u00fchne ist, ein Buch, das erstaunlich realistische Themen aufgreift, was mir sehr sympathisch ist und mich auch etwas erstaunte, weil ich den Roman ja, glaube ich, als eher &#8220;wortr\u00e4uschig&#8221;erlebte.<\/p>\n<p>Also erstaunlich interessante Geschichten zu h\u00f6chst aktuellen Themen sprachlich originell und, wie ich meine, auch etwas vorwitzig erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nach zwei Aufw\u00e4rmgeschichten, die vom Fu\u00dfballspielen auf einer Insel und einem n\u00e4chtlichen Schw\u00e4rmer, der auf Grund eines einschneidenden Erlebnissen zu trinken aufh\u00f6rt, geht es gleich hinein in das Medias res, oder nein, eigentlich zu einem Journalisten, der in einem Club kommt, um eine Band zu interviewen. Er ist zu fr\u00fch dran, so bringt ihm der Angestellte dort ein Bier und erz\u00e4hlt ihm dann eine Geschichte, wie er zu trinken aufgeh\u00f6rt hat, was wie man merken kann, ein Thema f\u00fcr Kirsten Fuchs sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Seine Frau hat ein Haus geerbt, weil sie vorher das Ehepaar, das dort lebte, gepflegt hat. Jetzt steht der tote alte Mann, der, wie der Erz\u00e4hler meinte, am Ende seines Lebens rassistisch wurde und vorher, weil er wahrscheinlich keine Wahl hatte, bei den Wehrmachtssoldaten, im Garten und erz\u00e4hlt dem n\u00e4chtlichen Heimkehrer, wie es war im Krieg, wo er in die Leute geschossen hat, aber eigentlich nicht viel davon gesehen hat, weil er beim Schie\u00dfen immer die Augen schlo\u00df.<\/p>\n<p>Man sieht h\u00f6chst originell, nicht nur die Themenwahl, die das bei dieser Geschichte ja nicht wirklich ist, sondern auch der Ton, in dem erz\u00e4hlt wird und so geht es auch gleich weiter zu einem anderen Hausmeister, einem der in einer Kita arbeitet, also meistens im Keller steht und dort die kaputtgegangenen Spielzeuge reparieren soll. Seine Chefin namens Sabine hat ihm aufgetragen, sich ein wenig herumzuh\u00f6ren, denn sie hat einen &#8220;unangemessenen Brief&#8221; bekommen. Also tut er es aus dem Fenster und h\u00f6rt, wie die Mamis ihren Kleinen, die zum Teil &#8220;Minala&#8221; oder anders hei\u00dfen, erkl\u00e4ren, warum sie leider leider, obwohl sie es nicht wollen, da die Mami arbeiten mu\u00df, in die Kita m\u00fcssen. Die lebt vom Integrationsbedarf ihrer Integrationskinder und als er den Drucker reapieren mu\u00dft, stellt sich Herr Gustav vor, wie der Erzieher auf ihn eigeredet hat und formuliert dabei die Flosklel, die er dabei verwendet hat.<\/p>\n<p>Da ist dann von &#8220;Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen&#8221;, also &#8220;Sag mir doch mal, was du hast, hm. Bestimmt versteh ich dich viel besser, wenn du es mir sagst. Hast du ein Blatt quer sitzen?&#8221;- bis zu &#8220;Soziale Isolation als Strafe&#8221; &#8211; &#8220;Du kommst jetzt runter zum Hausmeister&#8221;, der nat\u00fcrlich sofort wei\u00df, woran es liegt und den Schatten beheben kann.<\/p>\n<p>In diesem Tonfall geht es munter weiter zur &#8220;Signalst\u00f6rung&#8221;, der dem Buch den Titel gebenden Geschichte. Und da sitzen zwei Frauen namens Nermin und Jagwida in einem aufgelassenen Schulungscenter der Bundesbahn und sollen die Pl\u00e4ne f\u00fcr die Bahn erstellen. Es sind offenbar die Zeiten der Fl\u00fcchtlingswelle und Sonderz\u00fcge m\u00fcssen eingeplant, Demonstrationen beachtet werden und die Ger\u00fcchtek\u00fcche spielt\u00a0 nat\u00fcrlich auch eine gro\u00dfe Rolle und ganz besonders zynisch und wahrscheinlich, wie ich, die ich ja auch sehr viel mit vom AMS betreuten Klienten arbeite, ein wenig hilflos, anmerken m\u00f6chte, ist das &#8220;Kleinjobcenter&#8221; und auch ein bi\u00dfchen autobiografisch, denn da hei\u00dft, die Heldin &#8220;Frau Fuchs&#8221; und die hatte eine Krise oder eine Schreibhemmung. So kam der schon geplante Vorschu\u00df nicht und sie mu\u00df f\u00fcr ein halbes Jahr &#8220;Unterhaltsbevorschu\u00dfung&#8221; beantragen.<\/p>\n<p>Wie das erz\u00e4hlt wird, ist k\u00f6stlich bis tragisch komisch, denn man stolpert da zuerst \u00fcber jede Menge von &#8220;Hartvierwitzen&#8221;, da man zuerst gar nicht lustig findet. Dann kommt die Antragsstellerin zu ihrer Betreuungskraft, macht zuerst ein paar Vorschl\u00e4ge, die auch wohlwollend, &#8220;Wir werden einen Antrag stellen!&#8221;, aufgenommen werden und dann, als sie gehen will wird sie noch gefragt, ob sie auch einen Antrag auf den ihr zustehenden monatlichen &#8220;Hartzvierwitz&#8221; machen will und der Clou der gar nicht so lustigen Geschichte ist, das Geld kommt, ein halbes Jahr sp\u00e4ter, f\u00fcr das es ja eigentlich gedacht war, so da\u00df sie es gleich ihren wohlwollenden Freunde, die ihr inzwischen aushalfen, zur\u00fcckgeben und sich wahrscheinlich denken konnte, da\u00df sie sich den Aufwand, wenn er nicht Recherchematerial f\u00fcr eine Geschichte gewesen w\u00e4re, sparen h\u00e4tte k\u00f6nnen und sie f\u00fcgt dann noch die Frage an, wie es wohl denen geht, die nicht nur verr\u00fcbergehend und auch nur recherchieren auf die Leistungen des Jobcenters angewiesen sind?<\/p>\n<p>In &#8220;Onkel&#8221; f\u00e4hrt eine Frau von Besuch bei einer Freundin vom Stadtrand im Bus nach Hause und belauscht dabei das Gespr\u00e4ch eininger Jugendlichen, die zu ihrer Clique am anderen Ende der Stadt fahren:<\/p>\n<p>&#8220;Hast du was?&#8221; -&#8220;Nee&#8221; &#8211; &#8220;Schei\u00dfe. Wo kriegen wir was her?&#8221; &#8211; &#8220;Wei\u00df nicht.&#8221;&#8230;., w\u00e4hrend in &#8220;Casablanca&#8221; einer zum Flughafen f\u00e4hrt, sich dort in ein Cafe setzt, wo er schon die Stammg\u00e4ste kennt und auf seine Freundin wartet, mit der einmal in dem ber\u00fchmten Film war und die ihn danach verlassen hatte, weil er dabei nicht weinen und auch nicht &#8220;Ich liebe dich!&#8221;, zu ihr sagen konnte.<\/p>\n<p>Und in &#8220;La Schuhkran&#8221; wird 2003 nach Syrien gereist, wo man das noch gefahrlos konnte. Das hei\u00dft, so ganz gefahrlos war es auch nicht, wenn man zu Weihnachten eine Freundin besuchen wollte, die auf der deutschen Botschaft arbeitete, wenn man vorher in Israel war. Gut, da konnte man sich einen anderen Pass besorgen, aber weil man das 2004 nicht schon wieder tun konnte, wudre man in Amerika am Flughafen aufgehalten und genau befragt, was man da gemacht hat.<\/p>\n<p>Weihnachten gefeiert ganz klar, aber wo bekommt man in Damaskas Weihnachtsgeschenke her, wenn man am Markt von jeden angesprochen wird, in Gesch\u00e4fte gelockt und dann mit Datteln herauskommt, so kommt am Schlu\u00df ein doppeltes Zungenk\u00fc\u00dfen und vielleicht ein Partnertausch heraus.<\/p>\n<p>In &#8220;Erbe&#8221; kommt einer in das verfallene Haus mit Garten in dem verfallenen D\u00f6rfchen seiner Jugend zur\u00fcck, um seinen Vater zu pflegen und wahrscheinlich auch biographisch, f\u00e4hrt ein paar mit Kind einen &#8220;Nachtschrank&#8221; zum Schuster, denn der Schl\u00fc\u00dfel ist verloren und darin steckten Tageb\u00fccher, die die Mutter mit zw\u00f6lf, also im Jahr der Wende geschrieben hat. Die Tochter fragt neugierig nach, was der ganze Aufwand soll und versteht nicht ganz, warum man einem Land, das es nicht gibt, nachsp\u00fcren will?\u00a0 Das versteht nur der Schuster Roman, der auch aus einem solchen kommt.<\/p>\n<p>Und dann ist noch eine Frau zu Hause, weil das Kind krank geworden ist. Sie beschlie\u00dft die Wohnung zu putzen, bleibt aber am T\u00fcrspion h\u00e4ngen, um von dort das Gespr\u00e4ch der Nachbarn am Gang zu erlauschen, w\u00e4hrend das Kind Pfirsiche essen will.<\/p>\n<p>Surreal kann es Kirsten Fuchs auch und spielt das in allen T\u00f6nen, so habe ich &#8220;Maran&#8221; nicht ganz verstanden, w\u00e4hrend es im &#8220;Rosa Mantel&#8221; offenbar, um die\u00a0 verdr\u00e4ngten Anteile geht. Da liegt eine Frau in der Badewanne hat eine Haarsp\u00fclung am Kopf, f\u00fcrchtet sich vor dem Fremden und bekommt die ganze Zeit, die Begegnung und den Geruch der Obdachlosen, die sie in der U-Bahn begegnete, nicht aus dem Kopf und dann ist die pl\u00f6tzlich in der Wohnung und wird von ihr gebadet.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt eine junge Frau mit einem Hund mit dem Rad von Berlin an die Ostsee, will Zelten und die Angst,\u00a0 was da alles geschehen kann, l\u00e4\u00dft sie nicht aus, obwohl und das ist vielleicht das Teufliche an der Sache, gar nichts passiert und um den Kreis zu schlie\u00dfen, geht es noch einmal in die DDR zur\u00fcck, in die Zeiten, wo ich Erz\u00e4hlerin zw\u00f6lf war, die Mauer fiel, das erste Tagebuch geschenkt wurde und auch die erste Monatsblutung passierte, die im Osten offenbar &#8220;Besuch aus Moskau&#8221; genannt wurde, nat\u00fcrlich Blut ist rot und das ist die rote Armee offenbar auch und am Schlu\u00df wird noch vom ersten Mai erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Den &#8220;Tag der Arbeit&#8221;, wo die M\u00e4nner an der Demonstration teilnahmen, die Mutter mit der Neuen ihres Sohnes kocht und am Schlu\u00df sitzen alle im Garten und begl\u00fcckw\u00fcnschen sich:<\/p>\n<p>&#8220;Als die M\u00e4nner sagten, da\u00df die beiden K\u00f6chinnen hoch- hoch- hochleben sollten, schauten beide streng.&#8221;<\/p>\n<p>Es ist wirklich die ganze Variante des Lebens in allen seinen Facetten und literarischen Gattungen, die Kirsten Fuchs da in neunzehn Geschichten vor ihren Lesern ausbreitet.<\/p>\n<p>&#8220;Nun kann man Kirsten Fuchs als gl\u00e4nzenden, vielseitige Geschichtenerz\u00e4hlerin entdecken: Ihre mal komischen, mal ernsten, schr\u00e4gen, schnoddrigen und in hundert anderen Farben leuchtenden Storys erz\u00e4hlen so originell von unserer Gegenwart, wie es selten gelingt, und erfassen wie nebenher das Wesentliche, was einem so\u00a0 beim Leben passieren kann.&#8221;, steht so auch am Klappentext.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt, obwohl ich ja eigentlich keine Erz\u00e4hlungen mag, ein Erz\u00e4hlband, der 1977 in Chemnitz geborenen Kirsten Fuchs, von der ich &#8220;Heile, heile&#8221; gelesen habe und, wie ich dem Klappentext entnommen habe, Star der Berliner Leseb\u00fchne ist, ein Buch, das &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=61280\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1427,1837,3177,4880],"class_list":["post-61280","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-deutsche-neuerscheinung","tag-erzaehlungen","tag-kirsten-fuchs","tag-rohwolt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61280"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61280\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}