{"id":6174,"date":"2011-03-12T00:30:07","date_gmt":"2011-03-11T23:30:07","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=6174"},"modified":"2011-03-12T00:30:07","modified_gmt":"2011-03-11T23:30:07","slug":"familienarchiv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6174","title":{"rendered":"Familienarchiv"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt noch ein Buch, das 2010 den gro\u00dfen Preis f\u00fcr Literatur aus dem Osten und dem S\u00fcdosten Europas gewonnen hat, n\u00e4mlich Boris Chersonskijs &#8220;Familienarchiv&#8221; Roman in Versen aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht \u00fcbersetzt, erschienen bei Wieser, in der Edition Zwei und mit dieser Form hat er einen Sonderpreis gewonnen, bieten diese Prosagedichte ja eine h\u00f6chst interessante literarische Zwischenform. Boris Chersonskij entnehme ich dem Internet, die Wieser B\u00fccher dieser Edition haben ja keine Biografien und keinen Klappentext, wurde 1950 in  Czernowitz geboren, lebt und arbeitet in Odessa, da\u00df er das als Arzt beziehungsweise als Psychiater tut, ist dem Text zu entnehmen, gibt es da ja eine Stelle:<br \/>\n&#8220;Mag sein, dass das hier nicht passt,<br \/>\n aber mich erinnert es daran, was ein<br \/>\n Schizophrenie-Kranker einmal sagte.<br \/>\n &#8220;Mein Sohn kam um,<br \/>\ner fiel vom Baume der Erkenntnis<br \/>\nund spie\u00dfte sich auf &#8211; an der Absperrung<br \/>\nzwischen Menschen.&#8221;<br \/>\nEs gibt in dem Buch aber dankenswerter Weise ein Nachwort von Arkadij Schtipel, dem man entnehmen kann, &#8220;da\u00df das &#8220;Familienarchiv&#8221; das zwanzigste Jahrhundert von Anfang bis zu seinem Ende umspannt. Das erz\u00e4hlerische Grundmuster stellen \u00fcbersichtartige Lebensbeschreibungen von nahen und entfernten Verwandten des Dichters dar, die ihren Ursprung in Fotografien, Briefen, Tageb\u00fcchern, m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung, offiziellen Dokumenten und diversen, aus der Erinnerung an die Kindheit aufgetauchten S\u00e4tzen und Bildern haben.&#8221;<br \/>\nSo beginnt es in &#8220;Kremenez, Juni 1910, &#8220;wo zwei Gymnasiastinnen Steine in den Brunnen werfen&#8221; und endet mit einem Gebet.  Dazwischen kann man viel erfahren von dem russischen bzw. ukrainischen Jahrhundert, wo die Grenzen und die Staaten mehrmals wechselten und die Psychiater wahrscheinlich immer noch viel \u00fcber Traumatisierungen lernen.<\/p>\n<p>&#8220;Als die sowetischen Truppen kamen, wurden der<br \/>\nVater und die S\u00f6hne noch in derselben Nacht verhaftet.<br \/>\n&#8230;.<br \/>\nDem war nicht so! Alle jene, die damals von den Sowets verschon wurden,<br \/>\nbrachten die Nazis und die Rum\u00e4nen um.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Den Hintergrund bilden die Katastrophen des 20. Jahrhunderts &#8211; der Erste Weltkrieg, die Revolution, Stalins Terror, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust.<br \/>\n&#8220;Vier Generationen sind  vertreten: Kleinb\u00fcrger und mittleres B\u00fcrgertum, \u00c4rzte, Lehrer, sowjetische Beamte, Gesch\u00e4ftsleute, Kommandanten der Roten Armee und sogar ein orthodoxer Priester&#8221;.<\/p>\n<p>So kommentiert Rebbe Izchak Steinmacher auch in dichten Worten immer das Geschehen:<br \/>\n&#8220;Besser hundert Feinde,<br \/>\nals der Fluch eines Verwandten.<br \/>\nVor den Feinden kann man sich verbergen,<br \/>\ndoch wohin fliehst du vor dem Fuch&#8221;<\/p>\n<p>Allerdings, als die Deutschen kamen,<br \/>\nda stellte sich heraus,<br \/>\ndass auch vor den Feinden keine Rettung ist.&#8221;<\/p>\n<p>Immer wieder geht es auch um Jadaika-Auktionen&#8221;<\/p>\n<p>Beispielsweise &#8220;Los 5. Keter &#8211; Tor. Torakrone. Silber. 20. Jahrhundert. Galizien<\/p>\n<p>&#8220;du wei\u00dft, ob rein ist, was sie zu Mittag essen,<br \/>\nob sie H\u00fchner, K\u00e4lber und Schafe richtig schlachten&#8221;<br \/>\nhttp:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/wp-admin\/options-general.php<br \/>\nUnd dazwischen  erleben wir das Familienleben, die Trag\u00f6dien, Leiden, Ehebr\u00fcche immer wieder in klaren, dichten, starken Bildern,<br \/>\nangedeutet geheimnisvoll<\/p>\n<p>&#8220;Morgens, als sie aufwachte und<br \/>\nden Mann nicht neben sich fand,<br \/>\nstand die auf und begann, gekleidet<br \/>\nin ein langes Nachthemd,<br \/>\nwei\u00df fast durchsichtig,<br \/>\nmit fantastischen Spitzen daran,<br \/>\nschweigend, oh, warum -schweigend?<br \/>\neinen Gang um das Haus&#8221;<\/p>\n<p>Den  Gedichtpassagen, wie  beispielsweise &#8220;Beltsy, 1940 &#8211; Lwow, 1993<br \/>\nfolgend dann immer wieder lapidare S\u00e4tze, wie<br \/>\n&#8220;Er schaute zu, dachte nach &#8211; und blieb&#8221;<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt uns Boris Chersonskij die ukrainische Geschichte des vorigen Jahrhunders und f\u00fchrt uns mit seinen &#8220;charakteristischen lyrischen Timbre&#8221; in seinen poetischen Texten durch sein Familienarchiv.<br \/>\n&#8220;Wenn ich die Poetik von Boris Cheronskij mit drei Worten charakterisieren m\u00fcsste, w\u00e4ren es folgende Begriffe: Kompetenz, Sparsamkeit im Ausdruck, Klarheit des Verstandes. Kein einziges Adjektiv, keine einzige Methapher dient bei ihm zur &#8220;Versch\u00f6nerung&#8221; des Textes&#8221;, schreibt Arkadij Schtipel in seinem Vorwort und der Versroman gibt in seiner  Verknappung, seinen Andeutungen und Beschreibungen, tas\u00e4chlich ein dichtes Bild vom Leben einer j\u00fcdischen Familie zwischen Holoucost und Stalin. Am Ende hat man zwar nicht sehr viel von den handelnden Personen erfahren und wei\u00df vielleicht auch nicht immer wer jetzt der Gro\u00dfvater, der Vater, die Tante und die Mutter ist und hat trotzdem eine Ahnung, wie es ihnen in dieser Zeit gedangen ist und auch das Gef\u00fchl in sch\u00f6nen Bildern gebadet und in sch\u00f6nen Gedichte von einer sehr schrecklichen Zeit gelesen zu haben.<br \/>\nDas Buch ist, wie erw\u00e4hnt in der Edition Zwei herausgekommen, die diesen Namen gar nicht mehr verdient, da es nur die deutsche \u00dcbersetzung enth\u00e4lt, lediglich eine Seite kann man in Originalsprache zur Probe sehen, was mir, die ich nicht Russisch spreche, nichts macht. Ich wundere mich nur, weil ich dachte, da\u00df die Zweisprachigkeit zum Verlagskonzeptgeh\u00f6rt und vermute Einsparungsgr\u00fcnde. Allerdings wurden die Besucher  der Festveranstaltung im November ja gro\u00dfz\u00fcgig mit den B\u00fcchern beschenkt, was man, wenn man nachgooglet sofort bemerkten kann, denn da sind sie angeboten &#8220;Letzte Gelegenheit vor Weihnachten!! Bekam das Buch geschenkt, ist aber nicht mein Geschmack&#8221; Ungelesen noch original-verpackt in Folie!&#8221;<br \/>\nWas schade ist, denn der Versroman ist durchaus lesenswert, man lernt sehr viel aus der Geschichte in einer sch\u00f6nen Sprache, so da\u00df ich   Boris Chersonskijs &#8220;Familienarchiv&#8221; wirklich nur empfehlen kann.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt noch ein Buch, das 2010 den gro\u00dfen Preis f\u00fcr Literatur aus dem Osten und dem S\u00fcdosten Europas gewonnen hat, n\u00e4mlich Boris Chersonskijs &#8220;Familienarchiv&#8221; Roman in Versen aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht \u00fcbersetzt, erschienen bei &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=6174\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-6174","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6174","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6174"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6174\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}