{"id":62494,"date":"2018-07-01T00:26:27","date_gmt":"2018-06-30T22:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=62494"},"modified":"2018-07-01T00:26:27","modified_gmt":"2018-06-30T22:26:27","slug":"daemmer-und-aufruhr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=62494","title":{"rendered":"D\u00e4mmer und Aufruhr"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der &#8220;Roman der fr\u00fchen Jugend&#8221;, also die\u00a0 poetisch gef\u00e4rbte Autobiografie, p\u00fcnktlich zum siebzigsten Geburtstag, wahrscheinlich nach dem Tod der Mutter geschrieben, des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff, der seine B\u00fccher seit 2012 bei FVA verlegt und da<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/23\/ueberraschende-longlisttitel\/\"> 2016<\/a> mit seiner Novelle genannten, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/09\/widerfahrnis\/\">&#8220;Widerfahrnis&#8221;<\/a>, den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/17\/verpasste-preisverleihung\/\">dBp<\/a> gewonnen hat, der ja eigentlich ein Romanpreis ist.<\/p>\n<p>Aber Dichtung und Wahrheit liegen ja sehr dicht beeinander, das sieht man auch an dem Roman, dem am Schlu\u00df eine Zeittafel angef\u00fcgt ist und ich bin mit Bodo Kirchhoff, glaube ich, 2002 mit seinem &#8220;Schundroman&#8221;, den ich mir damals zum Geburtstag w\u00fcnschte und wof\u00fcr ich mich fast ein wenig sch\u00e4mte in Ber\u00fchrung gekommen.<\/p>\n<p>Dann habe ich weil FVA es mir getreulich schickte, die wiederaufgelegte und 1984 erstmals erschienene <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/02\/mexikanische-novelle\/\">&#8220;Mexikanische Novelle&#8221;<\/a> gelesen, die mir wie &#8220;Widerfahrnis&#8221; trotz seiner sehr sch\u00f6nen aber doch sehr k\u00fcnstlichen &#8220;machohaften&#8221; Konstruktion nicht so sehr gefallen hat und im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/25\/auf-den-spuren-sigmund-freuds\/\">letzten Jahr<\/a> die Erz\u00e4hlung <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/07\/08\/betreff-einladung-zu-einerkreuzfahrt\/\">&#8220;Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt&#8221;<\/a>, wo in fast<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/16\/recherchetag-und-bernhard-fritsch-briefwechsel\/\"> Bernhardesker Manier<\/a> auf zig Seiten beschrieben wird, warum eine Einladung zu einer solchen nit angenommen werden kann.<\/p>\n<p>Und jetzt also die Kindheitserinnerungen zum Siebziger des eleganten wei\u00dfhaarigen Herrn, Liebling aller Frauen, f\u00fcge ich ein wenig vorlaut an und kann erg\u00e4nzen, das das Buch wieder sehr gekonnt komponiert wurde und es ein wahrscheinlich sehr erfolgreiches M\u00e4nnerleben war, was da beschrieben wird.<\/p>\n<p>Der Hauch des Eror weht \u00fcberall, das ist sicher eine Kirchhoffsche Spezialit\u00e4t, von mir, der um f\u00fcnf Jahre j\u00fcngern, die erstaunt feststellte, da\u00df ich nur ein Jahr sp\u00e4ter als er zu studieren begann und sonst vielleicht \u00e4hnliche pubert\u00e4re Schwierigkeiten erlebte, obwohl das mit dem Eros war bei mir sicher nicht so stark ausgepr\u00e4gt, Camus und Satre habe ich aber nach meiner Kn\u00f6delmatura auch mit Begeisterung gelesen und schreiben wollte ich auch, aber das hat Kirchhoff, obwohl es schon fr\u00fchere Versuche gab, erst nach seinem Milit\u00e4rdienst begonnen, denn da wollte er ja eigentlich Maler werden, ein Winsch den ich nie hatte, manchmal bel\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Aber es liest sich, das kann ich nicht bestreiten gut, das \u00fcber vierhundertf\u00fcnfzig Seiten Buch, das kunstvoll in eine Rahmenhandlung gewickelt ist.<\/p>\n<p>Da ist einmal er alternde Schriftsteller oder Sohn genannt, der sich mit einer Schachtel mit Bildern in eine kleine Pension in Italien zur\u00fcckzieht, wo er einmal als Kind mit einen Eltern, bevor die sich trennten, einen Sommeraufenthalt verbrachte.<\/p>\n<p>&#8220;Wer spricht da, wenn einer von fr\u00fcher erz\u00e4hlt, auf sein ertes Gl\u00fchen in der Kindheit blickt, wessen Stimme macht hier den Anfang, sagt Es\u00a0 war einmal &#8211; ein unvergesslicher, g\u00fcltiger Alpensommer&#8221;, lautet der erste lange Satz.<\/p>\n<p>Und da sind wir schon wieder ein paar Jahre fr\u00fcher, n\u00e4mlich im Jahr 1952, wo der Vierj\u00e4hrige mit seiner &#8220;Damemammi&#8221;, einer Schauspielerin aus Wien und deren Mutter, einer ehemaligen Operns\u00e4ngerin, von ihm oft die &#8220;H\u00fcterin&#8221; genannt, einen Sommer in Kietzb\u00fchel verbringt und da wird die Erotik, wie in<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/14\/erstes-erlebnis\/\"> Zweigs &#8220;Brennenden Geheimnis&#8221;<\/a> mit aller Bravour ber\u00fchrt und die Beziehung zu der Mutter bleibt auch das Thema des Buches.<\/p>\n<p>Es gibt auch einen Vater, einen Hamburger, der vom Krieg mit einem Holzbeim zur\u00fcckgekommen, sehr fr\u00fch mit der jungen Wiener Schauspielerin verheiratet wurde und als der erste fr\u00fche Kitzb\u00fcheler Sommer, mit den beiden H\u00fcterinnen, die der Kleine aber doch schon, wie ein Kavalier begleitet, erlebt, ist die Mutter wieder mit der Schwester schwanger.<\/p>\n<p>Von vorn nach hinten in dreiHandlungsstr\u00e4ngen, werden die fr\u00fchen Jahre des gro\u00dfen Dichters erz\u00e4hlt. Da ist einmal sein Aufenthalt in der Pension, wo er die Tage in seinem Zimmer verbringt, die Bilder aus der Schachtel nimmt, sich in seine Erinnerungen vertieft, w\u00e4hrend drau\u00dfen am Strand nach und nach die Badeliegen und die Sonnenschirme wegger\u00e4umt werden, weil, eine gekonnte Metapher, der Herbst des Lebens oder auch nur des Jahres beginnt. Es gibt auch eine wahrscheinlich noch \u00e4ltere Pensionsbewohnerin, die Amerikanerin Missis Bennet, die immer auftaucht und den Dichter danach fragt, warum er nicht an den Strand geht und sie war damals, in dem letzten Sommer, in dem seine Eltern, noch gl\u00fccklich waren, auch schon da. Durch einen Zufall hat die Famlie, ihr sonst bewohntes Zimmer bekommen, an das sie ihn l\u00e4chelnd erinnert und es gibt dann auch ein Plakat von der kleinen Stadt, in den F\u00fcnfzigerjahren, das ein Paar zeigt, das die Eltern sein k\u00f6nnten und das die Amerikanerin kauft und den Abreisenden, sp\u00e4ter, wenn alles geschrieben und geschehen ist, zur Erinnerung schenkt.<\/p>\n<p>Dann geht es durch das Leben, das man hinten in der Biografie, getreulich nachlesen und vergleichen kann, &#8220;Wikipedia&#8221; ist dagegen eher schwach best\u00fcckt. Da steht eigentlich nur wenig von den fr\u00fchen Jahren.<\/p>\n<p>Nur, da\u00df es in dem Internat, in das der J\u00fcngling nach der Trennung der Eltern, die sie den Kindern lang verheimlichten und stattdessen gl\u00fcckliche Familie spielten, gegeben wurde, einen Mi\u00dfbrauchsvorfall gegeben hat.<\/p>\n<p>Der wird in dem Buch fast mit der selben erotischen Leichtigkeit erz\u00e4hlt und dar\u00fcber hinweggegangen und dann gibt es auch immer wieder, die Besuche des alternden Schriftstellers in der Seniorenredidenz der fast Neunzigj\u00e4hrigen, wo er sie bis zu ihren Tod begleitet und mit ihr immer wieder \u00fcber die erlebte Kindheit spricht.<\/p>\n<p>Die Sommer wurden also gemeinsam mit der Mutter und der Gro\u00dfmutter meistens in Kitzb\u00fchel verbracht. Sp\u00e4ter zog die Familie, weil der Vater in gesch\u00e4ftlichen Schwierigkeiten war, in den Schwarzwald. Hier ging der Sohn zu Schule. Machte seine ersten erotischen Erfahrungen. Verliebte sich in eine sch\u00f6ne Arzttochter, bei deren Eltern, die Gro\u00dfmutter in Untermiete lebte. Mit zehn kam er in das Internat am Bodensee, die Heimutter Frau Guth war sehr streng. Der Kantor f\u00fchrte den Knaben in ein verbotenes Geheimnis \u00fcber das man nicht sprechen d\u00fcrfte und verschwand dann schnell. Daf\u00fcr kam ein Freund, der sich sp\u00e4ter mit der j\u00fcngeren Schwester verheiratete. Es wurde Satre, Camus und noch einiges andere gelesen, nach dem Abitur in den legend\u00e4ren Jahr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/04\/13\/paris-mai-68\/\">1968<\/a> ging es, man glaubt es kaum, zum zweij\u00e4hrigen Milit\u00e4rdienst. Reisen nach Amerika und Mexiko, wo wohl auch die &#8220;Mexikanische Novelle&#8221; begonnen wurde, folgten und wiederum erstaunlich, kam es 1978 schon zum ersten Vertrag mit &#8220;Suhrkamp&#8221;, vom autor, der bald nach Frankfurt in die Stadt, wo die Mutter nach der Scheidung lebte und dort sowohl in einer Agentur, als auch unter den Namen Evelyn Peters und andere Pseudonyme Liebesromane und Krimis schrieb,\u00a0 &#8220;der ber\u00fchmte Verlag in der Lindenstra\u00dfe genannt&#8221; und vorher, das Buch ist ja nicht chronologisch geschrieben, sondern springt lustig hin und her, besuchte der fr\u00fchrreife F\u00fcnzehnj\u00e4hrige in den Ferien, die Mutter in ihrer Frankfurter Wohnung, die dort mit einem Herrn Kurt lebte oder von ihm besucht wurde. Der gab dem Knaben je zwei f\u00fcnf Mark St\u00fccke. Sein Taschengeld hatte er schon vorher in einem Pornokino ausgegeben, schwindelte der Mutter vor, das Portemonnaie wurde gestohlen, die gab ihm mitleidig drei\u00dfig Mark aus ihrem, damit er sich einen sch\u00f6nen Nachmittag in Frankfurt, w\u00e4hrend sie arbeite machen k\u00f6nne, Kaffeehaus und Kino schlug sie vor.<\/p>\n<p>Er ging in eine Buchhandlung, kaufte sich dort Tennesse Wililams &#8220;Mrs Stone und ihr r\u00f6mischer Fr\u00fchling&#8221;, las es bei einer Cola im &#8220;pl\u00fcschigen Cafe Schwille, das kaum mehr einer kennt&#8221; aus und wollte dann \u00fcber das ber\u00fcchtige Bahnhofsviertel ins Kino gehen. Eine Nutte sprach ihn an, verlangte drei\u00dfig Mark, der J\u00fcngling hatte aber nur mehr f\u00fcnfundzwanzig. So gab er das Geld dahin und hatte dann keines mehr f\u00fcr den Kinobesuch. Mu\u00dfte der Mutter also vorschwindeln, er h\u00e4tte den Film gesehen. Das Buch war aber gelesen. So war das Fabulieren f\u00fcr den Fantasiebegabten nicht sehr schwer, der inzwischen ein Mann geworden war, schon mit Vierzehn oder Zw\u00f6lf, etwas das man sich heute nicht mehr vorstellen kann, seine Zigarretten rauchte, wie \u00fcberhaupt alle, der Mutter Liebhaber, die Heimleiterin, der Verf\u00fchrer Kettenrauchen waren und der alt gewordene Schriftsteller sitzt in Italien \u00fcber seinen Bildern, denkt an die tote Mutter und an seine Kindheit zuir\u00fcck.<\/p>\n<p>Hier endet das buch, mit der R\u00fcckfahrt aus dem kleinen Strandhotel\u00a0 Beau Sejour in Alassio, das Paket \u00f6ffnend, das ihm Missis Bennet mit dem Plakat gegeben hat, w\u00e4hrend drau\u00dfen am Gang, die Polizisten, die afrikanischen Fl\u00fcchtlinge verhaften. Seinen Pa\u00df, weil ja ein Wei\u00dfer, nicht sehen wollen. Die biografieschen Notizen gehen aber weiter, f\u00fchren auch nach 1984 die Werke an, erw\u00e4hnen, da\u00df Bodo Kirchhoff, sowohl in Frankfurt, als auch am Gardasee lebt und dort mit seiner Frau schon lange Schreibkurse gibt. Dem Buch ist auch ein kleiner Folder beigelegt, wo man die B\u00fccher des Autors sehen und auch die Adresse finden kann, bei der man sich f\u00fcr diese Schreibkurse am Gardasee anmelden kann.<\/p>\n<p>Das werde ich wohl nicht tun, vielleicht aber noch etwas anderes von Bodo Kirchhoff lesen. Vielleicht schickt es mir FVA in den n\u00e4chsten Jahren zu oder ich nehme es von meinem reisengro\u00dfen SUB, denn\u00a0 ich habe, wenn ich mich nicht irre, inzwischen auch noch andere Kirchhoff Romane gefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der &#8220;Roman der fr\u00fchen Jugend&#8221;, also die\u00a0 poetisch gef\u00e4rbte Autobiografie, p\u00fcnktlich zum siebzigsten Geburtstag, wahrscheinlich nach dem Tod der Mutter geschrieben, des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff, der seine B\u00fccher seit 2012 bei FVA verlegt und da 2016 mit &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=62494\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[894,2088,2158],"class_list":["post-62494","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-bodo-kirchhoff","tag-frankfurter-verlagsanstalt","tag-fruehe-jahre"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62494","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62494"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62494\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62494"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62494"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62494"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}