{"id":62736,"date":"2018-07-10T00:49:28","date_gmt":"2018-07-09T22:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=62736"},"modified":"2018-07-10T00:49:28","modified_gmt":"2018-07-09T22:49:28","slug":"die-brille-mit-dem-goldrand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=62736","title":{"rendered":"Die Brille mit dem Goldrand"},"content":{"rendered":"<p>Buch vier der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/06\/02\/hotel-berlin\/\">&#8220;Hotellreihe&#8221;<\/a>, der wiederaufgelegten B\u00fccher aus dem &#8220;Wagenbach-Verlag&#8221;, die uns wahrscheinlich in der sommerlichen Leichte, einen guten Einblick durch die Geschichte und die verschiedensten Gegenden Europas geben sollen, vielleicht auch einen Einblick in die verschiedensten Stile.<\/p>\n<p>Sicher eine gute Idee, Altes wiederaufzulegen, nur mit dem Hotel hat Giorgio Bassanis &#8220;Die Brille mit dem Goldrand&#8221;, noch weniger als Christoph Meckels &#8220;Der wahre Muftoni&#8221; zu tun, obwohl die Sommerfrischler, die Mitglieder der guten Mittelschicht des faschistischen Italiens, die hier beschrieben werden, ihre N\u00e4chte an der Adria nat\u00fcrlich in einem Hotel verbracht haben d\u00fcrften und wenn ich mich nicht irre, ist es wieder ein Grandhotel, das hier Erw\u00e4hnung findet, nur in diesem halten sich die Protagonisten, w\u00e4hrend der beschriebenen Ereignisse, glaube ich, nur ein einziges Mal, wenn \u00fcberhaupt, auf.<\/p>\n<p>Giorgio\u00a0 Bassani wurde jedenfalls 1912 in Bologna geboren und starb 2000 in Rom. Er ist glaube ich ein sehr politischer Autor und von ihm habe ich auch &#8220;Der Reiher&#8221;, ebenfalls bei &#8220;Wagenbach&#8221; herausgegeben, in meinen Regalen. Denn da gab es ja vor Jahren einen Abverkauf bei der &#8220;Buchlandung&#8221; auf der Mariahilferstra\u00dfe, die es ja in dieser Form nicht mehr gibt und da gab es eine Reihe Italiener in der &#8220;Wagenbach TB-Reihe&#8221;, um einen Euro, zehn Schilling, waren es, glaube ich nicht mehr, denn es wird wahrscheinlich 2006 oder 2007 gewesen sein und ich habe <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/02\/erica-und-ihre-geschwister\/\">&#8220;Erica und ihre Geschwister&#8221;<\/a> davon auch gelesen und au\u00dferhalb dieser Reihe, seit den B\u00fccherschrank- und Literaturgefl\u00fcsterzeiten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/23\/die-gleichgultigen\/\">auch<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/01\/17\/die-romerin\/\">einiges<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/26\/der-konformist\/\">von<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/05\/17\/eheliche-liebe\/\">Alberto Moravia<\/a> und so bin ich an diesen italienischen Stil der Zwischen oder Vorkriegszeit, diese knisternde und bedeutungsschwangere Erotik schon gewont und habe sie bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/04\/12\/chiru\/\">Michela Murgia<\/a>, die ja viel j\u00fcnger ist, erst im letzten &lt;Jahr wiedergefnuden.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte aber auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/18\/koenigsallee\/\">Thomas Mann<\/a> und seinen\u00a0 Tod in Venedig&#8221;, damit man wei\u00df, was gemeint ist, erw\u00e4hnen und f\u00fcge hinzu, da\u00df ich mir mit solchen bedeutungsschweren Gef\u00fchlsgeschichten sehr schwer tun, weil sie meinen Widerstand erregen und ich eigentlich die Gef\u00fchlsregungen dieses Doktor Fadigati, des Nannes mit der Goldbrille nicht nachvollziehen kann. Sie erscheinen mir, der 1953 geborenen, sehr widerspr\u00fcchig\u00a0 und ich kann nur sagen, da\u00df es Gottseidank sowetwas nicht mehr gibt, zumindest hoffe ich das.<\/p>\n<p>So wird aber dieser Dr. Fadigati in den achtzehn Kapiteln der Erz\u00e4hlung auf jeden Fall sehr wiederspr\u00fcchig geschildert und man wei\u00df auch nicht genau, wie alt er ist?<\/p>\n<p>Da steht einmal etwas von vierzig und dann ist er pl\u00f6tzlich ein alter Mann. In wenigen Monaten gealtert, gedemptigt, stotternd. Von einem jungen Sch\u00f6nling total ausgenommen, obwohl er doch vorher so erfolgreich war.<\/p>\n<p>Ist er doch HNO- Arzt, Leiter der entsprechenden Abteilung im Krankenhaus mit einer sch\u00f6nen modernen Privatpraxis, wo s\u00e4mlichte Honoratoren von Ferrara, wo die Geschichte in den drei\u00dfiger Jahren spielt, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/06\/13\/stadt-ohne-seele\/\">Hitler an die Macht gekommen<\/a> ist, Dollfu\u00df erfordet und die Juden in dem St\u00e4dtchen sich Sorgen machen m\u00fcssen, ob die Rassengesetzte nicht auch bald in Italien angewendet werden, seine &lt;Patienten sind und ihren kindern von ihm die Mandeln nehmen lassen.<\/p>\n<p>Er ist auch ein gro\u00dfer Kunstkenner, geht in die Oper, ist literarisch gebildet, sammelt Gem\u00e4lde, die man sich in seinem Wartezimmern, wo\u00a0 die junge sch\u00f6ne Sprechstundenhilfe, die Patienten freundlich begr\u00fc\u00dft, auch ansehen kann und hat nur einen Makel, er ist unverheiratet. Hat auch keine K\u00f6chin, so kauft er sich zu Mittag seine Thunfischdose und seinen Aufschnitt selbst und am Abend wird er meistens in einem Kino gesehen und so f\u00e4ngt man zu munkeln an, ob er nicht vielleicht und ob es sein k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n<p>So f\u00e4ngt es jedenfalls sehr packend und dicht beschrieben, im erste Kapitel an. Dann f\u00e4hrt er pl\u00f6tzlich zweimal in der woche mit dem Zug zweiter Klasse nach Bologna, besucht dort aber die dritte, wo die Stundenten und auch der Erz\u00e4hler fahren und dort lernt er einen sch\u00f6nen blonden Sportstudenten kennen, verf\u00e4llt ihm offenbar sofort, wird von ihm gedem\u00fctigt und macht sich v\u00f6llig wehrlos, total l\u00e4cherlich und mir f\u00e4llt soetwas schwer zu lesen, wenn es auch vielleicht in den Drei\u00dfigerjahren in Italien oder sonstwo sowas gegeben haben mag.<\/p>\n<p>Dann kommt der August und der Erz\u00e4hler f\u00e4hrt mit seiner Familie ans Meer, wo auch Dr. Fadiati mit seinem Lebhaber Station gemacht hat und der dort mit seinem roten Alfa herumf\u00e4hrt. Kann ein HNO Arzt und Abteilungsvorstand wirklich seine Praxis f\u00fcr zwei Monate verlassen?<\/p>\n<p>Die gute Gesellschaft die sich auch am Strand befindet, redet jedenfalls schei\u00dffreundlich und hinterh\u00e4ltig von ihm und seinen Liebhaber. Der kommt aber nicht, l\u00e4\u00dft den Doktor warten und stottern, denn er f\u00e4hrt mit dessen Auto nachmittags mit zwei Frauen davon und l\u00e4dt auch noch andere ein, mitzukommen und als sich der Doktor vielleicht doch wehren will, schl\u00e4gt er ihn zusammen und raubt ihn aus und der kann ihn nicht anzeigen. Wahrscheinlich w\u00e4re das damals wegen der damaligen Gesetze\u00a0 auch nicht m\u00f6glich gewesen und so bleibt ihm nichts anderes \u00fcber, nachdem er seine Stelle und seine Patienten verloren hat, als in den Po zu gehen und der Erz\u00e4hler erf\u00e4hrt aus der Zeitung davon und erz\u00e4hlt seiner Familie, man ist wieder in Ferrara, w\u00e4hrend des Mittagessens davon.<\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n beklemmend diese Geschichte.<\/p>\n<p>&#8220;Ein genau gezeichnetes Portrait der guten\u00a0 Gesellschaft und, wie sie ihr F\u00e4hnlchen in den Wind h\u00e4ngt,&#8221;, steht noch am Buchr\u00fccken und mich hat an diesem beklemmenden Portrait vor allem die Vebindung mit dem herannahenden Faschismus beeindruckt.<\/p>\n<p>Die pl\u00f6tzliche Schw\u00e4che des erfolgreichen Arztes und Kunstliebhabers war mir nicht nachvollziehbar. Er ist homosexeull gut, mu\u00df er dann aber mit \u00fcber vierzig Jahren, jeden J\u00fcnglichen verfallen und von ihm ausrauben, ohrfeigen und l\u00e4cherlich machen lassen?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde Homosexualit\u00e4t anders beschreiben und das wird sie inzwischen auch und die Verbindung mit dem Faschismus ist mir auch nachvollziebar und um mehr \u00fcber Giorgio Bassani, sein Schreiben und seine politsche Einstellung zu erfahren, m\u00fc\u00dfte ich wohl endlich den &#8220;Reiher&#8221; und vielleicht auch adneres von ihm lesen und jetzt fehlen mir noch zwei B\u00fccher aus der Hotelreihe, die dieses Wort schon im Namen tragen, n\u00e4mlich Markus Ohrts Zimmerm\u00e4dchen, wo dieses glaube ich, unter dem Bett eines Hotelgastes liegt und Arnold Bennetts &#8220;Grand Hotel Babylon&#8221; von dem ich noch gar nichts gelesen habe.<\/p>\n<p>Mal sehen, ob diese B\u00fccher zu mir kommen, obwohl ich ja schon eine sehr beeindruckende <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/about\/leseliste\/\">Backlist<\/a> habe?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buch vier der &#8220;Hotellreihe&#8221;, der wiederaufgelegten B\u00fccher aus dem &#8220;Wagenbach-Verlag&#8221;, die uns wahrscheinlich in der sommerlichen Leichte, einen guten Einblick durch die Geschichte und die verschiedensten Gegenden Europas geben sollen, vielleicht auch einen Einblick in die verschiedensten Stile. 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